Digitale Nomaden

So fern und doch so nah: Auch digitale Nomaden schwelgen mal in Heimweh

Heimweh
geschrieben von Marinela Potor

Marinela Potor ist digitale Nomadin. Kein fester Wohnsitz, immer unterwegs, Leben auf Reisen. Für viele ein Traum, für andere ein Graus. Im Tagebuch einer digitalen Nomadin berichtet Marinela wöchentlich auf BASIC thinking von ihren Reisen, was es mit dem Leben aus dem Rucksack auf sich hat und warum es sich lohnen kann, auch mal über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Diesmal: Meine persönlichen Tipps zur Heimweh-Schwelgerei.

Liebes Tagebuch,

es gibt gefühlt 30 Trillionen Webseiten mit Tipps gegen Heimweh: für Aupairs, für Austauschstudenten, für Expats, für den ausgewanderten Hamster. Doch ich finde, wenn Heimweh nicht ein Symptom für andere, tiefere Probleme ist, kann man auch mal ruhig darin schwelgen – sogar als digitaler Nomade. Zugegeben, es kommt bei mir nicht sehr oft vor, dass ich mich nach dem deutschen Eintopf sehne (wenn schon, dann nach der deutschen Bratwurst), aber natürlich hat jeder von uns mal Momente, an denen uns unsere Heimat fehlt. So vermisse ich es auch ab und zu in Deutschland zu sein. Genau dagegen (oder dafür?) habe ich mein ganz persönliches Heimweh-Schwelgerei-Programm entwickelt, das ich an dieser Stelle mit euch teilen möchte.

Fernsehen

Es gibt zweifellos einige Klassiker in der deutschen TV-Landschaft, die keine noch so gute Game of Thrones-Episode ersetzen kann.

Tatort

Dazu gehört für mich der Tatort. Ich vermisse immer noch das gemeinschaftliche Tatort-Schauen in Kneipen zu Studentenzeiten oder Tatort-Sonntage mit meinen Eltern. Wenn man nicht gerade von deutschen Expats umzingelt ist, lässt sich dieses „ur-deutsche” Ritual nur schwer ersetzen. Aber immerhin kann ich über die Mediathek der ARD wenigstens im Nachhinein die Folgen nachschauen. Ich bin weit davon entfernt, jede Tatort-Folge im Ausland anzuschauen, dafür habe ich auch gar keine Zeit. Aber kaum etwas anderes lässt mich so schön im Heimweh schwelgen wie eine gute Tatort-Episode.

Germanys Next Topmodel

Wir kommen jetzt in eine ganz peinliche Region meines privaten Fernsehkonsums, aber was soll’s, ich will euch ja nichts verschweigen. Seit ich im Studium mit einer Gruppe von Freundinnen treu Heidi Klum und ihre Mädels Woche um Woche verfolgt habe, lässt mich die Show nicht mehr los. Jahrelang hatte ich hier aber ein furchtbares Dilemma, da ProSieben seine Mediathek nicht für Zuschauer mit ausländischen IP-Adressen zugänglich macht. Ich habe hier von fragwürdigen Streams bis hin zu Proxyservern so ziemlich alles probiert – bis ich mit dem Hola Add-On die Lösung all meiner Probleme gefunden hatte. Mit diesem Browser Add-On legt ihr euch einfach eine andere IP-Adresse zu (ihr könnt aus einer recht langen Länderliste auswählen) und so nicht nur Germany’s Next Topmodel schauen (es soll ja Menschen geben, die die Sendung nicht mögen), sondern auch andere Serien, die euch aus dem Ausland sonst verwehrt blieben.

Empfehlungen aus Deutschlands Mediatheken

Um das Niveau hier mal wieder aus dem Keller zu heben: Für Leute mit Geschmack gibt es auch noch Hellas und Davids wöchentliche Empfehlungen. Jeden Freitag, pünktlich zum Wochenende, kommen bei mir so viele gute Fernsehtipps ins Postfach geflattert. Die beiden machen sich die Mühe die deutschen Mediatheken nach interessanten Inhalten zu durchforsten – und liefern so viele spannende Fernsehtipps für digitale Nomaden, die wie ich mal in Heimweh schwelgen wollen.

Podcasts

Ich liebe Podcasts, Hörbücher und Hörspiele wahrscheinlich seit ich zum ersten Mal mit 6 Jahren meine allererste Bibi Blocksberg-Kassette gehört habe. Neben der kleinen Hexe, die ich tatsächlich immer noch zum Einschlafen höre, mag ich auch die gruselige Mystery-Hörspielreihe Gabriel Burns. Doch wann immer ich mich im Heimweh suhlen möchte, höre ich vor allem deutsche Radiopodcasts wie etwa Leute oder NDR 2 Spezial. Sie erinnern mich nicht nur daran, wie gerne ich Radio made in Germany mag, gerade wenn lokale Themen besprochen werden, ist es auch fast so als säße ich wieder in Deutschland in meiner alten WG-Küche.

Deutsche Küche

Um es mal vorweg zu sagen: Ich bin kein Fan der deftigen deutschen Küche. Braten in Sauce, Kartoffeltöpfe und Eisbein lassen mich völlig kalt. Aber so ab und zu vermisse ich (wie schätzungsweise 99,9 Prozent aller Deutschen im Ausland) das deutsche Vollkornbrot oder auch mal einen leckeren deutschen Kuchen. Ich habe auch schon oft Glühwein einfach selbst gemacht, wenn keiner um mich herum verstehen wollte, warum das unbedingt zur kalten Jahreszeit dazu gehört. Ich glaube aber, die wenigsten digitalen Nomaden stellen sich täglich an den Herd, um deutsche Rezepte nachzukochen und da schließe ich mich mit ein – dafür sind viele Gerichte im Ausland auch viel zu lecker. Wenn euch aber doch mal die Lust überkommt, findet ihr hier eine Menge Rezepte, oft sogar mit Tipps, wie man diese im Ausland anpassen kann (die Seite ist aufs Kochen in den USA spezialisiert, hat also auch eine praktische Umrechne-Tabelle für US-Maße). Perfekt, wenn man mal deutsch-kulinarisch schwelgen will. Warnung: hier geht’s wirklich sehr deutsch zu. Die Seite empfehle ich wirklich nur in sehr kleinen Dosierungen.

Oktoberfest

Fast überall auf der Welt, wohin Deutsche ausgewandert sind, haben sie auch einige ihrer Feste und Traditionen mitgenommen, allen voran das Oktoberfest. Ich gestehe auch, dass ich noch nie in München auf dem Oktoberfest war, wohl aber in Santiago, Memphis und Cincinnati. Deshalb habe ich auch das Gefühl, dass es an fast jedem Ort der Welt, egal ob mit oder ohne den Einfluss von deutschen Auswanderern, ein Oktoberfest gibt. Wer also in deutscher Feierstimmung ist, muss eigentlich nur seinen aktuellen Aufenthaltsort + Oktoberfest googeln und findet garantiert in nur wenigen Sekunden ein Oktoberfest in seiner Nähe. Die wenigsten davon sind wirklich authentisch, aber manchmal kann es auch einfach gut tun, sich sehr deutsch auf einem Fest zu fühlen, auf dem andere die deutsche Kultur zelebrieren.

Sprachaustausch

Wer gemeinsam mit anderen im Heimweh schwelgen will, dem kann ich nur deutsche Sprachaustausch-Gruppen empfehlen. Hier finden sich nicht nur andere Deutsche (mit denen ihr etwa  gemeinsam eine Tatort-Gruppe starten könnt), sondern auch viele Ausländer, die irgendwann mal in Deutschland gelebt haben und gerne mit euch in eurem Heimweh schwelgen werden. Die meisten dieser Gruppen organisieren sich auf Facebook. So könnt ihr recht schnell über die Suchfunktion die deutsche Sprachgruppe in eurer Stadt ausfindig machen.

Dürfen digitale Nomaden Heimweh haben?

Ich gebe zu, ich bin diesmal ein wenig schwarz-rot-golden und das ist wahrscheinlich so ziemlich das Gegenteil von dem, was man als digitaler Nomade verkörpern soll: Die Freude daran, nicht in der Heimat zu sein. Doch ich habe auch gemerkt, dass man oft erst in der Ferne merkt, was man an der eigenen Heimat schätzt. Das kann ein kühles Maß im Biergarten sein, die tollen Radwege oder eben der Tatort-Abend mit Freunden. Die meisten digitalen Nomaden sind tatsächlich sehr glücklich mit ihren Aufenthaltsorten – sie haben sich diese ja schließlich selbst ausgesucht. Doch gerade deshalb, finde ich, kann man es sich so ab und zu auch mal gönnen, im eigenen Heimweh zu schwelgen.

Wie seht ihr das? Darf man ab und zu mal dem Heimweh nachgeben oder sollte man sich dagegen wehren? Dürfen digitale Nomaden sich überhaupt über Heimweh beklagen oder ist das ein Luxusproblem? Und wie frönt ihr eurem Heimweh, wenn ihr im Ausland seid?

Ich freue mich wie immer auf eure Kommentare!

Dann bis nächste Woche – aus irgendeinem Winkel dieser Welt,

Eure Marinela

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor hat als klassische Radiojournalistin angefangen, und ist dann unklassisch (und nicht ganz freiwillig) zur digitalen Nomadin geworden. Seit 3 Jahren reist sie um die Welt und schreibt zu politischen, sozialen und digitalen Themen.

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