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Warum ist ein Volksnetz wichtig?

oder anders: Warum berichtet Basic immer wieder über Wer Kennt Wen, MeinVZ und dergleichen Social Networks? Social Networks polarisieren, denn nicht wenige meinen -so mein Eindruck-, das wäre nur unnötiger Zeitvertreib.

Fragestellung und Thema zugleich ist: Wie und wo können sich Menschen zu einem Thema konzertiert äußern? Ob das nun Proteste sind oder whatever. Eine der Grundbedingungen des zielgerichteten (!) Zusammekommens ist, dass man sich auf einem akzeptierten Sammelplatz zusammenfindet.

Denken wir an Blogs? Ja und nein. Es handelt sich dabei meistens um auf Einzelpersonen basierenden Netzknotenpunkten. Oder anders: Es ist ein dezentrales Netz mit losen Verbindungsbrücken. Die je nach Land konzertierte Äußerungen fördern und zulassen. Als Messmetrik kann man -was mir als erstes und bestes einfällt – die klassischen Medien nehmen, die immer noch Themen zu einer wahrgenommenen Öffentlichkeit verhelfen. Betrachten wir jedoch die Sachlage in Deutschland, so handelt es sich bei der Menge an Blogs (~770.000 nach den letzten Schätzungen) um wohl eher lose Netzknotenpunkte, die eine geringe Interaktionsdichte in der Breite aufweisen. Sprich: Misst man es in Links, als Ausdruck gemeinsamer Themen, so beobachten wir in der Spitze der größten Netzknotenpunkte – Basis: Deutsche Blogcharts – eine abnehmende Verlinkungshäufigkeit seit über einem Jahr.

Aktuell sieht das so aus (hat im November einen erheblichen Sprung nach unten gemacht, nachdem Technorati während einer Bereinigungsaktion aus Versehen echte Links gelöscht hat):
Blogcharts
Wir haben ob mit oder ohne Malheur seitens Technorati damit ungefähr den Stand von vor über 2 Jahren erreicht.

In Zahlen (Top 100)
Monat Anzahl Gesamtlinks
Jan 06 25042
März 06 29795
Mai 06 32388
Juli 06 34914
Sept 06 34914
Nov 06 35969
Jan 07 34721
März 07 40132
Mai 07 44985
Juli 07 51616
Sept 07 51044
Nov 07 45869
Jan 08 42866
Feb 08 41869
März 08 41029
April 08 40260
Mai 08 39853
Juni 08 37877
Juli 08 37534
Aug 08 36214
Sep 08 34092
Okt 08 33166
Nov 08 29117

Was durchaus sein kann: Interessensgruppen bleiben in ihren kleinen Blogkreisen untereinander. Ob das nun familiäre, freundschaftliche oder thematische Bande sind, spielt keine Rolle. Die Durchlässigkeit einer gemeinsamen Nachricht müsste daher einen weiten Weg gehen, um auch entferntere Interessensgruppen zu erreichen, wenn schon die Topblogs annahmegemäß auf Basis der obigen Entwicklungen eine abnehmende Rolle als Nachrichten-Spreader einnehmen.

Ein Blick in die anderen Blogländer fördert bei den Topblogs -ebenfalls indikatorisch zu verstehen- ähnliche Entwicklungen zu Tage. Spanien, Italien, England, Frankreich… es sieht imho genauso aus. Selbst in den USA. Wie ich drauf komme? Man schnappe sich eine URL der dortigen Topblogs (zB via Wikio Rankings) und werfe sie Technorati zum Fraß vor: technorati.com/chartimg?q=crookedtimber.org&days=720&width=860&height=400&type=url
Blog aus England
Muss das im Grunde genommen verwundern? Menschen sind vom Prinzip her faul. Und Blogs kosten Kraft und Mühe. Social Networks machens da einfacher. Foren ebenso.

Was bleibt also noch? Foren und Social Networks. Foren sind oW gern genutzte Tools. Keine Frage. Doch, sie erreichen nicht die Größenordnungen, wenn es darum geht, den Usern einen gemeinsamen Platz zu schaffen. Facebook und MySpace oder hierzulande StudiVZ oder WKW sind schlichtweg größer als jedes Einzelforum. Hier kommen wir übrigens zu einem wichtigen Punkt: Wären Foren ähnlich gut wie Blogs mit Analysemöglichkeiten (Memetracker, Technoratis, etcpp) und einer externen Wahrnehmung (auch Google…) gesegnet, wären sie die alles dominierenden Platzhirsche im Netz, was Agenda Settings angeht. Sie wären mindestens genauso sichtbar nach außen hin. Sind sie aber leider nicht. Zudem, der Austausch zwischen Foren scheint mir wenig ausgeprägt zu sein. Sie sind einfach zu früh geboren worden, um immer noch hip zu sein. Denkt alleine an Obamas Wahlstrategien. Welche Forensysteme wurden angezapft? Keines? Richtig, bingo! Aber das verblasst vor einem zentralen Aspekt: Im Gegensatz zu Blogs und Social Networks stehen die Inhalte im Vordergrund, nicht aber zunächst die Person. Wenn ich eins gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass es Menschen braucht, um Themen voranzubringen. Man schaut -leider- gerne auf einzelne Fahnenträger hoch. Foren bieten das nicht von sich aus. Nicht das Userprofil (auf einem Blog eben der gedachte Betreiber) steht im Vordergrund. Das Thema ist es. Das Thema „ohne“ Person verliert jedoch gewaltig an Anziehungskraft. Der Einzelne geht unter in diesem System.

Also bleiben noch Social Networks. Die größten davon haben bereits extrem viele User. Und die User stehen dort im Mittelpunkt, kein Thema (im Gegensatz zu einem Forum). Um es kurz zu machen: Sie sind systemisch durchaus in der Lage, Themen und den Austausch dazu zu aggregieren, den Leuten einen Sammelplatz zu bieten und zudem können sie eine schnellere Außenwirkung erreichen (sie stehen im Fokus, weil sie hip sind, noch).

Aber auch hier -da es sich um geschlossene Systeme handelt – täten zwei Dinge gut: Sie brauchen etablierte Memetracker, die wichtige Topics aus dem SN heraus tragen. Kein Wunder, denn Austauschplätze sind interne Foren (s.o. die Problematik)! Und sie erreichen nur die User, die sich in diesem SN tummeln. Was allerdings nicht so wild wäre, wenn das SN im Heimatland – MySpace = USA ; StudiVZ = D, etcpp – eine größtmögliche Menge an Usern erreicht. StudiVZ kann und wird es nicht sein in D. Wenn, dann schon eher WKW oder MeinVZ.

Aber sie bräuchten noch nicht einmal extrem viele User zu erreichen, wenn es systemische „Bridges“=Brücken zwischen den SNs, Blogs und Foren gäbe. So wie es diese zwischen Blogs gibt. Wir als Blogger nutzen dazu Links, Trackbacks und Kommentare. Müssen wir eh, insofern es sich bei dem Blog nicht um einen singulären Knotenpunkt handelt, das nur die Leser anspricht, nicht aber andere Blogs. Im SN selbst aber ist der User bereits Teil eines in sich geschlossenen Netzwerks. Was also wären Bridges für SNs? Was würde den User X veranlassen, die Message in ein anderes SN zu transportieren? Was, wenn es eher die besagten Memetracker gäbe? Tja, wenn ich das so spontan beantworten könnte. Ich bleibe aber dabei: Im Grunde genommen kann Technik eine zielgerichtete Organisatorik fördern. Die aus dem SN heraus nach außen wirkt.

Und zum Schluss ein dritter, wesentlicher Punkt, der alle anderen dominiert: Wenn sich die User ihrer Möglichkeiten nicht bewußt sind, Themen setzen und voranbringen zu können, bleiben SNs eben das, wofür sie momentan dienen: Leute kennenlernen, sich bisserl austauschen, mehr aber auch nicht.

Na und, wird man sich fragen? Was solls? Nix, was solls:) Social Networks bieten wie Blogs und Foren ebenso eine Chance, dass wir als Mensch mehr Möglichkeiten bekommen, unsere Stimme zu erheben. Daher wäre mir ein „Volksnetz“, das rund 50% der Internetnutzer eines Landes erreicht, gar nicht mal so unlieb. Solange SNs in sich geschlossene Netzknoten bleiben. So oder so, wir sollten demnach in Social Networks nicht bloße Sammelstellen von Menschen mit einem eindimensionalen Verlangen, sich amüsieren zu wollen, sehen. Ich finde, das ist eine spannende Vision wie auch Interpretation, extrem spannend.

Über den Autor

Robert Basic

Robert Basic ist Namensgeber und Gründer von BASIC thinking und hat die Seite 2009 abgegeben. Von 2004 bis 2009 hat er über 12.000 Artikel hier veröffentlicht.

18 Kommentare

  • Das Internet (inkl. www) ist das Volksnetz. Es geht um die Frage nach Techniken und Schnittstellen, die eine (bessere Vernetzung und) Beteiligung ermöglichen. Das sind m.E. aber nicht Plattformen, die einen Betreiber haben und in sich geschlossen nur in irgendeiner Ecke des Netzes liegen (‚gated communities‘) – so etwas halte ich inzwischen fast schon für so überholt wie die statische Unternehmens-html-seite von Anfang der 90er. Die Zukunft liegt eher in Standards und dem semantischen Netz.

  • Ich nutze keinerlei Social Networks. Das hat aber einen ganz simplen Grund:
    Wird so ein Projekt verkauft, wechseln auch meine Daten den Besitzer. Ich selbst kann nicht kontrollieren, was mit meinen erfassten Daten passiert. Und im Rahmen der großen Sammelwut unserer derzeitigen Innenminister gehe ich so sparsam wie möglich damit um.

  • @ Farlion – da Du ein Blog betreibst, sind Deine Daten alles andere als sparsam im „www“ vertreten.
    Im übrigen kannst Du sämtliche Daten, die Du in irgend einen „Social Network“ eingibst, kontrollieren.

    Es ist richtig, viele tun das nicht. Wenn ich z.B. ein Großteil der Profile bei „wkw“ sehe, dann frage ich mich schon, wieviel Vertrauen so einige in Ihre Mitmenschen haben.

    Aber um zum Thema zurück zu kommen: Ein Teil der aktiven Internetuser ist doch bereits in mehreren sozialen Netzwerken registriert. Damit fängt doch schon eine Vernetzung an.

  • @Maik
    Durch mein Blog gebe ich Adresse, Telefonnummer und Mailadresse preis. Ich fülle aber kein Profil aus, in dem mein Geburtsdatum, meine Hobbies und Interessen und ähnliche Dinge zu finden sind.
    Außerdem muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich mich außerhalb solcher Networks wesentlich unabhängiger fühle, was meine „Reisen“ durchs Netz angeht. Kontakte habe ich auch so schon genug und durch die Bloggerei werden es auch nicht unbedingt weniger.
    Für mich persönlich hat sich einfach noch kein Vorteil daraus erschlossen, Mitglied eines Social Networks zu sein.

  • Wie es hier auch schon in den ersten Kommentaren durchklingt, geht es mir auch. Eine „Volksvernetzung“, welche konzerngesteuert dominiert wird, ist ein Albtraum. Wie @Julius sagt: Das Web selbst IST das Volksnetz. Jetzt geht es darum, dieses Kommunikationsnetz auf die nächste Evolutionsstufe zu heben, dezentral und mit offenen aber sicheren Schnittstellen und digitalen IDs. Praktische Lösung? Ne, ich hab noch keine, aber der Weg kann aus neiner Sicht nicht über die bestehenden SNs führen.
    http://www.werbeblogger.de/2008/02/07/schuetzt-die-heimat-im-web/

  • Interessanter Gedanke…

    Ich freue mich übrigens schonmal auf irgendwelche Tools, die meine gefühlten zwanzig SNs auf einen Klick sichtbar macht (Statusmeldungen, Nachrichten ect.)…

  • Studivz soll in Deutschland nicht das große Netz sein können? Gott und die Welt ist in StudiVZ vertreten (nicht nur Studenten)! Gut, manche gehen irgendwann zu meinVZ, aber im Prinzip bevölkern diese Nutzer die gleiche Datenbank nur mit anderem Namen (nicht mal anderer Oberfläche).

    Wie auch immer … ich halte es ebenso wie einige Vorkommentierer hier: eine zentral von einer Firma kontrollierte Plattform ist sowas von 90-er … Web 3.0 bedeutet Dezentralität 2.0 … so sieht’s aus!

  • Also bleiben noch Social Networks. Die größten davon haben bereits extrem viele User. Und die User stehen dort im Mittelpunkt, kein Thema (im Gegensatz zu einem Forum).

    Mit anderen Worten formuliert: In einem Forum dominieren Themen und Diskussionen und in einem Social-Network dominiert die Selbstdarstellung und Eitelkeit (die von vielen Betreibern für eigene Zwecke (AAL) genutzt wird).

    Deswegen kann man die Eingangsfrage:

    Fragestellung und Thema zugleich ist: Wie und wo können sich Menschen zu einem Thema konzertiert äußern?

    Beantworten mit: Zumindest eher schlecht in userzentrischen Social-Networks.

    Ein anderer Punkt: Ein Faktor für den Erfolg des Internet (und des Web) bestand und besteht darin, dass es keine zentrale Kontrollinstanz für die Nutzung und Inhalte gibt.

    Deswegen sind (zu) große kommerziell betriebene „Volksnetze“/Social Networks an sich nicht wirklich wünschenswert (ausser für die Betreiber). Hat hier schon jeder das Geschrei vergessen, als Yahoo/Flickr bestimmte Inhalte einfach so nach eigenem gutdünken entfernt hatten (um mal ein Beispiel zu nennen)?

  • >>>Durch mein Blog gebe ich Adresse, Telefonnummer und Mailadresse preis. Ich fülle aber kein Profil aus, in dem mein Geburtsdatum, meine Hobbies und Interessen und ähnliche Dinge zu finden sind. <<<

    Deine „Hobbies und Interessen und ähnliche Dinge“ weis man bereits nach dem Lesen einiger Seiten Deines Blogs.
    Soviel zur Privatsphäre… 🙂

  • @Maik
    Oh, das würde ich nicht unbedingt unterschreiben. 🙂
    Ich betreibe ja 2 Blogs, ein „privates“ und ein politisches. Ich habe Leser, die jeweils nur in einem davon lesen. Diese Leser würden mich, auf Grund des jeweiligen Blogs, völlig verschieden bewerten bzw. meine Interessen verschieden auslegen. Die Leser des politischen Blogs würden mich wahrscheinlich eher in die Schublade des leicht paranoiden, verbissenen Staatskritiker stecken, was die Leser des privaten Blogs wohl vehement bestreiten würden.
    Trotzdem ist die Politik weder mein Hobby, noch füllt es den Großteil meiner Interessen aus.
    Die Informationen, die ich in den beiden Blogs über mich streue machen bei weitem nicht mein Privatleben aus. Allerdings, das gebe ich zu, würde es mich jetzt interessieren, wie die Profile aussehen würden, die Leser aus meinen Blogs ableiten würden. 🙂

  • Lieber würde ich nackt als Webcam Julia Imitation vor der Kamera tanzen als bei WKW mitzumachen.

    Da ist meiner Meinung nach nicht gerade als Hauptanteil die Leute vertreten mit denen ich wirklich Kontakt haben will. Ich will das Wort Unterschicht jetzt erstmal vermeiden…Huch 🙂

  • Also, ich halte die Frage und das Thema für richtig und wichtig, aber die Analyse für nicht breit genug. Da halte ich es mit Kommentator Nummer 1 in Richtung von Volksnetz ist das Internet. Warum? Weil ich schaue, in welchem System ich eine Analogie finde. Nehmen wir die reale Welt:

    Wenn ein Thema wirklich hochkocht, demonstrieren die Menschen, die das betrifft auf Marktplätzen, in Hauptstädten, Fußgängerzonen – kurzum: Dort wo sie sich Gehör verschaffen können, wollen, dürfen. Sie organisieren sich in Kneipen, per SMS, per Mailingliste, in Foren, Usegroups. Diese Platformen nutzen sie als Tools. Ich denke, sie hätten ein Problem, wenn ein kommerzieller Anbieter sagen würde: Hey, ich baue hier jetzt ein Haus, da könnt ihr euch prima versammeln, müsst mir nur ein paar Daten dafür geben, im Zweifel darf ich euch abhören und rauswerfen.

    Nein, die Analogie sind die öffentlichen Plätze und damit das Internet allgemein. Mal wird dann per Massenmail demonstriert, mal mit starken Blogs oder Kampagnenseiten, mal per Twitter oder sonstwo – agil und wie es passt.

    Alles andere wäre mir unheimlich 😉

  • Ich denke auch, geschlossene Online-Plattformen braucht kein Mensch. Sie sind ein Beispiel dafür, dass die Möglichkeiten des Internets falsch interpretiert werden. Viele Betreiber beklagen sehr rasch das „90-9-1“-Phänomen (90% präsentieren zunächst einmal sich selbst, 9% werden gelegentlich aktiv und 1% bringen sich regelmäßig ein) und versuchen dem nun mit einem zusätzlichen „Bespaßen“ der User zu begegnen. Ich glaube auch, die Zukunft liegt in dezentralem Austausch, wie er z.B. über Blogsysteme mit Trackback, Pingback und Kommentarfunktion funktionieren kann und wenn man wirklich etwas bewegen will (zivilgesellschaftliche Aktionen) muß Vernetzung sowieso bis hinein in die Offline-Welt reichen.

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