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Digitale Transformation im Fußball (4/5): Wearables & Spieldaten

Digitale Transformation im Fußball
geschrieben von Philipp Ostsieker

Die Begeisterung für Sport ist ungebrochen. Doch die Aufmerksamkeit von Fans und Sponsoren beschränkt sich längst nicht mehr nur auf das Ereignis oder den Spieltag selbst. E-Gaming, Start-up-Investitionen oder virale Vermarktungskampagnen – Philipp Ostsieker führt in seiner Kolumne Matchplan durch die innovativen Ideen der Sportbranche. Diesmal: Die digitale Transformation im Fußball.


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Nachdem in der letzten Woche das Thema “Audience Development” im Mittelpunkt stand, dreht sich der heutige Beitrag um das Thema Wearables in Kombination mit Spieldaten. Auch diesmal bilden die Überlegungen aus dem Report „Football’s digital transformation. Growth opportunities for football clubs in the digital age“ die inhaltliche Grundlage.

Die These: Wearable-Technologien und Spieldaten fördern neue Geschäftsmodelle, die ein höheres Fan-Engagement kreieren und digitale Marketingstrategien ausbauen, von denen Fußballvereine und Spieler profitieren können.

Die Kernaussagen:

  • Digitale Selbstmessung und Datenanalyse werden ein integraler Bestandteil unseres täglichen Lebens.
  • Video und Augmented-Reality-Wearables werden die Spielerfahrung wesentlich ändern.
  • Wearable-Technologien und Datenanalyse werden noch anspruchsvoller und bieten fortschrittliche Produkte, Dienste und Anwendungen.

Der Profifußball als Spätzünder

Man muss es sich einmal vorstellen: “Die Mannschaft” steht im EM-Endspiel 2016 und es geht ins Elfmeterschießen. Thomas Müller tritt zum entscheidenden Schuss an, die ganze Welt sieht zu. Die Anspannung in seinem Gesicht zu sehen, ist eine Sache, aber man stelle sich vor, dass es möglich wäre, seinen Herzschlag, die Geschwindigkeit seines Anlaufs oder seine Schusskraft in Echtzeit messen zu können. Das klingt stark nach einer Partie FIFA 16, aber es könnte tatsächlich die Zukunft des Fußballs darstellen.

Schon seit einigen Jahren tragen Profifußballer Tracking-Geräte im Training, damit ihre Trainer einschätzen können, wer in guter Form ist und wer sich nicht ausreichend auf das Trainingslager vorbereitet hat. Im Wettkampf “auf’m Platz” sind derartige Geräte allerdings noch nicht erlaubt. Das einzige Wearable, das auf Fußballplätzen zu finden ist, ist ggf. die Uhr des Schiedsrichters, die vibriert, sobald ein Tor gefallen ist.

Im direkten Vergleich mit Sportarten wie Rugby oder American Football ist Fußball in Sachen Wearables zurückgeblieben. Die NFL beispielsweise kündigte schon 2014 an,  Spieler zu tracken und die entsprechenden Daten zu Geschwindigkeit, Laufleistung, Anstrengung und Ermüdung direkt an die TV-Sender zu senden.

Damit sich auch für professionelle Fußballklubs neue Chancen ergeben, prüft die IFAB (International Football Association Board) als verantwortliche Institution für Fußballregeln, den Einsatz von Geräten während der Spiele. Einige Klubs nutzen bereits verschiedene Tracking-Geräte in Freundschaftsspielen. Damit im Wettbewerb niemand bevorteilt wird, prüft der Weltverband FIFA gemeinsam mit der IFAB nun die Einführung eines verbindlichen Standards.

Viele der Ansätze sind nur den großen Ligen und Klubs vorbehalten. Für Amateurfußballer könnte zum Beispiel der miCoach Smart Ball* interessant sein, der Informationen zu Schüssen und Ballberührungen via App auf das eigene Smartphone senden kann.

Die Premier League als First Mover für Wearables im Fußball

Wie bei den meisten anderen Themen im Rahmen der digitalen Transformationen können vor allem die europäischen Top-Klubs, speziell in der Premier League, punkten. Manchester City zeigt auf dem klubeigenen YouTube-Channel beispielsweise die verschiedenen Spiel-Perspektiven seiner Stars Samir Nasir, Carlos Tevez sowie Torhüter Joe Hart mit einer GoPro-Kamera – dies allerdings „nur“ im Training.

Ein spannendes Beispiel für einen sportlich eher mittelmäßigen, aber dafür sehr innovativen Klub stellt der FC Southampton dar. “The Saints” haben sich innerhalb der letzten Jahre im Schatten der großen Klubs zu einer ernstzunehmenden Talent-Schmiede entwickelt. Spieler wie Gareth Bale, Theo Walcott, Alex Oxlade-Chamberlain oder Luke Shaw zählen zu den größten britischen Jung-Stars der letzten Jahre. Während die meisten Wettbewerber mittlerweile vom Geld der großen Investoren profitieren, setzt der FC Southampton vor allem auf Technologie und Innovationskraft. Ähnlich der Buchverfilmung Moneyball hat man schon sehr früh erkannt, dass in der konsequenten Erhebung und Analyse von Daten eine große Chance besteht, um die Performance neuer Spieler detailliert zu bewerten sowie bestehender Spieler nachhaltig zu verbessern.

Der Klub beschäftigt mittlerweile eine eigene Abteilung, die sich ausschließlich Sportwissenschaften und -analyse beschäftigt und hat dabei eine Reihe neuer Technologien und Systeme eingeführt. Grob zusammengefasst entstehen Erkenntnisse aus der Herzfrequenzmessung, iPad-basierten personalisierten Berichten zur Gefühlslage und Schlafqualität der Spieler, verschiedenen biomechanischen Daten sowie regelmäßigen Blut- und Urinproben. Von großer Bedeutung ist u.a. eine Partnerschaft mit der Firma Garvin.

„We are Southampton, we don’t just buy success, we breed it.“ (Southampton Manifesto)

Der Ausblick: Google Glass oder Oculus Rift für Zweikampf und Dribbling?

Auch wenn Wearables im Fußball noch nicht flächendeckend angekommen sind, die ersten Beispiele sind ein weiteres Indiz für den großen Stellenwert von Datenanalysen im Profisport. Die daraus resultierenden Möglichkeiten scheinen unendlich zu sein. Aber wie so oft, ist es nicht ganz so einfach – zumindest nicht für alle Klubs. Neue Technologien sind teuer und während Klubs wie der FC Southampton ein innovative First Mover sind, wird bei vielen anderen Klubs der Geldbeutel entscheiden, wann und ob die Anwendung überhaupt zu realisieren ist. Die Unterschiede könnten wie bei vielen anderen strategischen Themen eklatant sein.

Dennoch wird die Thematik kurzfristig wohl noch nicht im Wettkampf relevant sein: Wenn man bedenkt, dass die FIFA bislang noch nicht in der Lage gewesen ist, einen einheitlichen Standard für die Torlinientechnologie zu entwickeln, diese auch noch nicht in der Champions League implementiert ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch die offizielle Einführung noch auf sich warten lassen wird. Kurzfristig ist die digitale Selbstmessung und Datenanalyse in der Trainingsarbeit sehr interessant. Wie groß der tatsächliche Einfluss auf die Leistungsbewertung von Spielern für Aufstellungen und Taktik ist, bleibt aber eher unklar.

Die Art und Weise der Datenerhebung aus offiziellen Spielen heraus, ist noch nicht eindeutig definiert. Aktuell stehen vor allem Brustgurte wie etwa das Modell Catapult OptimEye G5 im Fokus. GoPro-Ansätze wie beim Beispiel Manchester City können interessant werden, sobald Kameras und Sensoren noch wesentlich kleiner werden und die Spieler nicht negativ in ihren Bewegungen beeinflussen. Sobald sich diese Form etabliert hat, kann auch eine Echtzeit-Auslieferung der Daten an die Zuschauer im Stadion oder vor dem TV interessant werden.


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Über den Autor

Philipp Ostsieker

Philipp Ostsieker ist Medienmanager und Digitalstratege aus Hamburg. Neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit schreibt Philipp für BASIC thinking die Kolumne „Matchplan“, in der er über den Tellerrand blickt und durch die innovativen Ideen der Sportbranche führt.

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