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Kritikfähigkeit: „Bravo“ zeigt jungen Menschen auf Twitter, wie es nicht geht

Bravo Header-Bild
Screenshot Twitter / Bravo
geschrieben von Tobias Gillen

Unkraut vergeht nicht. Was auf den Garten zutrifft, gilt in der Medienbranche ebenso. Die „Bravo“ hält sich als Klatschmagazin der 10- bis 14-Jährigen nun schon seit fast 60 Jahren mit einer verkauften Auflage von immerhin noch über 130.000 Exemplaren wacker am Markt. Dabei fällt das Magazin häufig unangenehm auf. So auch diesmal auf Twitter. Eine Dokumentation.

Ausgangspunkt ist ein Tweet einer jungen Frau, die laut eigenen Aussagen ebenfalls über Twitter einen Ausschnitt aus der „Bravo“ gefunden hat. Darin gibt das Magazin ihrer jungen Leserschaft Tipps, wie sie sich an Ex-Freund und Ex-Freundin rächen können. Nun ist es wohl pädagogisch zumindest fragwürdig, ob man beeinflussbaren Teenies wirklich das Prinzip der Rache lehren sollte – es kommt aber noch schlimmer.

Bravo Magazin Tweet

Ausgangspunkt ist dieser Tweet einer Nutzerin über die „Hot List“

„Hot List“: Rache am Ex im „Bravo“-Stil

Schauen wir uns die Tipps mal an. Um ihrem Ex-Freund zu schaden, könne das Mädchen etwa

  • die Handynummer auf dem Männerklo im Bahnhof hinterlassen mit den Worten „suche neuen Lover“
  • eine Stripperin zum Geburtstag seiner Mutter bestellen, die sich als Geliebte des Vaters ausgibt
  • Abführmittel in seine Cola kippen
  • ihm öffentlich auf Facebook sowie in der Schule blamieren (Bettnässer / Liebesbrief aufhängen)

(Nur eine Auswahl der „Hot List“.)

Der Junge könnte unterdessen seiner Ex-Freundin schaden, indem er

  • ihr ein benutztes Kondom in den Briefkasten werfe mit der Notiz „du wolltest doch eine Erinnerung“
  • allen erzählt, sie dusche nur einmal pro Woche („Iiiih!“)
  • ihr mit der Veröffentlichung eines heimlich gedrehten Sex-Videos drohen
  • „ganz offen über ihre Cellulite“ plaudern
  • ihren Kopf auf ein Foto eines Nacktmodells setzen und das an ihre Bekannten schicken

(Ebenfalls nur eine Auswahl der „Hot List“.)

Über 20 strafbare Vergehen für Jugendliche

Ich bin kein Jurist und weiß nicht, gegen wie viele Gesetze die hier genannten Punkte verstoßen, aber es werden schon einige sein. Rechtsanwalt Udo Vetter kommt gegenüber dem Bildblog hier auf über 20 Vergehen von Beleidigung über Betrug bis Körperverletzung.

Zudem ist so ziemlich jeder der Punkte moralisch, ethisch sowie pädagogisch mehr als fragwürdig. Die Zielgruppe sind Jugendliche, die sich in einem Stadium der Findung befinden. Ihre Persönlichkeit entwickelt sich gerade, sie saugen viele Dinge auf und unterscheiden vielleicht nicht zwischen „Spaß“ (was auch immer an der Liste lustig sein soll) und „Realität“.

Und die „Bravo“? Alles easy!

Wie dem auch sei. Das Thema kocht seit Sommer 2010 immer wieder hoch. Da wurde die Liste veröffentlicht. Wie das halt im Netz so ist, tauchen populäre Bilder regelmäßig wieder auf, wenn sie ein Nutzer wieder ausgräbt und erneut teilt (das habe ich am eigenen Leib leider mehrfach erfahren, siehe hier und hier). So ist es nun auch mit der Nutzerin, die das Bild wieder ausgegraben hat. Sie schreibt:

Schön, dass ihr eure großteils minderjährigen Leser zu sowas aufruft, @bravomagazin

Der Tweet wird an einem Tag über 750 Mal retweetet und über 1.000 Mal favorisiert. Auf die Rückfrage eines Nutzers, von wann dieser Ausschnitt sei, antwortet die Nutzerin:

Weiß ich nicht, hab das vorhin erst auf twitter gesehen, also wird es wohl recht aktuell sein

Und die „Bravo“? Die sieht das alles ganz locker und antwortet:

hm ja genau. Aktuell von vor 6 Jahren…. P. S. Nachgemacht hat das niemand. Ernst genommen auch nicht…

Da ich bezweifle, dass die „Bravo“ mit jedem Jugendlichen persönlich in Kontakt getreten ist, der die „Hot List“, die man nachher vor dem Presserat als „Satire“ zu rechtfertigen versuchte, gelesen hat, fällt der Teil hinter dem „P. S.“ schon mal flach. Zumal der Tweet genau genommen trotzdem eine Frechheit wäre, schließlich geht es hier nicht um das Nachmachen. Es geht darum, Jugendlichen die falschen Werte zu vermitteln.

Social-Media-Verhalten, wie es nicht sein sollte

Wie man also nicht auf Kritik reagiert? So. Aber das war erst Lektion 1. Denn die „Bravo“ legt noch ein, zwei Schippen drauf, statt verantwortungsvoll und erwachsen mit den wütenden Nutzern zu interagieren. Kurz drauf twittert das Magazin an seine über 200.000 Follower starke Fanschaft inklusive Lach-GIF:

Und dann guckt man sich mal so die Profile von Hatern an….

Bravo Hater

Witzig. Wirklich witzig. Nicht.

Und weiter, inklusive Lach-Emojis:

Hühnerhaufen hier, das kennen wir schon.

Bravo Mist Hühnerhaufen

„Hühnerhaufen“ und „Mist“ – so nennt es die „Bravo“.

Und:

Twitter hat schon manchmal so Hühnerstall Qualitäten… Einer fängt an zu gackern, alle machen mit ohne nen Plan zu haben

Was will man erwarten?

Eigentlich ist es die Mühe nicht wert, denn die „Bravo“ fällt regelmäßig sehr unangenehm auf und ist sich ihrer (glücklicherweise schwindenden) Verantwortung ihrer Zielgruppe gegenüber nicht bewusst. Das macht sie hier einmal mehr deutlich. Ich weiß auch nicht, ob es förderlich für die junge Followerschaft ist, Nutzern, die twittern, dass sie jetzt „saufen“ gehen, mit „proscht“ zu antworten oder sich über die sehr berechtigte Kritik zur, wenn auch etwas älteren, „Hot List“ so lustig zu machen.

Sechs, setzen.


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Über den Autor

Tobias Gillen

Tobias Gillen ist seit August 2014 Chefredakteur und seit Mai 2015 Geschäftsführer von BASIC thinking. Erreichen kann man ihn immer per E-Mail oder in den Netzwerken.

10 Kommentare

  • Ehrlich gesagt, find ich die Reaktion der Bravo ziemlich erfrischend. Jeder empört sich über alles, alles wird sofort zum Shitstorm. Bravo sagt halt: Nö, diesmal nicht.

    • Ich bin damit grundsätzlich total d’accord. Aber nicht bei etwas, das wirklich nicht witzig/locker zu nehmen ist.

      • Warum ist das nicht locker zu nehmen?
        Diese Liste ist ziemlich böse und krass, ein schwarzhumoriger Witz unter der Gürtellinie quasi.
        Dass der Zielgruppe implizit zugetraut wird, es als solchen zu verstehen, ist etwas Gutes!

  • Zu dem „proscht“-Tweet ist zu sagen, dass dieser an Juicy Gay ging, einen in der Nische bekannten deutschen Rapper. Dieser polarisiert mit seinem Output regelmäßig und ist auch kein Jugendlicher mehr. Sehe zumindest diesen Tweet als wenig kritikwürdig.

    • Danke für den Hinweis! Allerdings ist es für ein Jugendmagazin eben trotzdem die Frage, wie man mit all diesen Dingen umgeht.

  • Irrtum: Die Bravo reagiert super auf die ganzen digitalen Spießer, die sich jeden Tag über irgendwas empören. *Daumen hoch*

  • @eSimone:
    Interessante Weltsicht. Wenn man also jungen Menschen mit auf den Weg geben möchte, dass das Ende einer Beziehung nicht unbedingt in Racheakten und gegenseitiger Zerfleischung münden muss, ist man ein Spießer. Und wenn solche Racheakte auch noch juristisch fragwürdig sind – alles Spießer.
    Vor allem: Es ist ja so lustig, wenn jemand heimlich Abführmittel verabreicht bekommt. Ha ha. Was haben wir gelacht. WTF?

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