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Intensiv-Wahlchecking für Unentschlossene: In 15 Minuten zur richtigen Wahlentscheidung

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geschrieben von Christian Wolf

Hand hoch: Wer von euch hat schon einmal ein Wahlprogramm komplett gelesen und anschließend mit anderen verglichen? Ja, ich weiß: tl;dr. Muss aber auch nicht sein – man kann sich schließlich weitaus schneller eine vergleichsweise fundierte Meinung bilden. Mit unserem Intensiv-Wahlchecking wisst ihr in wenigen Minuten, welche Parteien euren Vorstellungen guter Politik wirklich am Nächsten kommen. Also, Stoppuhr an und los.

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Teil I: die Erststimme

Beginnen wir mit der Erststimme – also der Stimme für euren direkten Wahlkreiskandidaten. Was der in den nächsten vier Jahren genau vorhat, lässt sich normalerweise nur herausfinden, wenn ihr zu einer lokalen Parteiveranstaltung pilgert. Aber wer hat schon Zeit und Lust, um vier oder fünf Wahlkampf-Events abzuklappern? Alternativ könnte man natürlich auch die Homepages der örtlichen Kandidaten abgrasen und miteinander vergleichen – vorausgesetzt, dort finden sich brauchbare Informationen. Auch umständlich und wahrscheinlich wenig ergiebig.

⇒ Der Kandidaten-Check (rund 2 Minuten)

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Also, besser gleich ab zur ersten Station: dem Kandidaten-Check von abgeordnetenwatch.de. Mit 24 vorgegebenen Thesen zu wichtigen Politikfeldern lässt sich hier recht schnell bestimmen, welcher der potenziellen Bundestagsabgeordneten des örtlichen Wahlkreises die eigenen Interessen wohl am besten vertreten wird. Neben Zustimmung und Ablehnung könnt ihr dabei auch eine „neutrale“ Position einnehmen.

Anschließend wird angezeigt, welcher Kandidat welche Aussage unterstützt sowie etwaige Begründungen. Eine Übersicht informiert euch am Schluss über den Grad der Übereinstimmung eurer Antworten mit den vorgestellten Politikern. Leider mangelt es teilweise an Vergleichbarkeit, da nicht immer alle Kandidaten teilnehmen. Auch haben zumindest in meinem Fall nur zwei Kandidaten begründet, warum sie welcher These zustimmen respektive nicht zustimmen.

Teil II: die Zweitstimme

Idealerweise habt ihr nun einen Wahlkreiskandidaten gefunden, dem ihr eure Stimme geben würdet. Bleibt noch die Zweitstimme, also die Wahl der Partei. Hier hat zwar fast jeder seine gefühlten Präferenzen, dennoch lohnt es sich, die eigenen Ansichten einem Faktencheck zu unterziehen.

⇒ Der Wahl-O-Mat (rund 3 Minuten)

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Erste und bekannteste Anlaufstelle hierfür ist natürlich der gute alte Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung. Anhand von 38 Thesen werden die Positionen von 28 Parteien mit dem eigenen Meinungsprofil abgeglichen. Neben Zustimmung und Ablehnung gibt es erneut eine „neutrale“ Auswahlmöglichkeit. Direkt vor der Auswertung besteht darüber hinaus die Möglichkeit, Politikerfelder, die einem besonders am Herzen liegen, doppelt gewichten zu lassen. Anschließend müssen bis zu acht Parteien bestimmt werden, mit denen die eigenen Aussagen verglichen werden sollen. Und voilà: Schon seht ihr, welche Partei euch prozentual gesehen thematisch am Nächsten steht.

⇒ Der Bundeswahlkompass (rund 3 Minuten)

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Spätestens jetzt habt ihr also wahrscheinlich eine oder mehrere Parteien im Auge. Zeit für eine Gegenprobe – mit dem Bundeswahlkompass. Der eher unbekannte Wahlcheck berücksichtigt insgesamt neun Parteien und versucht anhand von 30 Thesen ein umfassendes Stimmungsbild zu erfassen. Zunächst wird dabei zu statistischen Zwecken nach Alter, Geschlecht, Bundesland, Bildungsabschluss und eigener Wahlposition gefragt. Anschließend kann es losgehen. Anders als beim Wahl-O-Mat besteht hier die Möglichkeit, die eigenen Antworten über eine Fünfer-Skala von „stimme vollkommen zu“ bis „stimme überhaupt nicht zu“ stärker zu differenzieren.

In einem zweiten Schritt lassen sich auf einer Zehner-Skala Sympathie- und Kompetenzwerte für die Spitzenpolitiker der involvierten Parteien vergeben – ein Element, das bei einer rein faktengeführten Abfrage völlig ignoriert wird. Auch kann angegeben werden, mit welcher Wahrscheinlichkeit man die gelisteten Parteien überhaupt wählen würde. In der darauf folgenden Auswertung wird anhand eines politischen Kompasses mit den Dimensionen „wirtschaftlich links“ bis „wirtschaftlich rechts“ und „sozial konservativ“ bis „sozial progressiv“ sichtbar, welche Parteien den eigenen Überzeugungen am Nächsten stehen. Zudem ist es möglich, bestimmte Themen besonders zu gewichten sowie die Position jeder Partei zu einzelnen Aussagen gesondert abzurufen.

⇒ Der Wahl-Thesentest (rund 3 Minuten)

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Und gleich weiter in unserer Intensiverfahrung – mit dem Wahl-Thesentest von sueddeutsche.de. Warum auch noch dieser Test? Ganz einfach: Der SZ-Wahlcheck basiert nicht auf zentralen Wahlprogrammen, sondern auf den Angaben von insgesamt rund 600 Abgeordneten von acht Parteien, die bereits in den Parlamenten sitzen. Allerdings bedeutet das im Umkehrschluss, dass außerparlamentarische Parteien und Newcomer nicht berücksichtigt werden. Der Abgleich mit eurem Meinungsbild ergibt sich dabei aus 35 – teils erfrischend-unkonventionellen – Aussagen, die auf einer Fünfer-Skala von absoluter Zustimmung bis absoluter Ablehnung bewertet werden müssen. In der Endauswertung seht ihr dann, welche Abgeordneten welcher Partei(en) eure Ansichten prozentual am meisten teilen.

⇒ Der Verbraucherzentrale-Wahlcheck (rund 4 Minuten)

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Die Pflicht haben wir damit überstanden. Nun folgt die Kür in Form des Wahlchecks des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv). Dieser bezieht sich speziell auf Verbraucherthemen – und ist damit für uns alle relevant. Im Zentrum stehen die fünf Schwerpunkte „Lebensmittel“, „Gesundheit“, „Digitales“ (inklusive das Thema Netzneutralität), „Energie“ und „Finanzen“, zu denen jeweils drei zentrale Fragen gestellt werden. Diese lassen sich während der Beantwortung zusätzlich in drei Abstufungen individuell gewichten. Auch hier wird zu statistischen Zwecken am Beginn nach Alter und Geschlecht gefragt. Anschließend kann es losgehen.

Grafisch ist der vzbv-Wahlcheck übrigens mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Kleine Spielereien sollen zudem auflockernd wirken, allerdings geht das ein wenig zulasten schneller Bedienbarkeit. In der Auswertung ist schließlich zu sehen, welche der eigenen verbraucherpolitischen Forderungen deckungsgleich mit Zielen der fünf aktuell im Bundestag vertretenen Parteien sind. Leider erfährt man so nichts darüber, welche Wege die außerparlamentarische Opposition einschlagen will.

Geschafft!

Falls ihr bis hierher gekommen seid: Glückwunsch – ihr habt das Intensiv-Wahlchecking bravourös gemeistert und hoffentlich nun eine klare(re) Vorstellung davon, ob und wie ihr am 22. September votieren werdet. Wenn nicht, kann euch wohl nur noch der Wahl-Schwach-O-Mat helfen.

Bilder: detailed illustration of a ballot box with german flag / Shutterstock; Screenshots


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Über den Autor

Christian Wolf

Christian Wolf wird am Telefon oft mit "Wulff" angesprochen, obwohl er niemals Bundespräsident war und rast gerne mit seinem Fahrrad durch Köln. Er hat von 2011 bis 2014 für BASIC thinking geschrieben.

11 Kommentare

  • Besonders den Wahl-Thesentest finde ich ziemlich gelungen. Man merkt schon, dass es deutliche Unterschiede zwischen den Parteien gibt. Gut dabei ist auch nicht die Parteiprogramme als Vorlage zu nehmen, sondern die Abgeordneten selbst zu fragen.

  • Ich bin über 30 Jahre alt und ich war noch nie wählen… im Grunde bringt das nämlich nichts. Man wählt nur die aus die uns noch mehr Geld aus den Taschen ziehen und alle Wahlversprechen sind nur Lockmittel… Die in der Politik machen doch eh was sie wollen… -.-

  • @robert: glückwunsch, du hast demokratie verstanden. -.-‚

    @christian:
    der wichtigste test fehlt in der liste. der geschichtstest nämlich. wenn man darauf schaut was die parteien in den letzten 10 – 15 jahren gemacht haben fällt die hälfte durch.
    ich würde ja am liebsten „nein“ wählen, aber damit ist ja auch keinem geholfen.

  • „Wer von euch hat schon einmal ein Wahlprogramm komplett gelesen und anschließend mit anderen verglichen?“

    In diesem ersten Satz liegt doch schon der Hase im Pfeffer. Wahlprogramme und Versprechen sind vollkommen uninteressant, weil sie nicht bindend sind und nach der Wahl schnell zerfließen.

    Darum gilt für mich: Jede Partei, die die Bevölkerung einmal belogen hat, bekommt meine Stimme nie wieder! Darum wähle ich seit 25 Jahren nur Parteien, die unter „Sonstige“ fallen. OK, die Piraten kamen über 5%, aber die haben sich dann ja leider schnell selbst zerlegt.
    Leider ist dem Großteil der Bevölkerung egal, wie sie belogen wird und so können die 4 Großen machen was sie wollen – sie werden früher oder später eh wieder gewählt.
    Selbst der millionenfache Bruch des GG von CDU und SPD (Spähaffäre), die Vernichtung von Milliarden für Banken, Länder, Opernhäuser oder Rüstungsprojekte, während hier Straßen zerfallen und Schüler schon für die Toilettenbenutzung zahlen sollen, scheint völlig egal.
    Aber was will man von Menschen erwarten, die selbst einen überführten Betrüger mit viel Gel im Haar trotzdem noch ganz toll fanden?
    Ja, ich bin politisch gefrustet – extrem gefrustet.

    Zum Wahl-o-Mat:
    Der stößt schnell an seine Grenzen. Viele meiner Kollegen und Freunde kommen aus der ganzen Welt mit sämtlichen Religionen und Hautfarben. Wenn man aber beim Wahl-O-Mat europakritisch und gegen uneingeschränkte Zuwanderung ankreuzt, wird man rechts eingestuft und soll NPD wählen. Krank und gefährlich.

  • „vergleichsweise fundierte Meinung“
    Im Vergleich zu was denn?

    Auf alleiniger Basis dessen, was Parteien und Abgeordnete öffentlich Kundtun umsetzen zu wollen ist eine fundierte Meinung nicht möglich. Das bedeutet nicht, dass Parteien und Abgeordnete Lügen. Sie schneiden ihre Aussagen aber verständlicherweise aus Eigeninteresse sehr positiv zu.
    Ebenso wie ein Produkt in der Werbung nicht falsch aber stets durchweg Positiv beschrieben wird. Der Vergleich ist zulässig, weil die Eigenaussagen der Parteien genau das sind: Werbung.

    Eine fundierte Meinung kann man nur erhalten, wenn man sich ein eigens Urteil über tatsächliche politische Maßnahmen in konkreten Situationen bildet. Die schlechte Nachricht ist:
    Das geht nicht in 10 Minuten. Aber ich denke unsere Demokratie sollte uns doch mehr wert sein als alle 4 Jahre 10 Minuten.
    Und ich denke weiterhin, dass man die sich die Entscheidung wer die nächsten 4 Jahre unser Land regiert nicht vom Internet abnehmen lassen sollte.

    • Stimme ich dir zu. Ich denke aber, die Wahl-o-maten sind eine sinnvolle Ergänzung. Das vergleichsweise bezieht sich auf das Wählen aus dem Bauch heraus. Denn seien wir doch ehrlich: Viele Wähler wählen doch sonst auch nicht nach Wahlprogrammen, sondern nach anderen Kriterien, etwa aus Tradition, Sympathie mit einem Kandidaten beim TV-Duell oder weil sie Partei XYZ bei einem bestimmten Thema für kompetent halten.

      Außerdem: Es steht jedem frei, sich auch anderweitig mit den Parteiprogrammen auseinanderzusetzen.

  • Wie heißt es so schön: „Wenn wählen etwas ändern würde, wäre es schon lange verboten!“

    Das aktuelle politische Schaulaufen soll uns vorgaukeln, dass es einen Unterschied macht, ob wir die eine oder die andere Partei wählen. Wenn wir unser heutiges System zu dem von vor 30 Jahren vergleichen, so sind wir heute viel regulierter und es gibt viel mehr Verbote als früher. neue Gesetze und Verordnungen wachsen exponentiell und immer öfter kollidieren sie miteinander. Über 100 Bundesgesetze wurden in den vergangenen 12 Jahren vom Verfassungsgericht kassiert. Und je öfter wir die etablierten Parteien wählen, um so mehr Gesetze (die alles Verbote sind), wird es geben.

    Die Politiker werden noch immer neue Verbote finden, auch wenn es nichts mehr zu verbieten gibt.

  • Wer schreibt eigentlich mal etwas darüber was mit den Daten dieser „Wahl-o-maten“ geschieht?
    Schließlich lässt sich damit über die IP Adresse des Nutzers seine politische Einstellung und damit auch vermutliche Wahlentscheidung Ausforschen.
    Damit wäre das Wahlgeheimnis Aufgehoben und diese Angebote eventuell sogar strafbar, ganz Abgesehen von einer ebenfalls möglichen Politischen Beeinflussung mit einer zu gunsten bestimmter Partien manipulierter Software.
    Nun sollte niemand kommen das diese Daten keinerlei Begehrlichkeiten nicht nur bei den Partien wecken oder es keinen lukrativen Markt dafür gibt.

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