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„Staatsstreich“ oder „Revolution“? Wikipedia-Nutzer streiten über Ägypten-Artikel

egypt Kopie

Ägypten beherrscht die Nachrichtenlage. Spätestens seit der Absetzung Mursis droht das Land in einen Bürgerkrieg zu schlittern. Naturgemäß werden die Entwicklungen in Ägypten auch im Internet diskutiert – und zwar auch auf Wikipedia.

Deutsche Neutralität versus englische Provokation

Drei Tage bevor Präsident Mursi vom Militär entmachtet wurde, legte ein Wikipedia-Nutzer eine Seite namens „2013 Egypt coup d’etat“ an. Wortwörtlich übersetzt bedeutet coup d’etat Staatsstreich, doch der deutsche Artikel heißt relativ neutral „Umsturz in Ägypten 2013„.

Auf Wikipedia hat der Artikel eine Debatte ausgelöst, die inzwischen länger ist als der eigentliche Text selbst. Konkret geht es um die Frage, ob die Ablösung Mursis als Staatsstreich oder als Revolution bezeichnet werden soll. Immerhin steht im ersten Satz des Artikels, dass die Proteste sowohl als Staatsstreich als auch als Revolution bezeichnet werden. Die Diskussion über die richtige Überschrift mag zwar eine Feinheit sein, aber die hat Tragweite in Zeiten, in denen Ägypten schwere Tage und Wochen bevor stehen.

Denn auch wenn es sich lediglich um ein einzelnes Wort handelt, so impliziert die Überschrift, wer Recht hat. Wurde Mursi vom Militär geputscht, dann wären die Präsidentenanhänger im Recht, war es eine Revolution des Volkes würde die Opposition den rhetorischen Sieg davon tragen.

Die eine Hälfte für „Staatsstreich“, die andere dagegen

Für beide Begriffe gibt es zahlreiche gute Argumente, sodass die Wikipedia-Autoren gefühlt zu 50 Prozent für den Staatsstreich in der Überschrift sind; die anderen 50 Prozent sind dagegen. Vor allem stellen sich im Wikipedia-Forum User die Frage, warum die militärische Absetzung Mubaraks eine Revolution gewesen sein soll, die Intervention des Militärs bei Mursi nun aber ein Putsch.

Ich will hier bewusst keine Stellung beziehen, welche Überschrift die richtige wäre, denn wir sind kein Politik-Blog und ich bin mir selbst nicht sicher, wie man den Artikel richtig betitelt.

Stattdessen liegt für uns als Technik-Blog der Fokus auf der Frage, was die Debatte für die Wikipedia bedeutet. Ist es eine Schwäche, dass in einer Enzyklopädie noch nicht einmal eine Einigung für eine Artikelüberschrift erzielt werden kann? Oder ist es eine Stärke, dass die Allgemeinheit diskutiert und in Echtzeit weiter am Geschichtsbuch schreibt?

Debatte ist gerade in kontroversen Situationen wichtig

Für mich ist die Debatte eine ganz klare Stärke der Wikipedia. Wie so oft im Leben gibt es nicht Schwarz und Weiß, sondern sehr viel Grau und der Grauton wird auch noch von jedem Betrachter unterschiedlich wahrgenommen. Ein Artikel namens „Staatsstreich“ und ein Artikel namens „Revolution“ würden also beide der Geschichte nicht gerecht werden.

Hinzu kommt, dass die Geschichte in Echtzeit geschrieben wird. Der 3. Juli 2013 ist zwar vorbei, doch wie es mit Ägypten weitergeht ist indes völlig unklar. Sollte aber wieder etwas Ruhe in das Land am Nil einkehren, lässt sich daraus vielleicht ableiten, dass es tatsächlich ein revolutionärer Akt im Namen des Volkes war. Doch so weit ist es noch längst nicht.

Kompromiss in Aussicht?

Stattdessen schlagen nun erste User einen Kompromiss vor: „Impeachment of Mohamed Morsi“ – zu deutsch: die Amtsenthebung Mohammed Mursis, wobei sich auch hier erste Kritiker melden, dass ein Amtsenthebungsverfahren vom Parlament veranlasst und der Justiz bestätigt werden müsste. Das ist bei Mursi aber auch nicht der Fall. Ein weiterer Vorschlag heißt „Removal of Mohamed Morsi“. Vielleicht klappt es ja so.

Bild: Screenshot


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Über den Autor

Robert Vossen

Robert Vossen hat erst Los Angeles den Rücken gekehrt und dann leider auch BASIC thinking. Von 2012 bis 2013 hat er über 300 Artikel hier veröffentlicht.

1 Kommentar

  • früher waren es noch die sieger die die geschichte schrieben; heute wird die wahrheit auf wikipedia ausdiskutiert.

    nunja, ich sehe das positiv: wer in krisenzeiten wie diesen, zeit hat sich einem edit-war auf wikipedia zu stellen, dem kann es so schlecht nicht gehen.

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