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Time to say goodbye: Twitter will Timeline-Algorithmus ausbauen – und entmündigt die Nutzer

geschrieben von Tobias Gillen

Was macht Facebook eigentlich so unsympathisch? Die Frage stelle ich mir häufiger, weil ich mich hier auch schon mehrfach damit beschäftigt habe. Ein Fan bin und werde ich von Facebook sicher nicht mehr. Das liegt hauptsächlich an der Datensammelwut, der vielen Werbung, dem nervigen Umfeld und – insbesondere – dem Newsfeed. Denn der ist durch seinen Algorithmus für mich alles andere als praktisch. Leider eifert Twitter diesem vermeintlichen Social-Network-Ideal hinterher – und wird dadurch an Mehrwert verlieren.

Nach Fav-Umstellung kommt nun der „richtige Algorithmus“

Ich möchte Nachrichten dann, wenn sie passieren. Ich möchte Informationen dann, wenn sie geteilt werden. Ich möchte das Foto vom Mittagessen meines Kollegen dann, wenn er es hochgeladen hat. Und nicht irgendwann mal, wenn Facebook es beliebt. Oder eben auch mal gar nicht, weil Facebook es nicht für zeigenswert erachtet. Das ist der Grund, warum ich bislang eher auf Twitter anzutreffen war. Dort habe ich mir eine Liste mit 645 Personen, Medien, Institutionen und Organisationen zusammengestellt, von denen ich informiert und unterhalten werde. Dann, wenn ich das will. Dann, wenn es passiert.

Doch diese Zeiten könnten bald vorbei sein. Erst vergangene Woche berichteten wir über die Umstellung, dass im Newsfeed künftig mehr Tweets zu sehen sein werden, die man gar nicht „bestellt hat“. Twitter experimentierte mit einer neuen Funktion, über die man auch interessante Tweets eingeblendet bekommt, die von Leuten, denen man folgt, favorisiert wurden. Damit wurde nicht nur die Retweet-Funktion ad absurdum geführt, nein, es wurden auch die Nutzer enorm verärgert.

Support-Seite bereits ergänzt

Auf der Support-Seite von Twitter, die sich mit der Frage „Was ist eine Twitter-Timeline?“ beschäftigt, wurde seither ergänzt, dass man auch „für dich relevante Inhalte“ angezeigt bekommen könne – was letztlich die Umschreibung für die Fav-Umstellung war. Nun aber hat Twitter die Seite erneut angepasst. Nun steht dort:

Außerdem fügen wir möglicherweise auch einen Tweet, einen Account, dem Du folgen solltest oder sonstige beliebte bzw. relevante Inhalte zu Deiner Timeline hinzu. Das bedeutet, dass Dir manchmal Tweets von Accounts angezeigt werden, denen Du nicht folgst. Wir wählen jeden Tweet anhand vieler Faktoren einschließlich der Beliebtheit und der Interaktion von Personen in Deinem Netzwerk damit aus. Unser Ziel besteht darin, Deine Timeline auf der Startseite noch bedeutungsvoller und interessant zu gestalten. [Anmerkung des Autors: Hervorhebungen von mir.]

Wir werden weiter entmündigt

Damit sagt Twitter der guten, alten Timeline, die ich und so viele andere Nutzer so zu schätzen gelernt haben, Lebewohl. Das bedeutet letztlich, dass wir als Nutzer weiter entmündigt werden. Bei Facebook blickt kaum mehr einer durch, was ihm wann und warum angezeigt wird. Wir konsumieren, was wir bekommen. Wie ein Hund sein Leckerli. Wie eine Katze ihr Katzenfutter. So wird es dann künftig wohl auch bei Twitter sein, wenn wohl noch nicht in ganz so ausgeprägter Form.

Aber allein die Tatsache, dass ich mir mein Netzwerk, meine Informationen, meine Unterhaltung nicht mehr so zusammenstellen kann, wie ich das möchte, macht den Reiz an Twitter für mich irgendwie kaputt. Was für mich „bedeutungsvoll“ oder „interessant“ ist, möchte ich selbst entscheiden. Wenn Twitter mir mit einer Folge-Empfehlung in der Seitenleiste dabei hilft, diese Inhalte zu finden, begrüße ich das sehr. Wenn mir diese Inhalte aber direkt vorgesetzt werden, bin ich damit nicht einverstanden – und der ersten Reaktion auf die Meldungen, hier etwa von „TechCrunch“, über eine algorithmische Timeline zufolge bin ich damit nicht alleine. Wann es dann so weit sein wird und wie stark die Änderungen ausgeprägt sein werden – ist bislang unbekannt. Aber die Anpassung der „Support“-Seite lässt keine Zweifel zu hinsichtlich der Richtung, die Twitter einschlagen möchte und wohl auch wird.

Twitter versucht schon länger, Facebook hinterherzueifern. Das ist enorm schade.

Was haltet ihr vom Abschied der chronologischen Timeline? Gute Idee oder ein weiterer, unnötiger Schritt Richtung Facebook?

Über den Autor

Tobias Gillen

Tobias Gillen ist Geschäftsführer der BASIC thinking GmbH und damit verantwortlich für BASIC thinking und BASIC thinking International. Seit 2017 leitet er zudem die Medienmarke FINANZENTDECKER.de. Erreichen kann man ihn immer per Social Media.

22 Kommentare

  • Ich teile deine Meinung voll und ganz.
    Während ich bei Facebook mittlerweile ein mal am Tag reinschaue und dann alle relevanten Urlaubsfotos und Icebucketchallenges sehe, sehe ich bei Twitter, was passiert.

    Wenn jemand 1000 Leuten folgt, ist er selbst schuld, wenn er viel verpasst oder den Überblick verliert. Aber das ist der Reiz von Twitter.
    Wenn ich plötzlich ganz viele Tweets von einer Apple Keynote lese, dann weiß ich, dass JETZT gerade die Keynote wohl stattfindet und dass ich zu viele Apple-Fans unter den Followern habe. Trotzdem schön.

    Bei Facebook dagegen hätte ich so etwas erst gar nicht mitbekommen, nicht relevant genug.
    Twitter != Facebook, und das sollte auch so bleiben.

  • Facebook habe ich vor langer Zeit den Rücken gekehrt. Twitter mag ich genau deshalb, weil ich Kontrolle darüber habe, was ich lesen will und was nicht. Wer Twittert, was mir nicht gefällt oder was mich langweilt, wird entfolgt und gut ist.
    Wenn Twitter nun dem unsäglichen Beispiel von Facebook folgt und mir in die Auswahl dessen, was ich lesen will reinpfuscht, wird das sicherlich meinen Abschied von Twitter bedeuten.
    Grundsätzlich beende ich Nutzung aller Dienste, die in ihrer Datensammelwut und Bevormundung übertreiben. Facebook war der erste, Foursquare ist ebenfalls ein Beispiel und Twitter könnte der nächste sein.
    Wir twitterer sollten gemeinsam und konzertiert die Nutzung einstellen, sobald derlei Pläne umgesetzt werden. Jede Änderung wird definitiv zurückgenommen, wenn sie das Aus für den Dienst bedeutet. Twitter lebt nämlich nicht aus sich selbst heraus, sondern durch die Aktivität der Nutzer.

  • Das ist der Tot des anspruchsvollen Twitters.

    Die anspruchsvolleren Nutzer werden Twitter zumindest teilweise verlassen und nach Alternativen suchen.

    Schade. Twitter wird das bereuen, aber so wie ich das sehe, halten die ihr eigenes Produkt schon für Tod und es geht mehr um das kurzfristige Ausschlachten.

  • Grundsätzlich stimme ich dir voll zu. Allerdings lese ich den zitierten Abschnitt aus der Twitter-Supportseite anders: Da steht IMHO, dass Twitter jeden Tweet, DEN ES HINZUFÜGT, anhand von Faktoren aus. Da steht NICHT, dass generell JEDER TWEET bewertet wird und angezeigt wird oder halt auch nicht.

    Ich befürchte, das ist ein bisschen Sturm im Wasserglas…

    • Du hast da durchaus recht. Aber das schließt nicht aus, dass Twitter sich von der chronologischen Darstellung verabschiedet, weil ja immer wieder einzelne Tweets zwischen geschoben werden. Und das alleine finde ich für Twitter schlimm genug…

  • Das macht Twitter mit seinen Sponsored Tweets aber auch heute schon. Sollte mir Twitter jemanden Interessantes in die TL spülen, warum nicht. Und falls es jemand ist, den ich da nicht haben will, dann blocke ich ihn. Block schlägt Algorithmus – hoffe ich doch?

    • Aber es kann doch nicht die Lösung sein, dass ich jetzt ständig Leute wegblocken muss? Auch in dem Fall würde Twitter an Reiz für mich verlieren. Die Sponsored Tweets akzeptiere ich gerade noch so, weil es nunmal irgendwie dazu gehört. 🙂

  • Mich nerven die Werbetweets jetzt auch schon genug. Aber zwischen ab und zu geposteten Einzeltweets und einer Facebook-artigen Timeline ist ein großer Unterschied. Facebook zeigt mir ja viele Posts meiner Freunde gar nicht erst an. Bei Twitter sind sie zumindest alle da. Twitter erweitert die Bubble (wenn auch gegen den Willen der Nutzer), Facebook schränkt sie ein.

  • Facebook, Twitter, Instagram etc – alle Netzwerke haben ihre Vor- und Nachteile und ihren ganz besonderen Eigenheiten. Das macht sie unterscheidbar.

    Doch so langsam verschwimmt alles zunehmend. Instagram wird immer sozialer, Twitter wie Facebook, Facebook will wie eine Nachrichtenseite wirken, Buzzfeed investiert in Games, etc.

    Am Ende haben wir alle wieder den gleichen Einheitsbrei. Und dann kommt ein neues Start-Up daher und bietet deutlich weniger, so wie die anderen in ihren Ursprüngen – und wird damit erfolgreich sein.

  • Welche Alternative haben wir noch? Könnte man nicht eine offene Plattform starten wie diaspora, nur mit stark reduzierten Funktionsumfang á la twitter classic oder so ähnlich?
    Ich wäre auch bereit wie bei posteo einen kleinen Betrag für den Dienst zu bezahlen.
    LG, Andi

  • Ich finde den Facebook-Feed auch unerträglich. Alle paar Tage streift ein schneller weil genervter Blick darüber. Ansonsten dient es hauptsächlich der Kontaktpflege per Messenger mit einigen wenigen die ich dort am einfachsten erreichen kann.
    Warum Twitter toll ist hast du sehr schön beschrieben. So sehe ich das auch, und deshalb die Änderungen ähnlich kritisch.
    @Andi (und andere Interessierte): ello.co – Aktuell in (aller) vieler Munde und mit sehr schönen und lobenswerten Ansätzen. Mal schauen was daraus wird.

  • Mir aus der Seele geschrieben. Wenn Twitter eine Timeline wie bei Facebook baut, braucht es bald keine Twitter mehr. Time to say goodbye trifft es sehr gut, wenn sich die Netzwerke immer mehr angleichen.

  • Jeder Dienst ohne offene Programmierschnittstelle (und ohne Geschäftsmodell, das auf dieser offenen Programmierschnittstelle basiert), wird irgendwann evil, weil nicht der Nutzer der zahlende Kunde ist, sondern der Werbetreibende.

    Da die Leute aber nicht zahlen wollen, wird das auch immer so bleiben. Dienste, für die man bezahlen muss, bekommen nie die kritische Masse an Nutzern. Selbst wenn sie viel mehr können als Twitter. Selbst wenn viel mehr Möglichkeiten drin stecken. Selbst wenn es keine Werbung gibt, eine große Auswahl an Clients, eingebauter Dateispeicher für Bilder (etc), wenn Links in Direct Messages selbstverständlich funktionieren, etc. pp.

    30 Euro im Jahr. Zu viel für die meisten. Wenn du nicht dazu gehörst: Join APP.NET

    Komm auf die helle Seite der Macht. Da, wo die noch *deine* Timeline ist. https://join.app.net/from/sbsqvtdrdf

  • Ich bin auch bei Facebook und habe Seniorbook ausprobiert. Aber bei Twitter bin ich viel lieber unterwegs. Weil ich gerade diese freie Art der Kommunikation so spannend und kreativ finde. Und wie ich finde, ist es auch sehr demokratisch. Die freie Auswahl der Themen und Leute, mit denen ich zeitnah kommunizieren will ist mir sehr wichtig. Auch, dass ich Kritik und meine Meinung äußern und das, was ich poste selbst gestalten kann. Freiheit eben!

  • Hallo Herr Gillen,

    die aktuelle Entwicklung von Twitter war auf gewisser Weise abzusehen. Zu stark lehnt sich Twitter an das Geschäftsmodell von Facebook.

    Persönlich bin ich ein großer Freund von Twitter. Nutze ich diese Social Media-Plattform für Dialoge und die Recherche für meine Blogartikel.

    Vielleicht können die Listen auf Twitter noch den Freiraum für „seine Inhalte in der eigenen Timeline“ ermöglichen wie dieser Artikel zeigt: http://bit.ly/Vyyx5K.

    Drücken wir die Daumen, dass sich Twitter wieder auf seine Wurzeln besinnt.

    Beste Grüße

    Ralph