Sonstiges

Microsoft und sein Internet

auf GigaOM kann man sich ein internes Mail an die Mitarbeiter durchlesen, das auf die künftige Internet-Strategie von Microsoft eingeht, u.a. auch auf ein mögliches Joint Venture -keine Fusion- mit Yahoo: Kevin Johnson’s Memo on Yahoo & Their Strategy (Kevin ist Chef der Division, die MSN, Live (inkl. Suche), Hotmail und Anzeigenverkauf verantwortet). Am Dienstag, also morgen, will MS der Öffentlichkeit etwas mehr verraten, u.a. „Innovate and disrupt in search – We will disclose some elements of our plans with this week’s release of search and sharpen our focus on user experience and business model innovation. The work we have done over the last 4 years on search has established a solid foundation to build upon.

Auf der next08 konnte ich mich mit zwei Managern unterhalten, einer von Amazon und einer von Yahoo. Im Gespräch mit Werner Vogel (CTO Amazon) wurden die Bemühungen von Amazon deutlich, sich kontinuierlich weiter zu entwickeln und dabei extrem am Kunden auszurichten. In der Schärfe und Fokussierung habe ich das selten bei einem anderen Großunternehmen wahrgenommen. Hierbei ist entscheidend, dass man stets nach flexiblen und schlagkräftigen Organisationsstrukuren sucht, allzu tiefe Hierarchien wie der Teufel das Weihwasser meidet. Leider habe ich nicht genug Infos dazu, ob Amazons Orga tatsächlich ein Schlüsselelement darstellt. Werner ist immerhin nur ein Mitarbeiter von vielen, der nicht allein entscheiden und sich wünschen kann, wie es denn in der Praxis aussehen soll. Er war jedoch Kunden-geerdet wie selten ein anderer Vorstand zuvor, so mein Gefühl. Währenddessen sah das Gespräch mit Salim Ismail -ehemals Leiter von Yahoo Brickhouse (einem Bereich, der junge Unternehmen aufkauft und in Yahoos Gene zu integrieren versucht) – etwas anders aus. Er betonte, dass die Struktur von Yahoo sehr klassisch aufgestellt sei und das Yahoo daran hindere, sich dynamisch weiter entwickeln zu können. Die Organisationsebenen seien sehr tief gestaffelt, was unternehmerische Entscheidungen extrem blockieren würde.

Je älter ein Unternehmen ist, desto festgefahrener sind Organisationsstrukturen und es kann ein entscheidendes Hemmnis daraus erwachsen, dass man sich an neue Marktbedingungen anpasst. Es ist übrigens auch kein Geheimnis, warum ein Software-Unternehmen wie Microsoft nicht einfach so im Handumdrehen von heute auf morgen eine geile Suchmaschine auf die Beine stellen oder gar ein Auto bauen könnte. So hat Microsoft seine Vetriebs- und Partnerstrukturen (wozu auch die größte Developercommunity der Welt dazu gehört) extrem gut aufgestellt und perfektioniert, um Software an den Mann zu bringen, hat aber ungemein Schwierigkeiten darin, User zur Software zu bringen (Online-Business). Da helfen einem die besten Vertriebsleute nicht mehr, wenn die Pferde partout nicht zur Tränke kommen wollen.

Es gibt unterschiedliche Theorien, die besagen, dass organisatorische Änderungen manchmal erst nach 20-30 Jahren greifen und man demnach eine lange Durststrecke überbrücken muss, bis man da ist, wo man eigentlich mit dem gesamten Unternehmen hin wollte. In der heutigen Zeit ist das angesichts schneller Märkte nochmals einen Tick schwieriger geworden. Man hat keine 20 Jahre Zeit. Insbesondere im Internet, wo 5 Jahre einie halbe Ewigkeit sind. Umso skeptischer bin ich bei Microsofts Bemühungen, eine andere, etablierte Firma wie Yahoo übernehmen oder wie jetzt womöglich ein Joint Venture schließen zu können. Weder Microsoft noch Yahoo haben bis dato bewiesen, dass sie im Onlinebusiness flexibel und schlagkräftig genug aufgestellt sind, um gegen Googles Dominanz im Suchmaschinenmarkt und damit im Anzeigengeschäft anstinken zu können.

Bedenkt man, wie viele Milliarden MS bereits investiert hat, ist das Ergebnis (siehe Quartalsergebnisse der Online-Division der letzten fünf Jahre) ein Armutszeugnis. Denke ich an die Worte von Steve Ballmer, dass MS und Google im gleichen Bereich tätig seien, nämlich im Software-Business (habe leider die Quelle nicht parat), kann darin die Krux liegen. Betrachte ich ein Objekt als ein zu lösendes Software-Problem, werde ich danach die Strukturen ausrichten. Nämlich die gleichen Strukturen, mit denen bis dato MS so einen gigantischen Erfolg feiern konnte. Das scheint aber nicht zu klappen. Und was mich die ganze Zeit an einer Fusion bzw. jetzt möglichen Kooperation mit Yahoo stört: Legt man die Marktanteile zusammen, hat man zwar mehr. Aber kann man aus 20+6=26% nun deswegen in Zukunft noch bessere Autos bauen? Kosten sparen ja, klar. Aber damit wird man nur kurzfristig effizienter. Doch wird das Produkt besser für die Zukunft? Eine 6 macht ebensowenig ein Produkt besser eine 26. Google hat nicht umsonst in den USA fast 70% Marktanteil. Nur, weil man effizientere Kostenstrukturen hat? Google ist eine gigantische Marke im Suchmaschinenmarkt. Eine Marke kann man nicht mehr alleine nur mit besseren Kostenstrukturen und gar einem besseren, aber ähnlichem Produkt angreifen. Nein, das Zusammengehen ist mir zu kurz gedacht, auch wenn ich Ballmers Bemühungen im Kampf um Marktanteile verstehen kann.

Was aber würde passieren, wenn man loslässt und den Markt seine Strukturen finden lässt? Was würde passieren, wenn MS seine Online-Divison und deren Produkte in Teilen der Open Source Gemeinde überlässt? Wenn man ein Problem nicht lösen kann, muss man es auf anderen Wegen probieren. IBM hat das ebenso wie SUN sehr efolgreich durchexerziert und man feiert einige Erfolge damit. IBM hats btw den Hintern gerettet! Man hatte Software und Service voneinander in Teilbereichen getrennt. Ob aber jemals Microsoft seine Online-Division als Consulting-Sparte betrachten würde? Die bisher so sehr auf den Verkauf von Software ausgelegt sind? Nicht mit Ballmer an der Spitze, der Mann ist ein gnadenloser Vertriebshund, der falsche Mann also an der Spitze. Dann ohne Ballmer! Warum nicht Microsofts Division als helfende Hand betrachten, die Firmen- und Privatkunden hilft, sich das Internet zu eigen zu machen? Strategisch gesehen würde das MS von der dummen Jagd nach Google wegführen und sich weitaus flexibler aufstellen lassen. Es ginge nicht mehr darum, wie man nun die beste Suchmaschine baut, sondern wie man Millionen von Nutzern den besten Service angedeihen lässt. Und auf der anderen Seite hat man die Möglichkeit, die dazu notwendige Software gemeinsam mit der Open Source Gemeinde anzupassen, in einem stetigen Rückkopplungsprozess. Nur mal so laut dahingedacht.

Über den Autor

Robert Basic

Robert Basic ist Namensgeber und Gründer von BASIC thinking und hat die Seite 2009 abgegeben. Von 2004 bis 2009 hat er über 12.000 Artikel hier veröffentlicht.

3 Kommentare

  • Sehr schöner Artikel.

    Ach ja Microsoft, was soll man dazu sagen. Es scheint als hätten sie sich mit ihren Eingliederungen und Zukäufen einen Turm gebaut, um den Markt noch besser Überblicken zukönnen und noch früher reagieren zu können. Nur ist der Turm inzwischen so hoch, dass er durch die Wolken geschossen ist und Microsoft nun gar nichts mehr sieht und gar nicht mehr reagieren kann.

    Allgemein müsste doch bekannt sein, dass inzwischen die Kunden- bzw. die Marktorientierte Unternehmensführung vorherrschend und erfolgreich ist.

  • Scheint mir sehr logisch, was Du da erzählst. Wie unflexibel tiefe Hierachien sind, kenne ich selber noch aus der Zeit, als ich in einem wachsenden Unternehmen beratend tätig war und die tiefe der Hierarchie stetig gewachsen ist. Das ist wohl auch heute noch so, wie ich von einige Mitarbeiter wieder höre.

    Aber Microsoft wird sich woh schwer tun, wenn es um Yahoo tatsächlich so bestellt ist, wie Du von deinem Yahoo Kontakt erfahren hast. Da kommen zwei Kolosse zusammen, die sich alleine schon nicht rühren können. Wie soll es dann funktionieren, wenn sich zwei Unternehmen einigen müssen, vorausgesetzt es kommt zu einer Fusion.

    Solange man Mitarbeiter anbindet und ständig nach oben berichten lässt werden sich nur selten neue Ideen nach oben fortpflanzen.

    Ganz anders macht es wohl ein Company aus Brasilien. Leider komm ich grad nicht auf den Namen, allerdings kümmern die sich um ganz unterschiedliche Dinge und entwickeln dort jeweils ganz hervorragende Produkte. Vielleicht kennst Du die ja.

  • Google verdient sein Geld fast ausschliesslich mit AdWords. Die Benutzeroberfläche und Optimierung auf bestimmte Keywords/kombis klappt vorbildlich. Ganz anders bei Yahoo, wo es oftmals schwierig ist Begriffe zu definieren, da die in einem Wörterbuch nachschauen – zusätzlich dann noch die redaktionelle Freigabe. Zudem sind die Klickgebühren zum Teil höher als bei Google, obwohl weniger Anzeigenkunden gebucht haben. Sehr komisch auch Vorkasse+Mindestbetrag, was Google nicht hat. Google versteht es bessere + sinnvoller Bedienoberflächen zu bauen (abgesehen von http://pipes.yahoo.com).