Google Plus: Das unsoziale Netzwerk

Jürgen Vielmeier


Als ich heute Vormittag über Google Play schrieb, erfuhr ich am Rande, dass Google mehr damit vorhat, als seine Unterhaltungsangebote unter einem Dach zu bündeln. Für den Anfang soll Google Play Music mit Google Plus verknüpft werden. Weitere Verplussungen werden folgen: Man wird den Menschen, in deren Kreisen man ist, künftig empfehlen können, was man gerade sieht, hört, liest oder spielt.

„Aber wer bitte wird das lesen wollen?“, schoss es mir durch den Kopf. Der Redakteur des Special-Interest-Magazins, der mich heute in seinen Kreis hinzugefügt hat und noch bei 550 anderen Leuten mitliest? Oder der Edelmetallberater, bei dem es sich ähnlich verhält? Oder der mittelständische Unternehmer, der sich nach 25 Jahren in seinem alten Beruf jetzt ganz auf Social Media eingeschworen hat und für seine Firma Aufbauarbeit leistet. Die alle werden wissen wollen, wenn ich mir „Die vierte Gewalt“ anschaue oder mir einen Song von den Eels anhöre? Glaube ich nicht.

50 Millionen Menschen nutzen täglich verplusste Dienste

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Es geht eigentlich gar nicht darum, wie viele Nutzer Google Plus letztendlich wirklich hat. Google Vice President for Engineerung, Vic Gundotra, sagte der „New York Times„, 50 Millionen Menschen mit einem G+-Account würden die mit Google Plus verbundenen Dienste täglich nutzen. Monatlich seien es 100 Millionen. Dass die Zahlen wenig aussagen, beschreibt zum Beispiel Jan Firsching auf FutureBiz:

Google rechnet nicht nur Nutzer mit ein, die unmittelbar auf Google+ aktiv sind, sondern auch Nutzer von YouTube, dem Android Market und Google.com. Das relativiert die 100 Mio. Nutzer schon kräftig.

Man könnte noch einen Schritt weiter gehen, wie Martin Weigert von Netzwertig vor knapp zwei Wochen, als er schrieb, die Tage des Netzwerks seien gezählt. Er sei auf Google Plus nur noch aktiv, wenn er einen Beitrag seines Blogs verlinken will. Senden und nicht lesen.

G+ wird zur Xing-Alternative

Das ist hart, aber nachvollziehbar, denn Google Plus tut sich bisher schwer mit einem Stummschaltknopf. Und die Frage bleibt, wie viel man sich dort letztlich wirklich mit anderen austauscht. Facebook etwa benutzte ich privat, um mit meinen wirklichen Freunden und dem erweiterten Bekanntenkreis in Verbindung zu bleiben. Wenn einer davon zu viel postet, dann beende ich einfach das Abo, wie es neuerdings heißt, bleibe aber befreundet. Auf Google Plus habe ich nur die Möglichkeit, einzelne Beiträge auszublenden oder eine Person zu blocken. Das eine ist zu schwach, das andere übertrieben. Mittlerweile habe ich gut 600 Personen in meinen Kreisen. Es waren einmal rund 150, bis mich jemand in einen Blogger-Circle gesteckt haben muss und ich seitdem alle anderen in dem Circle ebenfalls als Kontakte habe. Ich kann hier nur noch einstellen, ob ich viel, wenig oder gar nichts aus diesem Circle hören möchte. Personen stumm schalten könnte ich nur, wenn ich ihnen nicht mehr folgen würde.

Aber das will ich eigentlich gar nicht. Denn anders als viele Kritiker sehe ich einen Nutzen in Google Plus. Das Netzwerk hat sich als bildgewaltige Alternative zu Facebook und Twitter entpuppt. Interaktion findet ganz sicher statt. Und als Kontaktnetzwerk sehe ich G+ immer mehr als Alternative zu Xing. Seine Kontakte weltweit einfach managen, die dann auch noch etwas zu sagen haben, ohne dass sich die Plattform selbst zu ernst nähme, das hat durchaus einen Reiz. Google Plus ist für mich aber nicht sozial in dem Sinne, dass man sich dort mit seinen Freunden austauscht. Man haut einfach raus, in der Hoffnung, dass da schon jemand mitliest und jemand es weiter verbreitet. Man hat keinen Geburtstagskalender und vor allem hat man dort keine Freunde. Man hat Kontakte, Menschen, mit denen man beruflich zu tun hat. Niemanden, den man zu seiner Geburtstagsfeier einladen würde. Das ist nicht sozial, das ist pragmatisch. Und deswegen halte ich es für den falschen Ansatz, dass Google alles verplusst, was nicht niet- und nagelfest ist.

(Jürgen Vielmeier)

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Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.