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Das Rennen um unsere Mobilität: Wer zerstört Mercedes?

Tesla Model S (Bild: Tesla)
Bild: Tesla
geschrieben von Guido Augustin

Elektroautos sind das Zukunftsthema schlechthin, wenn es um unsere Mobilität geht. BASIC thinking-Kolumnist Guido Augustin fragt sich: Wo kommen die Innovationen der Automobilbranche her und wieso wächst Künstliche Intelligenz eigentlich nicht an Neckar, Inn, Rhein oder Aller? Ein Kommentar.

Mercedes hat auf dem Pariser Autosalon seine Roadmap für Elektroautos bekannt gegeben. Die Resonanz war riesig, PR können sie. Doch können sie auch überleben? „Das Imperium schlägt zurück“ war eine häufig verwendete Floskel. Ich bleibe skeptisch, denn die disruptiven Kräften unserer Zeit sind extrem stark und unsere Autokonzerne sind extrem träge. Wer sich heute schon von der so genannten Digitalisierung überfordert fühlt, dem sei gesagt: Das ist erst der erste Tag. Und die Geschwindigkeit nimmt ständig zu.

Tatsächlich ist Disruption ja nichts Neues. Schon Joseph Schumpeter beschrieb das Phänomen in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, wobei die „schöpferische Zerstörung“ als Wesenselement des Kapitalismus schon bei Marx vorkommt. Altes muss demnach zerstört werden, damit Neues entstehen kann.

Kodak ist weg vom Fenster, ihr Businessmodell gab es plötzlich (weltgeschichtlich geschehen) nicht mehr. Interessanterweise war digitale Fotografie bereits in den 70ern erfunden worden, es hat dann noch ein wenig gedauert, bis praktisch niemand mehr Fotos auf Papier haben wollte. Ich habe vor ein paar Wochen schon einmal über todgeweihte Branchen geschrieben – nicht kritiklos. Für Angehörige dieser Branchen nicht schön zu lesen, aber das Phänomen, dass die Digitalisierung Businessmodelle und ganze Branchen zerstört, bleibt dennoch bestehen.

Software zerstört Branchen

IBM hat eine Maschine namens Watson gebaut, die auf Basis kognitiver Intelligenz Erstaunliches leistet: Rechtsberatung zum Beispiel, oder medizinische Analysen mit einer Genauigkeit, die jene von Menschen bei weitem übertrifft. Was bedeutet das, wenn mein Kind gerade ein Jura-Studium aufgenommen hat? Was bedeutet es wohl für Autoversicherungen, wenn unsere Mobilität von richtig schlauen Maschinen gesteuert wird und es praktisch keine Unfälle mehr gibt? Meine Enkel werden nicht mehr wissen, was ein Führerschein ist, weil sie bei Bedarf ein Verkehrsmittel rufen werden, dass sie von A nach B bringt, das sie weder kaufen noch warten noch parken müssen.

Dieser Tage habe ich einen Vortrag vor Inhabern von Dentallaboren gehalten. Gerade noch rechtzeitig, denn in ein paar Jahren trinken der Chef des einen verbliebenen Spezialisten und ich lieber einen Tee zusammen. Denn jetzt kommen Geräte auf den Markt, die das Gros der Labore schlicht überflüssig machen: Mundscanner analysieren in Sekunden das Zahnbild, messen den Beißdruck zwischen Zahnpärchen, diagnostizieren gleich den Zustand von Zahnfleisch, Schmelz und Zähnen – unterstützen also den Zahnarzt. Wenn Zahnersatz gebraucht wird, gehen die Daten in den 3D-Drucker im Nebenzimmer, der Patient geht ohne den fiesen Geschmack der Abdruckknete einen Kaffee trinken und hinterher setzt der Zahnarzt den passenden Zahnersatz ein. Wo war nochmal das Labor in dem Prozess?

Der Killer kommt nicht aus der Familie

Dabei kommen die Zerstörungen zumeist nicht von den bisherigen Marktlöwen. Ist ja auch logisch, die haben ja richtig viel zu verlieren. Es braucht schon extrem gute Nerven, viel Verzweiflung und enorme Agilität, das eigene Business zu zerstören – auch wenn für viele gerade darin die womöglich einzige Rettungschance liegt. Ich erinnere an eine Frühform dieses Prinzips, als IT-getriebene Startups in den 90ern begannen, Anzeigen für Autos, Jobs und Immobilien online zu bringen. Die Zeitungsverleger waren erst amüsiert, dann alarmiert, heute sind sie frustriert und viele schon balsamiert.

Zurück zum Automobilmarkt: Daimler-Chef Dieter Zetsche zog in Paris Jeans, Sneaker und ja keine Krawatte an, um Bloomberg im Interview zu sagen, es gebe bei der Umsetzung der neuen Pläne keine Restriktionen. Damit meint er vielleicht, dass die Entwicklerteams alle Freiheiten haben. Doch was ist mit der Motorenproduktion, den Mitarbeitern, den Aktionären, den Händlern, der Ersatzteilkette und dem ganzen Rest werthaltigen und teuren Bestandes? Aus diesen Ecken kommen sehr wohl jede Menge Restriktionen-Träger, die naturgemäß verhindern wollen, dass Daimler sein Geschäft zerstört, um es an anderer Stelle neu zu erfinden. Und wenn es soweit ist, dass wir mit einem Fingerschnippen bestimmen können, wie unser Auto für andere aussehen soll, ist es eh vorbei mit den rollenden Statussymbolen. Wann das soweit ist? Jetzt!

Künstliche Intelligenz wächst am besten in den USA

Dieses Problem haben Amazon, Google, Microsoft, IBM und Facebook nicht – um nur die bekanntesten Gesichter einer mächtigen softwaregetriebenen Industrieentwicklung zu nennen, in deren Zentrum Künstliche Intelligenz steht. Ich fürchte, dass wir Europäer hier schon jetzt massiv hinterherhinken und der Abstand sich eher vergrößern denn verkleinern wird – nicht zuletzt, weil die fünf Genannten nun gemeinsame Sache machen.

Es ist nicht entscheidend, aber doch symptomatisch, dass Mercedes für 2020 Fahrzeuge ankündigt, die über Eckdaten verfügen, die heute schon auf Straßen rollen – unter der Make Tesla nämlich. Ich weiß nicht, welches Tesla das Rennen um unsere Mobilität (es geht ja gar nicht ums Auto) gewinnen wird, ob es Elon Musks Bude ist oder irgendeine andere, aber ich fürchte, dass sie nicht an Neckar, Inn, Rhein oder Aller stehen wird.


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Über den Autor

Guido Augustin

Guido Augustin ist Geschäftsführer Kommunikation bei dem analysebasierten Beratungsunternehmen forum! Für „Guidos Wochenpost“ schreibt er über tolle Texte, mehr Geschäft und ein schöneres Leben. „Guidos Wochenpost“ kann man hier abonnieren.

7 Kommentare

  • ich bin auch verblüfft, mit welcher a****ruhe sich die deutschen autohersteller um die elektromobilität kümmern. denn die innovationszyklen haben sich im unterschied zum letzten jahrhundert noch einmal beschleunigt… 2020, 2025, das sind im zeitalter der digitalisierung epochen! und wenn dann vw und mercedes endlich modelle draussen haben, produziert tesla schon um die 3. oder 4. generation, hat die volumenproduktion DOWN und kann sich um absolute martktpenetration kümmern. goodbye germany…

    • Bitte nicht Hardware und Software durcheinander werfen. In der Hardware geht Tesla sehr sehr ähnliche Zyklen wie etablierte Hersteller: 3-4 Jahre von Neuvorstellungen zu Modellpflege und dann nochmal zur neuvorstellung, die bei Tesla noch für jedes Modell aussteht.

      Hardware ist mehr als ein Haufen Bits und Bytes und braucht in JEDER Branche eine ganze Weile um erwachsen zu werden. Insbesondere bei Autos ist die Sicherheit essentiell und die Absicherung der Sicherheit alleine dauert (wenn alle Hardware fertig designt ist!) etwa 6-12 Monate. Dazu kommt noch produktionshochlauf von 3-6 Monaten…

      Selbst bei Smartphones dauert die Entwicklung 2-3 Jahre vom Anfang der chipdesigns bis Produktion des Gerätes.

      Trotzdem müssen die alten Konzerne aufwachen und Innovation fördern und hierfür weg vom quasi-beamtentum. Ah und die Aktionäre müssen auch bei etablierten Konzernen aufhören nur auf Rendite zu schauen. Machen sie ja bei Tesla und co auch eher weniger.

      • ja und ja. und trotzdem: mit dem elektroauto bewegt sich individuelle mobilität massiv weg von der hardware hin zur software. der ganze antriebsstrang wird zum wartungsarmen modulbaukasten, prototyping ist keine sache von jahren mehr, die innovationen werden bald hauptsächlich auf der softwareseite stattfinden – siehe tesla mit seinen OTA-updates. im handysektor ist es ähnlich, hersteller aus der 2. und 3. reihe haben in den letzten jahren schnell und schlagkräftig marktanteile gewonnen.

  • Witzigerweise habe ich bereits eine Zahnkrone aus dem 3-D-Drucker im Mund. Hauptnachteil: Krankenversicherung hat es nicht gezahlt. Begründung: Steht so nicht in der Gebührenordnung. Dabei wäre eine konventionelle Lösung mit mehreren Schritten (Abdrücke, Provisorium, Labor, anpassen) auch nicht billiger gewesen, aber zeitlich viel aufwändiger (und für mich deutlich unangenehmer – was zeigt, dass die Versicherung mich im Grunde nicht als „Kunden“ versteht).

    Ich halte das Vorgehen der Krankenversicherung durchaus für ein Symptom, dass nicht untypisch für Deutschland ist, und damit eine Teilanwort auf die Frage, warum bestimmte Dinge „an Neckar, Inn, Rhein oder Aller“ nicht ganz so gut funktionieren, wie man es sich wünschen sollte – auch wenn Daimler keine Versicherung ist, verhält man sich oft ähnlich behäbig und selbstsicher.

  • Ich bin auch mal gespannt wie das weitergeht. Hoffe auch die deutschen Hersteller werden bald die Richtung von Tesla einschlagen um auch da mal etwas „Vorsprung durch Technik“ zu haben.

  • das größte Problem für die „alten“ Player ist immer wieder das gleiche: „innovator’s dilemma“. Es ist bekannt, es gibt ein Buch mit dem Titel (und auch eines „Innovator’s Solution“) und dennoch ist es unfassbar schwer, aus der Falle herauszukommen.
    Die Falle ist: Verschiebung der Umsatz- und Investitionsanteile.
    Du hast ein altes Produkt A, das vom Markt sehr gut aufgenommen wird, Du bist einer der Marktführer, Dein Image ist hervorragend und Deine Kompetenz im Markt für A Produkte gilt allgemein als führend.
    Nun kommt ein Herausforderer mit einem neuen Produkt N auf den Markt. Es erfüllt den gleichen Zweck wie dein Produkt A, allerdings verwendet es in irgendeiner Weise disruptive Technologie. Technologie, die heute in Deinem Portfolio bestenfalls eine Nebenrolle spielt. Am Anfang ist Produkt N noch in den Kinderschuhen, es kann nur einen winzigen Teil dessen, was Produkt A kann, Du entwickelst Produkt A immer weiter, um deine Kompetenz zu zeigen, gleichzeitig entwickelt Dein Mitbewerber Produkt N immer weiter. Beide Produkte erreichen ungekannte Leistungsfähigkeit, aber während Produkt A sich dabei in Sphären entwickelt, die kein Kunde mehr braucht, trifft Produkt N zunehmend den Bedarf der Kunden und hat zudem noch alle Vorteile, die sich aus seiner disruptiven Technologie ergeben.
    Irgendwann musst Du Dich als Hersteller des alten Produktes mit der neuen Technologie auseinandersetzen. Du must in die neue, disruptive Technologie investieren. Allerdings sind Dein Image und Dein Unternehmensgewinn noch an die alte Technologie gekoppelt, dort ist Deine Kernkompetenz und dort sehen Dich Deine Kunden. Wenn Du massiv in die neue Technologie investieren willst tust Du damit zwei Dinge: erstens, Du nimmst Mittel von Deinem Zugpferd weg, vernachlässigst das Produkt, dass Deine Produktioskapazitäten auslastet und Deinen großen Mitarbeiterstab bezahlt, zweitens Du sendest ein Signal an die Kunden, dass Produkt N die Zukunft ist. Beides zusammen kann dazu führen, dass Dir Dein Umsatz signifikant einbricht, bevor Du in der lage bist, ihn mit einem neuen Produkt basierend auf der neuen Technologie aufzufangen. Zudem bist Du an dieser Stelle nicht mehr der führende Player im Markt, denn Du hast ja erst spät angefangen, diese neue Technologie einzusetzen.
    Kurz: es ist für Unternehmen unfassbar schwer, im vollen Galopp die Pferde zu wechseln, besonders, wenn das neue Pferd am Anfang nur ein Fohlen ist, und das alte noch gut läuft.

    pj

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