Facebook: Kurs steigt, Verlust auch, alles gut

Facebook ist seit dem Börsengang verpflichtet, seine Geschäftszahlen nach den relativ strengen Regularien der SEC, der amerikanischen Börsenaufsicht, wahrheitsgemäß zu definierten Zeitpunkten zu veröffentlichen. Am späten Dienstagabend wurden entsprechend die Quartalszahlen des dritten Quartals, das am 30. September endete, vorgestellt. Trotz wenig überzeugender Werte stieg der Kurs im Nachgang auf einen Höchstwert seit dem IPO. Warum?

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Facebook und die Börse: Was man wissen sollte

Ich will nicht auf den durchgekauten Vorgängen im Zusammenhang mit dem Börsengang Facebooks herumreiten. Von daher beschränke ich mich auf die Feststellung, dass seither zwischen der Börse und dem blauen Netzwerkriesen aus Kalifornien kein stimmiges Verhältnis aufzubauen war. Direkt nach dem IPO, der mit einem Kurs von 38 US-Dollar pro Aktie geradezu atemberaubend bepreist war, ging es bergab. Die Aktie war bisweilen weniger als die Hälfte des Ausgabekurses wert.

Wie stets, wenn es um die Beurteilung von Börsengeschäften geht, bleibt dem einen der Mund vor Staunen offen stehen, der andere schüttelt ungläubig mit dem Kopf und der Börsianer, der Prototyp des Glücksspielers, entdeckt “Fantasie” in dem Papier und ist ganz begeistert ob der Zukunftsperspektiven. So gelang es Facebook, über den Börsengang 16 Milliarden US-Dollar einzufahren. 421 Millionen Aktien wurden seinerzeit an den Mann gebracht.

Grundsätzlich ist damit der Fall für das einsammelnde Unternehmen erledigt. Kursverluste, die nach dem Börsengang auftreten, betreffen das Unternehmen zunächst einmal nicht. Das ist wichtig zu wissen, schließlich wird immer von Verlusten und sinkendem Unternehmenswert geredet. Verluste erleiden in erster Linie lediglich diejenigen Anteilseigner, die sich von ihren teuer gekauften Papieren billiger trennen. Niemand indes zwingt sie dazu.

Dennoch ist ein Kursverlust insofern unangenehm, als es üblicherweise nach den ersten Haltefristen weitere Verkäufe auch aus den Reihen des Unternehmens, den Eignern oder sogar durch das Unternehmen selbst gibt. Diese Verkäufe würden natürlich dann nur noch zu geringeren Beträgen abgewickelt werden können. Hier entsteht zwar ebenfalls kein Verlust, aber immerhin eine Mindereinnahme im Vergleich zum zuvor prognostizierten Erlös.

Nach der Ausgabe von 421 Millionen Aktien im Rahmen des IPO befinden sich weitere rund 2.800 Millionen Aktien, also etwa die siebenfache Menge noch im Unternehmen, bei den Eignern und anderen Anteilsnehmern aus der Zeit vor dem Börsengang. Es handelt sich um die sog. gehaltenen Anteile. Auf der Basis der gehaltenen Anteile berechnet sich der Börsenwert.

Wer selber nachrechnen will, es ist einfach:

Zahl der gehaltenen Anteile x Kurs = Börsenwert

So erklärt sich übrigens, wie es sein kann, dass Unternehmen mit geringerem Kurs pro Anteil dennoch höher bewertet sein können als solche mit teils deutlich höheren Kursen. Sie haben einfach mehr Anteile gebildet.

Facebook wurde nicht ganz korrekt auf der Basis von 2,1 Milliarden gehaltenen Anteilen bewertet und kam so am Tag des Börsengangs auf einen Börsenwert (auch als Marktkapitalisierung bekannt und gemeinhein als Unternehmenswert simplifiziert) von rund 80 Milliarden US-Dollar.

Genau genommen ist der so ermittelte Unternehmenswert lediglich der Wert, den der Markt der Anleger aufgrund der Tatsache, dass man sich auf diese Berechnungsformel geeinigt hat, als Wert annimmt. Drastischer ausgedrückt: Der Markt ist der Meinung, dass es sich um den Unternehmenswert handeln könnte. Das so bewertete Unternehmen als solches hat von einem sinkenden oder fallenden Börsenwert weder mehr, noch weniger Geld auf dem Konto und kann den Wert auch nicht unmittelbar monetarisieren.

Nehmen wir mal an, der Kurs sänke auf 10 Dollar pro Anteil, so würden die gehaltenen Anteile immer noch 28 Milliarden US-Dollar erlösen. Herr Zuckerberg, dem natürlich nicht alle gehaltenen Anteile zuzuordnen sind, hat mithin so oder so ausgesorgt.

Facebook im dritten Quartal 2012

Im dritten Quartal steigerte Facebook seine Umsätze, vor allem aus geschalteter Werbung auf 1,26 Milliarden US-Dollar bei gleichzeitigem Durchbrechen der Benutzerschallmauer von einer Milliarde Nutzer, wovon 600 Millionen täglich mobil den Dienst verwenden. Facebook macht also etwas weniger als einen Dollar Umsatz pro Nutzer und Quartal, unter 30 Cent im Monat.

Im Ergebnis musste Facebook einen Verlust von 59 Millionen US-Dollar für das dritte Quartal 2012 ausweisen. Im gleichen Quartal des Vorjahres blieben bei einem um 300 Millionen US-Dollar geringeren Umsatz immerhin noch 227 Millionen US-Dollar übrig. Nanu? Aus dem Quartalsbericht ist allerdings ersichtlich, dass eine einzige Position zu diesem Effekt führt, denn der Rohertrag vor Steuern ist lediglich von 379 Millionen im Vorjahresquartal auf 372 Millionen im jetzt abgelaufenen Quartal gesunken.

Die Position, die letztlich zum Verlustausweis führt, lautet “provision for income taxes” und schlägt mit 431 Millionen US-Dollar deutlich zu Buche. Die Frage ist, worin sich der Ausweis begründet, immerhin ist diese Position der Gewinn- und Verlustrechnung ein Schätzwert der voraussichtlich fällig werdenden Steuern. Insofern kann nicht von einem operativen Verlust geredet werden. Unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten könnte Facebook für diesen Quartalsbericht Entwarnung erteilt werden.

Facebooks Kurssteigerung trotz Verlustausweis

Im Rahmen der Vorstellung der Quartalszahlen hob Zuckerberg die steigende Bedeutung der mobilen Nutzerschaft besonders hervor. Immerhin 600 Millionen Nutzer seien demnach bereits regelmäßig mit mobilen Geräten auf Facebook unterwegs. Und dabei ließ er die für Börsianer faszinierenden Worte fallen: Der Umsatz aus mobiler Werbung steige, zudem seien die mobilen Nutzer wesentlich engagierter auf Facebook. Diesem Trend wolle man Rechnung tragen, indem man Lösungen entwickele, die dafür sorgen werden, dass die ohnehin schon stark engagierten Nutzer sich noch stärker engagieren können. Das klingt gut. Mobile Nutzer verbringen schon jetzt mehr Zeit auf Facebook und sind insgesamt mehr bei der Sache und bald sogar noch mehr? Da riecht man doch förmlich schon das Geld…

Plötzlich war sie wieder da, die Fantasie. Und Facebooks Aktie stieg auf über 24 US-Dollar. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Beitrags notiert sie knapp darunter. Damit liegt Facebooks Marktkapitalisierung in diesem Moment bei rund 67 Milliarden US-Dollar, 67 Dollar pro Nutzer. Erstaunlich, bei einem Pro-Kopf-Umsatz von knappen vier US-Dollar pro Jahr…

Aber, so ist die Börse…

(Bildquelle: US-Börsenaufsicht SEC)

(Dieter Petereit)

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11 Kommentare

  1. Torsten

    Das ist halt Börse, hier wird halt auch sehr viel Fantasie gehandelt. Und offensichtlich konnte die Facebook mit dem vorgelegten Zahlenwerk beflügeln. Die Anleger hoffen halt einfach auf die große Wende bei der Vermarktung der mobilen Seitenzugriffe, und hier hat sich ein klein wenig getan. Aber ob das diesen Kurssprung und die damit verbundene neue Bewertung rechtfertigt, darf bezweifelt werden…

  2. mini

    ja mit dem user verdient man zwar jedes jahr 4 dollar. aber facebook wird es auch nicht nur ein jahr lang geben, sondern man geht hier von einer unendlichen zahl an jahren. Du hast hier nur ein Jahr erfasst und hier ist der fehler.
    –> schaue bei google nach wie man eine unedliche reihe berechnen kann, dann passt das mit 67 wieder.

  3. Negativity

    @mini: wenn man schon so vorgeht, muss man das auch entsprechend diskontieren. und das geschieht üblicherweise auch nur für die nächsten 10 jahre. die bewertung von facebook ist also nach wie vor einfach nur hahnebüchen

    @dieter: ich bin zwar kein finanzspezialist, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass deine berechnung der marktkapitalisierung falsch ist.
    marktkapitalisierung wird üblicherweise berechnet auf basis der ‘shares oustanding’. outstanding shares beinhalten aber sowohl belegschafts/investoren anteile als auch streubesitz. die definition wendet auch nasdaq bei der berechnung an.

    hast du denn eine quelle zu deiner berechnungsmethode?

  4. mini

    @Negativity:
    Was für ein blödsinn, du ermittelst den gegenwärtigen wert. Nichts mit abzinsung oder ähnlichen gespiele.
    Und wenn man keine ahnung hat was shares sind, dann sollte man es sich aufsparen. :-D

  5. Negativity

    @mini: sehr ergiebiger beitrag mini.
    wenn du den gegenwärtigen wert ermittelst, hast du in der berechnung zwangsläufig abgezinst, sonst ist es nicht der gegenwärtige wert. so einfach ist das.
    und wenn du die bewertung von fb für angemessen hälst, dann investier einfach. ich will dich nicht davon abhalten. :)

    und fällt dir bzgl der marktkapitalisierung vielleicht noch mehr als der eine satz ein? es bleibt dabei: den streubesitz auszuklammern bei der berechnung der marktkap macht keinen sinn.

  6. Investmentbanker

    Der neuerliche Anstieg ist nicht auf das vorgelegte Zahlenwerk zurückzuführen. Vielmehr war es das während der Analystenkonferenz ausgesprochene Versprechen Zuckerbergs, bei Ablauf seiner Haltefrist im November seine Anteile nicht zu veräußern. Am 14.11. kommen 1,3 Mrd Aktien in den freien Handel, dies hat dem Markt zuvor Sorgen bereitet – und tut es wieder.

  7. Uwe

    Der Artikel hat mir sehr gut gefallen. Mal endlich jemand der sachlich an die Sache dran geht und solch ein Thema so niederschreiben kann, dass es auch wirklich jeder verstehen müsste.
    Vielen Dank, hatte schon Angst ich muss nach dem Weggang von Jürgen den Feed aus meinem Reader schmeißen… ;-)

  8. Martin Hark

    Ein wirklich sehr interessantes Thema. Die Thematik der Unternehmensbewertung wird beinahe in allen Finanzbereichen gebraucht. Je nach Anlass muss dabei differenziert werden. Der Anlass ist relevant für den Zweck, aus welchem wieder die Funktion abgeleitet wird. Je nach Funktion wird dann das Bewertungsverfahren ausgewählt, welches schlussendlich für den Unternehmenswert verantwortlich ist. Der Unternehmenswert ist jedoch nicht gleich der Unternehmenspreis!
    Facebook war / ist eine Besonderheit der Unternehmensbewertung. Aufgrund des immensen Wachstums und der Innovationskraft sind „alte“ Methoden der Unternehmensbewertung nicht anwendbar. Das Ziel des IPOs war es einen möglichst hohen Preis zu erzielen, was auch gelang. Damals war es ein „objektiver“ Preis, auch wenn dies zu hinterfragen ist, da der Primebroker angeblich unzählige Aktien am ersten Handelstag aufkaufen musste! Nach und nach spiegelt der Aktienkurs jetzt den wirklichen Unternehmenswert /-preis wider!

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