Fracking Deutschland

Fracking-Gas in Deutschland: Eine Uralt-Idee mit neuen Illusionen

Fabian Peters
Symbolbild: Adobe Stock / goce risteski

Die deutschen Gasspeicher sind fast leer und die Preise für Öl und Flüssiggas gehen aufgrund internationaler Kriege und Konflikte durch die Decke. Da unter unseren Füßen mehrere Billionen Kubikmeter Erdgas schlummern, fordert ein Gutachten für das Wirtschaftsministerium eine Überprüfung des sogenannten Fracking-Verbots. Die Methode ist jedoch nicht nur umstritten. Sie ist wirtschaftlicher Unsinn. Eine kommentierende Analyse.

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Was ist Fracking?

  • Fracking ist ein Verfahren, bei dem eine Mischung aus Wasser, Chemikalien und Sand unter Druck in tiefe Gesteinsschichten gepumpt wird, um mikroskopisch kleine Risse zu erzeugen. Diese werden durch den beigemischten Sand offen gehalten. Das in den Gesteinsschichten gebundene Gas kann dann durch Bohrlöcher an die Oberfläche strömen.
  • In Deutschland unterscheidet man zwischen konventionellem und unkonventionellem Fracking. Das konventionelle Verfahren wird in porösem Sandstein eingesetzt und ist hierzulande grundsätzlich legal, setzt aber eine strenge Prüfung voraus und findet kaum statt. Unkonventionelles Fracking bedarf aufwändiger sowie kilometertiefer Bohrungen und ist seit 2017 in Deutschland verboten. Das sogenannte Fracking-Gesetzespaket sah eigentlich eine Prüfung des Verbots im Jahr 2021 vor. Diese hat aber bis heute nicht stattgefunden.
  • Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hat das Potenzial des unkonventionellen Frackings in Deutschland im Rahmen mehrerer Studien überprüft. Das Ergebnis: In den Schiefergesteinen des Norddeutschen Beckens sowie in Teilen des Oberrheingrabens und auf der Insel Rügen lagern Schätzungen zufolge 0,7 bis 2,3 Billionen Kubikmeter Schiefergas. Hinzu kommen rund 450 Milliarden Kubikmeter Kohleflözgas. Prognosen gehen von Ressourcen aus, die rechnerisch den Bedarf für rund 20 Jahre decken könnten.

Ein energiepolitisches Déjà-vu

Die deutsche Fracking-Debatte wirkt wie ein energiepolitisches Déjà-vu. Kaum steigen die Öl- und Gaspreise und schrumpfen die Speicher, wird unter dem heimischen Boden plötzlich wieder ein Schatz vermutet. Bilder von brennenden Wasserhähnen, aus denen Gas strömt, geistern durch die Schlagzeilen, obwohl sie mehr Einzel- als Regelfall sind. Die Risiken sind zwar real, aber nach heutigem Stand eher beherrschbar als apokalyptisch.

Das eigentliche Paradoxon: Deutschland lehnt die Förderung im eigenen Land ab, importiert aber fröhlich Gas aus Ländern, in denen Fracking, das hierzulande als unzumutbar gilt, genutzt wird – vor allem aus den USA. Moralisch sauber ist das nicht, sondern eher ein energiepolitisches Outsourcing des schlechten Gewissens.

Die heimische Reinheit wird dadurch zu einer globalen Verlagerung von Risiken. Doch selbst wenn man die Umweltfrage nüchtern betrachtet, bleibt ein schaler Beigeschmack. Denn die technischen Herausforderungen sind hoch und die geologischen Bedingungen komplizierter als in anderen Förderländern. Fracking in Deutschland wäre deshalb ein bürokratischer Drahtseilakt.

Stimmen

  • Die wissenschaftlichen Berater von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche um die Wirtschaftsweise Veronika Grimm in ihrem Kurzgutachten: „Eine Möglichkeit wäre es, die Gas-Extraktion durch Fracking zu erlauben und zu prüfen, um die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu reduzieren. Ein geeigneter Rahmen könnte dazu beitragen, ökologische Risiken zu begrenzen. Zudem sollte berücksichtigt werden, dass ein vollständiger Verzicht auf inländische Förderung bei gleichzeitigem Import entsprechender Energieträger aus ethischer Perspektive Fragen der globalen Verteilung von ökonomischen Vorteilen und ökologischen Risiken aufwirft.“
  • Karen Pittel, Leiterin des ifo Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen, bilanzierte bereits Ende 2023: „Nach Schätzungen könnte Fracking 6 bis 12 Prozent des deutschen Gasverbrauchs decken.“ Von der Planung bis hin zur ersten Förderung würden fünf bis neun Jahre vergehen. „Aufgrund dieses begrenzten Zeitraums ist eine Investition in die Erdgasförderung aus betriebswirtschaftlicher Sicht schwierig“, so Pittel. „Private Investitionen durch Unternehmen brauchen Planungssicherheit.“ Die gäbe es beim Fracking in Deutschland nicht.
  • Laut Grünen-Fraktionsvize Julia Verlinden ist der Vorschlag „extrem unverantwortlich für Mensch, Umwelt und Klima.“ Der Deutschen Presse-Agentur sagte sie: „Solche Vorschläge führen uns immer tiefer in den Sumpf aus Lobbyinteressen, Klimaschäden und teurer fossiler Energie.“

Fracking hat in Deutschland keine Zukunft

Selbst unter der wohlwollenden Annahme, dass Fracking in Deutschland umweltverträglich umsetzbar wäre, stellt sich die Frage: Wozu das Ganze? Denn der Weg von einer politischen Entscheidung bis hin zur ersten Gasförderung wäre nicht nur lang, sondern teuer und mit vielen Unsicherheiten gespickt. Wenn am Ende nur ein einstelliger Anteil des Bedarfs gedeckt würde, wirke der Aufwand wie ein energetischer Tropfen auf dem heißen Stein.

Ökonomisch erinnert das Vorhaben an eine Investition in Faxgeräte im Zeitalter von Cloud-Computing. Doch Industrie und Unternehmen brauchen Planungssicherheit statt politischer Halbherzigkeit ohne klare Rendite. Zwischen Klimazielen, Protesten und regulatorischen Hürden würde kein verlässlicher Markt entstehen, sondern ein Minenfeld für Investoren.

Deshalb riecht die aktuelle Debatte weniger nach Strategie als nach Symbolpolitik. Das Fracking-Verbot prüfen? Klar: Kann man machen. Aber vieles deutet bereits auch ohne Prüfung darauf hin, dass das Ergebnis schon feststeht: zu teuer, zu langsam und zu ineffizient. Wer wirklich Versorgungssicherheit will, sollte Zeit und Geld lieber dort einsetzen, wo Zukunft entsteht – und nicht dort, wo sie mit Hochdruck aus dem Gestein gepresst werden muss.

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Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
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