Erwachsenen-Spiel im Tamagotchi-Style: Bei iHobe müsst ihr euch um Obdachlose kümmern

Marek Hoffmann

Eigentlich schreibe ich nicht über iPhone-Apps, die hierzulande nicht verfügbar sind. Für iHobo (iTunes-Link) möchte ich aber mit dieser Tradition brechen, da ich die Anwendung einerseits völlig verrückt und andererseits total interessant finde. Und das scheint mir eine Mischung, die die App mit den erforderlichen Abänderungen auch hierzulande erfolgreich werden lassen könnte. Entwickelt wurde sie unentgeltlich vom Londoner Ableger des multinationalen Werbedienstleisters und Medienkonzerns Publicis Groupe. Und zwar für Depaul UK, eine Wohltätigkeitsorganisation in Grobritannien, die sich um jugendliche Obdachlose kümmert. Wer nun eins und eins zusammenzählt und den Namen der App (die frei ins Deutsche übersetzt etwa „Ich, Obdachloser“ heißen könnte) mit der Info über Depaul kombiniert, könnte bereits einen Verdacht haben, worum es bei der Anwendung geht.

Etwas despektierlich könnte man iHobo als eine Abart des Tamagotchi bezeichnen, wobei es sich hier nicht um ein virtuelles Küken handelt, das versorgt werden soll – sondern um einen obachlosen Jugendlichen. Diesen holt sich der User als Real-Animation auf sein Smartphone, und muss ihn dann in Echtzeit und über eine Zeitraum von drei Tagen versorgen. „Versorgen“ bedeutet dabei aber nicht, dass ihr irgendeiner realen Person Geld oder Klamotten schicken müsst, oder sie bei euch zu Hause aufnehmen sollt. Es bedeutet nur – wie beim Tamagotchi – dass ihr ihm per Knopfdruck virtuelle Güter wie beispielsweise einen Schlafsack oder etwas zu Essen gebt. „In Echtzeit“ bedeutet aber gleichzeitig, dass er euch um diese Mitleidsgesten auch mitten in den Nacht bitten kann – und wird.

Eine solche Status-Nachrichten auf eurem Phone könnte dann beispielsweise beinhalten, dass ihm kalt und er müde ist. Ein Klick auf den virtuellen Schlafsack lässt dann ihn und auch wieder euch in Ruhe schlafen. Reagiert ihr aber nicht oder falsch, kann das dramatische Folgen für den Jugendlichen haben. So besteht etwa die Gefahr, dass er sich aus Hunger oder Kälte eine Überdosis Drogen verpasst und daran stirbt.

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Ein durchaus makabres „Spiel“, das aber seinen Zweck gerade durch diese Härte und Realitätsnähe erfüllen soll und bei einigen, die sich auf dieses Spiel einlassen, auch wird. Es geht nämlich darum, die Menschen für die Nöte der Obdachlosen zu sensibilisieren. Und dies funktioniert am besten, wenn ihre Involvierung mit Entbehrungen zu tun hat. Damit meine ich nicht den Euro, den vermutlich jeder von uns ohne groß nachzudenken schon mal in irgendeinen Kaffeebecher geworfen hat. Wenn ihr von einer Spiel-App aus dem Schlaf gerissen werdet, dann bewegen wir uns auf einem völlig anderen Level. Vor allem dann, wenn euch iHobo aus dem Tiefschlaf weckt und euch am nächsten Tag eine Klausur oder ein wichtiger Geschäftstermin bevorsteht. In Anbetracht dessen die App dann nicht abzuschalten oder sein Handy auf stumm zu schalten, erfordert eine gewisses Zugeständnis.  

Zudem könnte ich mir vorstellen, dass es das Spiel bei einigen Usern schafft, ein anderes Bewusstsein für Obdachlose zu wecken. Zunächst nur für den virtuellen, dann aber auch für den realen Obdachlosen. Wird Erstgenannter nämlich einige zeitlang völlig von euch ignoriert, könntet ihr die Nachricht erhalten, dass ihm Dorgen angeboten wurden und er sie angenommen hat. Dies wäre mit eurer Hilfe sicherlich zu vermeiden gewesen. Die App appeliert somit an euer Gewissen und spielt ein wenig mit eurem Schuldgefühl. Je besser es schafft, mit den Vorwürfen Letzteres in euch hervorzurufen, desto tiefer dürfte sich das Bewusstsein für die Not der Obdachlosen bei euch ausprägen. Mit einem ähnlichen Prinizip hatte ja auch das bereits erwähnte Tamagotchi Erfolg.

Ziel von iHobo ist es übrigens, Spendengelder für Depaul UK zu sammeln. Diese können bereitwillige User direkt über die App an die Organisation überweisen. Was haltet ihr von der Idee und denkt ihr, dass sie auch hierzulande Zuspruch finden könnte?   

(Marek Hoffmann)

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Marek Hoffmann hat von 2009 bis 2010 über 750 Artikel für BASIC thinking geschrieben und veröffentlicht.