Mini-Atomkraftwerke Small Modular Reactors SMR Europa Deutschland

Mini-Atomkraftwerke: Viel PR mit wenig Power

Fabian Peters
Symbolbild: China National Nuclear Corporation (CNNC)

Die EU-Kommission hat Pläne vorgestellt, um Mini-Atomkraftwerke in Europa zu fördern. In den USA erhielt nahezu zeitgleich das Unternehmen Terrapower von Bill Gates grünes Licht für den Bau erster Reaktoren. Das hat die Kernkraft-Debatte in Deutschland neu entfacht. Problem: Viele erwecken den Eindruck, dass Mini-Kernkraftwerke ein Gamechanger wären. Doch sogenannte Small Modular Reactors müssten mit Steuergeldern finanziert werden und lohnen sich allenfalls bedingt. Eine kommentierende Analyse-

BREAK THE NEWS BASIC thinking

Unser exklusives Format »Break the News«, in dem wir aktuelle Nachrichten in ihre Einzelteile zerlegen, erscheint immer zuerst in UPDATE, unserem täglichen Tech-Briefing. Hier kannst du dich über 12.000 anderen Lesern anschließen und dich kostenlos anmelden:

Mit deiner Anmeldung bestätigst du unsere Datenschutzerklärung

Was sind Mini-Atomkraftwerke?

  • In den vergangenen Jahren hat sich an den Argumenten für und gegen Atomkraftwerke kaum etwas geändert. Der Vorteil: Kernenergie ist konstant und verursacht kaum Treibhausgase. Der Nachteil: Kernkraftwerke sind teuer und die Entsorgung von Atommüll stellt nach wie vor ein ungelöstes Problem dar. Doch obwohl diese Fakten nach wie vor stagnieren, keimt in Deutschland immer wieder eine Kernkraft-Debatte auf.
  • Anfang März 2026 hat die US-Atomaufsichtsbehörde dem Energieunternehmen Terrapower von Bill Gates grünes Licht erteilt, seine ersten kommerziellen Mini-Atomreaktoren zu bauen. Ob diese in den 2030er-Jahren den Betrieb aufnehmen dürfen, ist aber noch unklar. Nur wenige Tage später hat die EU-Kommission einen Plan vorgestellt, der eine Förderung solcher Mini-Atomkraftwerke in Europa vorsieht. Das rief zahlreiche deutsche Spitzenpolitiker auf den Plan. Während Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für ein Pilotprojekt in Bayern warb, stellte sich Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) entschieden gegen die Pläne.
  • Es gibt bislang keine einheitliche Definition für Mini-Atomkraftwerke. Die Bezeichnung Small Modular Reactor (SMR) stammt aus Übersee und hebt die modulare Bauweise der Anlagen hervor. Deutsche Behörden definieren SMRs als kleine Atomkraftwerke mit einer Leistung von 300 Megawatt (600.000 Haushalte). Zum Vergleich: Klassische Kernkraftwerke kommen auf rund 1.400 Megawatt (drei Millionen Haushalte). Die modulare Serienbauweise von Mini-Atomkraftwerken verspricht langfristig kürzere Produktionszeiten und geringere Produktionskosten. Allerdings müssten sie wie ihre großen Vorbilder staatlich finanziert werden, um sich zu rentieren – und zwar mit Steuergeldern.

Small Modular Reaktors würden Strom teurer machen

Die geplanten Mini-Meiler sollen die zwei größten Schwächen der klassischen Atomkraft kurieren: Investorenflucht und hochpreisigen Strom. Doch was auf den ersten Blick nach einem technologischen Befreiungsschlag klingt, entpuppt sich auf den zweiten als Small Marketing Reactor. Denn: Mini-Atomkraftwerke sind nicht automatisch günstiger, sondern nur anders verpackt.

Für gewisse industrielle Zweige könnten sie sich langfristig vielleicht lohnen, doch die gesamte Debatte täuscht darüber hinweg, dass Verbraucher nicht davon profitieren würden. Im Gegenteil: Große Reaktoren waren ökonomisch einst langfristig effizienter, weil sie Fixkosten auf viel Strom verteilten. Schrumpft die Anlage, schrumpft dieser Effekt gleich mit.

Das Ergebnis: Strom wird tendenziell teurer – und braucht umso mehr staatliche Starthilfe. Hinzu kommt, dass sich ein Neubau großer Atomkraftwerke auch nicht mehr lohnt, da es deutlich sinnvollere und günstigere Alternativen gibt. Klar: Die Energiewende war anfangs teuer, wird sich langfristig aber in jedem Portemonnaie positiv bemerkbar machen.

Die Grundlogik bleibt bei Mini-Atomkraftwerken deshalb erstaunlich vertraut: Ohne Subventionen geht es nicht und mit Subventionen wird es politisch. Dass die Debatte trotzdem immer wieder aufflammt, sagt weniger über technische Fortschritte als über politische Sehnsüchte aus – nach planbarer Energie, die sich nicht nach dem Wetter richtet.

Investitionen in Erneuerbare in Kombination mit Energiespeichern und einem Netzausbau erscheinen jedoch deutlich sinnvoller. Denn: Sie bringen kein Endlager-Problem mit sich und sorgen langfristig für günstigeren Strom.

Stimmen

  • EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beim zweiten internationalen Gipfel zur Kernenergie in Boulogne-Billancourt bei Paris: „Ich glaube, es war ein strategischer Fehler für Europa, einer zuverlässigen, erschwinglichen und emissionsarmen Energiequelle den Rücken zu kehren. In den letzten Jahren erleben wir eine weltweite Renaissance der Kernenergie. Und Europa will an dieser Renaissance teilhaben. Deshalb legen wir heute eine neue europäische Strategie für kleine modulare Reaktoren vor.“ Ziel ist, „dass diese neue Technologie in Europa bis Anfang der 2030er-Jahre einsatzbereit ist“, erklärte sie.
  • Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) bezeichnete die Pläne der EU als „rückwärtsgewandte Strategie“. Er erklärte: „Wenn eine Risiko-Technologie nach einem Dreivierteljahrhundert noch immer am staatlichen Tropf hängt und es längst bessere Alternativen gibt, sollte man daraus Konsequenzen ziehen. Noch mehr Steuergeld für neue Risikoreaktoren auszugeben, lehne ich ab. Dazu kommt: Diese kleinen Atomkraftwerke werden schon seit Jahrzehnten angekündigt, schaffen aber den Durchbruch nicht und ringen stattdessen um Subventionen.“
  • Die SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag wehrt sich gegen „Söders Atom-Hokuspokus“ und „Märchen-Reaktor“. SPD-Energieexperte Florian von Brunn dazu: „In der gesamten westlichen Welt ist kein einziges dieser kleinen Atomkraftwerke im kommerziellen Betrieb. Es gibt welche in China und in Russland – also in zwei Ländern, die nicht gerade für eine kritische Öffentlichkeit und gute Sicherheitsstandards bekannt sind. In Kanada läuft keiner dieser kleinen Reaktoren – auch wenn Markus Söder das wahrheitswidrig behauptet hat.“

Mini-Atomkraftwerke lohnen sich nicht

Die große SMR-Hoffnung ruht auf einer Wette: weniger Risiko, weniger Sicherheitsaufwand und niedrigere Kosten. Doch wie viel Sicherheit eine Gesellschaft bereit ist einzupreisen, ist keine Ingenieursfrage, sondern eine politische und erfahrungsgemäß eine sehr teure.

Entscheidend wird aber die Lernkurve sein. Heißt: Nur wenn SMRs in Serie gebaut werden wie Flugzeuge, könnten die Kosten tatsächlich sinken. Kritiker halten dagegen, dass es dafür erst einmal Hunderte oder Tausende Bestellungen bräuchte. Ein solcher Markt existiert aber nicht, da die meisten Länder die Vorteile der Erneuerbaren mittlerweile erkannt haben.

Wahrscheinlicher ist daher ein unspektakuläres Szenario. Mini-Atomkraftwerke werden kommen, aber langsam und ausschließlich in Nischen wie abgelegenen Industriestandorten, für Spezialanwendungen oder vielleicht sogar Prozesswärme. Das könnte sinnvoll sein, ist aber kein Gamechanger, sondern eher ein weiterer Baustein. Problem: Die gesamte Debatte täuscht darüber hinweg, dass sich Atomkraft – ob in Small oder Big – großflächig einfach nicht mehr lohnt.

Und wer nun mit Frankreich, China oder den USA argumentieren möchte, dem soll gesagt sein, dass Frankreich nur Atomstrom liefern kann, weil er mit 60 Milliarden Euro an Steuergeldern bezuschusst wird. Dass die USA zwar Atomkraftwerke betreiben, aber aufgrund der zu hohen Neubaukosten und einer Klimawandel-leugnenden Regierung die Atemluft und Atmosphäre lieber mit Öl verpesten. Und: Dass China SMRs allenfalls bedingt einsetzt und mittlerweile führend im Ausbau der Erneuerbaren ist.

Warum es die Debatte dennoch gibt? Weil Politiker täuschen wollen, um Wahlen zu gewinnen. Weil Großkonzerne ihre Lobbyinteressen durchsetzen wollen. Und: Weil es häufig nicht mehr um das Wohl der Allgemeinheit geht, sondern um Macht.

BREAK THE NEWS BASIC thinking

Unser exklusives Format »Break the News«, in dem wir aktuelle Nachrichten in ihre Einzelteile zerlegen, erscheint immer zuerst in UPDATE, unserem täglichen Tech-Briefing. Hier kannst du dich über 12.000 anderen Lesern anschließen und dich kostenlos anmelden:

Mit deiner Anmeldung bestätigst du unsere Datenschutzerklärung

Auch interessant:

STELLENANZEIGEN
Digital Marketing Manager (m/w/d)
Schwer Fittings GmbH in Denkingen
Vehicle Testing Lead (m/f/d)
Clarios Germany GmbH & Co. KG in
Organizational Integration Manager (m/f/d)
Clarios Germany GmbH & Co. KG in
Sales Manager (m/w/d) Online Marketing
Sellwerk GmbH & Co. KG in Düsseldorf, Meerbusch, Kaa...
Sales Manager B2B für Stellenanzeigen und Soc...
Recruiting Excellence GmbH in Düsseldorf
(Junior) Social Media Manager*in (m/w/d) – Be...
Digital Vision Academy in Berlin
Performance Marketing Lead (m/w/d) – Pa...
NILO HAMBURG Inh. Niclas Tretschock in Meerbusch
Trainee Online Marketing Manager (m/w/d) Schw...
Finnwaa GmbH in Jena
Teile diesen Artikel
Chefredakteur
Folgen:
Fabian Peters ist seit Januar 2022 Chefredakteur von BASIC thinking. Zuvor war er als Redakteur und freier Autor tätig. Er studierte Germanistik & Politikwissenschaft an der Universität Kassel (Bachelor) und Medienwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (Master).
Keine Kommentare