In der Serie „Start-up-Check!“ nehmen wir regelmäßig die Geschäftsmodelle von Start-ups unter die Lupe. Was steckt hinter dem Unternehmen? Was macht das Start-up so besonders und was gibt es zu kritisieren? Heute: Marvel Fusion.
Start-ups: Das klingt nach Erfindergeist, Zukunftstechnologien, neuen Märkten. Doch in der Realität erweisen sich viele der Neugründungen leider oft als eine Mischung aus einer E-Commerce-Idee, planlosen Gründern und wackeligen Zukunftsaussichten.
Dabei gibt es sie durchaus: die Vordenker, die an den großen Problemen tüfteln und Geschäftsmodelle revolutionieren. Sie zu finden und vorzustellen, ist die Aufgabe des Formats „Start-up-Check“. Heute: Marvel Fusion, DeepTech-Start-up aus dem Bereich Fusionsenergie.
Was steckt hinter Marvel Fusion?
- Branche: Clean Energy / DeepTech / Fusionsenergie
- Gründer: Moritz von der Linden (CEO), Georg Korn (CTO), Karl-Georg Schlesinger, Pasha Shabalin
- Gründungsjahr: 2019
- Geschäftsmodell: Entwicklung eines kommerziell nutzbaren Fusionskraftwerks auf Basis laser-induzierter Trägheitsfusion
- Ziel: CO2-freie, sichere und bezahlbare Basislaststrom-Erzeugung durch Kernfusion
Seit über 70 Jahren wird weltweit an der Kernfusion geforscht und seit ebenso langer Zeit soll das erste kommerzielle Kraftwerk „in etwa 30 Jahren” fertiggestellt werden. Dieser Witz hat sich so oft wiederholt, dass er zum geflügelten Wort der Energiebranche geworden ist – und ein Versprechen für die ferne Zukunft bleibt.
Aber nicht für Marvel Fusion. Das Unternehmen will den Traum von einer unerschöpflichen Energiequelle in den nächsten zehn Jahren Wirklichkeit werden lassen: Es will ein funktionierendes Fusionskraftwerk liefern. Ein Kraftwerk, das Strom sauber, sicher und nahezu unbegrenzt produziert.
Fusionsenergie funktioniert nach dem Prinzip der Sonne: Anstelle der Spaltung schwerer Atomkerne werden leichte Kerne miteinander verschmolzen. Das Ergebnis ist ein enormer Energieüberschuss ohne CO2, radioaktiven Abfall oder das Risiko einer Kernschmelze.
Das Problem ist jedoch, dass die dafür nötigen Temperaturen und Drücke technisch kaum beherrschbar sind. Bisherige Ansätze, wie der Tokamak-Reaktor, versuchen, das mit gewaltigen Magnetfeldern zu erreichen. Marvel Fusion geht einen anderen Weg.
Ist wirtschaftliche Fusionsenergie möglich?
Moritz von der Linden, Serienunternehmer und CEO, gründete das Münchner DeepTech-Unternehmen 2019 gemeinsam mit dem Laserphysiker Dr. Georg Korn, der zuvor das Laserforschungszentrum ELI in Prag geleitet hatte, sowie mit Karl-Georg Schlesinger und Pasha Shabalin.
Von der Linden konnte unternehmerische Erfahrung einbringen: 2015 hatte er die Devisenplattform 360T für 750 Millionen Euro an die Deutsche Börse verkauft. Korn brachte die Physik mit.
Gemeinsam vertraten sie eine These, die in Fachkreisen für Aufsehen sorgte: Hochintensive Ultrakurzpuls-Laser könnten das Zünden einer kontrollierten Fusionsreaktion endlich wirtschaftlich machbar machen.
Technologie: Laser statt Magnet
Der Ansatz von Marvel Fusion heißt laserinduzierte Trägheitsfusion (Inertial Confinement Fusion, ICF). Das Prinzip: Extrem kurze und intensive Laserpulse treffen auf nanostrukturierte Brennstoffziele und erzeugen dabei die für die Fusion nötigen Bedingungen.
Die Energie wird also nicht, wie beim Tokamak, durch magnetischen Einschluss gehalten, sondern durch die Trägheit des Materials selbst – für Bruchteile einer Sekunde, die für die Fusion ausreichen.
Der entscheidende Unterschied zum klassischen ICF-Ansatz liegt im Brennstoff: Während andere Anlagen auf das Wasserstoffisotop-Gemisch Deuterium-Tritium setzen, verfolgt Marvel Fusion einen Deuterium-Bor-Ansatz.
Das hätte einen wesentlichen Vorteil: Es gäbe keine Neutronenstrahlung und keinen radioaktiven Abfall und es wäre nicht notwendig, das seltene und radioaktive Tritium zu produzieren.
Nobelpreisträger als Berater bei Marvel Fusion
Dass dies kein reines Versprechen ist, zeigt sich daran, dass Marvel Fusion nach eigenen Angaben in mehrjährigen Experimenten signifikante Fusionsreaktionen mit dieser Technologie nachweisen konnte.
Als wissenschaftlicher Berater steht Gérard Mourou zur Seite, Nobelpreisträger für Physik und einer der Väter der Ultrakurzpuls-Lasertechnologie.
Die Kernkomponenten des Ansatzes:
- Ultrakurzpuls-Laser: Hochintensive Laserpulse im Femtosekunden-Bereich liefern die nötige Energiedichte für die Fusion.
- Nanostrukturierte Brennstoffe: Spezielle Brennstoffziele maximieren die Energieabsorption und die Fusionsausbeute.
- Skalierbarkeit durch Lasertechnik: Laserdioden folgen einer ähnlichen Kostendegression wie Solarmodule – die Kosten je Watt sanken von über 40 Dollar im Jahr 2000 auf unter fünf US-Dollar im Jahr 2018. Das macht den wirtschaftlichen Betrieb eines Fusionskraftwerks zunehmend realistisch.
Marvel Fusion: Einordnung und Mehrwert
Der Ansatz von Marvel Fusion adressiert einen zentralen Engpass der Energiewende. Erneuerbare Energien wie Wind- und Solarenergie sind intermittierend, da sie keinen Basislaststrom rund um die Uhr liefern können. Fusionsenergie könnte diese Lücke schließen, und das ohne CO2-Emissionen, ohne Brennstoffknappheit und ohne die sicherheitspolitischen Risiken klassischer Kernkraft.
Ob das gelingt, ist naturgemäß offen. Die wissenschaftliche Diskussion über die Brennstoffwahl von Marvel Fusion ist noch nicht abgeschlossen. Kritiker – darunter Forscher des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik – bezweifeln, dass der Deuterium-Bor-Ansatz die nötigen Energiegewinne liefern kann. Marvel Fusion argumentiert, dass die eigene Technologie genau diesen Zielkonflikt auflösen kann.
Im Wettbewerbsumfeld bewegt sich Marvel Fusion zwischen zwei Lagern: dem magnetischen Einschluss (Proxima Fusion, Tokamak Energy) und anderen Laser-Ansätzen (Focused Energy aus Darmstadt).
Der Ansatz aus München unterscheidet sich von beiden durch die Kombination aus nanostrukturierten Brennstoffen und dem angestrebten Deuterium-Bor-Brennstoffzyklus. Dies ist ein Alleinstellungsmerkmal, das zugleich das größte wissenschaftliche Risiko darstellt.
Skalierung: Markt, Kapital und Internationalisierung
Nach eigenen Angaben ist Marvel Fusion das am besten finanzierte europäische Fusions-Start-up. Bis 2025 hat das Unternehmen rund 385 Millionen Euro eingesammelt, darunter 170 Millionen Euro privates Kapital und 215 Millionen Euro aus öffentlichen Kooperationsprojekten.
Die zuletzt erweiterte Series B umfasst 113 Millionen Euro mit Investoren wie EQT Ventures, Siemens Energy Ventures und dem European Innovation Council (EIC) Fund. Auch HV Capital, Earlybird, b2venture, Tengelmann, die Deutsche Telekom und Bayern Kapital zählen zum Investorenkreis.
Diese Finanzierungsstruktur spiegelt das Profil eines DeepTech-Unternehmens wider, das auf lange Entwicklungszyklen ausgelegt ist: Venture Capital, Corporate Investoren und staatliche Innovationsförderung ergänzen sich. Dies ermöglicht Durchhaltevermögen, zeigt aber auch, dass private Risikokapitalgeber allein noch nicht ausreichen.
USA statt Heimat
Symbolisch für dieses Dilemma ist der Schritt in die USA: Weil europäische Investoren abwinkten, entsteht die wichtigste Forschungsanlage nicht in Deutschland, sondern auf dem Campus der Colorado State University in Fort Collins.
Die geplante Laseranlage – nach Unternehmensangaben die leistungsstärkste Kurzpuls-Laseranlage der Welt – kostet rund 150 Millionen US-Dollar und wird unter anderem vom US-Energieministerium mitfinanziert. Die Fertigstellung ist für das Jahr 2026 geplant. CEO von der Linden hat die fehlende Risikobereitschaft europäischer Privatinvestoren öffentlich kritisiert.
Für den nächsten Schritt, den Bau eines Kraftwerk-Prototyps, evaluiert Marvel Fusion bevorzugt Standorte in Deutschland. Die Kosten dürften im mehrstelligen Milliardenbereich liegen und würden voraussichtlich durch Vorverträge mit Erstkunden mitfinanziert. Bis 2045 soll Fusionsenergie laut dem Unternehmen einen substanziellen Beitrag zur globalen Energieversorgung leisten können.
Zwischen wissenschaftlichem Pionieranspruch und industrieller Realisierung
Marvel Fusion adressiert eine der größten Herausforderungen der Energiewende: eine zuverlässige und emissionsfreie Grundlastversorgung, die nicht von den Limitierungen von Wind- und Solarenergie abhängig ist.
Der laserbasierte Ansatz mit nanostrukturierten Brennstoffen ist wissenschaftlich originell und unterscheidet sich deutlich von den derzeit dominierenden Magnetfusionskonzepten.
Mit einer Gesamtfinanzierung von 385 Millionen Euro, namhaften Investoren aus Industrie und Risikokapital sowie einer international vernetzten Forschungsinfrastruktur ist das Münchner DeepTech-Unternehmen substanziell aufgestellt.
Die Demonstrationsanlage in Colorado wird zeigen, ob die physikalischen Grundlagen auch im industriellen Maßstab funktionieren. Entscheidend wird sein, ob Marvel Fusion die wissenschaftlichen Kontroversen um den Deuterium-Bor-Brennstoffzyklus auflösen und den Sprung von der Forschung zur Industrialisierung vollziehen kann.
Gelingt beides, könnte das Münchner Start-up zu einem der bedeutendsten Energieunternehmen Europas werden und den Beweis liefern, dass DeepTech-Wetten mit einem Zeithorizont von zehn Jahren keine Illusion sind.
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