Social Media

Mein Facebook gehört mir! Warum es meine Aufgabe ist, mich von Freunden zu trennen

Facebook Freunde Entfreunden
geschrieben von Guido Augustin

Wer mit den Inhalten sozialer Netzwerke unzufrieden ist, sollte eine Zeitung zusammenrollen, am Ende festhalten, weit ausholen und sich vor die Stirn patschen. Mehrmals. Denn jeder sieht den Cocktail, den er sich selbst gemixt hat. Wer keine Zeitung besitzt: Mit einem Pizza-Karton geht es auch. Warum es meine Aufgabe ist, mich von Freunden zu trennen.

Soziale Netzwerke zeigen die Beiträge von Menschen und Unternehmen, denen ich mein Vertrauen geschenkt habe – wenigstens ein bisschen davon. Ausgeklügelte Algorithmen filtern und priorisieren, nehmen uns einen Teil der Wahl ab. Dazu kommen bezahlte Beiträge, von denen Werbetreibende glauben, dass sie mich interessieren müssten – das schlussfolgern sie aus den Daten, die ich hier und da aktiv und passiv hinterlassen habe.

Hier möchte ich mich mit den Freundesinhalten beschäftigen. Die unbequeme Wahrheit lautet: Wer jammert, dass auf Facebook & Co. nur Müll gepostet wird, der hat beim Netzwerk-Aufbau Fehler gemacht. Die gute Nachricht: Solche Fehler muss nicht ewig sühnen, wer bereit ist, seine Freundesliste aufzuräumen. Denn es gibt keinen Grund, eine Facebook-Freundschaft oder eine andere Verbindung auf sozialen Netzwerken aufrecht zu erhalten, wenn man von den Beiträgen einer Person genervt ist oder sie einen nicht interessieren.

„Gute Freunde kann niemand trennen“?

Im „richtigen Leben“ ist das ungleich schwieriger. Spätestens nach der Grundschule ist das kinderleichte „dann bist du nicht mehr mein Freund“ gesellschaftlich kaum mehr umsetzbar. Wer eine Freundschaft aufkündigen will, muss je nach Alter, Sozialisation oder Charakter des Verlassenen mit durchheulten Nächten, schwerem Kater oder Mobbing-Angriffen rechnen.

1967 sang der einzig wahre Kaiser für die Fernseh-Lotterie „Gute Freunde kann niemand trennen“ – ein Highlight analoger Zeiten, als der Status „Freund“ eine andere Qualität hatte. Wir ahnen mittlerweile, wie der heutige Spitzenfunktionär Franz Beckenbauer das gemeint haben könnte und wer weiß, ob sich der Sepp und der Franz noch ganz woanders wiedersehen. Doch hier geht es nicht um Fußball. Hier geht es um Social-Freunde, von denen jeder sich trennen kann.

Digitales Bürgersteigwechseln

Wie oft höre ich Klagen über die Oberflächlichkeit und Idiotie sozialer Netze. Häufig richten sich die Beschwerden dann auf einzelne Personen: Was dieser oder jener doch für Unsinn poste: Katzenbilder,  Spaßvideos, Sinnsprüche. Gerade in Zeiten „politischer“ Debatten, die von beiden Seiten ebenso angsterfüllt wie verbissen geführt werden, stößt vielen Menschen bitter auf, was durch ihre Timeline schwappt.

Das muss niemand ertragen.

Ich bemühe da gerne eine Analogie aus dem richtigen Leben: Wenn mir auf der Straße jemand entgegenkommt, der mir unheimlich ist, dessen Hund mir Angst macht oder mit dem ich aus sonstwelchen Gründen nicht den Bürgersteig teilen möchte, wechsle ich die Straßenseite. Ganz einfach. Noch nie musste ich mich dafür rechtfertigen.

Entfreunden is not a crime

Und so ist es bei Facebook auch. „Als FreundIn entfernen“ auswählen. Geht bei anderen ähnlich und schon herrscht Ruhe. Niemand kann das sehen, zumindest gibt es keinen Hinweis. Bei Facebook gibt es sogar noch eine Light-Version des Liebesentzugs, da kann ich nämlich auf der Profilseite „nicht mehr abonnieren“ auswählen. Die Stummschaltung 2.0 lässt die Verbindung zu jemandem bestehen, bringt ihn aber – aus eigener Sicht – zum Schweigen.

Ich könnte aus dem Stehgreif und ohne zu atmen mindestens 50 Namen listen, die ich im echten Leben gerne stummschalten möchte, aber auch da genügt es zum Glück, bestimmte Kanäle einfach nicht anzusteuern, um nicht zu wissen, dass die Katzenberger eine Schwester hat, wer nach Stoiber bayerische Petitessen verantwortet oder wessen Trompete gerade alpentümliche Schlagersternchen betört.

Jeder ist für sein Netzwerk selbst verantwortlich. Es ist meine Aufgabe, mein Netzwerk zu gestalten. Sollte das bisher nicht geklappt haben, bei wem beschwere ich mich am besten, wenn nicht bei mir selbst?

Facebook-Freundesliste: Mach’s dir selbst

Ich habe in meinem Facebook-Freundeskreis einen Philosophie-Professor, einen hohen Würdenträger des Mainzer Bistums und eine nigerianische Politikerin. Da sind Oberbürgermeister, Abgeordnete und Minister. Da sind Wirtschaftskapitäne, Spitzensportler, Redner. Da sind Millionäre, Musiker, Handwerker und (Überschneidungen nicht ausgeschlossen) viele, viele nette Menschen. Und all das hat einen guten Grund: Weil ich das so will (und die anderen selbstredend auch).

Viele meiner aktuell 1.858 „Freunde“ auf Facebook kenne ich persönlich. Manche aus anderen Leben, einige sehe ich regelmäßig. Viele kenne ich nur virtuell – und doch habe ich eine Verbindung mit ihnen, weil wir mal die Klingen gekreuzt, über die gleichen Witze gelacht, den Beitrag eines gemeinsamen Freundes debattiert haben oder uns aus einem andere Grund interessant fanden.

Schutz vor zu viel Dummheit

Stolpere ich über einen „Freund“, den ich nicht erkenne, ist er nach einer ganz kurzen Prüfung weg. Wenn ich von einem Freund mehr als einmal zu einem Spiel eingeladen werde, ist er weg. Wenn ich Beiträge unerträglich finde, ist er spätestens beim zweiten Mal weg.

Das tut so unglaublich gut. Nicht in dem Moment, es sei denn, eine solche Aktion soll ein persönliches Defizit in Selbstwert kompensieren. Nein, es tut über die Zeit gut. Weil ich mir jede Menge Ärger erspare. Weil mein digitales Leben nicht vor Schwachsinn und Dummheit überquillt – und zwar nach meiner ganz persönlichen Definition, die ich mit niemandem teilen muss. Und weil nach einer Weile konsequenter Anwendung dieses Prinzips mir mein Netzwerk Kraft, Mut und Inspiration spendet – und mich nicht deprimiert, ärgert und ermüdet.

Der Autor: Für „Guidos Wochenpost“ schreibt Guido Augustin über tolle Texte, mehr Geschäft und ein schöneres Leben.

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Über den Autor

Guido Augustin

Guido Augustin ist Geschäftsführer Kommunikation bei dem analysebasierten Beratungsunternehmen forum! Für „Guidos Wochenpost“ schreibt er über tolle Texte, mehr Geschäft und ein schöneres Leben. „Guidos Wochenpost“ kann man hier abonnieren.

13 Kommentare

  • by the way: Spieleeinladungen werden auch von Facebook ohne Wissen des Spielenden verschickt.
    Also deswegen nicht gleich jemanden kicken 🙂

  • Achja, wenn es denn nur die Freunde wären. Als bekennende Twitterin nutze ich Facebook hauptsächlich für meinen Blog – wobei ich langsam mal in mich gehen sollte, ob das den Ärger und Aufwand wert ist. Es sind ja auch die Kommentare unter den Beiträgen von Freunden die in letzter Zeit gerne ausarten. Und dann wären da noch die Gruppen – jeder, der einen Hund hat und schon einmal in einer entsprechenden Gruppe war weiß, wovon ich spreche.

    Liebe Grüße
    Susanne

  • Ich persönlich hatte damit eigentllich noch nie ein wirkliches Problem, da ich bei Facebook entweder nur Leute adde, die ich auch privat kenne und mit denen ich mich online noch austauschen möchte, oder eben Gruppen, die sich ebenfalls an meine Interessen orientieren. Mir selbst geht es kaum darum, dass ich dort viele Freunde habe…
    Grüße, Gerd

  • Das ist ungefähr so als würde man sich im Wirtshaus an einen Stammtisch setzen und Biertrinker aussortieren, weil man Wein bevorzugt. Kompletter Unfug. Wer den Ort und dessen Funktion nach subjektiven und vollkommen intransparenten Kriterien fehlurteilt, ist der eigentlich Depp.

  • @Vitaly:
    Vielmehr sehe ich es eher so…
    „nicht mehr abonnieren“: Okay der Typ gehört irgendwie zu dem Stammtisch dazu, ich muss ihm aber nicht zuhören und schalte auf Durchzug.
    „entfreunden“: Der Typ der die ganze Zeit nur am Rumhetzen ist wird aus der Runde ausgeschlossen und nicht mehr eingeladen.

    Zum Glück ist die pers. Timeline aber keine Stammtischrunde, denn in dieser kann nicht jeder die Anwesenden bestimmen.

    In meiner Timeline kann ich aufräumen. Freunde und Bekannte welche den ganzen Tag nur Weisheiten und Katzenvideos versenden werden stumm geschaltet auch wenn ich dann gar nix mehr mitbekomme, aber bei Bedarf die Kommunikation aufrecht erhalten kann und Menschen welche nur noch braune Sülze von sich geben werden entfreundet.

  • Ich habe den Fehler gemacht „bekannten“ als Freunde zu akzeptieren. Dann habe ich viel zu viel über anderen menschen in der Stadt gehört, Sachen die mich nichts anging oder meine Meinung über anderen verändert haben
    ich habe kein Facebook mehr, ich habe viel zu viel zeit damit verschwendet. WhatsApp nutze ich um Kontakt mit meine Familie in Ausland zu pflegen
    wir verbringen zu viel zeit mit Information von anderen.

  • Insb. in Zeiten politischen Meinungsaustausches in sozialen Medien finde ich es wenig gut, sich von Menschen mit anderen Interessen, Ansichten und Meinungen zu befreien. Wächst doch dadurch v.a. die Gefahr, es sich in der eigenen (Meinungs-)Blase gemütlich zu machen. Man nimmt sich so die Möglichkeit zu befruchtendem Austausch und zu einer Diskussion generell. Dadurch werden weder die eigenen Standpunkte hinterfragt / kritisch reflektiert, noch wird das Verständnis für andere bzw. die Toleranz anderen Standpunkten ggü. vergrößert.

    • @Christian: In Zeiten politischen Meinungsaustausches… Ich gehe mal davon aus, dass du dich auf die aktuellsten Vorkommnisse beziehst.

      Generell darf man sich gerne über politische Themen auslassen und diskutieren.

      In der aktuellen Diskussion(?) reden die Menschen aber aneinander vorbei. Für die einen ist es ein „politisches“ Thema für die anderen ein „menschliches“.

      Nee da schalte ich inzw. auch auf Null-Tolleranz. Alles Postings Pro AFD/REP/Pegida gehen in die Tonne inkl. der Verfasser oder Sharer.

      • „Nee da schalte ich inzw. auch auf Null-Tolleranz. Alles Postings Pro AFD/REP/Pegida gehen in die Tonne inkl. der Verfasser oder Sharer.“

        –> Da gehören sie mutmaßlich auch hin. Ich will nur davor warnen, sich so immer weiter in die eigene Blase zurückzuziehen, in der es schön bequem ist, weil alle Meinungen im Wesentlichen meiner eigenen entsprechen. Praktisch. Allerdings läuft man dabei wohl eben Gefahr, die Realität des Zustands der Gesellschaft, in der man lebt, zu verkennen. That’s all… Daher ‚entfreunde‘ ich tendentiell nur Menschen, die mich mit besagten Spieleanfragen malträtieren oder mehr als drei mal ihr Mittagessen via Foto präsentieren müssen. Das braucht nun wirklich niemand .. ;>

  • Die Frage ist doch eher, gehe ich zum Italiener oder Inder, wenn ich Pizza will. Und wenn beim Italiener irgendwann nur noch Inder arbeiten und die Pizza nach Curry schmeckt, ziehe ich eben weiter!

  • Ich hatte 2012 schon sowas in der Art ähnliches verbloggt gehabt und wurde kritisiert (auch nicht öffentlich) – aber es gilt weiterhin so. Ich handhabe es sehr ähnlich seitdem – und bin mal von den tausenden Kontakten bei Facebook auch runter, dann wieder höher – und nun arbeite ich intensiv mit Listen…

    Ach ja, hier der Blogpost von 2012: https://alexschnapper.wordpress.com/2012/10/03/facebook-und-die-freundschaftsanfragen-abonnements-und-was-das-eigentlich-ist-howto/

    Werde ich mal auf meinem neuen Blog alexander-schnapper.de updaten 😉

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