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Ist die Motivations-App „Pocket Points“ eine Bankrotterklärung für das Schulsystem?

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geschrieben von Jürgen Kroder

Die iOS- und Android-App „Pocket Points“ soll dafür sorgen, dass Studenten wieder konzentrierter am Unterricht teilnehmen. In den USA scheint die Idee bereits sehr gut anzukommen. Könnte die App auch in Deutschland begeistern? Wir haben nachgefragt. Der Tenor fällt hierzulande nicht so positiv aus.

Lernen ist langweilig

Latein, Geschichte, Mathematik, Chemie, Erdkunde… – wenn man Schüler fragt, welche Fächer sie langweilig finden, dann kriegt man einen bunten Strauß an Antworten. Studenten geht’s nicht anders: Obwohl sie (hoffentlich) etwas studieren, was ihrem Können und ihrer Leidenschaft entspricht, kämpfen auch sie mit uninteressanten Themen, die ihnen vermittelt werden sollen.

Was ist die Lösung dafür? Entweder schwänzt man die betroffenen Lehreinheiten oder man ist körperlich, aber nicht geistig anwesend. Viele Schüler und Studenten nutzen solche Momente, um sich mit ihrem Smartphone abzulenken. Eine paar Runden „Quizduell“ oder „Candy Crush Saga“ sind verständlicherweise deutlich attraktiver als öde Paukerei. Natürlich ist ein solches Verhalten den Lehrern und Dozenten ein Dorn im Auge. Deswegen verhängen sie verschiedene Arten von Sanktionen, wenn Smartphones im Unterricht benutzt werden.

Könnte eine Smartphone-Abstinenz nicht ohne Bestrafung durchgesetzt werden? Diese Frage haben sich auch die Gründer von Pocket Points Inc. gestellt. Dahinter stecken ein paar US-amerikanische Studenten, die aus ihrer Sicht eine passable Lösung gefunden haben: ihre gleichnamige App „Pocket Points“.

Handy-Entzug mit Belohnungsfaktor

Die Idee klingt interessant: Es dürfen weiterhin Smartphones mit in den Unterricht genommen, aber nicht benutzt werden. Damit dies gelingt, erzieht man die Nutzer der iOS- und Android-App durch eine besondere Art der Belohnung: „Pocket Points“ erkennt, dass der Student sich in den Gebäuden der Hochschule aufhält, aber sein Smartphone nicht benutzt. Für gewisse Zeiträume, die er nicht auf iPhone & Co. herumtippt, erhält er Punkte.

Zum Beispiel gibt es für 20 Minuten einen Punkt. Das ist nicht viel. Deswegen haben die Entwickler eine weitere Stufe von Gamification integriert: Je mehr Studenten „Pocket Points“ aktivieren und gleichzeitig ihr Handy im Ruhezustand belassen, desto schneller prasseln die Punkte auf die virtuellen Konten. Zudem bietet die App Level-Stufen und Leaderboards, ebenso wird die „gesammelte“ Zeit dargestellt. Das spornt natürlich an. Einerseits, um gemeinsam und andererseits um im gewissen Wettbewerb den Smartphone-Entzug durchzuziehen.

Gratis-Burger für den Smartphone-Stillstand

Die Handy-Abstinenz lohnt sich: Die gesammelten Punkte können in ausgewählten Läden eingelöst werden. Zum Beispiel erhält man Rabatte beim Kauf von Klamotten, kostenlose Kekse und dergleichen. Nicht nur das: „Manche Kooperationspartner glauben so sehr an unser Produkt, dass sie kostenlose Sachen herausgeben“, erklärte uns Brent Glowatch, Produktmanager bei Pocket Points Inc.

So gebe es beispielsweise im „Brooklyn Bridge Bagel“ bei einer gewissen Punktzahl kostenlose Bagels, „Sam’s Place“ in Texas verschenkt Gratis-Burger. Nicht nur kleine, lokale Läden würden mitmachen, sondern auch schon Online-Shops. Und Big Player wie McDonald’s, KFC, Dunking Donuts, Subway und Burger King konnte man stellenweise auch schon als Kooperationspartner gewinnen.

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Die App scheint anzukommen. Im Februar 2015 las man noch, dass „Pocket Points“ nur in zwei Hochschulen nutzbar sei. Mittlerweile sei man rasant gewachsen: „Wir haben nun über 100 Universitäten und Community Colleges mit über 1.000 Händlern, die uns unterstützen“, sagt Brent Glowatch auf unsere Nachfrage.

Expansion nach Deutschland?

Auch wenn „Pocket Points“ in den USA eine schön zu lesende Wachstumsstory hinlegt, so scheint das Start-up noch ein paar Probleme zu haben. In den App-Stores liegt die Bewertung aktuell bei 2,5 von 5 (Android) bzw. 3 von 5  (iOS) Sternen. Wie es scheint, trüben noch Bugs und die Usability die Nutzung der App.

Trotzdem wolle man über den Tellerrand schauen. Das heißt: Man blicke bereits nach Übersee, laut Glowatch. Wann man dorthin expandieren werde, könne man aber noch nicht sagen. Dazu seien noch weitere Ressourcen nötig.

Schüler sollen lernen!

Könnte „Pocket Points“ auch in Deutschland punkten? Dazu Gymnasiallehrer Christian Unger: „Darf ich die ketzerische Frage stellen, warum man so etwas braucht? Wo ist der gesunde Menschenverstand hin?“. Was er damit genau meint, erklärt er uns gegenüber genauer: „Die Großen [=Studenten, Anm. d Red.] benötigen keine Alibi-App mehr, sie sind alt genug, um selber zu wissen, was sich gehört. Die Kleinen [=Schüler, Anm. d. Red.] haben noch kein Smartphone zu besitzen, sondern zu lernen. Das klingt hart, es ist aber so!“

Unterm Strich bezeichnet Unger die App als „Bankrotterklärung“. Er halte nichts davon, wenn Schüler und Studenten „gepampert“ werden. Ähnlich sieht es Jens Kentzia, frisch gebackener Ex-Student der Johannes Gutenberg Universität in Mainz: „Hat man an einer anderen Stelle versagt, damit man die Schüler und Studenten nun so zur Aufmerksamkeit ‚zwingen‘ muss?“, fragt er, als er durch unsere Nachfrage zum ersten Mal von „Pocket Points“ hörte.

Lehrer mit Tagträumereien

Der baldige Referendar David A. hält dagegen. Er denkt, „Pocket Points“ sei perfekt. Warum? Weil seiner Erfahrung nach Schüler und Studenten trotz aller Maßregelungen ständig auf ihrem Smartphone herumspielen würden. Mit der App könnten sie angespornt werden, ihr Handy zur Seite zu legen und dem Unterricht zu folgen.

Uns gegenüber unterstrich er, dass er die Aussage von Unger und anderen Kritikern für „Tagträumereien“ halte. Er denkt, manche Lehrer und Dozenten möchten die Realität – also die exzessive Nutzung von Smartphones – an Schulen und Hochschulen nicht erkennen.

Keine gute Erziehungsmethode

Wie sehen das noch aktive Studenten? „Als Schüler hätte ich die App eventuell genutzt, als Student jedoch nicht mehr“, sagt Ayleen Heinz. „Die Essensgutscheine wären es mir nicht wert auf mein Handy während der Vorlesung zu verzichten. Denn das braucht man sogar für die Vorlesungen“, so die Studentin der Hochschule RheinMain in Wiesbaden. Auch ihre Kommilitonin Anna Triffterer hält von der „Erziehungsmethode“ durch die App nicht viel: „Immerhin ist man ja alt genug, um zu verstehen, dass es besser ist, das Handy in gewissen Situationen wegzulassen“.

Was ist mit den Rabatten? Würden die nicht trotzdem locken, „Pocket Points“ zu nutzen? Scheinbar nicht. Denn an einigen Hochschulen, Geschäften und öffentlichen Einrichtungen gäbe es bereits Ermäßigungen für Essen, Eintritt und dergleichen – so die Aussagen von mehreren Studenten, die wir befragten.

Weitere Vorteile wären nötig, um hierzulande zu punkten. Für Anna Triffterer könnte die App nur interessant sein, wenn sie nachweislich die Konzentration fördern und so die Noten positiv beeinflussen würde. Doch eine Smartphone-Abstinenz bedeute ja nicht gleich, dass man wirklich besser zuhört und das Gelernte aufnimmt.

Fazit: Eher Bankrotterklärung

Mir als Techie gefiel die Idee auf den ersten Blick. Aber beim genaueren Nachdenken stoße ich ins gleiche Horn wie einige der Befragten: Braucht man als Erwachsener wirklich eine App als Motivator, um beim Studieren aufmerksam zu sein? Ich denke: Nein.

Wie seht ihr das? Was haltet ihr vom „Pocket Points“-Prinzip?


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Über den Autor

Jürgen Kroder

Jürgen bezeichnet sich als Blogger, Gamer, Tech-Nerd, Autor, Hobby-Fotograf, Medien-Junkie, Kreativer und Mensch. Er hat seine unzähligen Hobbies zum Beruf gemacht. Und seinen Beruf zum Hobby. Obwohl er in Mainz wohnt, isst er weiterhin gerne die Maultaschen aus seiner Heimat.

5 Kommentare

  • In verschiedenen helfenden Angeboten gilt es wirksam sein Verhalten zu protokollieren. Denn dann fiele den meisten Menschen erst auf, wie stark das schädigende Verhalten ist, bzw. bei der Erfassung des Verhaltens würde Reflexion einsetzen.
    Bei der App fehlt die aktive Protokollierung, aber wenn man am Ende das Tages sieht, wie viel Zeit man wirklich am Handy verbracht hat, wird mancher sich wundern, weil es noch mehr ist als man bei aller selbstkritischen Einschätzung glauben mag.

  • Der Ansatz klingt gut, aber wie schon geschrieben, brauchen so etwas wirklich Studenten? Bei Schülern macht das ganze ja noch Sinn aber ein Student sollte, nachdem er sich sein Studienfach frei aussuchen konnte, schon in der Lage sein während einer Vorlesung den Handykonsum auf ein minimum zu beschränken.

  • Ich merke aber auch schon von Bekannten ( viele Studenten), dass ihnen schwer fällt das Smartphone während der Lesungen wegzupacken. Daher fänd ich die Idee gar nicht mal so verkehrt.

  • Dass der Tenor zu sein scheint, Unterricht oder Vorlesung könnten nicht ebenso spannend sein, wie eine schnöde Gaming-App, das ist die eigentliche Bankrotterklärung.

  • Als ob die Lehrnenden dieser Generation wirklich anders wären als die Generationen zuvor. Hatten wir nicht selber mit unseren Banknachbarn während dem Unterricht Käsekästchen gespielt, unsre Schuhe bemalt oder Papierkugelkrieg gegen die Streber aus der ersten Reihe geführt?

    Diese ganze Schwachsinnsdiskussionen über die jungen Leute von heute, ihrem fehlenden Benehmen und dem Sittenverfall ist genauso absurd wie die Angst der konservativen Deutschen vor dem aussterben seiner Rasse und wird auch meist von geistig verwandten Menschen geführt.

    Wenn mich der Unterricht/ die Vorlesung nicht packen konnte, was ich seltener dem Fach als eher dem Vortragenden anlasten würde, da er den Begriffe Beruf und Job äquivalente Bedeutung beimaß obwohl sie nur die gleiche Tätigkeit mit unterschiedlichen Intentionen Beschreiben, musste ich mich halt ablenken. Immerhin schien es ja auch egal zu sein sonst hätte ich es ja auch nicht Tim können.

    Eine App wie ich sie hier beschrieben sehe ist nichts anderes als eine Werbeplattform ohne jeglichen Mehrwert für den der sie sich installiert. Ändern kann diese App das wirklich vorhandene Problem der Wissensvermittlung leider nicht, denn nicht der Empfänger ist das Problem, wenn er nichts brauchbares gesendet bekommt.

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