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Japans Mobiltelefonierer setzen auf Höflichkeit: erst mailen, dann anrufen

Andere Länder, andere Sitten. Das Sprichwort gilt sicherlich vor allem dann, wenn kulturell so unterschiedliche Länder wie Deutschland und Japan miteinander verglichen werden. Aktuelles Beispiel: Auf dem Blog Asiajin, das sich mit Internet-Trends in Asien beschäftigt, weist der Autor auf eine – nach meinem Empfinden – Kuriosität im Verhalten von japanischen Mobiltelefon-Nutzern hin, die der Marktforscher Ishare (Google Translate) herausgefunden hat.

Demnach setzt sich immer stärker die Höflichkeitsgeste durch, seinen Kontakten eine E-Mail zu schicken, bevor man sie auf ihrem internettauglichen Handy anruft. Inhalt der Mail? Die Frage, ob man die Person anrufen darf… Vor allem unter jungen Frauen sei diese Art des „Anklopfens“ sehr verbreitet. Nachfolgend eine Auswahl der Gründe, die Ishare dafür zusammengetragen hat und die – kaum überraschend – sehr stark kulturell (insbesondere in Bezug auf Höflichkeit) geprägt sind:

1. Man möchte sichergehen, dass der andere nicht beschäftigt ist (arbeitet).
2. Weil der andere ein Baby zu Hause hat.
3. Weil es zu spät sein könnte.
4. Weil der andere vielleicht gar nicht drangehen möchte, es aber muss, weil es klingelt.

Und der nächste Punkt ist einer, der hierzulande bei Japan-Unerfahrenen wie mir für besonders große Augen (oder Ohren) sorgen dürfte:

5. Um sicherzugehen, dass sich der andere nicht in der (Straßen-)Bahn befindet.

In vielen Teilen Japans ist das mobile Telefonieren in Zügen nämlich allem Anschein nach entweder verboten oder der freiwillige Verzicht darauf wird den Einwohnern in Form von eindringlich formulierten Aufforderungen sehr nahe gelegt (siehe Teaser-Bild). Und in den „Subway Manners“ der Tokyo Metro Foundation habe ich folgenden Hinweis gefunden: „Stellen Sie Ihr Mobiltelefon auf ‚lautlos‘ und sehen Sie davon ab, es während der Fahrt zu benutzen.“ Welch himmlische Ruhe muss dort herrschen. Auf der anderen Seite: Stattdessen mit bombastischer Werbung penetriert zu werden, ist sicherlich auch kein Vergnügen…

(Marek Hoffmann / Screenshot)


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Über den Autor

Marek Hoffmann

Marek Hoffmann hat von 2009 bis 2010 über 750 Artikel für BASIC thinking geschrieben und veröffentlicht.

18 Kommentare

  • einerseites ist es komisch, aber wenn ich es mir recht überlege fänd ich ein telefonier verbot oder die bitte um lautloses klingeln und gedämpftes reden in der bahn schon sehr angenehm.

  • Man „muss“ rangehen weil es klingelt?!
    Also, wenn ich nicht will, kann das Telefon so lange klingeln wie es will, bzw. bis die Box rangeht. Da habe ich kein Problem mit.

    Ansonsten tragen viele dort auch einen Mundschutz, wenn sie erkältet sind. Aus Rücksicht, damit sie andere nicht anstecken. Kurios, aber ein wenig mehr Höflichkeit täte uns hier vlt. auch ganz gut… 😉

  • @Anonymous: Damit dürften so Situationen gemeint sein, wo du im Kino sitz und es klingelt oder vibriert, oder beim Arzt oder so. Also kein echtes „Muss“, sondern ein „Ich muss, weil es sonst andere nervt“-Muss. 😉

  • Ich finde diese Höflichkeitsgeste großartig. Mein Handy ist immer auf lautlos. Wenn es wichtig ist, schreibt der Anrufer eine eMail oder spricht auf die Mailbox. Dann kann ich entscheiden, ob es wirklich so dringend ist, dass ich zurückrufe – oder doch abends eine eMail schreibe.

    Ein Anruf greift in meinen Ablauf ein – eine eMail nicht. Da kann ich selbst entscheiden, wann ich antworte. Das sollte auch hier Sitte sein. Im übrigen handhabe ich es immer so: Jede Mitteilung, die sich auch als eMail kommunizieren läßt, schreibe ich auch als eMail. Das gilt für 95% aller Nachrichten.

    Wer eine eMail schreibt, ist dazu angehalten, sein Anliegen schon während des Schreibens auf den Punkt zu bringen. Wer anruft, sollte das vorher in Gedanken eigentlich auch tun – das machen aber die wenigsten. Deswegen blockiert ein Telefongespräch zwei Leute x Minuten lang. Eine eMail blockiert nur einen x Minuten lang, den anderen x-y Minuten lang.

  • Es ist in der Tat so, dass es in den UBahnen und Zügen in Japan was das Handytelefonieren betrifft, himmlisch ruhig ist. Auch Unterhaltungen werden extrem gedämpft geführt. Wenn jemand wirklich angerufen wird, so versucht er/sie die Unterhaltung leise und so kurz wie möglich zu halten. In UBahn-Stationen habe ich schon beobachtet, dass Angerufene sich in eine Ecke zum Telefonieren zurückziehen, um andere nicht zu stören.
    Fast alle Handys sind auf lautlos gestellt, man hört nur sehr, sehr selten ein Bimmeln oder Klingeln.

    Wann immer ich während meiner Zeit in Japan laute Stimmen, Gespräche, Gekreische oder Handys in der UBahn oder im Zug hörte, so musste ich gar nicht hinschauen, denn ich konnte 100 % sicher sein, dass es sich dabei um Ausländer/Touristen handelte…

  • Wahrscheinlich mußten die Japaner das tun, weil es anderenfalls die Hölle gewesen wäre. Kurios finde ich an einem Verbot im Gegensatz zu anderen Personen überhaupt nichts.

    Oft genug ärgert mich auf der Straße, aber viel mehr noch im ÖPNV, mit welcher Rotzfrechheit in Deutschland Proleten beiderlei Geschlechts so tun, als wären sie in ihrem Wohnzimmer, während sie sich im öffentlichen Raum aufhalten und mittels ihres Taschentelefons die Privatsphäre anderer verletzen, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Ich habe oft nicht übel Lust, diesen selbstbewußten Störern ohne jede Vorwarnung kräftig in den Hintern zu treten, unterlasse dies aber dennoch immer.

  • Also ich bin keine Japanerin und aus den genannten 5 Gründen frage ich – wann immer es geht – auch vorher per E-Mail nach, ob ich anrufen kann. Wem ich so höflich gegenüber trete, der fragt automatisch vor einem Anruf bei mir vorher auch nach und dann empfinde ich ein Telofonklingeln als nicht so störend oder unpassend – da ich darauf vorbereitet bin. Also ich finde diese japanische Höflichkeit praktisch.

  • @Marek: damit ist in Japan, ich bin da nicht unerfahren, sehr wohl das „einfach nicht rangehen“ gemeint.

    Und mal ehrlich: wenn Du mir gegenüber stehst und willst mir mir reden und ich geh einfach weg ohne zu antworten.. das fändest Du zu recht auch unhöflich. Der Schritt beim Klingeln, wenn einer mir mir reden will, einfach nicht ranzugehen, ist nich weniger unhöflich. Nur wie bei anonymen Forenbeiträgen eben einfacher, weil man aus der Nummer besser rauskommt.

  • Ich finde die Geste auch sehr schön. Höflichkeit ist doch nach wie vor ein hohes Gut, es hat etwas mit Respekt und Anstand zu tun, was sich in Deutschland immer mehr verabschiedet. Demnach stimme ich #5 und #9 zu. Danke für den Artikel, hat mir wirklich gut gefallen!

  • Als ich jung war kamen die Leute auch ohne anzurufen zu Besuch. Die Zeiten ändern sich. Meistens verabredet man sich heutzutage doch lange im Vorfeld. Spontanität ade ….

  • Bisschen übertrieben all das, oder? Höflichkeit ist durchaus nicht zu unterschätzen, dagegen will ich nichts sagen, denn dadruch zeigt man, dass man den anderen respektiert. Ich stimme aber #14 wirklich zu: Etwas Spontanität täte nicht nur den Japanern gut, sondern auch uns, wo man so umständliches Gehabe (sorry, anders kann ich es nicht nennen!) auch schon hat, wenn zum Beispiel Leute einem eine SMS schicken, um zu fragen, ob man heute Abend telefonieren soll. Einfach anrufen, dann merkt man ja, obs klappt…

  • Vielleicht will oder kann ich ja abends nicht telefonieren, und wenn dann das Telefon klingelt kann ich nur nicht rangehen oder muss eben doch telefonieren. Denn man sagt ja eben doch meist nicht: „Sorry, gerade geht´s nicht … “

    Und ich meine mich zu erinnern dass meine Eltern ich auch daaaamals schon verabredet haben statt ihre Freunde spontan zu besuchen. Nur halt nicht per SMS oder E-Mail.

  • so wie es aussieht muss die technik sich wieder am menschen orientieren und nicht andersherum…viele lassen ihren alltag von smartphones, emails usw. bestimmen – sollte einem zu denken geben

  • Also ich bin nicht sicher ob ein derartiges Verhalten nicht eben spezifisch japanisch ist? So weit ich weiß gilt dort ein „Nein“ ebenals definitiv unhöflich. Wenn also hierzulande mich jemand anruft und ich dann locker sagen kann „Passt mir jetzt nicht, ruf in einer Stunde wieder an“ dann wird ein derartiges Verhalten in Japan als äußerst unhöflich gelten.
    Jedenfalls für mich seh ich eigentlich keine besonderen Vorteile wenn ich da erst noch eine Mail kriege und beantworten muss bevor ich angerufen werde / anrufen kann.

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