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Parental-Control-Apps: Ist die Kinderüberwachung Fluch oder Segen?

Parental-Control-Apps / Datenschutz für Kinder
geschrieben von Barbara Zartl

Immer mehr so genannte Helikopter-Eltern überwachen ihre Kinder per Smartphone. Unsere Autorin Barbara Zartl hat sich einige der Möglichkeiten angesehen und fragt sich, ob die moderne Kinderüberwachung mittels Parental-Control-Apps nun Fluch oder Segen ist.

Hand aufs Herz. Wer hat damals in der Schule den späteren Bus nachhause genommen, um noch mit Freunden zu plaudern? Wer hat bei einer Freundin übernachtet, damit die Eltern nicht wissen, wie lange man wirklich bei der Party war? Wer hat seine tiefsten Geheimnisse in ein Tagebuch geschrieben? Gerade weil unsere Eltern nicht alles wussten (und oft auch nicht wissen wollten), haben wir uns doch meistens ziemlich gut mit ihnen verstanden, oder?

Für die Kids heute wird es zunehmend schwieriger, Geheimnisse vor den Eltern zu haben. Die sogenannten Helikopter-Eltern geben sich längst nicht mehr damit zufrieden, ihren Nachwuchs zur Schule zu fahren und wieder abzuholen. Wer mit 10 Jahren darauf drängt, ein Smartphone zu bekommen und damit die vermeintlich große Freiheit, weiß nicht, wie falsch er damit eigentlich liegen kann. GPS-Tracker und das Nachverfolgen von Anrufen gehören nicht mehr in schlechte Spionage-Filme. Mithilfe von Parental-Control-Apps kann minutiös die gesamte Smartphone-Nutzung anderer Personen nachverfolgt werden.

Manche dieser Apps können mehr, manche weniger – je nachdem, wie viel man bereit ist zu zahlen. Und für die Sicherheit ihrer Sprösslinge greifen Mama und Papa schon mal gerne tief in die Tasche. Helfen sollen die Apps vor allem, um den Kindern Limits zu setzen. Aufgewachsen mit Smartphone und Internet wird den Digital Natives der vernünftige Umgang damit offensichtlich nicht mehr zugetraut. Ob auf Grund schlechter Erfahrung oder einfach aus Angst – Eltern entschließen sich immer häufiger dazu, ihre Kinder komplett zu überwachen.

Was können Parental Control Apps?

Es gibt mittlerweile unzählige Parental-Control-Apps auf dem Markt und genau so zahlreich sind auch deren Funktionen. Meistens bekommt man für sein Geld eine Zeitlimit-Kontrollfunktion, einen GPS-Tracker und die Möglichkeit der Überwachung bestimmter Apps wie Nachrichten, Kontakte und Telefon. Besonders gut im Ranking schneidet das Programm PhoneSheriff ab. Nachdem man die App allerdings nicht im Google Play Store bzw. App Store kaufen kann, muss die Software direkt auf der Website heruntergeladen werden. Für stolze 81,51 Euro pro Jahr, kann diese dann auf dem jeweiligen Smartphone installiert werden. Per sofort können Eltern ihre Kinder vor all den Gefahren des Internets bewahren, wie auf der Website angepriesen wird.

Über 5.000 Downloads im Play Store hat auch die App Qustodio (40 Euro pro Jahr). Hier ist die Installation einfach per App-Download (für iOS und Android) möglich. Auf benutzerfreundlicher Oberfläche können Apps blockiert, bestimmte Websites gesperrt und die Textnachrichten und Anrufe überwacht werden. Außerdem ist hier auch die Zeitaufzeichnung der App-Nutzung möglich. Kritisiert wird in Reviews, dass der Standort des Kindes zwar verfolgt, geofencing – also die automatische Benachrichtigung, wenn das Kind eine bestimmte Zone verlässt – aber nicht unterstützt wird.

Und es kommt noch besser!

Einen Schritt weiter geht die Spy Phone App:

Spy Phone App is the next generation of smartphone surveillance software.

Umfangreiche Überwachung verspricht die Website nicht nur für die eigenen Kinder, sondern auch für Mitarbeiter. Neben den oben bereits genannten Features, können zusätzlich Sprachnachrichten aufgezeichnet werden. Da das Aufzeichnen von Gesprächen, ohne das Wissen der betreffenden Person rechtlich nicht ganz unbedenklich ist, wird in der Fußzeile darauf hingewiesen, diese App nur mit Einverständnis der überwachten Personen zu verwenden.

Dass das mit dem Datenschutz alles ein bisschen ungewiss ist in unserer vernetzten Welt, ist keine Neuigkeit. Die Überwachung der eigenen Kinder durch deren Eltern, hebt die Debatte allerdings auf eine ganz neue Ebene. Aus Angst, dass etwas passiert, versuchen Eltern heute jedes Risiko aus dem Leben ihrer Kinder zu verbannen. Jeder Schritt muss überwacht werden. Falschen Freunden, verpassten Schulstunden und vorgetäuschten Krankheiten wird sofort entgegengewirkt. Mittels App suchen Eltern quasi die Freunde ihrer Kinder aus und bewahren sie davor, auf nicht autorisierten Websites zu surfen.

Dürfen Kinder heute keine Fehler mehr machen?

Es scheint fast so, als müsse man Kinder heute in Watte verpackt in die große weite Welt hinausschicken. Aber bitte nicht zu weit hinaus – das könnte gefährlich sein! Ich bringe ungern die Phrase „die guten alten Zeiten“ ins Spiel, denn sie erinnert immer ein wenig an Diskussionen mit Großeltern, die mit den Entwicklungen der letzten 20 Jahre nicht zurecht kommen. Ein bisschen macht es mich aber traurig, wenn ich meine Kindheit mit jener der Kinder heute vergleiche. Einerseits werden sie quasi von Beginn an mit den technischen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts aufgezogen, andererseits traut man ihnen kaum etwas zu.

Wer früher vielleicht mal beim Spielen vom Baum gefallen ist, würde heute einen Alarm am Smartphone der Eltern auslösen, weil er die „restricted area“ betritt. Der Umgang mit Social Media und dem Web 2.0 erfordert Aufklärung und keine Verbote. Wer nie eine schlechte Erfahrung im Internet gemacht hat, weiß auch nicht, wie er sich davor später einmal schützen kann.

Stichwort: Medienkompetenz

Der verantwortungsvolle Umgang mit Medien kann erlernt werden. Er muss gezielt vermittelt und geübt werden. Verbote und Beschränkungen wie sie bei Parental-Control-Apps praktiziert werden, sind wohl kaum sinnvoll. Sie machen die Materie nur noch interessanter. Wer einem Kind nicht beibringen kann, das Smartphone auf die Seite zu legen, sollte seine erzieherische Verantwortung nicht auf Software abwälzen. Das mag vielleicht im Moment einfacher sein, bringt aber nachhaltig für keine Seite Mehrwert. Wer mit Informationen überhäuft wird, muss lernen diese zu filtern und sinnvoll einzusetzen.

Hätten meine Eltern damals die Telefongespräche mit meiner besten Freundin abgehört oder mein Tagebuch gelesen – ich hätte ihnen vermutlich nicht so schnell verziehen. Parental-Control-Apps fördern genau diesen Vertrauensbruch. Und: auch Kindern kann man zutrauen, eigene Entscheidungen zu treffen.

Wie seht ihr das? Ist die moderne Kinderüberwachung mit Parental-Control-Apps Fluch oder Segen für Kinder und Eltern?


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Über den Autor

Barbara Zartl

6 Kommentare

  • Was in diesem Artikel, wie auch in anderen Artikeln zu diesem, unausgeleuchtet bleibt, ob mit einem Teil der Kontrollmöglichkeit ein eventueller wegfallender Teil von sozialer Kontrolle kompensiert wird.

    Bei mir vor 40 Jahren auf dem Dorf, wenn wir durch Felder und Wiesen stromerten, wurden wir von Erwachsenen, die uns begegneten, gefragt, zu wen wir gehören bzw. man sagte es uns auf den Kopf zu. Ich erfuhr häufiger beim Abendbrot – ohne erzählt zu haben – was ich am Nachmittag so getrieben habe.

    Also Bewegungsprofil 1.0

    Vielleicht sollte man diesen Apps unterscheiden, ob es leichter wird, wenn etwas passiert, das Kind aus der SItuation rauszuholen oder sie zu überwachen.

    Einen weiteren Aspekt blendet der Artikel aus, der Überwachungswunsch ist ein Ausdrucks des gesteigerten Leistungsdruck in der Gesellschaft. Eine geschwänzte Schulstunde ist gefühlt ein Schritt auf den Abgrund des sozialen Abstiegs hin, es war früher halt nur ein Regelverstoß.

  • Es ist die Aufgabe und die Pflicht aller Eltern, auf ihre Kinder aufzupassen. Das nennt man Fürsorgepflicht. Wieso stellt ihr das so pauschal in Frage?

    • Ich denke aber, dass man zwischen Fürsorgepflicht und totaler Überwachung unterscheiden muss. Dafür zu sorgen, dass es den Kindern gut geht ist eine Sache, ihre Gespräche und Nachrichten zu überwachen, geht dann aber meines Erachtens doch zu weit.

  • Wir sind 4 Geschwister, die obgleich alle deutlich älter als 50 Jahre und über ganz D verstreut lebend immer noch eng verbunden sind.
    Wir benutzen die „Meine Freunde finden“-App von Apple und immer wenn eins von uns den anderen anrufen und ratschen möchte, schauen wir wo Er oder Sie gerade steckt.
    Oder wenn unser Nesthäkchen-Schwesterchen sich wieder mit der Tageszeit vertut und noch bei fast Dunkelheit am See sitzt und träumt, ruft eines der Geschwister sie an: Tine, ab nach Hause.
    Oder man freut sich mit dem Bruder, wenn man mittels der App verfolgen kann wo er grad auf seiner Deutschland-Radtour steckt.
    Meine Schwester hat bei sich neben uns Geschwistern auch weitere Freunde in ihrer Freunde-App registriert und freut sich jedes Mal, wenn einer ihrer Bekannten sie unerwartet im Café besucht, weil er in seiner Freunde-App gesehen hat, dass sie ganz in seiner Nähe im Café sitzt.
    Natürlich ist diese App auch eine Art der Überwachung von anderen.
    Aber wir schätzen es sehr in der Familie den räumlich entfernten Menschen „sehen“ zu können und zu „wissen“ was er / sie gerade macht.
    Und ich persönlich finde es beruhigend zu wissen, dass es Menschen gibt, die etwas unternehmen würden, wenn sie mich auf ihrer App am späten Abend längere Zeit bewegungslos im Wald auf meiner Joggingstrecke „sehen“.
    Insofern finde ich an dieser Art Überwachungs-Apps auch bei Kindern nicht Nachteiliges, so lange die Eltern daraus nicht ein ständiges Recht zur Intervention ableiten und das Kind auch sehen darf wo Mutter oder Vater denn gerade sind.
    Anders ist das mit der Überwachung von Nachrichten die Kinder auf ihren Internetgeräten empfangen.
    Hier würde ich – abgesehen von Unterrichtung meiner Kinder zu Medienkompetenz – je nach Alter in ihrem Geräteprofil bestimmte Dinge sperren und erst altersgemäß und entsprechend ihrer Medienkompetenz freigeben, aber dann nicht ihre Korrespondenz überwachen.

    • Ich finde, das ist ein gutes Beispiel für die Nutzung solcher Apps. Solange alle selbst entscheiden, wer wen sehen darf, sehe ich hier auch keine großen Probleme. Und es ist schön zu wissen, dass sich andere dafür interessieren was ich gerade mache.
      Bei Kindern finde ich das dahingehend problematisch, weil ihnen praktisch von vornherein vorgelebt wird, dass man anderen nicht vertrauen kann. Wie du sagt, Medienkompetenz ist das Stichwort. Darüber reden, aufklären und gemeinsam festlegen, was erlaubt ist und was nicht…

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