Sonstiges

Unvarnished: Neue Denunziationsplattform für Schmierkampagnen im Arbeitsumfeld

Was ein kranker Kram, ich habe gerade nach „Ich find dich scheiße, so richtig scheiße“ von TicTacToe auf YouTube gesucht, doch Sony Music hat da (mal wieder) dankenswerterweise einen Riegel vorgeschoben – sonst wäre ich jetzt richtig in Stimmung.

Es geht um die Seite Unvarnished.com, was auf Deutsch soviel wie „ungeschminkt“ bedeutet. Die Plattform – sollte sie wirklich eines Tages live gehen (ich habe mich gerade um einen Beta-Zugang beworben, nur probeweise) – wird sie der Traum aller Personaler und der Albtraum aller Angestellten, die im Arbeitsalltag mit Kollegen interagieren müssen. Grob gesagt geht es darum, dass in diesem „sozialen“ Netzwerk jeder jeden bewerten kann, eine Art Xing mit Fünf-Punkte-System also. Und so funktioniert Unvarnished: Die Mitglieder loggen sich per Facebook ein, auf diese Weise soll kontrolliert werden, dass der entsprechende Nutzer über 21 Jahre alt ist. Dann lässt sich für jeden Arbeitskollegen eine Seite erstellen – sofern bereits eine existiert, umso besser. Hier kann ich dann im Schutze der Anonymität mal ordentlich vom Leder ziehen. Vielleicht spreche ich seine Essgewohnheiten an oder die bemerkenswerten Transpirationsfähigkeiten seines Körpers? Unvarnished sammelt die Bewertungen jedes Mitglieds und spuckt bei jeder Recherche neben den Kommentaren auch eine Bewertung in Sternen aus. Was vielleicht noch Erwähnung finden sollte: Einmal abgegebene Bewertungen können durch das Opfer nicht nur nicht zurückverfolgt werden – sie sind darüber hinaus unlöschbar.

Die „Times“ hat den Gründer Peter Kazanjy zum Interview gebeten. Darin zeigte er sich über die Aufregung verwundert: „Wir versuchen, die berufliche Reputation aus der Offline-Welt auch online sichtbar zu machen.“ Eine Seite wie LinkedIn würde ja nur die weichgespülte Selbstbeweihräucherung der Mitglieder zeigen – mehr nicht.

Dass die Kommentare anonym abgegeben werden, sei dabei unbedingt wichtig. Andernfalls könnten die Kritiker „nicht aufrichtig oder nuanciert“ urteilen, so Kazanjy. Auf das Missbrauchspotential eines solchen „Features“ angesprochen erwiderte er, dass Unvarnished über einige Sicherheitsmechanismen verfüge, dass etwaige Beschimpfungen nicht Überhand nehmen. Da die Mitglieder über Facebook ihre Identitäten verifizieren, seien zum Beispiel verleumderische Kommentare bis zu ihren Urhebern zurückverfolgbar – zumindest für den Betreiber. Achja, und dann gebe es ja noch die Bewertung der Kritiker, wie man sie von Amazon kennt: „War diese Menschenrezension für Sie hilfreich?“ Je mehr Zustimmung diese erfahren, desto mehr Gewicht wird ihr Urteil im Netzwerk haben.

Das oben geschilderte Prinzip der Plattform wird dann künftig auch bei ihrem Wachstum kräftig mithelfen. Ich kann zwar keine zu meiner Person abgegebenen Kommentare löschen – ich kann sie aber, nachdem ich ebenfalls Mitglied geworden bin, durch meine eigene Meinung ergänzen. Außerdem steht es mir frei, meine Freunde zu bitten, auf meinem eigenen Profil den ein oder anderen Stern zu hinterlassen. Das klingt doch großartig…

Ihr findet das alles nicht gut? Okay, dann hört euch noch zum Abschluss Kazanjy Verteidigung an: „Wenn jemand ein Anliegen hat, kann er auch schon heute eine Schmierkampagne hinter deinem Rücken veranstalten. Das passiert in der Online-Welt jeden Tag.“ Na, dann: Ein Stern! Raus!

(André Vatter)

Über den Autor

André Vatter

André Vatter ist Journalist, Blogger und Social Median aus Hamburg. Er hat von 2009 bis 2010 über 1.000 Artikel für BASIC thinking geschrieben.

14 Kommentare

  • Hi,

    meiner Meinung nach führt dieser ganze Scheiss dazu, dass man sich gar nicht mehr natürlich verhalten kann. Man muss bei jeder Aktion damit rechnen, gefilmt zu werden, und jeder Streit wird öffentlich ausgetragen. Eine unbedachte Äußerung, eine peinliche Aktion und man ist für immer irgendwo im Netz verewigt.

    Da hat der Peter Kazanjy ja eine echte Marktlücke entdeckt. Was für ein Gewinner!

  • holy sh*t… dinge, die die welt braucht!
    na der hat hoffentlich gute anwälte, kann mir zb nicht vorstellen, dass er sich wirklich weigern kann, gewisse einträge zu löschen, v.a. in den USA, wo jeder jeden verklagt…

  • und wieder so ein müll, den die welt nicht braucht. das ist dasselbe wie spickmich.de. Wenn mir jemand nicht passt, halte ich die klappe oder zeige es ihm persönlich!
    Es passt mal wieder, dass so ein Service in den USA startet. In Deutschland hätte er keine Chance.

  • Na ja, in Deutschland wird das (denke ich mal) keine großen Chancen haben. Ein paar Zig Abmahnung wegen Schmähkritik und/oder Beleidigung und ein paar Klagen dazu, schon kann er dicht machen.
    Vorausgesetzt, er hat einen Sitz hier in Deutschland.

  • Lass sie doch machen, was sie wollen! Da die Bewertungen ohnehin invalide sein werden, wird sie auch keiner ernsthaft für eine objektive Bewertung in Betracht ziehen! Und unnatürliches Verhalten wird diese Seite bestimmt auch nicht hervorrufen! JEDER wird mindestens eine Person kennen, die ihn selbst so richtig Scheiße findet!

  • Solange unsere Datenschützer aufpassen, dass meine IP-Adresse nicht gespeichert wird, ist doch alles paletti 😉

    Ich rege mich schon über die zusammen getragenen Yasni-Profile auf. Und zukünftig wird man öffentlich denunziert?! Das geht gar nicht!!

    Liebe Datenschützer, wenn Ihr das lest: Bevor Ihr Euch noch weiter auf Facebook, GoogleAnalytics und IPs aufregt, kümmert euch doch besser um so einen Müll, bevor(!!) dieser Mist hier Fuß fassen kann

  • Eins steht für mich seit langem fest. Das deutsche Datenschutzrecht ist eine lahme Krücke und es wird einfach nicht richtig durchgegriffen. Wenn ich früher, nach meinem Namen gegoogelt habe, fand ich auch meine eigene Homepage. Heute sind SEO-optimierte Einträge von Facebook, Yasni, 123people etc. oben zu finden. Ich finde das eine Unverschämtheit. Mein Name gehört mir und ich möchte nicht dass damit Werbung gemacht wird, ich möchte nicht, dass irgendjemand darauf ungestraft herumtrampeln kann. Ilse Aigner – bitte weitermachen! Der Kampf hat gerade erst begonnen. Aber dann bitte mehr als nur einen lieben Brief schreiben. Unsere amerikanischen Freunde verstehen diese Sprache nicht. Vielleicht sollte man deutlicher werden und auch einmal äußern dürfen, dass jeder, der hier Geschäfte machen will, sich an unsere Gesetze halten sollte. Empfehlung in Sachen Facebook: einfach in Deutschland verbieten, wenn nichts passiert. So geht es jedenfalls nicht weiter. das deutsche Datenschutzrecht ist demokratisch legitimiertes Recht und muß durchgesetzt werden. Sonst ist es das Papier nicht wert, auf dem es steht.

  • @#6 Ralf

    Welche zusammen getragenen Yasni-Profile meinen Sie? Meinen Sie die Suchergebnisse zu Namen (nicht Personen!), die wir aus öffentlich verfügbaren Quellen finden? Wir sind eine Personensuchmaschine, aber automatische „Yasni-Profile“ gibt es nicht!

    Was man bei Yasni machen kann, ist sich mit einem kostenlosen Exposé von Namensvettern abzugrenzen und sich im Netz besser als Person mitsamt seinen Fähigkeiten zu präsentieren!

    Gleichzeitig können Sie als Person mit Ihrem Exposé zu bestimmten Begriffen besser gefunden werden und so Ihre Sichtbarkeit im Netz erhöhen.

    Hier als Beispiel die Suchergebnisse zum Begriff „Reise“:

    http://www.yasni.de/reisen/person+suche?pss&query=Reisen

    😉

  • @fschuetz

    Ach wissen Sie, diese Diskussion habe ich schon mit Ihren Geschäftsführer, Herrn Rühl, geführt, nachdem ich sein Profil mal eben ohne Probleme geändert habe (Herrn Rühl war nicht gerade amused über „seine“ Bilder). Wenn ich hingegen etwas an meinem eigenem Profil ändern möchte, bin ich erst einmal gezwungen, mich bei Yasni zu registrieren (Nötigung?!?!) um anschließend erst irgendwelche Leute zu Yasni ziehen , die *meine* Änderungen an *meinem* Profil bestätigen. Dafür müssen die sich allerdings erst einmal registrieren (Schneeballsystem?!?!). Alles nach dem Motto „Kooperiere mit uns und hole weitere Leute zu Yasni oder wir verbreiten über dich, was wir finden können“. Yasni beruft sich immer schön darauf, dass man nur eine „Suchmaschine“ betreibt und keinen Einfluss auf die gefundenen Daten habe. Merkwürdig ist da nur, dass nach meinem persönlichen Disput mit Herrn Rühl meine Daten komplett aus Yasni entfernt wurden.

    Ich kann mir gut vorstellen, dass Yasni, 123People und Co. schon Kontakt zu Unvarnished aufgenommen hat um die Daten mit zu scannen. Wenn man dann erst einmal gemobbt wurde, hat Yasni und Co. automatisch wieder einen registrierten Namen mehr im Programm, weil der Betroffene ja nicht gerne als „Faule arbeitsscheue Ratte“ gefunden werden möchte …

    Aber da das Thema hier doch ziemlich OT ist und ich auch keine Lust habe, mich erneut über diese sinnlose Datensammelei und Nötigung zu streiten, vergessen Sie einfach, dass ich Ihren fragwürdigen Dienst nicht mag.

    Viele Grüße
    RB

    PS: Die „Zeit“ hat im November einen interessanten Beitrag zu Yasni geschrieben: http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2009-11/yasni-datenschutz

  • @fschuetz

    Ob Sie es ein Profil nennen oder nicht. Der Eindruck, dass Ihr zusammenge***tragener*** Müll ein Profil ist besteht beim Besucher Ihrer Webseite.

    Hat einer einen seltenen Namen kommt es schon mal vor, dass man vieles über sich schön geordnet auf Ihrer Seite findet. Mit ein bisschen Pech vielleicht zusammen mit einer Porno-Darstellerin oder einem rechtsextremen Politiker gleichen Namens. Und weil der Name stimmt, kann man diesen Eintrag bei Yasni nicht mehr löschen.

    So die Leute zu zwingen bei Eurer Seite beizutreten und ein „Expose“ anzulegen ist doch wohl nicht sauber – oder?

    ***Posting vom Administrator editiert***

  • @Ramon

    Der überwiegende Teil unserer Nutzer kann schon zwischen einer Suchergebnisseite und einem selbst angelegten Profil unterscheiden. Oder geben Sie bei Google „Peter Müller“ ein und denken dann, dass dies ein „Profil“ zu „Peter Müller“ ist?!?

    Es besteht schon ein gewaltiger Unterschied zwischen einer reinen Suchergebnisseite (die nur Informationen anzeigt, die frei im Netz verfügbar sind!) und einem selbst angelegtem Exposé/Profil, finden Sie nicht? Immerhin pflegen mittlerweile über 1 Mio. Menschen mit einem eigenen Yasni Exposé aktiv den eigenen Ruf im Netz…wollen Sie diese Tatsache etwa ignorieren?

    Häufig beschweren sich gerade die Personen, die eher negative Informationen im Netz haben. Hinzukommt das Missverständis, die Daten wären bei Google oder Yasni gespeichert und könnten von uns „aus dem Internet gelöscht“ werden.

    Und gerade wenn Sie einen seltenen Namen haben, ist die Rufpflege doch noch viel einfacher: Sie suchen über einen Suchmaschine wie Google oder Yasni und sehen alle Daten, die frei im Netz zu Ihrem Namen (nicht Ihrer Person!) verfügbar sind. Dann können Sie entweder direkt an der Ursprungsquelle um Löschung bitten, oder sich eben mit unserem Exposé von Ihren Namensvettern abgrenzen.

    Das Vogel-Strauss-Prinzip ist hier sicher nicht die ratsamste Alternative…
    😉

    Und noch mal etwas zu Google:

    Wir geben nur Links für Google frei, wenn wir mehr Informationen zum Namen finden, als Google selbst! Wenn wir also keinen Mehrwert bieten würden, würde uns Google auch nicht anzeigen.