Warum wagt Apple mit iOS 6 nicht etwas mehr?

Jürgen Vielmeier


Klar, iOS für iPhone und iPad ist ein gutes System schon seit es auf dem ersten iPhone vor fünf Jahren auf den Markt kam. Und iOS 6 wird weitere tolle Features erhalten, wie eine Facebook-Integration, neues Kartenmaterial mit einem Navi, Freundefinder, PassBook, Mails, in die man bald auch Anhänge einfügen kann… Aber wenn ich mir dieses Konzeptvideo von Joost van der Rees anschaue, dann erinnere ich mich daran, dass die Oberfläche mittlerweile doch etwas in die Jahre gekommen ist. Veränderungen gibt es nur noch im Kleinen. Und so werden auch in iOS 6 Funktionen fehlen, die andere Systeme längst haben:

  • Widgets, die etwa live das Wetter oder die neuesten Tweets im Startbildschirm anzeigen, ohne dass man eine App öffnen muss
  • Live-Tiles, die Informationen aus der App heraus holen und im Icon anzeigen.
  • Das Hin- und Herwischen zwischen Anwendungen, ähnlich wie es unter Max OS X möglich ist.
  • Mission Control oder Dashboard auf dem iPhone, so wie in Mac OS X.

Und dann gibt es noch ein paar weitere feine Möglichkeiten, die van Rees vorstellt, die in iOS 6 aber nicht vorkommen werden. Warum eigentlich nicht?

Die Dynamic Badges, die van Rees sich ausgedacht hat, könnten zum Beispiel neue Nachrichten auf dem Bildschirm einblenden, statt erst die Nachrichten-App zu öffnen. Ähnliches wären Flipcons: Zieht man ein App-Symbol nach unten, überblendet der Inhalt den Startbildschirm und die neuesten Inhalte werden oberhalb angezeigt. Das erinnert an die Vorschau aus Mac OS X.

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Vieles haben van Rees und auch Designer Jan-Michael Cart also aus Mac OS übernommen. Letzterer hatte unter anderem vorgeschlagen, im Suchbildschirm das aus OS X bekannte Dashboard unterzubringen. Wenn es offenbar Apples Politik ist, Mac- und mobiles Betriebssystem zusammenwachsen zu lassen und der neue Mountain Lion viele Funktionen von iOS spendiert bekommen hat, warum dann nicht auch umgekehrt? Warum entwickelt Apple iOS nicht so schnell weiter wie Google sein Android? Warum verspielt man trotz Milliardenreserven seine einstige Rolle als Innovationsführer bei mobilen Systemen?

Apples Gelassenheit dank Androids Update-Fiasko

Noch kann Apple gelassen schmunzeln: Android schlägt sich nach aktuellen Zahlen immer noch selbst. Auf 60 Prozent der Android-Geräte kommt noch die alte Version 2.3 Gingerbread zum Einsatz. Android 4.0 holt zwar auf, erreicht aber nur rund 16 Prozent. Und in den Genuss des neuen Android 4.1 JellyBean mit vielen schönen Funktionen wie Google Now kommen gerade einmal 0,8 Prozent der Android-Nutzer.

Bei Apple könnte man sich also fragen, warum man sich anstrengen soll, wenn man selbst mit iOS 5 mehr als 80 Prozent der Android-Nutzer bei den meisten Funktionen noch voraus ist. So etwas in der Art hat man sich bei RIM (Blackberry) im Jahr 2007 aber auch gedacht. Wo sie heute stehen, wisst ihr. Apple sollte sich nicht zu lange auf seinem Vorsprung ausruhen. Hier plötzlich nicht mehr mit der Zeit zu gehen, könnte langjährige Nutzer verschrecken und zu neuen Android-Geräten greifen lassen. Auch wenn das vielfach eine Kurzschlussreaktion wäre, denn auf Updates müssen sie dann oft für immer warten – während iOS 6 sogar noch auf dem drei Jahre alten iPhone 3GS läuft.

Und dann sehe ich Konzepte für ein Smart-Cover mit integriertem Display und denke mir: Ideen hat man bei Apple doch genug. Warum setzt man so wenige davon um?

(Jürgen Vielmeier, Grafiken: Jost von der Ree, Jan-Michael Kart, Android Developers)

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Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.