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Zensursula-Gesetz: Bundesregierung hält an Internetsperren fest

Thema: Internet, Recht, 16.06.2009

zensursula-wahlkampfgeschreiGestern Abend haben Vertreter von CDU/CSU und SPD hinter verschlossenen Türen noch einmal über die geplante Änderung des Telemediengesetzes verhandelt und sich auf eine gemeinsame Linie beim Entwurf eines Gesetzes zur Bekämpfung der Kinderpornografie in Kommunikationsnetzen geeignet. Heute Morgen wurde eine entsprechende Formulierungshilfe der Regierungsparteien veröffentlicht. Laut der parlamentarischen Geschäftsführerin der CDU/CSU-Fraktion Martina Krogmann sei in möglichst vielen Fällen die Devise “Löschen statt Sperren” zur Anwendung gekommen. Zudem soll ein sogenanntes Zugangserschwerungsgesetz für mehr Klarheit bei der Umsetzung von Internetsperren sorgen.

Hier die wichtigsten Punkte des Spezialgesetzes:

§ 1 Sperrliste
(2) Die Aufnahme in die Sperrliste erfolgt nur, soweit zulässige Maßnahmen, die auf die Löschung des Telemedienangebots abzielen, nicht oder nicht in angemessener Zeit erfolgversprechend sind.
(3) Wird ein Telemedienangebot […] speichert, die Aufnahme und den Grund hierfür mitteilen, sofern der Diensteanbieter mit zumutbarem Aufwand zu ermitteln ist. Hat ein solcher Diensteanbieter seinen Sitz außerhalb des Hoheitsgebietes der Bundesrepublik Deutschland, unterrichtet das Bundeskriminalamt die für den polizeilichen Informationsaustausch mit anderen Staaten zuständige Stelle in dem betreffenden Staat, soweit eine Mitteilung nicht bereits nach Absatz 2 erfolgt ist.

Ich liebe solche Formulierungen. Besonders wenn nicht klar ersichtlich ist, um welchen Rahmen es sich beispielsweise bei einer “angemessenen Zeit” für die Löschung einer KiPo-Seite handelt. Auch der “zumutbare Aufwand” mutiert in Anbetracht dessen, dass sich die Masse der Internetangebote nicht in Deutschland befinden, zu einer Farce. Demnach können in Frage kommende Seiten bei Hosting-Anbietern im Ausland nicht rechtzeitig gelöscht werden, weil das Bundeskriminalamt entsprechende Hinweise auf dem Dienstweg an die ausländischen Polizeibehörden weiterleitet und nicht direkt auf die betroffenen Provider zugeht oder zugehen darf.

§ 5 Verkehrs- und Nutzungsdaten
Verkehrs- und Nutzungsdaten, die auf Grund der Zugangserschwerung bei der Umleitung auf die Stopp-Meldung anfallen, dürfen nicht für Zwecke der Strafverfolgung verwendet werden.

Dieser Punkt hatte im Vorfeld für besonders viel Kritik gesorgt. Surfer, die zufällig auf einer Stopp-Seite landen, konnten bisher damit rechnen, dass ihre persönlichen Daten erfasst und an die entsprechenden Ermittlungsstellen übermittelt worden wären. Im neuen Kompromiss entfällt der letzte Schritt – dennoch dürfen nach dieser Vorlage Daten auch weiterhin gesammelt und ausgewertet werden.

§ 9 Expertengremium
Beim Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit wird ein unabhängiges Expertengremium bestellt, das aus fünf Mitgliedern besteht. Die Mitglieder werden bis zum 31. Dezember. 2012 bestellt. Die Mehrheit der Mitglieder muss die Befähigung zum Richteramt haben. Die Mitglieder sind berechtigt, die Sperrliste beim Bundeskriminalamt jederzeit einzusehen. Das Gremium überprüft mindestens quartalsweise auf der Basis einer relevanten Anzahl von Stichproben, ob die Einträge auf der Sperrliste die Voraussetzungen des § 1 Absatz 1 erfüllen. Stellt es mit Mehrheit fest, dass ein aufgeführtes Telemedienangebot diese Voraussetzung nicht erfüllt, muss das Bundeskriminalamt dieses Telemedienangebot bei der nächsten Aktualisierung entfernen.

Auch in diesem Punkt besserten die Regierungsparteien nach. Noch gestern Abend ließen sie durchklingen, sie könnten sich den Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar sehr gut in diesem Gremium vorstellen. Allerdings mit einem Schönheitsfehler, denn Schaar will damit gar nichts zu tun haben. Er finde die Idee weder gut, noch kenne er sich in der Thematik aus. Außerdem habe das Identifizieren von KiPo-Seiten nichts mit Datenschutz zu tun. Welche weiteren Kandidaten für ein Expertengremium in Frage kommen, ist derzeit noch offen.

Was steht noch drin im geplanten Zugangserschwerungsgesetz?

Sollten Hosting-Anbieter die Sperrlisten nicht, nicht richtig oder nicht vollständig vor Zugriffen unbefugter Personen verwahren, sind Geldstrafen von bis zu 50.000 Euro fällig. Sollten sich die Provider beim Sperren der betroffenen Seite zu viel Zeit lassen, droht ebenfalls ein Ordnungsgeld in gleicher Höhe. Ärger gibt es daher sicherlich auch, wenn die deutsche Sperrliste auf Wiki-Leaks auftauchen sollte. Allerdings nur bis zum 31. Dezember 2012, denn an diesem Tag verliert das geplante Gesetz – ohne rechtzeitige Verlängerung – seine Gültigkeit.

(Michael Friedrichs)

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15 Kommentare zu “ Zensursula-Gesetz: Bundesregierung hält an Internetsperren fest ”

  1. #1 Internetsperren 16.06.2009: Artikel und Kommentare « Wir sind das Volk [www] schrieb

    [...] Basic Thinking Blog: Zensursula-Gesetz: Bundesregierung hält an Internetsperren fest [...]

  2. #2 Zensiert! Wordpress-Plug-in sperrt Politiker aus | Basic Thinking Blog [www] schrieb

    [...] an ihrem Gesetzesentwurf zur Bekämpfung der Kinderpornografie im Internet. Mit einem geplanten Zugangserschwerungsgesetz haben CDU/CSU und SPD gestern Abend zwar nachbessert, allerdings geht dieser Schritt den [...]

  3. #3 “Zensursula”-Debatte: Internetnutzer wehren sich gegen Freiheitsbeschnitt [www] schrieb

    [...] verständigten sich die große Koalition auf eine gemeinsame Linie beim Gesetzesentwurf, der nun doch etwas moderater ausfallen soll als ursprünglich geplant. Die [...]

  4. #4 Demos gegen das Netzsperrengesetz « Der Heiße Scheiß [www] schrieb

    [...] Bundesregierung hält an Internetsperren fest [...]

  5. #5 Will there be Internet Censorship in Germany? : Web Jungle [www] schrieb

    [...] site netzpolitik.org has some more info on this whole dilemma (in english). Other bloggers also write heavily about it, however in [...]

  6. #6 Georg schrieb

    Demonstrationen am 20sten in
    Düsseldorf
    Frankfurt
    Hannover
    München
    http://wiki.piratenpartei.de/LoeschenStattSperren
    plz Copy & Paste

  7. #7 Internetsperre | Rob Vegas [www] schrieb

    [...] und vielleicht trudeln Wochen darauf die Beamten ein und nehmen den Rechner mit. Wer bei dieser ganzen Aktion gewonnen hat? Ursula von der Leyen! Denn mit einem solchen Anliegen kann man bei der breiten Masse [...]

  8. #8 Chris [www] schrieb

    pingback?

  9. #9 Geht klar, Zensursula! – udo.springfeld.eu/blog [www] schrieb

    [...] netzaffine SPD derzeit erleidet, hier sind die Schlagzeilen ähnlich, aber die Reichweite höher: Zensursula-Gesetz: Bundesregierung hält an Internetsperren fest, Community sagt alle weiteren Gespräche mit SPD-Verhandlungsführer ab, Auf Nimmerwiedersehen, [...]

  10. #10 Zensiert zurück! Das Wordpress-Plugin, um Parteien und Fraktionen auszusperren | marcO's_br4inh4ck [www] schrieb

    [...] aktuelle Informationen zu dem so schön benannten “Zugangserschwerungsgesetz” gibt es übrigends bei [...]

  11. #11 trsi-helpline » Gegen das Netzsperrengesetz!!! [www] schrieb

    [...] Bundesregierung hält an Internetsperren fest [...]

  12. #12 Franz [www] schrieb

    die KriPo sperrt die KiPos
    xD

  13. #13 Jörg Tauss will Zensursula-Gesetz vom Bundesverfassungsgericht überprüfen lassen | Basic Thinking Blog [www] schrieb

    [...] in Karlsruhe ein sogenanntes Organstreitverfahren auf den Weg gebracht, um das Zustandekommen des Zugangserschwerungsgesetztes überprüfen zu lassen. Allerdings geht es bei dem Verfahren nicht inhaltlich um das [...]

  14. #14 Bundesrat gibt grünes Licht für Internetsperren: Jetzt ist das Bundesverfassungsgericht gefragt | Basic Thinking Blog [www] schrieb

    [...] war dieser Schritt jedoch nicht, obwohl einige Blogs Fallbeispiele diskutierten, wie das Zugangserschwerungsgesetz durch Stimmenthaltung der kleinen Parteien zurück in den Vermittlungsausschuss geschickt [...]

  15. #15 Problematisch planlose Politiker 2.0. : JUICEDblog | [W.W.J.D.] [www] schrieb

    [...] Kin­der brau­chen mehr Medi­en­kom­pe­tenz, schreien Poli­ti­ker laut­hals – und über­se­hen dabei ihre eige­nen Defi­zite in den Wei­ten des Inter­nets, Zen­sur­sula lässt grü­ßen. [...]


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