Mit dem Fortschreiten der Energiewende geraten klassische Grundlastkraftwerke zunehmend in die Kritik. Eine Analyse mehrerer Wissenschaftsakademien beleuchtet, welche Rolle sie künftig noch spielen können – und welche Fragen sich für Versorgungssicherheit, Systemstabilität und den Ausbau erneuerbarer Energien daraus ergeben.
Die Bundesregierung hat in ihren Klimazielen auch für den Strommix in Deutschland klare Zielsetzungen vorgesehen. Allein bis zum Jahr 2030 soll der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch auf mindestens 80 Prozent steigen, um Emissionen deutlich zu senken.
Langfristig strebt Deutschland bis 2045 Klimaneutralität an, was einen weitgehenden Verzicht auf fossile Energieträger im Stromsektor bedeutet. Gleichzeitig soll der Ausbau von Windkraft, Solarenergie und weiteren erneuerbaren Technologien intensiv gefördert werden, um die Versorgungssicherheit auch bei wachsendem Strombedarf zu gewährleisten.
Im Jahr 2025 konnten in Deutschland bereits 288,7 Terawattstunden des gesamten Bruttostroms aus erneuerbaren Energien gewonnen werden. Der Anteil auf die gesamte Strommenge beträgt damit 58 Prozent. Die Stromerzeugung aus Steinkohle und Kernenergie ist gleichzeitig deutlich zurückgegangen.
Doch der vermehrte Einsatz erneuerbarer Energien bringt auch Herausforderungen mit sich. Denn Wind- und Solarenergie unterliegen natürlichen Schwankungen und stehen nicht jederzeit unbegrenzt zur Verfügung. Das wiederum bringt hohe Anforderungen an Netze, Speicher und flexible Kraftwerke mit sich.
Kritiker fordern deshalb, bewährte Grundlastkraftwerke nicht vorschnell aus dem Energiesystem zu verdrängen. Doch ist dies wirklich notwendig? Eine Studie der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, Leopoldina und Akademienunion gibt Antworten.
Ist eine sichere Stromversorgung auch ohne Grundlastkraftwerke möglich?
Für das Akademienprojekt „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) haben sich Forscher der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), Leopoldina und Akademienunion zusammengeschlossen. Gemeinsam sind sie der Frage auf den Grund gegangen, ob welche Rolle Grundlastkraftwerke in Zukunft noch spielen müssen oder vielleicht sogar können.
Für die Untersuchung hat zunächst das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) Szenarioanalysen durchgeführt. Diese wiederum haben die ESYS-Forscher analysiert sowie Ergebnisse diskutiert und eingeordnet.
Sie kamen dabei zu dem Schluss, dass eine sichere Energieversorgung in Zukunft auch ohne die sogenannten Grundlastkraftwerke möglich sein wird. Allerdings könnten sie unter bestimmten Voraussetzungen dennoch einen Teil des Energiesystems abdecken.
Wann können Grundlastkraftwerke sinnvoll sein?
Die Energiemix aus Solar- und Windenergie muss laut den Forschern mit weiteren Systemen kombiniert werden, um eine klimafreundliche und zuverlässige Stromversorgung künftig zu ermöglichen. Dazu zählen unter anderem Speicher, aber auch flexible Wasserstoffsysteme sowie Residuallastkraftwerke.
Bei letzteren handelt es sich um Kraftwerke, die nur bei Bedarf zeitweise arbeiten. Das können beispielsweise mit Wasserstoff betriebene Gasturbinenkraftwerke sein.
Aber auch Grundlastkraftwerke könnten in dieses System integriert werden, falls sie wirtschaftlicher als ihre Alternativen sind. Sie könnten dann laut den Forschern beispielsweise mit ihren Stromüberschüssen Elektrolyseure mit Strom versorgen und so Wasserstoffimporte verringern.
Am ehesten würden sich hierfür demnach Gaskraftwerke eignen. Allerdings müsse hierfür die Infrastruktur für abgeschiedenes Kohlendioxid erst noch aufgebaut werden.
„Damit Grundlastkraftwerke zu einer substanziellen Kostensenkung führen, müssten ihre Kosten erheblich unter das heute prognostizierte Niveau fallen“, erklärt Karen Pittel, Leiterin des ifo-Instituts und stellvertretende Vorsitzende des ESYS-Direktoriums. „Tatsächlich schätzen wir Risiken für Kostensteigerungen und Verzögerungen bei Grundlasttechnologien tendenziell sogar höher ein als beim weiteren Ausbau der Solar- und Windenergie.“
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