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Skurrile FOCUS-Reichweite: Wird die Onlinewelt zum Clickbait-Puff? Eine Abrechnung.

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geschrieben von Michael Müller

FOCUS Online ist laut jüngsten Hochrechnungen das reichweitenstärkste News-Portal Deutschlands und stößt den wort- wie auch bildgewaltigen Springer-Boulevard vom Thron. Eine Überraschung! – Applaus? Problematisch an dieser Entwicklung ist, wie nichtssagend sie doch ist. So könnte die rein quantitative Betrachung von Klickzahlen sehr leicht dazu verleiten, dass das Online-Angebot des FOCUS damit – fokussiert auf den Reichweiten-Aspekt – zum (werbe-)relevantesten Leitmedium Deutschlands aufgestiegen ist. Dass dem aber ganz und gar nicht so ist, möchten wir in diesem Beitrag herleiten. Gleichzeitig werben wir für mehr journalistische Qualität statt Quantität, zeigen Ansätze für die qualitative Messung von Reichweiten auf und untermauern, wieso sich luftleere Clickbait-Räume auf lange Frist selbst demontieren werden.

Der harte Kampf um die Klicks

In der Online-Medienwelt gelten andere Gesetzmäßigkeiten, als im klassischen Print-Segment. Bei Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen entscheidet letztlich der Inhalt darüber, ob der zum Lesen notwendige Kaufvorgang erfolgt. „Content is King“, könnte man sagen, ist der Leitgedanke für Printmedien. Ob für Boulevard-Blätter wie BILD, Wochenzeitungen wie ZEIT, Nachrichtenmagazine wie SPIEGEL oder regionale Tageszeitungen: Die Relevanz der Inhalte, informationelle Qualität und journalistische Sorgfalt entscheiden in Kombination über Erfolg und Misserfolg, geben den Impuls für eine Kaufentscheidung.

Natürlich kann die Auslegung und Interpretation dieser Faktoren nach Verlagshaus und -philosophie variieren, überschreitet nicht zuletzt der Boulevard-Journalismus doch immer wieder Grenzen, die geltendes Presserecht und eine gesunde Ethik vorschreiben. Letztlich ist es im Kern aber die hohe Kunst des Boulevard, komplexe Zusammenhänge allgemeinverständlich und auf den Punkt aufzuschreiben, um eine größtmögliche Masse zu erreichen – dass unter dieser Arbeitsethik meinungsmachende Kampagnen immer wieder reißerische oder gar hetzerische Züge annehmen, ist die böse Fratze der boulevardesken Überzeichnung und soll an dieser Stelle nicht weiter diskutiert werden. Fakt ist: langfristig kann auch der Boulevard nur durch Relevanz, Qualität und Sorgfalt erfolgreich sein und Reichweite halten.

Anders läuft es online. Im weitgehend kostenfreien Raum des Internet nehmen sehr viel mehr Faktoren Einfluss auf den Erfolg von Artikeln und Inhalten. Ein solcher Faktor kann beispielsweise die Schnelligkeit sein, wenn es um exklusive Neuigkeiten geht. „Bist du schnell, bist du gut“ oder zumindest gut aufgestellt, könnte man vereinfacht sagen. Doch dem nicht genug: Viele weitere Einflussfaktoren bestimmen über Erfolg und Misserfolg von Inhalten, beispielsweise das Maß der Vernetzung in sozialen Medien wie Twitter oder Facebook sowie die Qualität von Headlines und Teaser-Texten.

Reihen sich auf gedrucktem Blatt ganze Texte und Bilder aneinander, verstecken sich Inhalte im Netz in der Regel hinter Teaser-Bildern und -Snippets. Heißt im Umkehrschluss, dass ein Inhalt nur dann funktioniert und erreicht wird, wenn die aufgereizten Anmach-Texte und die visuellen Reize sexy und relevant genug sind, um eines Klicks würdig zu sein. Wer also auf diesen Artikel nur auf Grund der Puff-Komponente geklickt hat, aber trotzdem bis hierhin weitergelesen hat, den scheint tatsächlich auch der Inhalt zu interessieren.

Der Klick ist der notwendige Türöffner zu den Inhalten und tatsächlich ein Indikator für Erfolg im Online-Kosmos.

Diese Erkenntnis ist so alt wie das Internet und verleitet auch heute noch Medien und Portale zu einer simplen Kausalität: Wenn ein Inhalt viele Klicks generiert, dann ist er gut. Dass dem aber nicht zwingend so ist, zeigt der aktuelle Clickbait-Trend, der Internetnutzer zum Narren hält. Aber was ist „Clickbait“ eigentlich? Wie definiert man es, wo fängt es an und wie hebt es sich von Polemik und reißerischen Überschriften ab?

Clickbait: Eine Frage der Definition

Wikipedia definiert den Begriff „Clickbait“ folgendermaßen:

Mit Clickbaiting wird medienkritisch ein Prozess bezeichnet, Inhalte im World Wide Web mit einem Clickbait (deutsch etwa „Klickköder“) anzupreisen. Clickbaits dienen dem Zweck, höhere Zugriffszahlen und damit mehr Werbeeinnahmen durch Internetwerbung zu erzielen.

Ein Clickbait besteht in der Regel aus einer reißerischen Überschrift, die eine sogenannte Neugierlücke (englisch curiosity gap) lässt. Sie teilt dem Leser gerade genügend Informationen mit, um ihn neugierig zu machen, aber nicht ausreichend, um diese Neugier auch zu befriedigen, ähnlich einem Cliffhanger. Die Überschrift kann durch grafische Elemente mit gleicher Funktion ergänzt oder ersetzt werden.

Diese Definition erlaubt es, eine klare Abgrenzung zu Polemik und Reißern zu ziehen: Wo bei Clickbaiting die Neugierlücke besteht, schmettern Polemik und Reißer die Informationen gebündelt und überzeichnet ins Blickfeld des Lesers. Dazu ein aktuelles Beispiel aus der BILD, gefunden auf BILDblog.de, das unerwünschte Papparazzi-Aufnahmen mit einer sehr direkten und deutlichen Headline garniert:

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Ein Foto, eine knackige Headline, so funktioniert der Boulevard – immer voll in des Lesers Fresse, oft am Rande ethischer Leitlinien.

heftig.co: Clickbait-Trendsetter in Deutschland

Betrachten wir zur praktischen Analyse die „Mutter allen Clickbaits“ in Deutschland, die Website heftig.co. Das Portal startete nach Vorbild angelsächsischer Angebote und sammelte seine Klicks hauptsächlich über Facebook ein. Die Strategie: mit überzeichneten Überschriften möglichst viele Klicks generieren und in der Folge die Facebook-Fanschaft exponentiell aufblasen.

Der Aufbau der Inhalte folgt dabei immer dem gleichen Vorbild: Die Headline verspricht, aufgeladen durch emotionale Attribute und Superlative, was der Inhalt nur selten halten kann. Ein paar aktuelle Beispiele:

heftigco

Werfen wir einen Blick auf das, was die Leser hinter den Headlines und Teasern auf heftig.co erwartet:

Was hier passiert ist, war DAS SCHRECKLICHSTE überhaupt.

Was ist „das Schrecklichste überhaupt“?
Die Antwort: Die Katastrophe von Fukushima, erzählt in einer Bilderstrecke.
Meine Gedanken dazu: Wer wissen möchte, was neben dem Schrecklichsten auf Erden „das Schlimmste“ ist, dem sei ein erleuchtendes Musikstück der Punkrock-Band Die Kassierer ans Herz gelegt.

Was auf diesem Schild in einem Buchladen steht, berührt TAUSENDE.

Was kann Tausende berühren?
Die Antwort: Wenn irgendein Besitzer irgendeines Buchladens auf einem Schild schreibt, dass er gerade jetzt seiner Angebeteten einen Heiratsantrag macht und in 5 Minuten wieder da ist, wenn es schief geht.
Meine Gedanken dazu: Ob Fake oder nicht, für mich dient der Informationsgehalt sehr gut als Narkotikum und berührt folglich, wenn überhaupt, mein Schlafzentrum.

Es erscheint wie ein ganz normales Bild. Doch als die Kamera ganz nahe ranzoomte, schüttelte ES MICH VOR EKEL!

Was kann so eklig sein, dass es den Betrachter vor Ekel schüttelt?
Die Antwort: Fotos von Mikroorganismen, herangezüchtet in Petrischalen.
Meine Gedanken dazu: Wen es bei dem Anblick dessen vor Ekel schüttelt, der hat noch nie in einem billigen Hostel übernachtet oder auf einer Festival-Toilette Geschäfte verrichtet.

Zugegeben, die Fukushima-Story ist in dieser aktuellen Zufallsauswahl noch der lesens- beziehungsweise betrachtenswerteste Inhalt, wobei die Headline im Grunde keine Verbindung zu der dramatischen Katastrophe in Japan herstellt. Die übrigen beiden Beiträge sind vom Informationsgehalt eher mager und schaffen es nicht, der Überschrift gerecht zu werden. Nach dem Lesen stellt sich unmittelbare Ernüchterung ein und wenn man ehrlich zu sich ist, fühlt es sich an, als sei man seiner eigenen Neugier auf den Leim gegangen. Mäh.

Facebook als Traffic- und Klick-Multiplikator

Was bei heftig.co besonders auffällig ist: der meiste Traffic kommt über Facebook. Da heftig.co mittlerweile auch bei IVW Online gelistet ist, sind die Zugriffszahlen weitgehend transparent. Im November dieses Jahres erreichte das Portal insgesamt 39,98 Millionen Page Impressions (PI) bei 29,68 Milionen Visits. Die heftig.co-Homepage erreicht dabei nur im Verhältnis dürftige 1.298.845 PI und 566.080 Visits – gegenüber 38.681.242 PI und 29.605.771 Visits über alle Unterseiten verteilt – deutliche Indikatoren dafür, dass die meisten Klicks über Direktlinks auf Facebook generiert werden und die Website an sich nur selten direkt über die Web-Adresse angesteuert wird.

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„Dinge, die wichtig sind“ führen Relevanz ad absurdum

Da Erfolg bekanntermaßen schnell Nachahmer findet, wurde das heftig-Prinzip in den sozialen Medien auch von anderen Portalen adaptiert, wenn auch in abgeschwächter Form. Beispiele sind hier diverse Promi-Portale, die hauchdünne Informationen mit voyeuristischer Perfektion aufladen:

Nun überrascht es kaum, dass Klatsch- und Tratsch-Themen das Interesse der breiten Masse auf sich ziehen. Kein neues Phänomen, überschlagen sich seit Dekaden doch „Star“-Formate auf privaten wie auch öffentlich-rechtlichen TV-Sendern mit Neuigkeiten rund um Menschen der Öffentlichkeit, garniert mit einem großen Schuss Intimsphäre, bedient von Papparazzi-Fotografen, die vom Schutz des Privatlebens wenig halten.

Neben den gezeigten, ganz spontanen Beispielen aus den Klatsch-Magazinen BUNTE und Gala, treibt auch das Fernsehmagazin TV Movie die eigene Klick- und Reichweiten-Geilheit bei Facebook auf die Spitze. Im Sommer nutzte die Social-Media-Redaktion der Zeitschrift die Krebserkrankung von Roger Willemsen für die eigenen Zwecke – und wurde dafür, absolut zurecht, medienkritisch zerrissen und vom Presserat gerügt:

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Die Beispiele machen deutlich, was im Zentrum des Interesses der Portale steht: der Klick. Oft ohne Rücksicht auf Verluste, auf Biegen und oft zum Brechen, unter bewusster Missachtung ethischer Grundsätze, vorsätzlicher Verwirrung der potentiellen Leserschaft und großer Niveaulosigkeit. Ein Muster, das nicht als Vorbild dienen sollte – könnte man meinen?

Clickbait-Seuche geht um – und erreicht Qualitätsmedien

Die Adaption des heftig-Prinzips aus der Unterhaltungs-Ecke, findet nun auch in etablierten Leitmedien ihre Fortführung, allen voran FOCUS Online. Die Online-Ausgabe des wöchentlichen Print-Magazins übt sich seit über einem Jahr darin, reißerische und mit Neugierlücken bespickte Clickbait-Beiträge über Facebook zu streuen. Die Strategie dahinter ist durchschaubar: Klicks generieren, Reichweite steigern, Werberelevanz vortäuschen und bare Münze verdienen!

Einige aktuellen Beispiele von Facebook:

… und weil die Kommentare auf Facebook fast unterhaltsamer sind, als die Inhalte hinter den Teasern:

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Dass die Macher von FOCUS Online mit ihrer Wettstrategie offenbar richtig liegen, zeigt der Aufstieg von FOCUS Online in den Reichweiten-Olymp: Laut AGOF-Messung erreichte FOCUS Online im September 19,52 Millionen Unique User. Ein Plus von über zwei Millionen gegenüber dem Vormonat August. Immerhin fast 400.000 Unique User mehr, als der ewige Boulevard-Platzhirsch BILD Online.

Die Geschäftsführerin der BILD, Donata Hopfen, ist im Gespräch mit Meedia dann auch um kein kritisches Wort verlegen:

Man kann BILD.de und Focus.de nicht vergleichen, das ist ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Wir setzen auf eigene journalistische Inhalte, auf Paid Content und eine vermarktungsrelevante Leserschaft. Der Focus hat da wohl eine andere Strategie. Salopp gesagt machen die Kollegen alles, wenn es nur klickt.

Klingt in Anbetracht der Tatsache, dass auch die BILD-Redaktion immer wieder mit Clickbait-Beiträgen auf Facebook experimentiert, schon fast belustigend:

Die Adaption der FOCUS-Strategie durch die Online-Ausgabe der BILD zeigt deutlich, dass die Klickzahlen in der Welt des Online-Journalismus weiterhin eine hohe Relevanz für die Erfolgsmessung haben. Auch, wenn die BILD-Chefin im Meedia-Interview angibt, dass man „guten Gewissens“ sagen könne, „erst einmal alles unter Qualitätsgesichtspunkten und nicht nur nach seinem Klickpotenzial“ zu betrachten, so ist es letztlich wohl doch der reine Klick, um den es geht. Aber ist dieses Selbstverständnis wirklich noch zeitgemäß?

DIE WELT geht einen eigenen Weg – und sollte Vorbild sein

Entgegen dem weiter anhaltenden Clickbait-Trend geht DIE WELT Online einen eigenen Weg und macht sich frei davon, Klickzahlen zu viel Relevanz beizumessen. Ein so genannter „Article Score“ bildet aus fünf Faktoren einen Scoring-Wert, der eine Erfolgs-Einordnung erlaubt. Die Macher von WELT Online sind sich sicher: „Leider ist nicht jeder Traffic guter Traffic“. WELT-Chefredakteur Jan-Eric Peters sagt ganz klar, dass Qualität mehr Wert ist, als „schnelle Klicks“. Eine erfrischende Herangehensweise und Gegenentwurf zur heftigen FOCUSierung.

Im WELT Blog „kosmos“ gibt die Redaktion allen Interessierten einen Einblick, wie der „Article Score“ auf den Tischen der Redakteure landet:

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Was DIE WELT dazu verleitet hat, dieses Scoring einzuführen, bringt das nachfolgende Zitat auf den Punkt:

Das Erstellen einer attraktiven Überschrift kann man schnell lernen, aber guten Content dahinter zu schaffen, dafür braucht man einen guten Journalisten. Und das würdigen wir bei der „Welt“ mit dem Article Score.

Im Grunde geht es beim Ansatz der WELT um den Anspruch von attraktiven und stimmigen Komplettpaketen, die Leser dazu ermutigen sollen, einen Text möglichst komplett zu lesen, integrierte Inhalte wie Videos auf Grund des Mehrwertes anzusehen und die Inhalte daraus folgend aus Zufriedenheit mit anderen Menschen zu teilen. Ein smarter, vielschichtiger und keinesfalls komplexer Ansatz, der Vorbild für die gesamte Medienlandschaft sein sollte.

Zwar sind die Seitenaufrufe bei der WELT weiterhin der wichtigste Faktor für das Scoring, jedoch haben die übrigen Faktoren zusammen genommen deutlich mehr Einfluss auf das Gesamtergebnis eines Artikels, als die exklusive Betrachtung der Klickraten. Wir halten das hier bei BASIC thinking ähnlich. Aktuell und seit den Veränderungen im Mai diesen Jahres fließen bei uns neben den Klicks drei Faktoren in die Messung ein:

  • Verweildauer
  • Social Signs
  • Kommentare

Die Klicks spielen dabei die kleinste Rolle und sind nach unserer Erfahrung ein Produkt von besagten drei Kenngrößen und lassen sich logisch damit verknüpfen: Wird ein Beitrag beispielsweise geklickt und zu Ende gelesen, so scheint er den Leser interessiert oder sogar gefallen zu haben. Daraus folgt ein Kommentar, ein weiterer Besuch oder eine Aktivität in sozialen Netzwerken, also ein Like oder ein Share. Ziemlich ähnlicher Denkansatz, wie beim „Article Score“ der WELT, finden wir.

Clickbait hebelt langfristig die Glaubwürdigkeit aus

Das wohl größte Problem des Clickbait-Trends ist einerseits, dass der reine Klick von höchster Wichtigkeit ist, ganz unabhängig von Relevanz und Qualität der Inhalte. Durch die Neugierlücke besteht immer die Gefahr, beim Leser eine Enttäuschung zu provozieren – sei es, weil die Erwartung an den Inhalt hinter der Headline nicht erfüllt wird, oder das behandelte Thema ein gänzlich anderes ist. Portalen, die wie FOCUS Online also massiv an Klick-Reichweite zulegen, auch eine höhere Werberelevanz zu attestieren, ist fatal! Denn welche Werbebotschaft möchte schon mit einem unwohlen Gefühl verknüpft werden?

Diese Kausalität heißt auch, dass Clickbait-Reizüberfluter wie FOCUS Online, heftig.co oder neuerdings auch immer wieder BILD Online, damit rechnen müssen, ihre inhaltliche Glaubwürdigkeit (ja, …) einzubüßen. Denn auch wenn die Klickzahlen steigen, so zeigt die Mutter allen Clickbaits durch ihre öffentlich einsehbaren IVW-Statistiken doch sehr gut, wie irrelevant die übrigen Inhalte neben einem Clickbait-Zielartikel sind.

Für 2016 bleibt die Hoffnung: Qualität siegt!

Das Internet wird immer komplexer, die Erfolgmessung sollte es auch werden. Die reine Betrachtung von Klickzahlen ist veraltet und nicht mehr zeitgemäß. Online-Portale mit relevanten Inhalten sollten sich langfristig immer für Qualität entscheiden, um beim Leser auch langfristig als qualitativ hochwertig wahrgenommen zu werden. Der schnelle Klick mag den eigenen Voyeurismus kurz befriedigen, ermutigt aber nur selten zum Wiedersehen.

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Über den Autor

Michael Müller

Michael tritt seit 2012 in über 140 Beiträgen den Beweis an, trotz seines Allerweltnamens real existent zu sein. Seit Abschluss seines Wirtschaftsstudiums arbeitet er als Kommunikationsberater für namhafte Technologie-Firmen, kann und möchte das Schreiben aber nicht sein lassen.

32 Kommentare

  • Sehr interessanter Artikel, ich finde das Thema sehr brisant und spannend, da es uns ja im Endeffekt alle betrifft. Toller Beitrag! 🙂
    Grüße, Gerd

  • „Im Sommer nutzte die Social-Media-Redaktion der Zeitschrift die Krebserkrankung von Roger Willemsen für die eigenen Zwecke – und wurde dafür, absolut zurecht, medienkritisch zerrissen“

    Nicht nur medienkritisch. Die Methode wurde vom Presserat gerügt.

    • Hi Sven, danke für die Blumen 🙂 Und: ja! Wir sind sehr froh, dass unsere Leser das neue Konzept annehmen und honorieren. In Zeiten von schnellen Klicks und wenig Zeit keine Selbstverständlichkeit.

  • Vielen Dank für den interessanten Artikel 🙂
    Mir ist auch aufgefallen, dass vermehrt clickbait-Links auftauchen, was mich persönlich sehr nervt, um es noch freundlich auszudrücken.
    Deswegen blockiere ich Seiten à la heftig.co, noch bevor ich solch einer Falle erliegen könnte, auch wenn Bekannte oder Freunde leider viel zu oft Beiträge dieser Art teilen.
    Neben Content Theft (obwohl FB sich die Hände hierbei reibt und kräftig mitverdient) empfinde ich das Clickbait-Prozedere als größten Störfaktor gerade auf Social Media Plattformen wie Facebook.
    Daher freut es mich um so mehr, wenn ich auf einen gut recherchierte und qualitativ hochwertige Artikel wie diesen stoße.
    Der mich sogar zum Kommentieren anregt, was bei mir in 99% der Fälle ausbleibt
    Also nur weiter so 😉

    • Hallo Marie, vielen Dank für deine netten Worte, darüber freuen wir uns sehr 🙂 Deinen Vergleich von Clickbait mit einer Falle finde sehr zutreffend, ist im Grunde reine Bauernfängerei.

  • Der Erfolg von Focus Online lässt sich nicht allein mit redaktionellen Clickbait-Tricks erklären, sondern m.E. vor allem mit der starken Präsenz bei Google News. Das wiederum hat mehr mit SEO zu tun – einem Thema, dem sich viele Redaktionen nur widerwillig nähern („Ich schreibe für den Leser – nicht für Google!“). Klingt nobel, nur entscheidet der Online-Leser eben via Google, was er liest. Ohne SEO-Know-how geht es im Online-Journalismus nicht mehr.

  • Bin noch am Lesen, aber die Aussage über die Printmedien ist doch arg gewagt bzw. als Ausgangslage nicht durchgehend richtig. Da spielen noch viele andere Faktoren eine Rolle. Branding, politische Richtung, Service-Content auf dem Cover als Kaufimpuls, bei regionalen Zeitungen viele Infos, Termine oder Todesanzeigen. Das ist natürlich allles auch unter Relevanz einzuordnen, aber dann ist alles relevant, was Leute lesen oder klicken…: „Die Relevanz der Inhalte, informationelle Qualität und journalistische Sorgfalt entscheiden in Kombination über Erfolg und Misserfolg, geben den Impuls für eine Kaufentscheidung.“ So jetzt weiterlesen. 🙂

  • So, fertig. Schön. Der Artikel zeigt ganz gut: Es gibt nur zwei Wege (und viele Trampelpfade dazwischen). Entweder gehst du wie focus oder heftig all in clickbaiting, wirst später assimiliert von den Gatekeeper-Plattformen und verlierst in der Tat deine eigene Auftritte (und bist vielleicht auf Grund von Masse statt Klasse + Vermarktung durch fb irgendwie erfolgreich. Ohne Qualitäts-Content). Oder du gehst eben den Weg des qualitativen Contents, um weiter für kaufkräftige Zielgruppe (Leser und Werber) attraktiv zu bleiben. Dass du den – wie früher in Printmedien durch Stellen- oder Immobilienanzeigen ja auch – querfinanzieren muss, versteht sich von selbst. Bei einer (Kosten-)Größe von Welt bleibt das sicher spannend. Kleine Unternehmungen haben da es bestimmt einfacher.

    By the way: So ein Artikelscore bei welt.de ist super, aber nun nicht neu und ist im E-Commerce gang und gäbe. Next Level dann mit Berücksichtigung der personbezogenen Daten, wenn vom Nutzer gewünscht und datenschutzmäßig transparent. Über alle Endgeräte und Touchpoints.

  • Vielen Dank für diesen durchdachten und informierten Artikel.

    Ich hoffe auch Readitlater-Apps wie Instapaper werden irgendwie berücksichtigt.
    Werde euch dennoch für diese guten Artikel unterstützen und hin und wieder auch gerne mal eine Anzeige berücksichtigen 🙂

  • Einer Euer besten Artikel überhaupt, Danke! Schön mal so ein paar Berichte vergleichend gegenüber zu stellen.

    Wobei die Grundidee hinter dieser Form des Publizismus natürlich nicht neu ist, nämlich die Leser mit Emotionen zu packen: Martin Luther King hatte einen Traum, keinen 10-Punkte-Plan. Das geht bis heute von der Apple-Werbung bis zur Flüchtlingsthematik. Die Leute werden über Emotionen eingefangen.

    Zum Problem wird es dann, wenn – wie ihr es schon schreibt – die geweckten Emotionen inhaltlich nicht befriedigt werden. Vielleicht solltet ihr die Entwicklung in ein oder zwei Jahren nochmal recherchieren.

  • Sehr guter Artikel. Aber bei dem Scoring sollte bedacht werden, dass die Verweildauer doch ziemlich relativ ist. Wer vielleicht nur schnell eine Info sucht und direkt im Text fündig wird, hat eine geringe Verweildauer obwohl er trotzdem den richtigen Content gefunden hat. Daher ist es wichtig dass so ein Scoring durch noch mehr Faktoren „richtig gerückt“ wird.

    • Danke sehr 🙂 Für die Zukunft ist es wichtig, entsprechende Scoring-Modelle zu diskutieren und sich über die Erfahrungen auszutauschen. Dass DIE WELT so offen über die eigenen Scoring-Faktoren schreibt, finde ich da eine erfrischende und womöglich wegweisende Herangehensweise.

  • Focus, Bild und Heftig waren ohnehin nie „meine“ Medien. Schlimmer finde ich, dass Zeit Online auf Facebook zumindest Clickbait-ähnliche Meldungen verbreitet. Nur als Beispiel hier die zuletzt veröffentlichte: „Sie schossen auf ein Fenster – und trafen einen schlafenden Mann.“

    • Ist mir bisher noch nicht aufgefallen, würde mir als ZEIT-Abonnent aber wahrlich weniger gut schmecken..

      Werde ein prüfendes Auge drauf werfen, was die Onliner der ZEIT in den nächsten Wochen so von sich geben.

    • Auch, wenn die qualitative Einordnung eines jeden Mediums natürlich auch subjektiven Aspekten unterliegt, würde ich DIE WELT in jedem Fall zu den Qualitätsmedien Deutschlands zählen.

  • Schöner Artikel, ist leider nun aktuell die Realität.

    Und Focus Online?
    Ich kommentiere sehr selten auf Nachrichtenportalen (birngt ja doch nur Ärger/Frust/etc.). Meine 4 letzten Erfahrungen mit Focus Online Kommentaren: keiner wurde veröffentlicht („gegen Regelen/Netiquette/Whatever“ verstoßen.)

    Nun könnte man annehmen, das ich gehetzt (was aber wahrscheinlich freigeschaltet worden wäre), oder beleidigt hätte (was auch höchstwahrscheinlich veröffentlicht worden wäre), nein, ich habe auf _inhaltliche_ Fehler (zB wurde von einer Milliarde geschrieben, was aber Million heissen müsste) aufmerksam gemacht. UNd _alle_ 4 Fehler wurden klammheimlich korrigiert. Aber meine Komentare verstossen gegen die „Regeln“.

    Wunderbar.

    • Danke für dein Feedback, Dominic!

      Natürlich sollte jedes Nachrichtenportal darüber wachen dürfen, welche Kommentare letztlich auch über die Kommentarfunktion geteilt werden. Ich finde es sogar sehr löblich, wenn man sich die Zeit zur Moderation auch nimmt. Leider fehlt es mir an Erfahrungswerten, wie strikt bei FOCUS Online moderiert wird – liegt daran, dass ich Kommentarfelder außerhalb der Blogosphäre meide (alleine schon wegen des Umgangstons).

  • Eurer Aussage, dass Print anders funkioniert, möchte ich gerne ganz klar widersprechen. Im Print-Bereich wird das Cover ganz genauso genutzt wie die Teaser bei Facebook und Co. Viele Magazine versprechen auf den Covern mit genau den gleichen Clickbait-Überschriften Inhalte, die sie dann in den Artiklen nicht einhalten können.

    • Das mag für die spontante Kaufentscheidung stimmen, aber nicht doch für die langfristige Leserbindung? Nehmen wir DIE ZEIT, eine Wochenzeitung, die nicht gerade durch reißerische Cover glänzt (in der Regel eher sehr sachlich, fast zurückhaltend aufmacht). Hier müssen andere qualitative Faktoren eine Rolle spielen, um eine Kaufentscheidung herbeizuführen.

      Natürlich ist das Cover auch im Printbereich ein Aushängeschild, das um die Leser wirbt und Versprechungen macht, die immer wieder nicht eingehalten werden. Dies gilt ganz besonders für Klatsch-Magazine und deutsche YellowPress.

  • Schöner Artikel, ja, ihr beschreibt da den Niedergang eines Journalismus, der sich nur noch als Traffic-Builder für Werbung versteht. Pointe: Die Clickbait-Hersteller, ehemalige Journalisten, werden dabei selbst vermessen und geraten immer mehr unter Quoten-Druck, eine Spirale ins Schwachsinnige.
    Was die Hoffnung auf die Renaissance von Qualität angeht, wäre ich aber vorsichtig. In Hamburg haben sich gerade vor ein paar Tagen 16.500 bei dem „Online-Marketing-Rockstars“ getroffen – die Branche ist inzwischen riesig und sie ist extrem technologiegetrieben. Und im Hause Burda kann man vielleicht auch deshalb so besonders krass auf Traffic pur setzen, weil man für die höherwertigen Zielgruppen mit dem Kauf von XING ein Vermarktungsmodell installiert hat, dass in seiner Qualität in Deutschland einzigartig ist (Telekom und United Internet Media bieten natürlich Ähnliches, aber nur Burda hat diese schönen XING-Profile).
    Was damit möglich ist und angeboten wird, liest man beim Vermarkter (forward-adgroup.de) auf der Website: Im ersten Schritt werden die XING-User „geflaggt“, dann: „geflaggte XING-User werden identifiziert und gezielt im ForwardAdGroup Netzwerk wiedergefunden.“ (http://bit.ly/1T3m1ey)
    Das Markenportfolio ist ganz hübsch – neben focus online auch chip, cinema, fit for fun, Huffington Post, TV Spielfilm, wallstreet:online u.a.m.
    Der Kauf von XING war ein technologischer Schachzug – das Unternehmen ist hoch profitabel, bietet Möglichkeiten noch weiter ausgeschlachtet zu werden (man will es jetzt sogar mal in den USA versuchen – warum nicht, Bezahlaccounts bei Linkedin sind viel zu teuer, das lässt sich unterbieten).
    Das Entscheidende ist aber vielleicht, dass es aber immer weniger auf qualitativ affine Umfelder ankommt, solange man die hochwertigen Zielgruppen personengenau herausfiltern kann und im Netzwerk präzise adressieren kann. Focus online ist zwar auf den ersten Blick nur Massenreichweite für Low-End-Märkte, Fast Moving Consumer Goods etc. Auf den zweiten Blick sind aber alle diese Unique User immer besser profiliert, weil ja auch User-Daten von den anderen Marken in die Datenbanken einfließen. Für goße Werbeetats bleibt der Burda-Konzern damit ein Top-Partner – die journalistische Qualität von Focus online, geschweige denn irgend ein journalistisches Ethos, ist da relativ schnurz. Clickbait wins.
    Parallel zur immer granulareren Profilierung und den verbesserten Möglichkeiten zur Feinsteuerung auch über verschiedene Auslieferungsformen hinweg verliert die Zielgruppenadressierung durch klassische Umfelder an Bedeutung, d.h. Zeitungen und alle anderen Angebote, die Zielgruppen anonym über Qualitäten „filtern“, sind für große Kampagne nicht so rasend relevant oder dienen höchstens zum billigen Erhöhen der Frequenz.
    Hilfe könnten eventuell die Adblocker auf Mobile bringen, weil sie zur Folge haben könnten, dass das sogenannte „Programmatic Advertising“ an Durchschlagskraft verliert – dann könnte die Orientierung auf Umfelder-Affinitäten und andere Werbeformen wieder wichtiger werden.

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