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Offshore Development: Der große Fehler, den Start-ups machen

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Wenn Tech-Start-ups ihr erstes Produkt auf den Markt bringen wollen, heuern sie dafür häufig Offshore Development Teams an. Das ist ein großer Fehler, warnt Stephan Jacquemot, Start-up-Experte und Investment Partner bei TS Ventures.

Bevor Tech-Start-ups ihr erstes Produkt auf den Markt bringen, stehen sie oftmals vor der Frage: Sollen wir ein Offshore Development Team mit der Entwicklung beauftragen oder lieber auf ein Inhouse-Team setzen?

Offshore-Teams versprechen schnelle Umsetzung zu günstigen Kosten, was das Konzept für viele Gründer attraktiv macht. Doch tatsächlich kann die Zusammenarbeit mit Offshore Development Teams viele Nachteile mit sich bringen.

Offshore Development Teams vs. Inhouse Development Team: Wo liegt der Unterschied?

Während Inhouse Development Teams vom Start-up selbst rekrutiert werden und anschließend direkt mit dem Gründerteam vor Ort an der Produktentwicklung arbeiten, sind Offshore Development Teams vom Unternehmen abgekoppelt und befinden sich im Ausland.

Man unterscheidet dabei zwischen Nearshore-Agenturen im europäischen Ausland wie in Rumänien oder in der Ukraine und Offshore-Agenturen, meist in Indien oder Vietnam.

Offshore Development Teams scheinen für Start-ups auf den ersten Blick viele Probleme zu lösen. Offshore-Developer arbeiten schnell und zu günstigeren Konditionen als Developer in Deutschland. Gleichzeitig lösen Jungunternehmen damit ein weiteres Problem. Sie sparen sich den Aufwand, um qualifizierte Arbeitskräfte zu rekrutieren.

Denn Offshore-Agenturen verfügen in der Regel über ein großes Team an Developern, die Unternehmen unkompliziert für ein Projekt dazubuchen können. Somit können Tech-Start-ups schnell und günstig ihr erstes Minimum Viable Product (MVP) auf den Markt bringen und ihre Hypothesen testen.

Offshore klingt gut – ist es aber häufig nicht

Darum klingt die Zusammenarbeit mit einem Offshore Development Team für viele Start-ups in der Anfangsphase sehr attraktiv. Nur: Die Realität sieht anders aus, wie wir immer wieder bei unserer Zusammenarbeit mit Gründern festgestellt haben.

Tatsächlich führt die Tatsache, dass ein Gründerteam mit Offshore-Teams zusammenarbeitet, in einer Finanzierungsrunde mit Investoren eher zu einer schlechten Bewertung des Start-ups.

Das liegt daran, dass die Kooperation mit Offshore Development Teams viele Nachteile hat, über die sich viele Start-ups nicht im Klaren sind. Insbesondere vier Probleme tauchen dabei regelmäßig auf.

1. Schwierige Kommunikation

Zwar gibt es, wie wir auch in der Pandemie gemerkt haben, gute Tools für Remote-Arbeit. Doch für die Produktentwicklung von Start-ups mit einem unbekannten Developer-Team im Ausland hat die Telekommunikation mehrere Schwachstellen. So gibt es häufig Verzögerungen oder unerwartete Entwicklungspausen aufgrund der Zeitverschiebung.

Vor allem die asynchrone Kommunikation bei großer Zeitverschiebung ist für viele junge Gründerteams eine Herausforderung. Auch kann es bei der Kommunikation in einer Fremdsprache häufiger zu Missverständnissen kommen. Gleiches gilt für kulturelle Unterschiede – etwa bei Vorstellungen zum Design oder zur Art der Zusammenarbeit.

2. Kein eigenes Wissen zur Code-Historie

Darüber hinaus entsteht bei der Zusammenarbeit mit Offshore Developern häufig kein Inhouse-Wissen zur Code-Historie. Das liegt daran, dass die Dokumentation in den Agenturen oftmals lückenhaft geführt wird, weil etwa die Verantwortlichen häufig wechseln.

Bei einem Inhouse-Team dagegen lässt sich die Code-Historie besser dokumentieren und das Know-how dazu bleibt vollständig beim Start-up, was letztlich die Qualität des Produktes verbessert.

3. Fehlendes Commitment

Erfahrungsgemäß sind Inhouse-Teams engagierter als Offshore-Teams. Schließlich arbeiten sie direkt mit dem Gründerteam zusammen, während das Offshore-Team dieses kaum kennt und nicht selten an mehreren Aufträgen gleichzeitig arbeitet.

Das Commitment ist daher nicht so stark wie beim eigenen Team, das notfalls auch mal eine Nacht oder ein Wochenende durcharbeitet, um das Projekt zu Ende zu bringen.

Das kostet das Start-up dabei auch nicht mehr. Denn, anders als bei Offshore-Teams, werden Inhouse-Developer ja als feste Angestellte mit einem fixen Lohn bezahlt und nicht nach Stunden- oder Tagessätzen.

4. Falscher Anreiz

Genau diese Form der Abrechnung setzt bei Offshore-Teams einen falschen Anreiz. Denn wenn das Team nach Stunden- oder Tagessätzen bezahlt wird, hat die Agentur ein anderes Ziel als das Start-up.

Während das Start-up die Produktentwicklung so schnell und so günstig wie möglich abwickeln möchte, gilt für die Agentur: Je länger die Entwicklung dauert, desto gewinnträchtiger ist das Projekt.

Entsprechend kommt es nicht selten vor, dass häufiger Fehler passieren oder die Umsetzung sich verzögert. Das führt schließlich dazu, dass eine App angepasst oder gar neu entwickelt werden muss. Unterm Strich haben Start-ups damit also sehr viel höhere Kosten als mit einem eigenen Team.

Im schlimmsten Fall hat das Start-up sogar gar kein markttaugliches Produkt und steht vor der Pleite. Daher warnen wir Start-ups davor, mit Offshore Development Teams zusammenzuarbeiten. Es gibt aber eine Ausnahme.

In späten Phasen können Offshore-Teams hilfreich sein

In einer späteren Phase des Unternehmens, nach dem Abschluss der Series A, kann es sehr hilfreich sein, die Produktion auszulagern. Dann hat das Start-up den Code bereits entwickelt, Prozesse standardisiert und auch schon eine Architektur etabliert. Auch wurde der Product-Market-Fit schon erreicht.

In dieser Phase können Offshore Development Teams eine gute Ergänzung zum eigenen Inhouse-Team sein, um die Kapazitäten schnell zu erhöhen und so Belastungsspitzen auszugleichen oder auch, um einzelne Elemente auszulagern.

Fazit: Positionierung mit Offshore Development Teams ist Warnsignal für Investoren

Während es also in späteren Phasen für Start-ups sinnvoll sein kann, mit Offshore Developern zusammenzuarbeiten, raten wir am Anfang stark davon ab.

Tatsächlich ist die Positionierung von Start-ups zu Offshore-Teams für viele Investoren ein Warnsignal. Aufgrund der bekannten Risiken lehnen wir darum auch häufig die Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Start-up ab.

Denn unserer Erfahrung nach ist es am hilfreichsten für Start-ups, bei ihrer ersten Produktentwicklung auf ein gutes Inhouse-Team zu setzen und so die IT-Kernkompetenz zunächst im eigenen Unternehmen aufbauen.

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