Telekom drosselt Drosselung auf 2 Mbit/s: Opium für Otto-Normal-Surfer

Christian Wolf

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Es soll ja Händler geben, die ihre Preise zunächst erhöhen, um dann „radikal“ zu reduzieren und Käufer durch vermeintliche Schnäppchen anzulocken. Oder Unternehmen, die ihre Produktverpackungen optisch verschönern, gleichzeitig physischen Inhalt durch reichlich Luft ersetzen und den Preis minimal senken. In beiden Fällen ist das Ziel klar: Der Kunde soll das schöne Gefühl bekommen, dass er ausgehend vom gewohnten Status Quo mehr Leistung für das gleiche Geld bekommt.

Vollbremsung vor dem Stauende

Ein solches Manöver fährt nun – ob freiwillig oder unfreiwillig – auch die Deutsche Telekom. Nachdem Carsten „Caschy“ Knobloch von „Stadt Bremerhaven“ gestern Abend die Informationen zugespielt bekommen hat, dass die Telekom die maximale Geschwindigkeit im Rahmen ihrer Drosselung nun „nur“ noch auf 2 Mbit/s statt 384 Kbit/s herabsetzen will. In einer Pressekonferenz hat das Unternehmen die Änderung der Änderung gerade bestätigt und angekündigt, dass es auch nach 2016 Flatrates für Vielnutzer geben werde – mit Preisaufschlag.

Vielfach wird nun von einem „Einlenken“ gesprochen – dem Erfolg des Sturm-(Kündigungs-)laufs der Kunden. Der dabei oft mitschwingende Tenor suggeriert: „Na also, wird doch alles nicht so schlimm – der Protest hat ja doch was genutzt“. Dabei ist eigentlich nichts gewonnen. Denn vom heutigen Standpunkt aus betrachtet kommen 2 Mbit/s für einen Großteil der Telekom-Kunden ebenfalls einer Vollbremsung vor dem Stauende gleich.

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„Taktisches Manöver“

Bei den Vorkämpfern für ein freies Netz wird der Schachzug aus Bonn daher bereits als „taktisches Manöver“ klassifiziert. Und auch viele Kunden scheinen das „Zugeständnis“ als Beruhigungspille zu empfinden – zumindest bei Twitter scheint diese Meinung aktuell in der Mehrheit.

Vor allem all jene, die das Netz täglich und intensiv nutzen, sehen in der „Anhebung“ nachvollziehbar keinen Vorteil. Ich behaupte: An diese Klientel richtet sich der in der Telekom-Chefetage ausgeklüngelte Kompromiss auch nicht, denn bei der digitalen Netzgesellschaft sind Ruf und Ansehen ohnehin auf lange Zeit verspielt.

Die breite Masse zählt

Vielmehr geht es nun darum, die breite Masse – immerhin hat die Telekom in Deutschland einen Marktanteil bei Breitbandanschlüssen von rund 45 Prozent – bei der Leitung zu halten. Es geht also um den Otto-Normal-Surfer, der sicherlich allenfalls in Ausnahmefällen mehr als 75 GB verbraucht und nun durch die zuvor propagierte Absenkung auf 384 Kbit/s stark verunsichert ist.

In dessen Ohren dürfte ein Rückfall auf „Megabit“ deutlich weniger schlimm klingen – und sich auch nicht so drastisch anfühlen. Mit 2 Mbit/s kann man anstandslos surfen. Zudem hat die Telekom heute versprochen, die 75 GB gegebenenfalls anzupassen, sollte der durchschnittliche Datenverbrauch ansteigen.

Und genau das – gepaart mit dem Verweis auf die erst ab 2016 geplante Inkraftsetzung – zählt argumentativ in ein paar Monaten, wenn im Telekom-Shop die nächsten Neukunden unterschreiben. Denn was gerade von der oft bemühten Netzgemeinde gern vergessen wird: Vielen Verbrauchern fehlt einfach das nötige Hintergrundwissen, um die passenden Fragen zu stellen.

Was ist Breitband?

Außerdem darf man nicht vergessen, was Breitband heute nach gängigen Definitionen eigentlich heißt. Während ich Zuhause entspannt mit einem 25-Mbit-Glasfaseranschluss durchs Netz rausche, wird im Allgemeinen – je nach Quelle – eben bereits bei 1 bis 2 Mbit/s von einem „Breitbandanschluss“ gesprochen.

Und genau darauf verweist nun auch Telekom-Deutschland-Chef Niek Jan van Damme: „Mit 2 Mbit/s liegen wir deutlich über dem Mindestrichtwert aus der Breitbandstrategie der Bundesregierung – wir haben ihn verdoppelt“, heißt es gönnerhaft in einer vor wenigen Minuten verschickten PM. Dabei dürfte die Anpassung nicht zuletzt mit Blick auf mögliche juristische Konsequenzen vorgenommen werden.

Die Heraufsetzung ist damit tatsächlich eine Nebelkerze. Leider eine, die wohl ihren Zweck insgesamt erfüllen wird – obwohl sich an den Auswirkungen auf die Netzneutralität nichts ändert:

Bild: Broadband boost / Shutterstock

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Christian Wolf wird am Telefon oft mit "Wulff" angesprochen, obwohl er niemals Bundespräsident war und rast gerne mit seinem Fahrrad durch Köln. Er hat von 2011 bis 2014 für BASIC thinking geschrieben.