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Local goes Global: Warum deutsche Unternehmen regionale Produkte online vermarkten

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Bild: Michaela Schnabel / crosslights fotografie
geschrieben von Marinela Potor

Marinela Potor ist digitale Nomadin. Kein fester Wohnsitz, immer unterwegs, Leben und Arbeiten auf Reisen. Für viele ein Traum, für andere ein Graus. Bei BASIC thinking und auf MobilityMag berichtet Marinela wöchentlich über das ortsunabhängige Leben und den digitalen Wandel in der Arbeitswelt.

Das Internet ersetzt den Laden um die Ecke

Das Internet lässt Entfernungen schwinden und bringt die große Welt näher zusammen. Doch immer mehr Unternehmen in Deutschland entdecken nun, wie sie das Internet auch genau andersherum nutzen können. Sie vermarkten lokale Produkte oder Dienstleistungen im weltweiten Netz.

Auf den ersten Blick scheint das sehr unsinnig. Warum sollten regionale Produkte online angeboten werden? Schließlich muss man für ein lokales Angebot ja nur in den Laden um die Ecke gehen. Warum wählen also immer mehr Unternehmen den Umweg über das Internet?

Landwirte in Deutschland, vernetzt euch!

Zum einen geht es um die Kostenreduzierung bei den Unternehmern. Wenn ein Unternehmen also beispielsweise Marmelade aus eigener Bio-Obstproduktion herstellt, muss dieses Produkt in einem Laden vertrieben werden. Das erfordert den Einsatz von Lieferanten und Zwischenhändlern, bis das Produkt beim Kunden ankommt. Je mehr Zwischenstationen zwischen Produzent und Endverbraucher liegen, desto geringer die Einnahmen der Hersteller. Die ökonomischen Vorteile einer regionalen Direktvermarktung im Netz liegen also auf der Hand. Wer die Marmelade nicht im Supermarkt, sondern im eigenen Onlineshop vermarktet, kann Kosten einsparen.

Gerade in der Landwirtschaft gibt es daher viele Initiativen in Deutschland, um die Produzenten zum Direktvertrieb zu führen. So fand im Juli 2016 in Schleswig-Holstein beispielsweise die Fachtagung der Landwirtschaftskammer zur „Direktvermarktung 2.0“ statt. Tenor der Veranstaltung: Landwirte müssen moderner denken, ihre Produkte online vermarkten und sich vor allem besser vernetzen. Je mehr sich die Landwirte untereinander abstimmen und sich gegenseitig unter die Arme greifen, umso mehr können alle davon profitieren.

Daran glauben zumindest Online-Plattformen wie etwa der Verein „Nordbauern“ in Schleswig-Holstein. Mittlerweile gibt es sogar eine Logistik-Plattform im Internet für Landwirte aus der Region, erklärt Vereinsvorsitzender Ernst Schuster dem Bauernblatt: „Mit dieser Mitfahrzentrale für landwirtschaftliche Produkte kommen die Erzeugnisse viel kostengünstiger zum Verbraucher oder in einen anderen Hofladen.“

„Wir müssen auf den Screen der Handys!“

Doch das ist nur der erste Schritt, glaubt Jutta Zeisset, Direktveramarkterin aus Baden-Württemberg. Die 35-Jährige lebt vor, wie der moderne Produzent von heute das Internet für die Vermarktung und den Vertrieb seiner lokalen Produkte nutzen kann.

Mit ihrer Mischung aus Museumscafé und Hofladen legt Zeisset einerseits viel Wert auf regionale Qualität, weiß aber gleichzeitig auch, wie sie diese vor allem über Social Media beim Kunden promoten kann. Dafür wurde sie 2014 als Unternehmerin des Jahres ausgezeichnet. Mittlerweile gibt sie ihr Know-how auch an andere Produzenten weiter – per Social Media, versteht sich.

Sie vermarktet ihr Angebot mittlerweile sogar ausschließlich über soziale Netzwerke. Ihr Motto „Wir müssen auf den Screen der Handys!“ Das ist bei Zeisset nicht nur Theorie, sie hat dafür sogar eigens eine App entwickelt, MuseumsCafé & Hofladen Zeisset. Interessierte User werden damit über Updates stets auf dem Laufenden gehalten.

Onlinevertrieb ist nichts für Halbherzige

Gerade das Engagement von Jutta Zeisset zeigt, dass Onlinemarketing keine halbherzige Angelegenheit sein darf. Genau darin liegt aber möglicherweise die Schwierigkeit für viele Landwirte. „Wer nicht gleichzeitig Landwirt, Verarbeiter, Einzelhändler, Logistiker, Kennzeichnungsexperte, Qualitätsmanager, Marketingfachmann und PR-Profi sein möge, für den ist die Direktvermarktung vermutlich nicht das richtige Modell” sagt Peter Levsen Johannsen, Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer.

Onlinemarketing sichert Qualitätsanspruch

Dass es sich aber dennoch – auch außerhalb der Landwirtschaft – lohnen kann, zeigt das Beispiel Kitchennerds, einer Webseite für die Vermittlung von professionellen Köchen für private Kocherlebnisse. Über die Plattform können Nutzer Köche mieten – sei es für die Geburtstagsparty, für einen Kochkurs oder für ein romantisches Abendessen zu zweit.

Sandra Roggow ist die Frau hinter Kitchennerds. Bisher vermittelt sie über ihre Seite Köche in Hamburg und bald auch in Berlin. Alle Köche werden von ihr persönlich geprüft, bevor sie ihr Angebot auf die Webseite stellen dürfen. „Jeder Kunde möchte, dass sein Abend mit einem Koch zu Hause zu einem unvergesslich, schönem Erlebnis wird. Da ist neben der Qualität der angebotenen Speisen auch eine gute soziale Kompetenz sowie ein gepflegtes Äußeres des Kochs oberstes Gebot. Das kann man dem Kunden nur gewährleisten, wenn man die Köche auch prüft, bevor man sie auf die Plattform lässt,“ erklärt sie gegenüber BASIC thinking.

Dies unterstreicht neben der Kosteneinsparung den zweiten, vielleicht sogar wichtigeren Grund, warum immer mehr Unternehmen in Deutschland das Internet nutzen, um ein lokales Angebot zu vermarkten.

Qualität.

Verbraucher wollen regionale Produkte und sind sogar bereit, dafür mehr zu zahlen, wenn die Qualität stimmt. „Regional ist erste Wahl“ bei Kunden, schlussfolgern beispielsweise der BUND und der Deutsche Verband für Landschaftspflege in einer gemeinsamen „Checkliste zur Optimierung der Vermarktung regionaler Produkte“.

Für Kunden bedeutet die Vermarktung über das Internet einen viel direkteren Kontakt zum Hersteller. Die Unternehmen wiederum können ihr Angebot auf einer Webseite viel detaillierter erläutern als im Supermarktregal oder in einer Printanzeige und den Konsumenten so die Qualität zusichern, die diese erwarten.

Direktvermarktung als Strategie

Die Onlinevermarktung von regionalen Produkten scheint so erfolgreich zu sein, dass einige Unternehmen sie ganz offen als Marketingtool nutzen. So haben Sandra Hofmann und Katharina Gleß 2015 das Onlinemagazin Viertelrausch gelauncht. Darin porträtieren sie in intimen Interviews die vielen Persönlichkeiten der Leipzigerinnen und Leipziger. Lokaler geht es kaum noch.

Dahinter steckt zum einen die Liebe der beiden zu ihrer eigenen Heimatsadt: „Uns inspiriert die Herzensgüte, die Wärme und liebevollen Ader der Menschen und der Stadt“, beschreiben Gleß und Hofmann ihre Motivation hinter Viertelrausch im BASIC thinking-Interview. Obwohl es den beiden wichtig ist, dass Viertelrausch ein nicht-kommerzielles Produkt ist und bleibt, ist das lokale Onlinemagazin gleichzeitig ein interessantes Marketintool für ihr Gestaltungs- und Kommunikationsatelier „Effektrausch“: „Wir behalten die Interviewten natürlich in unserem Netzwerk und schließen vereinzelt Geschäfte im Nachgang ab, dann aber ausschließlich über Effektrausch.“

Diese Strategie zeigt, wie vielfältig die Vermarktung von regionalen Angeboten im Internet letztendlich sein kann. Wenn Unternehmen dieses Potenzial erkennen und für ihre Bedürfnisse ausbauen, kann daraus nicht nur ein neues Geschäftsmodell, sondern auch ein vielschichtigeres, hochwertiges regionales Angebot für Kunden entstehen.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor hat als klassische Radiojournalistin angefangen, und ist dann unklassisch (und nicht ganz freiwillig) zur digitalen Nomadin geworden. Seit 3 Jahren reist sie um die Welt und schreibt zu politischen, sozialen und digitalen Themen.

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