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Google Chrome OS: Leider immer noch nicht mehr als ein halbtaugliches Betriebssystem


Heute Vormittag habe ich noch einmal nachgeschaut, welche Anwendungen ich eigentlich täglich auf meinem Rechner brauche. Ein Browser mit Zugang zu meinen wichtigsten Apps (WordPress, Facebook, GMail, Google Reader) ist mein wichtigstes Arbeitsgerät, dazu verwende ich einen Mail-Client (Outlook), ein Bildbearbeitungsprogramm (Paint.net), einen Twitter-Client (Tweetdeck), einen To-Do-Manager (Wunderlist), eine Software, um Musik zu streamen (Simfy und Spotify) und hin und wieder, wenn es nicht anders geht, ein Office-Programm (MS Office, Google Drive) oder Scrivener, um Gedanken festzuhalten. Tja, und im Prinzip war es das schon. Zu Hause benutze ich zusätzlich eigentlich nur noch den VLC-Player für DVDs und sonstige Videos. Der große Gamer war ich nie. Die Frage ist in der Tat: Braucht man für diese 95 Prozent aller Tätigkeiten ein Betriebssystem wie Windows 7, 8 oder Mac OS X? Oder würde es da nicht inzwischen auch ein System wie Google Chrome OS tun?

Denn Google hat Chrome OS nun endlich benutzbarer gemacht. Über die Zeit hat Chrome OS eine Offline-Version spendiert bekommen; der Offline-Support von Google Docs soll in Bälde folgen. Die neueste Version verfügt über einen Window-Manager und eine Taskleiste, die der von Windows 7 sehr ähnelt. Dafür gibt es natürlich Google Apps für leichte Office-Anwendungen und tausende weitere Apps aus dem Chrome Webstore. Im Prinzip kann Google Chrome damit fast alles, was der moderne Netzmensch zum Arbeiten und Leben braucht. Im Prinzip.

Saskia hat bei ihrem Test im vergangenen August die Hardware-Erkennung bemängelt. Ein über USB angeschlossener Drucker wurde per se nicht von Chrome OS erkannt. Auch zahlreiche USB-Sticks wollte das System nicht lesen können. Im Datei-Manager gab es einfachste Funktionen wie Copy & Paste nicht.

Google hat dem System im Laufe eines Jahres stark verbessert, viele dieser Probleme scheinen aber noch immer nicht gelöst zu sein. Wenn es in der Chrome OS Hilfe etwa immer noch heißt, drucken mit einem „klassischen Drucker“ (ohne Cloud Print) sei nur über einen separaten Windows-, Mac- oder Linux-Rechner möglich. Auch Copy & Paste scheint noch nicht im Datei-Manager angekommen zu sein. Die Anzahl der unterstützten Datei-Typen ist weiterhin lächerlich gering und macht um viele Video-Formate einen Bogen. Spätestens, wenn es im aktuellen Google-Posting zur neuen Chrome-OS-Hardware dann noch heißt: „Mit der eingebauten Möglichkeit, Microsoft-Office-Files zu sehen…“, wird klar, dass Chrome OS noch lange kein vollwertiger Ersatz für Windows und Mac OS ist.


Ist die neue Hardware aus Samsungs Hause zu den aktuellen Preisen dann überhaupt interessant? Das neue Chromebook Series 5 550 kostet 450 Dollar, ist 12,1 Zoll groß und verfügt über einen Celeron-867-Prozessor mit 4 GByte RAM und 16 GByte SSD. Die Version mit integriertem Mobilfunkmodul kostet noch einmal 100 Dollar mehr. Verfügbar sind die neuen Geräte vorerst nur in den USA und U.K.

Hält man sich vor Augen, dass man besser ausgestattete Windows-Laptops zum gleichen Preis bekommt (von Akku und Gewicht vielleicht mal abgesehen), stellt sich die Frage nach dem Warum. Zumal man oft auf Google-Apps festgelegt ist und nicht in jeder App-Kategorie die freie Wahl hat. Immerhin: Die neue Chrome-Hardware sei schnell, schreibt Om Malik bei GigaOM.

Die Samsung Chromebox halte ich für interessanter als die beiden Chromebooks. Der Preis des Nettops liegt bei 330 US-Dollar, also knapp 300 Euro. Golem.de hält ihn für deutlich besser motorisiert als die Chromebooks, mit zahlreichen Anschlüssen ausgestattet und dabei trotzdem sehr schlank.

Alles in allem scheint die Zeit so noch nicht reif zu sein für Chrome OS. Man fragt sich ohnehin, warum Google sich den Luxus zweier Betriebssysteme leistet, wo man sich als Lösung für Laptops und Nettops vielleicht auch Android vorstellen könnte. Was Google da mit Chrome OS macht, geht zwar schrittweise in die richtige Richtung, die Entwicklung hin zu einem vollwertigen Betriebssystem dauert so aber einfach zu lange.

(Jürgen Vielmeier)


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Über den Autor

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.

15 Kommentare

  • Dabei sollte man genau von Google denken, dass sie es besser – und schneller – könnten.

    Warum man sich aber den „Luxus“ von 2 Betriebssystemen leistet, versteh ich ein Stück weit, da die Portierung von Android (voerst) auf möglichst viele Geräteklassen das OS wohl massiv aufblähen würde…

  • @1 Matthias schrieb
    Warum man sich aber den “Luxus” von 2 Betriebssystemen leistet, versteh ich ein Stück weit, da die Portierung von Android (voerst) auf möglichst viele Geräteklassen das OS wohl massiv aufblähen würde…

    Nein, sie könnten für Android sofort einen aktuellen Linux-Kernel Verwenden es wäre kaum ein größeres Problem, schon gar kein „aufblähen“ und damit auf fast jeder Hardware lauffähig.

    Google ist aber vom Konzept des Chrome OS überteugt und vermutlich haben sie sogar Recht, auch Windows und Apple gehen zunehmend in diese Richtung.
    Chrome OS ist eigentlich der Zeit nur etwas Vorraus, dies werden die Anwender von Windows 8 noch spüren, denn auch dieses OS geht eindeutig den Schritt hin zum „Online-OS“ , ein Win 9 oder 10 könnte daher weitgehend mit dem Konzept von Chrome OS identisch sein.
    Auch im Software und Spielebereich wird zunehmend auf Cloud und Online Anwendungen statt nativer Offline Programme gesetzt.

  • Google und ein eigenes Betriebssystem?! Ich hab noch nie was komischeres gehört – Das man sich wirklich als Konzern in jedem Gebiet einnisten muss.

    Das Team von Microsoft arbeitet jetzt schon seit 20 Jahren daran und muss immer wieder feststellen, dass sie in manchen Bereichen noch einiges nachholen und verbessern müssen, um dem Kundendruck stand zu halten.

  • Was ich witzig finde:
    Chome OS ist nichts weiter als ein Linux mit einem anderen Desktop Environment und Window Manager.
    Und dann schreibst du, dass er Chrome OS wohl immernoch viele Videoformate nicht öffnen kann.
    Das Problem wäre gelöst, wenn dafür einfach nativ MPlayer (dem man ne eigene Oberfläche verpassen könnte) verwendet würde.

    Aber irgendwie scheint Google das Rad neu erfinden zu wollen, sodass nichts an Linux erinnert und Google auch problemlos wie bisher die Linux-Herkunft seiner Systeme in der Öffentlichkeit nicht erwähnen muss.

  • @Michael Freitag:
    Genau deshalb finde ich es auch sehr unpassend, wenn bei Chrome OS (und Android) von „Googles Betriebssystem“ die Rede ist.
    Es ist ein Linux-Kernel, der wie Windows in 20 Jahren entwickelt wurde.
    Google verändert nur und stülpt eine eigene Oberfläche drauf.

    Ein eigenes, von Grund auf neu entwickeltes Betriebssystem, welches nicht auf nen existierenden Windows-, Unix- oder Linuxkernel aufsetzt, könnte heute niemand mehr entwickeln.
    Dazu passt auch dieser Artikel: http://www.golem.de/news/open-source-debian-projekt-auf-14-milliarden-euro-geschaetzt-1202-89793.html

  • Also Samsungs Chromebox schaut auf jedenfall super aus – whrs sogar schlanker als die Mac Minis, wenn das OS noch taugt nen klasse Angebot!

  • Ich habe die Chromium OS Builds von Hexxeh neben meiner Ubuntu-Installation immer gern als „Zweitlinux“ auf meinem Netbook verwendet, wenn es einfach nur mal schnell ins Internet gehen sollte. Der Start direkt in den und die ausschließliche Nutzung des Browsers fand ich überzeugend, dazu waren Websites bildschirmfüllend dargestellt, mit wenig platzraubenden Steuerungselementen, auf dem kleinen Netbookbildschirm zählt schließlich quasi jeder Pixel.
    Seit diese tolle Taskleiste mit Windowmanagement da ist, gefühlt den halben Bildschirm bedeckt und sich nach meinem Stand (möglicherweise veraltet) nicht mal ausblenden ließ, nehme ich die eine Minute lieber wieder in Kauf, die Ubuntu länger braucht, bis ich dann wirklich im Netz bin. Mit der Unity-Oberfläche ist da auch viel Platz auf dem Schirm, wenn man den Starter ausblenden lässt.
    Möglicherweise hatte ich ja falsch verstanden, was Chrome/Chromium OS sein sollte – als blitzschnell bootendes Internet- (und auch _nur_ Internet-)System hat es bei mir aber schon wieder ausgedient – was ich schade finde.

  • Also ich kann nichts schlimmes an Chrome OS finden. Der Ansatz ist spannend und klug. Die Cloud als eigene Hardware sozusagen. Allerdings stimmt dafür der Preis noch nicht. Da hat Jürgen Recht – zu teuer um es als „Spielerei“ für 95% aller Anwendungsfälle mitlaufen zu lassen. Ach so, stimmt, aus meiner Sicht der entscheidende Nachteil: Kein Wettbewerb. Was würde Microsoft ohne Apple und umgekehrt mach? Richtig: nix. Genau wie im Mobile Markt. Zum Glück gibt es aktuell zwei starke Player. Denn Wettbewerb ist die Mutter aller Innovationen und der Kundenorientierung.

  • Google: Android und Chrome OS könnten verschmelzen
    Chrome-OS-Chef Sundar Pichai deutet gemeinsame Zukunft an – Konvergenz unausweichlich

    http://news.cnet.com/8301-1023_3-57444837-93/googles-pichai-predicts-chrome-os-android-convergence/

    Das wäre dann wohl der Frontalangriff auf Windows und Apple , ein Android für dem PC und Laptop.
    Dei einen Android Smartphone Marktanteil von über 50% könnte es dank schon vorhandener App und Spiele auch auf dem PC zu einer Alternative für Windows oder MacOS entwickeln?

  • @Mika B.: Schöne Ergänzung, danke! Ja, mit einem gemeinsamen OS hätte Google wirklich etwas Schlagkräftiges gegen MS und Apples. Aber es liest sich so, als würde es noch eine ganze Weile dauern, bis es so weit ist.

  • Chrome OS ist definitiv die Zukunft, bzw. eine der Möglichkeiten. (Copy & Paste funktioniert übrigens, auch zwischen Lokal und Gooledrive – ab Browser 20 vielleicht erst). Die einzigen Probleme im Moment

    * die Verkaufsstrategie, weil die richtet sich an Nerds, die Kisten sollten bei Tchibo stehen oder bei den DSL – Anbietern, weil die Dinger sind intuitiv zu bedienen, keine Fragen an Viren oder Installationsorgien…
    * das Druckerproblem
    * der Preis

    Ich hoffe, Google hält durch und gibt nicht – wie Apple damals beim Newton – zu früh auf.

    Mittelfristig ist es Wurst, ob iOS, Windows, Android, Chrome OS, Linux, Sun, Symbian, Bada … die Anwendungen sind in der Cloud, und das System mit dem intuitivsten und einfachsten Zugang kriegt meinen Beifall.

    Seitdem ich nur noch ein Chromebook habe und nicht mehr an irgendwas herumspielen kann, arbeite ich auch mal… (okay, heute auf einem Windows im Büro vier Stunden gekämpft mit der Installation eines Treibers für ein Multifunktionswunder von Toshiba…)

  • „Seitdem ich nur noch ein Chromebook habe und nicht mehr an irgendwas herumspielen kann, arbeite ich auch mal… (okay, heute auf einem Windows im Büro vier Stunden gekämpft mit der Installation eines Treibers für ein Multifunktionswunder von Toshiba…)“

    Sehen Sie, und mit Google Chrome OS brauchen Sie gar nicht erst zu kämpfen, um einen Drucker oder ein Multifunktionsgerät zu installieren, da haben Sie nämlich schon verloren noch bevor der Kampf überhaupt erst anfängt.

    Ansonsten wüsste ich wirklich nicht, wo unter Windows 7 noch „gekämpft“ werden müsste, um Treiber zu installieren, es sei denn, man will sich von irgendeiner total exotischen und/oder veralteten Hardware nicht trennen, sondern mit aller Gewalt z. B. einen Scanner von 1993 noch ans Laufen bringen.

    Abgesehen davon ist Microsoft bei Betriebssystemen Google um Lichtjahre voraus. Und dass auch bei MS die Betriebssysteme für PC und Mobilgeräte allmählich zusammenwachsen, ist doch nun wirklich ein offenes Geheimnis, zumindest für jeden, der in Sachen IT nicht hinterm Mond lebt.

    Geld für ein Gerät, das nur mit Chrome OS läuft, das würde ich daher garantiert nicht. Na ja, vielleicht ist Google da in 15 bis 20 Jahren weiter…

  • @Impartial:
    Du hast Chrome OS als ganzes nicht verstanden.
    Chrome OS ist kein echtes Betriebssystem, sondern eher ein Browsersystem, welches auf einem bewährten Linux-Kernel aufgesetzt ist.
    ___
    „Abgesehen davon ist Microsoft bei Betriebssystemen Google um Lichtjahre voraus.“
    ___
    Ja, Microsoft ist Google bei Betriebssystemen vorraus, weil Google nie ein eigenes Betriebssystem gebaut oder erfunden hat.
    Sowohl bei Chrome OS als auch bei Android haben sie ein Linux genommen, etwas angepasst, eine eigene Oberfläche draufgesetzt und jeden für Enduser ersichtlichen Verweis auf die Linuxherkunft entfernt.

    Damit handelt es sich bei Chrome OS um ein System, das letztendlich seit 1989 entwickelt wird, es hinkt technisch Microsoft nicht hinterher und hat genauso viel Entwcklungszeit.
    Aber Google selbst hat da nichts neu erfunden, wäre heute auch nicht mehr möglich.

    Jedes jemals in Zukunft existierende Betriebssystem wird auf Windows, Unix oder Linux basieren, das Rad neu erfinden wäre nicht mehr finanzierbar.

    PS: Eben aus diesem Grund gibt es Geräte, die nur mit Chrome OS laufen, eigentlich nicht. Wo ein Chrome OS lauffähig ist, ist auch ein beliebiges anderes Linux lauffähig.

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