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RoboCup 2016 in Deutschland: Fußball-Weltmeisterschaft für R2D2s

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geschrieben von Markus Werner

Die Roboter haben Leipzig erobert! Vergangene Woche fand der RoboCup 2016 in den Messehallen des neuen Messegeländes statt. Es gab viel zu entdecken und zu bestaunen. Vier Tage lang spannende Fußballspiele und andere packende Turniere aus den Bereichen Industrie, Logistik, Rettung, @Home und On Stage. Wir waren für euch dabei.


Hinweis: Hier findest du unsere Bildergalerie vom Event.


Letzte Woche, genauer gesagt vom 30.06. – 04.07.2016, fand in Leipzig der RoboCup 2016 statt. Das Congress Center Leipzig (CCL) und zwei Messehallen des neuen Messegeländes boten die perfekte Location für die Weltmeisterschaft der Roboter. Vier Tage nonstop Roboter, spannende Wettbewerbe und irre viel Spaß. So lässt sich der diesjährige RoboCup wohl am besten beschreiben. Das Turnier fand bereits zum 20. Mal statt, das zweite Mal in Deutschland. Zuletzt waren die Roboter 2006, parallel zur Fußball-WM, in Bremen zu Gast. Erdacht wurde der RoboCup 1995 von fünf Japanern und 1997 erstmals ausgetragen.

Damals wie heute ging es vordergründig um Fußball. Zum Startschuss wurden die Wettkämpfe in den Kategorien 2D-Simulation, Small Size und Middle Size ausgetragen. Im Laufe der Jahre haben sich weitere Kategorien etabliert, sodass der Roboterfußball heute in allen Größen und Formen vertreten ist. Neben dem Fußball bietet der RoboCup inzwischen auch Wettbewerbe in den Bereichen Rettung, Zu Hause, Industrie, Arbeit, Logistik und Show. Ein richtig buntes Event, dass Roboter in all ihren Fassetten zeigt. Der Cup ist mittlerweile ein wichtiger Motor für die Entwicklung der Roboter in der Wirtschaft geworden.

Fußball, soweit das Auge reich

Auch 2016 steht der Roboterfußball im zentralen Mittelfeld. Eine ganze Halle bot Platz für die spannenden Fußballwettkämpfe der Roboter. Die Turniere sind sehr vielfältig und es macht richtig Spaß den kleinen und großen Kandidaten zuzuschauen. Wie echte Fußballprofis müssen auch sie vor einem wichtigen Spiel trainieren, damit sie dann auch als Mannschaft zusammenspielen und am Ende Tore schießen.

Denn die quirligen Roboterkicker bewegen sich autonom. Selbst wenn der Menschentrainer ihnen zuruft „Jetzt schieß doch mal!“, wird das den Roboter nicht interessieren. Er hat durch seine Programmierung klare Befehle und führt diese aus.

Action in der Standard Platform League

Nervenzerreißende Drahtseilhochspannung gibt es gleich zu Beginn in der Standard Platform Leauge. Die Naos, so heißen diese kleinen Roboter, sind wahre Dramaqueens und Ballkünstler zugleich. Eine Halbzeit dauert 10 Minuten. Nach dem Anpfiff geht es darum, den Ball möglichst schnell zu finden. Das ist mitunter keine leichte Aufgabe.

Hat ein Nao den Ball entdeckt, beginnt das wirkliche Spiel. Jetzt geht es darum Tore zu machen. Gemächlich passen die Naos sich den Ball zu, belagern sich und rücken langsam zu einem der Tore vor. Mit etwas Glück und Gespür folgt bald ein Torschuss.

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Fußballspiel mit den Naos in der Standard Platform League (Klick zur Bildergalerie)

Es kommt öfter mal vor, dass ein Nao umfällt. Doch die kleinen wissen, wie sie wieder auf die Beine kommen. Das schaut sogar echt elegant aus. Klappt aber auch nicht immer und manchmal plumpst der Nao abermals zu Boden, bis er aus dem Spiel genommen wird. Wie im echten Leben, lässt auch die Leistung der Naos im Spielverlauf nach – sie werden heiß. Deshalb werden sie in der Halbzeitpause auch gut gekühlt.

Packende Spiele auch in den anderen Fußball-Ligen

Die Naos haben mich ganz besonders fasziniert, sodass ich mir da die meisten Spiele angeschaut habe. Aber auch die anderen Ligen boten spannende Spiele. In der Simulation League stellten die Mannschaften in 2D und 3D Spielen ihr Können unter Beweis. Hier muss alles richtig geplant werden und erinnert ein wenig an FIFA oder PES. Die Roboter in der Small Size League sind klein, rund und blitzschnell. Wer also auf rasante Action steht, der ist hier genau richtig.

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Fußballspiel in der Middle Size League (Klick zur Bildergalerie)

Ähnlich turbulent geht es auch in der Middle Size League her. Die Spieler sind jedoch deutlich größer und robuster. Hier knallt es auch mal ordentlich. Doch wirklich menschlich sehen beide Roboter aus diesen Kategorien nicht aus. Da muss man schon die Spiele aus der Humanoid League verfolgen. Die menschenähnlichen Roboter treten in drei Größenklassen gegeneinander an. Sogar auf Kunstrasen und nicht, wie die anderen auf einem Teppich. Achtung, nicht stolpern.

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Roboter in der Humanoid League beim Training (Klick zur Bildergalerie)

Roboter in der Logistik und der Industrie

In der zweiten Messehalle wurden ebenfalls Wettkämpfe ausgetragen. Hier ging es nicht um Fußball, sondern um den Einsatz von Robotern in der Industrie, Logistik, Arbeit, zu Hause oder aber in der Rettung. Gerade in der Industrie werden bereits seit vielen Jahren Montagearme etc. eingesetzt. Zum ersten Mal wurde die Amazon Picking Challenge auf dem RoboCup veranstaltet. Die Teams aus aller Welt kämpften in den Turnieren darum, dass ihre Greifarme schnell und fehlerfrei Sachen einsortieren.

Für den Industriebereich wurde eine Produktionsstraße nachgebaut. Aber kein Fließband, wie man es heute noch kennt, sondern vollkommen frei. Darin bewegen sich Roboter mit Greifarmen autonom und bringen unter anderem Gegenstände von A nach B.

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KukaBot beim RoboCup@Work (Klick zur Bildergalerie)

Noch deutlicher wird diese neue Zukunft bei dem Turnier RoboCup@Work. Fahrende Roboter mit einem Greifarm und einer Ablagemöglichkeit müssen einen Hindernisparcour bewältigen, Gegenstände finden, greifen und an der richtigen Position ablegen – alles autonom. Eine Anspruchsvolle Aufgabe.

Um die Arenen herum haben sich viele Unternehmen (zumeist Sponsoren) versammelt. Sie boten ausreichend Hintergrundinformationen und präsentieren ihren eigenen Entwicklungsstand. Beispielsweise DHL arbeitet selbst an einem Greifarm, der von einem Menschen angelernt wird, und danach selbstständig Paket greift und ablegt.

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DHL-Greifarm greift DHL-Mitarbeitern unter die Arme (Klick zur Bildergalerie)

Lebensretter draußen und drinnen

Bald leben wir mit Robotern Hand in Hand. Was wie Science Fiction klingt, wird in der Tat in einigen Jahren Wirklichkeit sein. Der RoboCup gibt uns einen ersten Vorgeschmack auf die Zukunft bzw. im Grunde schon die Gegenwart. Ende 2017 sollen erste serienmäßige Roboter auf den Markt kommen, die alten Menschen im Alltag unterstützen sollen.

Auch auf dem RoboCup ist dies ein wichtiges Thema. Im Home-Bereich müssen die Roboter der Teams die verschiedensten Aufgaben lösen. Zugleich sind die Wettbewerbe dazu da, um neue Testverfahren zu erproben und neue Erkenntnisse für einen Einsatz außerhalb des Labors zu gewinnen.

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Roboter beim RoboCup Rescue in Aktion (Klick zur Bildergalerie)

Gleiches gilt für die Nutzung von Robotern in der Rettung. In gefährlichen Situationen sind Roboter oftmals die bessere Wahl. In den Wettbewerben soll daher auch erprobt werden, wie sich die Roboter auf Kies, uneben Flächen, in engen Räumen etc. verhalten. Im „Kinderbereich“ erproben sogar schon die Jüngsten mit kleinen Rescue-Robotern ihr Können. Ihre winzigen Roboter müssen, ähnlich wie ihre großen Brüder, Hindernisse überwinden oder sich ihren Weg durch ein Labyrinth bahnen.

On Stage: The Show must go on

Roboter lieben die Bühne, ja, wirklich! Zusammen mit den Kindern rocken sie förmlich die Bühne. Zugleich bot sich uns so eine gute Chance, uns den Robotern spielerisch zu nähern. Die Teams entwickeln passend zu einem Thema einen kleinen Show Act, bei dem sie die Roboter miteinbeziehen. Eine tolle Möglichkeit, um mit Robotern in Kontakt zu kommen und Barrieren zu überwinden.

Ich habe mir auf dem RoboCup auch öfter die Frage gestellt, wie schaut es mit meiner Akzeptanz aus? Wie gehe ich auf Roboter zu? Als Mensch betrachte ich sie nicht, sie haben keine Seele, aber sie sind uns in vielen Dingen so ähnlich und teilweise auch menschlich.

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Kinder bereiten ihre Roboter für ihren Bühnenauftritt vor (Klick zur Bildergalerie)

Roboter sind genauso Wesen, wie du und ich. Aber diese Überwindung aufzubringen wird wohl der schwierigste Schritt für die Menschheit werden. Abseits der Bühne, rockte in der ersten Halle der humanoide Roboter Pepper insgeheim die Messehalle. Pepper kann reden, zuhören, singen, tanzen und noch einiges mehr. Ein wirklich beeindruckender Robo-Kumpel. Selbst die Jüngsten von uns waren von Pepper regelrecht fasziniert.

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Pepper ist der heimliche Star, auch bei unseren Jüngsten (Klick zur Bildergalerie)

Wie das Zusammenleben mit einem Roboter zukünftig aussehen könnte, zeigt eindrucksvoll eine Spiegel-Fotostrecke über die Freundschaft zwischen Pepper und der Japanerin Tomomi Ota. Sie nimmt den gerade mal 1,20 Meter großen und 30 Kilo schweren Roboter überall mit hin. Wir halten das für irre, bekloppt oder einfach nur faszinierend. Die Japaner sind uns aber in jedem Fall immer einen Schritt voraus. Sie denken sehr viel zukunftsorientierter und abgedrehter als wir hierzulande.

Viele Bildungs- und Informationsmöglichkeiten

In beiden Hallen und auch dem CCL bot der Cup neben all seinen Turnieren auch reichlich Möglichkeiten, um sich über den aktuellen Stand der Robotertechnologie zu informieren. Namenhafte Hersteller, wie beispielsweise Kuka, Maxon Motors oder Siemens waren vertreten. Auch das Aufgebot an Bildungsträgern war groß. Die hiesige Agentur für Arbeit, die IHK zu Leipzig, die HTWK Leipzig etc. informierten speziell über Ausbildungen und Studiengänge in diesem Bereich. Wer Lust hatte, konnte an einigen Workshops teilnehmen, um sich dem Thema Roboter anzunähern.

Mein persönliches Fazit vom RoboCup 2016

Das waren wirklich vier unglaubliche Tage für mich. Wie eine Reise in eine neue Welt, die Zukunft, aufregend, spannend und doch bereits Realität. Nicht nur in den beiden Messehallen, aber trotz alledem noch gut vor unseren Augen „verborgen“. Ich fand es besonders schön, dass auf dem RoboCup unter den Besuchern und auch Teilnehmern wirklich alle Altersgruppen vertreten waren. Ein tolles Event, um mit Robotern (weiter) in Kontakt zu kommen. Die Vorstufen dieser Technologie haben wir schon heute: Smart Home, Computer, Smartphone, Assistenzsysteme in Autos usw.

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Produktionsstraße der Industrial League (Klick zur Bildergalerie)

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis uns auch Roboter in unserem Alltag allgegenwärtig unterstützen und noch rund 34 Jahre, bis die erste Roboter-Mannschaft den dann amtierenden menschlichen Fußballweltmeister herausfordern wird. Lassen wir uns überraschen!


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Über den Autor

Markus Werner

Markus Werner (reraiseace) ist angehender Journalist und Fernstudent am Deutschen Journalistenkolleg. Er schreibt regelmäßig für SCREENGUIDE, BASIC thinking und seinen eigenen Blog reraise.eu über Android, IT Security, Netzpolitik und Webdesign.

2 Kommentare

  • Guter Artikel, anzumerken sei aber das es einen eigenen Bereich Robocup Junior gibt, für Schüler unter 20 Jahren. Hier messen sich Schüler in den Kategorien Soccer, Rescue und OnStage. Kinder „spielen“ also nicht nur mit den Robotern auf der Bühne, sondern entwickeln hochwertige und komplexe Roboter in den Rescue und Soccer Ligen.

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