Geburtstagsgrüße von 4chan: Wie das berüchtigte Board einmal Gutes tun wollte

Das unmoderierte kaum moderierte Board /b/ des amerikanische Forums 4chan ist nicht unbedingt ein Hort an Herzlichkeit. Im Gegenteil: Wer in das Visier der anonymen Nutzermassen gerät, hat im Normalfall nichts zu lachen. Das gilt für die elfjährige Jessi S. genauso wie für Boxxy. Der Fairness halber muss aber auch erwähnt werden, dass das anarchische Board auch als Ursprung bekannter Internet-Scherze wie der Lolcats und des Rickrollings gilt.

In einer überraschenden und vermutlich nur kurzfristigen Abkehr von ihren sonstigen Gewohnheiten initiierte die Online-Gemeinschaft jetzt allerdings hunderte von Geburtstagsgrüßen für den 90jährigen US-Veteranen William J. Lashua. Einer der Nutzer war auf einen Aushang im örtlichen Lebensmitteleladen aufmerksam geworden. Dort hieß es mit einem Bild des Jubilars „Geburtstagsgäste gesucht!“ Nachdem das Foto bei 4chan gepostet war, entschieden Nutzer aus der ganzen Welt, dem „traurig aussehenden“ Hochbetagten Karten und Glückwünsche zu senden. Das Phänomen verbreitete sich schnell über das Forum hinaus, landete bei der Linkplattform Reddit ganz oben und brachte sogar eine eigene Facebookseite hervor.

Die örtliche Veteranen-Organisation, in der der 90-Jährige Mitglied  ist, erhielt schon im Vorfeld der Feier über einhundert Telefonanrufe mit internationalen Grüßen. Die lokale Vorsitzende ist hocherfreut, ergänzt aber auch, dass viele Gratulanten wohl den Eindruck hätten, der Jubilar habe weder Freunde noch Familie. Sie versichert hingegen, das Gegenteil sei wahr. „Er hat eine große Familie und sehr viele Freunde. Es ist trotzdem schön, von so vielen Menschen zu hören.“ Auch einer seiner Enkel betont in einem Eintrag bei Reddit, dass sein Großvater keineswegs einsam sei: „Er hat sieben Kinder, viele Enkel und sogar Großenkel. In früheren Jahren war er Pflegevater für dutzende Pflegekinder.“

Der Aushang, der die Massenglückwünsche auslöste und sogar dafür sorgte, dass einige User angekündigt haben, bei der Veranstaltung vorbeizukommen, sei missverstanden worden, so der Enkel. Er war ein Hinweis für alle persönlichen Bekannten von William Lashua, keineswegs der verzweifelte Versuch, Gäste für die Feier eines einsamen Mannes zu finden. Da es bei der örtlichen Festivität ohnehin voll werde, bittet er die Leser: „Wenn Sie ihn nicht persönlich kennen, kommen Sie bitte nicht zur Party vorbei, denn sie ist für seine Freunde und seine Familie.“

Allerdings hat er für die plötzlich von Großzügigkeit und Nächstenliebe überwältigten Internetnutzer eine Alternatividee: „Es gibt so viele andere, die schlechter dran sind als mein Großvater. Gehen Sie dieses Wochenende in Ihr örtliches Veteranen-Krankenhaus, besuchen Sie die Männer und Frauen dort. Tun Sie denen etwas Gutes, die wirklich keine Familie oder Freunde haben. Sie werden sich mehr darüber freuen, als sie sich jemals vorstellen können.“

(Nils Baer)

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Über den Autor

Nils Baer

Nils Baer hat im Jahr 2010 über 100 Artikel für BASIC thinking geschrieben und veröffentlicht.

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