Digitales

Hören/Sagen: Podcasts – Kritiken, neue Apps, Hör-Tipps

geschrieben von Sandro Schroeder

„Video killed the radio star“, da ist noch immer was dran. Doch Podcasts und andere Audio-Formate werden immer beliebter. In der Serie Hören/Sagen berichtet Sandro Schroeder über Neuigkeiten, Hör-Tipps und Macher aus der Audio-Welt.

Kurz zusammengefasst – Ausgabe 10


Neuigkeiten

Podcasts verdienen echte Kritiken

Review me, if you can: „Wir wünschen uns, dass Radio/Podcasting mehr Anerkennung bekommt – durch sorgfältige Rezensionen, Kritiken und die tiefergehende Auseinandersetzung mit Stilen und Trends“, so heißt es in einem Manifesto des Third Coast International Audio Festival.

Die Autoren verlangen, dass Podcasts im speziellen und Audio generell mehr Aufmerksamkeit von den Kritikern bekommen. Sie stören sich an den oberflächlichen Top10/Top50-Aufstellungen des Monats/des Jahres und wünschen sich von den Medien eine echte Kritik-Kultur, wie sie bei anderen (Kunst-)Formen längst etabliert ist.

Allerdings haben in meiner Wahrnehmung selbst die Kritiken sowie die Berichterstattung zu Podcasts genau das selbe Entdeckungsproblem, mit dem auch das Medium Podcast derzeit noch kämpft: selbst das geneigte Publikum muss aktiv nach neuen und guten Inhalten suchen, leicht auffindbar sind sie nicht. Auch deswegen möchte ich mich an dieser Stelle an einer (nicht vollständigen) Empfehlung für liebevolle Podcast-Empfehlungen versuchen:

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Online-Medien/Blogs/Print

Audio

Über weitere Tipps zu reflektierten Empfehlungen/Kritiken zu Audio-on-Demand und Podcasts freue ich mich, ganz gleich ob von deutsch- oder englischsprachigen Medien. Hinweise nehme ich in den Artikel-Kommentaren oder per Tweet an @saschroeder entgegen und ergänze die Aufstellung fortlaufend. (Dank an: Dirk Primbs, Nele Heise)

Rheinische Post mit Podcasts

In den USA haben mittlerweile viele Print- und Online-Medien verstanden, dass sich ein Podcast-Angebot lohnen kann – zwar nicht finanziell, aber um die Marke zu stärken und den loyalen Nutzern ein weiteren Kanal zu bieten. In Deutschland setzen derweil noch viele großen Medien eher auf die steife Vertonung ihrer Texte durch externe Sprecher, anstatt selbst und redaktionsintern authentisches (Zusatz-)Audiomaterial aufzunehmen.

Die Rheinische Post hat den Zeitgeist erkannt, schließlich leitet mit Daniel Fiene ein Radio-Profi das Audience Engagement. Vier Podcasts stehen deswegen nun im Angebot der RP: Der „Aufwacher“ ist ein klassisches Nachrichten-Update für den Morgen, dazu gesellt sich mit „@fiene und Herr Bröcker“ ein Gesprächspodcast mit dem Chefredakteur. Dazu kommen noch die „Sendung mit dem Internet“ und der Podcast „Gut leben“ über Themen, die „unser Leben besser machen“.

Bleibt zu wünschen, dass auch große und überregionale Redaktionen in Hamburg und Berlin endlich das Potenzial von Podcasts entdecken. So zeigt beispielsweise die breite Resonanz zur „Lage der Nation„, dass durchaus ein interessiertes Publikum auf hintergründige Politik- und Nachrichten-Besprechungen wartet. I’m looking at you, Spiegel Online und Zeit Online!


Personalisierte Audio-Apps: NPR One, 60dB, Bayern 2

Auf den ersten Blick scheint die Auswahl beliebig, denn was können die Apps eines privaten Startups, des öffentlichen US-Radios und einer deutschen Regionalwelle schon gemeinsam haben?

Die Antwort: Alle drei Apps versuchen, Audio und Podcasts flexibler sowie individueller auszuspielen. Egal ob NPR One, 60dB oder Bayern 2 – die App-Konzepte verbindet eine breite Auswahl an Inhalten, die aber gleichzeitig den individuellen Hör-Geschmack in den Vordergrund stellt und den Nutzern per Skip-Button mehr Programm-Macht verleihen. Ein Überblick.

Personalisiertes Public Radio: NPR One

Das US-amerikanische National Public Radio hat Ende 2014 mit seiner App NPR One ordentlich und frühzeitig vorgelegt: Die App liefert eine Mischung aus dem nationalen NPR-Programm und regionalen Radio-Stationen. Das ist ungefähr genauso revolutionär, als wenn in einer fiktiven ARD-Radio-App Inhalte aus allen Rundfunkanstalten vertreten wären. So lässt sich bei NPR One beispielsweise das nationale Flagschiff-Programm „All Things Considered“ mit den lokalen Nachrichten des Senders WNYC aus New York kombinieren.

Öffentliches Radio personalisiert - private Podcasts inklusive. Mit der NPR One hat das US-amerikanische National Public Radio früh den Nerv der Zeit getroffen. Screenshot: iTunes Store.

Öffentliches Radio personalisiert – private Podcasts inklusive. Mit der NPR One hat das US-amerikanische National Public Radio früh den Nerv der Zeit getroffen. Screenshot: iTunes Store.

Ungewollte Inhalte lassen sich per Skip-Taste überspringen, häufig gehörte Programme und vom Nutzer als „Interesting“-markierte Inhalte personalisieren die Zufalls-Playlist der App nach Geschmack des Nutzers.

Dazu lassen sich Podcasts von NPR wie von externen, also privaten Anbietern gleichermaßen in der App hören. Schwer vorstellbar, dass die ARD auf einer vergleichbaren Plattform externe Inhalte zugänglich machen würde oder könnte. Interessantes Detail: Aus den Nutzungs-Daten der App können die Redaktionen zum Teil Feedback ziehen, wie gut Intros und Anmoderationen bei den Hörern ankommen.

Mobiles Netflix für die Ohren: 60dB

Die App 60dB will Podcast-Inhalte mit der Spontanität des Radiohörens zusammenbringen, legt den Fokus aber stärker als NPR One auf kurze Inhalte. Entwickelt von einem ehemaligen NPR-Repoter und zwei Ex-Netflix-Mitarbeitern sind die „Netflix der Podcasts“-Bestrebungen bei 60dB deutlich spürbar.

Statt Inhalte selber zu produzieren, stellt die App wie der Video-Streamingdienst hochkarätige Inhalte neu zusammen und bietet sogar Exklusives. Derzeit gibt es 60dB nur für iOS, Versionen für Android-Smartphones und den Amazon-Lautsprecher Echo sollen folgen.

Die App 60dB will ihren Nutzern eine individuelle Audio-Playlist aus Radio-, Podcast- und Video-Inhalten liefern. Screenshot: iTunes Store.

Die App 60dB will ihren Nutzern eine individuelle Audio-Playlist aus Radio-, Podcast- und Video-Inhalten liefern. Screenshot: iTunes Store.

Die Nutzer stellen sich erst ein eigenes „Programm“ durch eine Kategorien-Auswahl zusammen, danach will sich der App-Algorithmus individuell nach den Hörgewohnheiten des Nutzers verbessern – NPR One und Netflix lassen grüßen.

60dB bietet gibt zwei unterschiedliche Feeds: „Quick Hits“ mit kurzen Audio-Häppchen für das schnelle Hören zum Mitnehmen, „In-Depth“ für den Podcast-Hunger nach langen Inhalten. Besonders schön ist, dass es unter „Discover“ nicht nur die klassischen Ressorts gibt (Politik, Wirtschaft, …), sondern auch Zusammenstellungen wie: „Feminism“, „Nerdy“ oder „Social Justice“. Ganz nach dem Motto: Curation is king.

Randnotiz: Interessant finde ich auch, dass Videos aus verschiedenen Late-Night-Shows bei 60dB als Audios und Videos zu finden sind. Ich frage mich dabei, wie gut beispielsweise „Last Week Tonight“ als reines Audio-Format ohne die Bild-Gags funktioniert. Außerdem lassen sich bestehende Podcast-Abos auf iOS aus der Apple nativen Podcast-App importieren. Die Strategie dahinter ist klar: Statt zu Youtube oder einer andere Podcast zu wechseln, sollen die Nutzer möglichst lange bei 60dB bleiben.

„Das Radio, das auf mich hört“: Die Bayern 2 App

Wie NPR One und 60dB setzt Bayern 2 bei seiner App auf Audio-Personalisierung aus einer breiter Auswahl. Bei der ersten Nutzung wählt der Nutzer aus sieben Kategorien aus, um sein Programm zusammenzustellen. Danach wird der Nutzer mit Hörproben aufgefordert, für ihn interessant klingende Inhalte auszuwählen.

Die App von Bayern 2 überlässt ihren Nutzern die Wahl und die Sendungsplanung gleich mit. Nur kurze News? Oder doch lieber nur lange Reportagen? Beides ist möglich - auch als Mischung. Screenshot: iTunes Store.

Die App von Bayern 2 überlässt ihren Nutzern die Wahl und die Sendungsplanung gleich mit. Nur kurze News? Oder doch lieber nur lange Reportagen? Beides ist möglich – auch als Mischung. Screenshot: iTunes Store.

Aus diesen Informationen bastelt die Bayern 2 App das „Programm“, entweder mit a) möglichst vielen und kurzen Themen, b) einer ausgewogenen Mischung oder c) bevorzugt mit langen Stücken. Per Skip-Taste lassen sich auch bei der App von Bayern 2 Inhalte überspringen. Datenschutz wird hier im Gegensatz zu 60dB großgeschrieben: Die Empfehlungen lassen sich per Inkognito-Modus vorübergehend oder dauerhaft abschalten.


Hörtipps

Einfach machen (Storytelling)

Das Jugendprogramm PULS vom Bayerischen Rundfunk startet zusammen mit Unterstützung von SPON-Nachwuchs bento.de am 13. November einen neuen Podcast: „Einfach machen“ soll die „deutsche Weiterentwicklung“ zum vielgelobten „Millennial Podcast“ sein.

Der Plot: Der 26-jährige Marcel hat einen Traum. Er will Schauspieler werden, noch dazu ausgerechnet in Hollywood und kündigt deswegen seinen festen Job, seine Wohnung und sein altes Leben. „Ich finde das schrecklich, was du machst“, bekommt er von seiner Mutter deswegen zu hören. Der Doku-Podcast begleitet Marcel bei dem Versuch, seinen Traum in die Tat umzusetzen.

"Einfach machen" ist ein vielversprechender Podcast von PULS mit Unterstützung von bento.de. Er startet mit zwei Folgen am 13. November. Bild: BR

„Einfach machen“ ist ein vielversprechender Podcast von PULS mit Unterstützung von bento.de. Er startet mit zwei Folgen am 13. November. Bild: BR

Ich hatte die Gelegenheit, die erste Episode vorab zu hören und muss sagen: „Einfach Machen“ ist wirklich das frischeste deutschsprachige Audio-Storytelling, das ich bisher gehört habe. Sowohl Protagonist Marcel als auch die beiden Autoren Christian Alt und Anna Bühler klingen glücklicherweise weniger nach klassischem Radiofeature, dafür mehr nach der lockeren US-amerikanischen Erzähl-Haltung.

Die erste Episode ist eine bunte Collage aus authentischen Eindrücken und liebevoller Audio-Produktion, bei der man die Spielzeit von 25 Minuten wirklich schnell vergisst. Deswegen mein Tipp: Einfach mal den Podcast-Feed abonnieren und die Kopfhörer vorwärmen.

In the dark (True Crime, englisch)

Bei erfolgreichen True-Crime-Podcasts wird dieser Vergleich zugegeben häufig gemacht, aber „In the dark“ hat ihn wirklich verdient: Die Serie ist das neue, das bessere Serial. „In the dark“ ist besonders an den Stellen stark, an denen die erste Staffel von Serial geschwächelt hat.

Denn Reporterin Madeleine Baran hält sich weniger mit der Ich-Perspektive, Voyeurismus und dem spektakulären Einzelfall auf, sondern bereitet mit ihm nur die Bühne für den Blick auf’s große Ganze. Ein kritischer Blick auf systematisches Polizeiversagen sowie Hysterie in Medien und Gesetzgebung rund um die Entführung eines Elfjährigen im Minnesota der 80er.


Die nächste Ausgabe von Hören/Sagen erscheint am 22. November 2016. Mit Neuigkeiten rund um Podcasts und Audio im Web, Interviews und Hörtipps. Folge uns auf TwitterFacebook und abonniere unseren Newsletter, um die nächste Folge nicht zu verpassen! Ihr habt Feedback zu Hören/Sagen? Dann schreibt mir bei Twitter (@saschroeder), kommentiert den Artikel und hinterlasst bei iTunes eine Bewertung!


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Über den Autor

Sandro Schroeder

Sandro Schroeder ist freier Autor für BASIC thinking. Er arbeitet als freier Journalist unter anderem für das Onlineradio detektor.fm.

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