Hardware

Projekt WiSee: Uni Washington entwickelt WLAN-basierte Gestensteuerung, die in der gesamten Wohnung funktioniert

Die Musik leiser drehen ohne Fernbedienung, den Videostream pausieren, ohne aufstehen zu müssen – mit Gestensteuerung alles kein Problem. Aber selbst aktuelle Geräte wie Microsofts Kinect brauchen eine direkte Sichtverbindung, um überhaupt eine Geste identifizieren zu können. Damit ist die Nutzung auf den Bereich vor der Konsole beschränkt. Und dann ist da auch noch die Frage nach der Beleuchtung, auch wenn die sich bei der neuen Xbox One und ihrer Infrarot-Kamera nicht mehr stellen wird.

WiSee_screenshot - http://wisee.cs.washington.edu/#wisee

Aber ohne zusätzliche Geräte?

Viel besser wäre es doch, wenn Gestensteuerung in der gesamten Wohnung funktionieren würde, ohne Sichtverbindung und durch Wände hindurch. Und das am besten auch noch ohne zusätzliche Kameras, die an strategischen Punkten verteilt werden müssen. Ein Forschungsteam der Uni Washington hat sich vorgenommen, genau das zu entwickeln – und sie sind schon auf einem ziemlich guten Weg.

Besonders praktisch an ihrem System ist die zugrundeliegende Technik, die mittlerweile in vielen oder sogar den meisten Haushalten vorhanden ist: WLAN. Das Projekt WiSee verbindet handelsübliche WiFi-Hardware mit einem Empfänger, der konstant die Werte und Frequenzen der drahtlosen Kommunikation in der Wohnung überwacht. Smartphones, Computer, Tablets und andere WLAN-fähige Geräte dienen dabei als Signalquelle. Deren Kommunikation mit dem Router wird durch den WiSee-Empfänger überwacht. Kleinste Abweichungen im Signal, die beispielsweise durch bestimmte Bewegungen ausgelöst werden – sogenannte Doppler-Verschiebungen –, werden vom WiSee-System erfasst, ausgewertet und als Steuerbefehle an entsprechende Geräte weitergeleitet.

Wildes Gestikulieren führt (zum Glück) zu nichts

Es braucht sich aber niemand Sorgen zu machen, dass beim Griff nach der Kaffeetasse plötzlich die Heizung losbollert. Das System reagiert erst auf Gesten, wenn vorher eine bestimmte Aktivierungsgeste registriert wird.

Damit sollen zum einen Fehlinterpretationen verhindert werden, andererseits kann eine solche Initialbewegung – oder auch eine Reihe von Gesten – als Passwort fungieren, um das Ausnutzen des Systems durch Außenstehende zu verhindern. Letzteres wäre bei Funktionen wie Licht an- oder ausschalten vielleicht noch zu verschmerzen, könnte aber je nach programmierter Funktion durchaus riskant werden.

Neun Gesten werden erkannt

Getestet wurde das System in einem Zwei-Zimmer-Apartment und in einem Großraumbüro, beide Male mit ähnlichem Erfolg. Laut eigener Aussage kann WiSee bisher neun verschiedene Gesten erkennen, mit einer Zuverlässigkeit von 94 Prozent. Dank mehrerer Antennen am WiSee-Empfänger können bis zu fünf Personen unabhängig voneinander erkannt werden. Sobald jemand die Aktivierungsgeste ausführt, fokussiert das System auf die Person und wartet auf weitere Gesten.

Mit mehreren Antennen sollen so auch mehrere Personen gleichzeitig auf das System zugreifen können. Das Team arbeitet daran, das System noch zuverlässiger zu machen und mehr Gesten erkennen zu lassen. Die große Hoffnung ist aber, dass das zusätzliche Gerät irgendwann nicht mehr notwendig ist und die Technologie direkt in Router eingebaut wird.

Ob das aber unbedingt immer so im Sinne des Nutzers ist, sei dahingestellt. Die ersten Kommentare zu WiSee sind jedenfalls ziemlich gespalten und bewegen sich zwischen „ziemlich cool“, „kein praktischer Nutzen“ und „die Regierung spioniert uns aus“. Was sagt ihr? Nächstes großes Ding oder doch nur ein weiterer Tech-Hype?

Bild: Screenshot / WiSee-Projekt


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Über den Autor

Thorsten Nötges

Thorsten Noetges ist Nerd, Gamer,und seit 1995 im Internet zu Hause. Er hat von 2013 bis 2014 über 100 Artikel auf BASIC thinking veröffentlicht.

5 Kommentare

  • Die Gesten sehen jedenfalls nicht gerade cool aus und in der Zeit hab ich das Licht auch schon lange ausgeschaltet oder die Musik leiser gedreht. Den einzigen Vorteil seh ich beim Abwaschen, aber wer wäscht heute noch großartig auf?

  • Ganz vom Sinn und Unsinn abgesehen (ich fände das eine tolle Sache): Das glaube ich nicht! Jedenfalls nicht so, dass es außerhalb eines Versuchsaufbaus funktionieren könnte. Und selbst das zweifle ich an.

  • Mag ja ganz nett sein, aber ob auch Praxistauglich?
    Besonders die Passwortfunktion wenn man überdenkt wie weit ein Wlan Netz reichen kann und in wie vielen Wohnungen damit „Schabernack“ betrieben werden könnte.
    Da ist ein Smartphone als Universal Fernbedienung Praxistauglicher und auch mit Gesten möglich.

  • Mir gehts da so wie Eric. Wenn ich in der Vorlesung höre, dass man beim Militär daran arbeitet, WLAN-Signale so abzufischen, dass man sehen kann, wo in anderen Räumen Personen sind, frag ich mich doch, ob man das wirklich so detailliert abfangen können soll, dass man sagen kann, ob hier nun ein Arm oder der restliche Körper bewegt wird.

    Dass man sehen kann, dass sich irgendwas bewegt, glaube ich, da militärisch daran gearbeitet wird.

    Fraglich ist auch, wie das System auf die ganzen Interferenzen durch andere Signale reagiert. Wir haben in der realen Welt sicherlich ein heftiges Rauschen und wenn der Nachbar mit einem neuen Router einzieht, muss das System mit einer neuen Umgebung klarkommen.

    Ich sehe auch noch nicht so ganz die Praxistauglichkeit des Systems, sondern sehe es eher als Tarnung für oben genannte Militärforschung an. Wenn ich selbst einen Gestenerkenner im Haus will, würde ich mir den nicht ans WLAN andocken, da man, wenn das im Video richtig wiedergegeben wurde, anscheinend noch ein aktives Gastsystem braucht (also einen eingeschalteten PC oder sonstwas), sondern ein eigenes Gerät dafür installieren.
    Letzteres hat aber vielleicht auch damit zu tun, dass ich Fan von „Separation of Concerns“ bin. Das WLAN soll meine Daten übertragen und nicht über Dopplereffekte Gesten erkennen. Irgendwann wird vielleicht mal die Übertragungsmethode für einen neuen Standard geändert und die Gestenerkennung versagt. Vielleicht reicht sogar schon, dass mein Notebook nicht mehr den g-Standard, sondern n-Standard verwendet. Wer weiß das schon.

    Für mich also ein Militärhack und kein Einsatz für privat.

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