Braucht Deutschland einen Social Media-Fernsehsender?

In der Schweiz ist der Sender schon seit zwei Jahren auf Sendung, im Sommer soll das Social-TV-Programm „Joiz“ auch von Berlin aus ins Bundesgebiet senden. Der junge Kanal versucht sich überwiegend durch die Interaktion mit den Zuschauern zu differenzieren. Diese können unter anderem über Chats und Votings den Ausgang der Live-Sendungen mitgestalten.

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Die große Hoffnung namens Second Screen

Der Second Screen ist seit ein paar Jahren das große Mysterium und die große Hoffnung der Fernsehbranche. Anstatt, dass der Zuschauer in der Werbung zum Lokus läuft oder aus anderen Gründen umschaltet, soll er über das Tablet und Smartphone Zusatzdienste abrufen und somit so lange wie möglich beim Sender gehalten werden. Dabei wird momentan unheimlich viel experimentiert, von der Wahl des Wettkönigs bei Wetten, dass..? bis hin zum Twitter-User, der kürzlich bei Hawaii Five-0 zum Regisseur wurde.

Ich stehe dem etwas skeptisch gegenüber. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich kein Tablet habe und nicht wirklich ein Fernseh-Junkie bin. Trotzdem: Selbst bei der Qual der Wahl würde ich vermutlich eher zur Chipstüte als zum iPad greifen, wobei der Einsatz des Second Screen nach wie vor eher überschaubar ist. Die meisten Sender lassen Zuschauer-Votings jedenfalls weiterhin über den Telefonanruf und die gute alte SMS laufen, schließlich verdient man damit ziemlich gut. Dass User ins Live-Geschehen einer Sendung eingreifen können, ist auch noch ziemlich selten.

„Interaktion ist unsere DNA“

Das will Joiz nun besser machen. Wie CEO Alexander Mazzara selbstbewusst zu Protokoll gibt, ist bei dem jungen Sender die Interaktion mit dem Publikum keine Marketingfloskel, sondern die DNA. Mit Themen über Musik, Mode, Sex (zieht immer!) sowie Politik und Soziales will man vorrangig 15- bis 34-Jährige ansprechen.

Doch wie sieht das in der Praxis aus?  Ein bisschen wie das junge MTV auf Droge. Zwar kann ich den Live-Stream in den USA nicht sehen und verstehe wegen des Schweizerdeutsch nahezu gar nichts, aber das Format „Living Room“ erinnert doch ein wenig an MTV TRL mit gekürztem Budget.

Daran ist grundsätzlich nichts falsch, denn VIVA und MTV waren jahrelang die Spielwiesen der deutschen Fernsehlandschaft, die heutige Größen wie Joko und Klaas, Nora Tschirner, Christian Ulmen, Daniel Hartwig, Matthias Opdenhövel, Oliver Pocher oder Stefan Raab hervorgebracht haben. Die Liste an bekannten MTV- und VIVA-Alumni ist jedenfalls ziemlich lang.

Einschalten, um abzuschalten

Doch dazu braucht es mehr als Facebook & Co. Denn es gibt auch Kritiker der Interaktivität, unter anderem Sky-CEO Brian Sullivan. Ihm zufolge wollen die Zuschauer die Interaktivität in vielen Fällen gar nicht, da man schließlich auch mal abschalten möchte. Das ist sicherlich auch eine Generationenfrage, aber Interaktivität macht nur Sinn, wenn sie intelligent ins Programm eingebunden ist.

In der Schweiz sind jedenfalls nicht alle begeistert über den interaktiven Sender. Trotz eines Urteils des Bundsamts für Kommunikation hat sich der Kabelnetzbetreiber Upc Cablecom lange geweigert, Joiz ins analoge Netz einzuspeisen. Begründung: Aus dem „banalisierten Inhalt“ des Senders könne weder ein „kultureller, noch ein gesellschaftlicher Mehrwert“ geschöpft werden.

Das ist wahrscheinlich das beste Marketing für den jungen Sender, der offensichtlich gerne aneckt und anders sein will. Mich werden sie damit als Zuschauer wahrscheinlich nicht gewinnen, aber wenn Joiz frischen Wind in die Fernsehlandschaft bringt und junge Moderatoren fördert, gefällt mir das ganz gut.

Bild: Flickr / .reid (CC BY 2.0)

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12 Kommentare

  1. Paul

    Aktuell frage ich mich wie es möglich ist einfach TV über Internet zu empfangen. Einfach für einige weniger Euro über das Internet. Zum Beispiel über Zattoo oder Wilmaa. Ich frage mich ob es möglich ist einfach eine Box an den Bildschirm anzuschließen und vom Sofa aus durch das Programm zu navigieren. Ich will es nicht über den PC oder Unsummen bei Kabel Deutschland für das HD Material ausgeben.

    Apple TV hat auch nichts mit normalen TV zutun -.-

    Bislang habe ich keine Möglichkeit gefunden die dies ermöglicht. Und einen Server mit Linux will ich auch nicht anschließen.

  2. Felix

    @Paul:Die Xbox 360 hat eine Zattoo App, mit der man TV über Internet empfangen kann. Zusätzlich wird Xbox Live Gold benötigt, das kostet dank günstigen EBay Preisen aber auch nur wenige Euro im Monat.

    Zusätlich gibt es auch noch kostenfreie Mediathek Apps von Arte und dem ZDF und Sky und Sport 1 bieten auch Streaminglösungen über Microsofts Konsole an, die letzten beiden kosten allerdings.

    Über die nächsten Wochen verteilt starten zusätzlich auch jede Menge Angebote, bei intresse kann ich dir da einen Link schicken.

  3. Mika B.

    In Prinzip haben wir doch schon Social Media-Sender mit Dschungelcamp, DSDS über Bauer sucht Frau bis Bachelor ect ……
    Nun noch ein Facebook Fersehehen um diesen Niveaulimbo eventuell Unterbieten zu können?
    Fernsehen benötigt Sendeformate und in sich abgeschlossene stimmige Sendungen um den Zuschauer Unterhalten zu können.
    Das Internet benötigt dieses nicht daher funktioniert es nicht als Fernsehen.

  4. grafblahh

    ich hab vor paar wochen erst zufällig joiz in der schweiz endeckt.
    ich muss sagen es läuft zeitweise auf den anderen soviel dreck, da lohnt sich auch dahin zuschalten, ok das ist keine sehr gute kritik aber ich bleibe da auf jeden fall länger hängen als bei irgend welchen hartz/fremdschäm sendungen.

    ich denke für die smartphone generation ist das kein schlechtes sendeformat, zumindest für die die nicht ganz auf den kopf gefallen sind. dazu baut der sender sich auch eine communtity auf wodurch sie ihre zuschauer auch binden.

  5. Alphager

    Die Geschichte wiederholt sich: zu Urzeiten (noch vor Twitter und Facebook) gab es den Versuch doch schon einmal; nannte sich GiGa.

  6. Jürgen

    Interaktivität hat im TV nichts verloren, man will sich doch einfach berieseln lassen und abschalten.
    Und wenn ich kommunizieren will, bleibt außer dem Internet ja auch noch die Realität!

  7. Negativity

    second screen hört sich für mich nach einem fernsehabend mit freunden an – nur dass jeder bei sich schaut.

  8. Peter

    Ich sehe die Sache so.

    Viele TV Zuschauer wollen einfach in alle Ruhe Ihr Programm anschauen.Sicherlich viele vor allen jüngere nutzen nebenbei Ihr Smartphone oder Tablet.Aber sicherlich nicht in erste Linie um mehr übers Programm oder gerade eingeschaltete TV Sender zu erfahren sondern eher für ganz andere Sachen (z.B Emails,Facebook oder auch fürs Online Shopping).

    Die meisten Sender die mit Interaktivität werben geht es vor allen um eines – zusätzlich Geld zu machen.

    Wenn wie RTL fürs Voting 50 Cent erhoben wird und ca die hälfte beim Sender verbleibt,kann jeder selber errechnen,das solche Formate so beliebt sind bei die Verantwortlichen.

    Die ÖR würden hier auch noch stärker mit einsteigen,jedoch haben diese derzeit Angst das die Zuschauer dann sagen “ihr bietet vollkommen gleiche Schrott wie Proll TV (RTL,Pro7) auch.

  9. Dennis

    Interessanter Artikel, aber ich bin von Interaktivität im Fernsehr nicht sehr begeistert. Man sitzt so schon zu viel vor dem Bildschirm und das ist sowieso alles nur Geldmacherei

  10. Traugott Wember

    Brauchen nicht unbedingt, aber gebrauchen schon, wenn er denn mal da ist. Deutschland könnte vor allem einen Internetsender gebrauchen. In dem den ganzen Tag nur Internetzeugs, Gadgets, Informationstechnologie, Web 2.0, Webvideos, interessante Internetadressen (vulgo Links) , Netzinfrastruktur wie Kataloge und Verzeichnisse, Netzgemeinde, Netzpolitik und so’n Zeug läuft. Fände ich echt interessant.

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