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Lithium-Abbau in Europa: Natur zerstören im Namen der Elektromobilität?

Canaveral, Spanien, Lithium-Abbau in Europa
Screenshot / Facebook
geschrieben von Marinela Potor

Die EU will die E-Mobilität vorantreiben und darum den Lithium-Abbau in Europa fördern. Doch jetzt wehren sich Bürger. Sie befürchten, dass dadurch die Natur zerstört wird. Sind die Sorgen berechtigt? Und: Wie ist die Lage in Deutschland?

Covas do Barrosso in Portugal. Cornwall in England. Cañaveral in der spanischen Extremadura. Loznica am Jadar-Fluss in Serbien. All diese ländlichen Orte in Europa haben eines gemeinsam: Sie sollen die neuen Zentren für den Lithium-Abbau in Europa werden.

Lithium ist ein kritischer Rohstoff im Kampf gegen den Klimawandel. Denn um ihre Klimaziele zu erreichen, setzt die EU unter anderem auf Elektromobilität. Und dafür brauchen Autobauer Akkus – genauer gesagt – Lithium-Ionen-Akkus.


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Bislang stammen die Rohstoffe dafür überwiegend aus Südamerika, Afrika, Australien und China. Ein großer Teil der Produktion erfolgt ebenfalls in China.

Doch damit macht man sich nicht nur von anderen Regionen abhängig. Ein großer Teil der Wertschöpfungskette (und des Gewinnes) bleibt damit auch im Ausland. Genau das möchte die EU ändern. Ein Ansatz dafür ist es, das für die Akkus unersetzliche Lithium in Europa zu fördern. Doch genau dagegen wehren sich nun die Bürger:innen.

Woher kommt die Lust nach Lithium?

Bis vor etwa 30 Jahren spielte Lithium in der industriellen Produktion keine sonderlich große Rolle. Das Metall kam vorwiegend in der Glas- oder Keramikindustrie oder in Schmierstoffen zum Einsatz.

Das änderte sich, als man das große elektrochemische Potenzial von Lithium entdeckte. Mit einer hohen Kapazität und Energiedichte, einer langen Zykluslebensdauer und einer guten Temperaturbeständigkeit ist das Metall in der Batterieproduktion deutlich überlegen.

Damit revolutionierte Lithium die Batteriezellenproduktion. Der Lithium-Ionen-Akku wurde schnell zum dominanten Akku für Elektrogeräte wie Smartphones oder Laptops. Der Umstieg vom Verbrennungsmotor auf Elektrofahrzeuge treibt den Hunger nach Lithium weiter an.

Verschiedene Schätzungen gehen davon aus, dass der durchschnittliche Bedarfsanstieg von Lithium bis 2025 etwa zwischen 60.000 und 80.000 Tonnen pro Jahr liegen wird.

Einige Experten schätzen zudem, dass der europäische Lithium-Markt bis 2025 einen Wert von 250 Milliarden Euro erreichen könnte. Bergbau-Unternehmen wittern große Profite. Das wirtschaftliche Interesse an Lithium-Vorkommen in der Welt ist entsprechend groß.

Sprengen und Verdunsten: So funktioniert die Lithium-Förderung

Lithium kommt in zwei Arten vor: in lithiumhaltigen Solen (Salaren) sowie in Festgesteinen. Nach Daten der US Geological Survey liegen die größten derzeit bekannten Lithium-Vorkommen im Dreiländereck zwischen Chile, Bolivien und Argentinien (in Salaren) und in Australien (im Festgestein).

Hoher Energiebedarf

In beiden Fällen kann Lithium nicht direkt abgebaut werden, sondern erfordert ein mehrstufiges Verfahren. Insbesondere der Lithium-Abbau aus Festgestein erfordert viele Schritte.

  1. Im Tagebau gewinnt man Lithium zunächst über traditionelles Sprengen und Laden.
  2. Dann erfolgt der Transport von der Grube zur Aufbereitungsstätte.
  3. Hier wird Lithium aus dem Gestein herausgebrochen und gemahlen.
  4. Um Lithium der Stufe „Battery-Grade“ (besonders rein) für Akkus zu erhalten, muss das Metall nun ein Anreicherungsverfahren zur Konzentrierung durchlaufen.
  5. Anschließend muss das Lithium aus den Mineralen gelöst werden, um aus dem Konzentrat ein Lithiumcarbonat zu erhalten. Dies erfordert einen Acid-Roast-Prozess bei über 1.000 Grad Celsius.
  6. Schließlich muss das Lithiumcarbonat im letzten Schritt noch in Lithiumhydroxid umgewandelt werden, damit es in Batteriezellen zum Einsatz kommen kann.

Aus Umweltsicht besonders kritisch sind der Wasser- und Flächenbedarf sowie die für das Konzentrationsverfahren benötigte Energie, heißt es in einem Bericht der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Je nach Region und Energiemix kann die Umweltbilanz dabei besser oder schlechter aussehen.

Zudem gäbe es Möglichkeiten – beispielsweise über Filterpressen oder den Einsatz von erneuerbaren Energien – die Klimabilanz des Verfahrens zu verbessern.

Verdunstung dauert Jahre

Im Vergleich dazu ist der Lithium-Abbau aus Solen verhältnismäßig unkompliziert. Hierbei wird extrem salzhaltige Sole in ein Verdunstungsbecken abgezweigt. Nach der Verdunstung ist das Lithium ausreichend angereichert, sodass es dann lediglich zu Lithiumcarbonat weiterverarbeitet werden muss.

Aus Umweltsicht sind vor allem der hohe Wasserverbrauch für den Lithium-Abbau aus Salaren sowie die mögliche Kontamination von Grundwasser mit Salzwasser bedenklich.

Während Lithium-Abbau aus Solen weniger Schritte erfordert, dauert das Verfahren aber sehr lange. Das liegt an der Verdunstung, die, je nach Wetterlage, bis zu zwei Jahre dauern kann. Alternative, schnellere Verfahren gibt es bislang nicht. Dagegen ist Lithium aus Festgestein direkt verfügbar.

In Europa existiert Lithium in beiden Formen.

Lithium-Abbau in Europa: So wehrt sich die Bevölkerung

Im Vergleich zu anderen Lithium-Vorkommen weltweit, hat Europa zwar relativ geringe Lithium-Reserven. Doch sie könnten einen großen Bedarf decken und es gibt sowohl ein wirtschaftliches als auch ein politisches Interesse daran, Lithium regional zu fördern.

Das Geld aus der gesamten Wertschöpfungskette würde in Europa bleiben. Gleichzeitig wären europäische Autobauer damit unabhängig von internationalen Lieferketten. Denn, wie die Corona-Pandemie gezeigt hat, kann dies insbesondere in Krisenzeiten problematisch sein.

Ein Lithium-Abbau in Europa sei zudem nachhaltiger als die aktuellen globalen Lieferketten, sagt etwa EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Das sehen aber Menschen vor Ort ganz anders. So regen sich nun vermehrt örtliche Proteste gegen den Lithium-Abbau in Europa.

Spanien: Dorf lässt Lithium-Mine stoppen

Eine Region, in der Bergbau-Unternehmen Lithium in Europa fördern möchten, ist die Extremadura in Spanien. Einwohner:innen und Umweltorganisationen kritisieren, dass dadurch die Natur zerstört werde und der Bergbau den Menschen die ohnehin schon knappen Wasserreserven in der Region rauben werde.

Die Unternehmen versprechen zwar einen schonenden Abbau. Doch die Bevölkerung traut ihnen nicht.

So konnte eine Bürgerinitiative eine geplante Mine in der Stadt Cáceres verhindern. Doch nur etwa 40 Kilometer weiter, in Cañaveral, gibt es bereits Pläne für eine weitere Mine inklusive Batteriezellenfabrik. Auch dagegen hat sich nun eine lokale Protestbewegung unter dem Namen „No a la Mina de Cañaveral“ („Nein zur Mine in Cañaveral“) gebildet.

Vor einigen Wochen gab es den ersten Protestmarsch. Interessanterweise sorgte die Demo für mehr Aufmerksamkeit bei der internationalen Presse als bei der Lokalpresse. Das könnte auch daran liegen, dass ein Teil der Bevölkerung sich durch die Mine einen Aufschwung für die von Landflucht betroffene Region erhofft.

Portugal: Ein Dorf in Aufruhr

In Portugal konzentrieren sich die Proteste gegen den Lithium-Abbau auf das Dorf Covas de Barroso. Die Menschen hier leben von der Landwirtschaft und vom Tourismus. Sie befürchten, dass der Lithium-Abbau beides zerstören könnte.

In Covas de Barroso möchte die britische Firma Savannah Ressources ein Lithium-Mine errichten. Das Unternehmen verspricht einen nachhaltigen Abbau mit einer Umgehungsstraße und Wasser-Recycling. Die Umweltverträglichkeitsprüfung ist bereits absolviert.

Es fehlt aber noch die öffentliche Anhörung. Und die könnte es in sich haben. Denn das Dorf ist in Aufruhr. Landwirte befürchten, dass dadurch zum Beispiel für die Schafzucht wichtige Flächen verschwinden werden und sie so ihre Existenz verlieren.

Der Bürgermeister der benachbarten Gemeinde Boticas, Fernando Queiroga, wiederum sorgt sich darum, dass die Lithium-Mine die Region verschandeln und so den Tourismus als wichtige Einnahmequelle zerstören könnte.

Serbien: Korruption und Klagen

Das Beispiel der Stadt Loznica am Jadar-Fluss zeigt, dass die Sorgen der Bevölkerung durchaus berechtigt sein könnten. Hier bauen die Unternehmen Rio Sava Exploration und China Communications and Construction bereits seit einigen Jahren Lithium ab.

Mehrere Nichtregierungsorganisationen haben nun Klage gegen die Unternehmen eingereicht. Die Vorwürfe: Die Unternehmen haben angeblich gegen Umweltregulierungen verstoßen und sowohl das Wasser als auch größere Landflächen in der Region kontaminiert. Darüber hinaus gibt es auch Korruptionsvorwürfe.

Rio Sava Exploration gehört zur Unternehmensgruppe Rio Tinto, einem großen Bergbau-Konzern, der bereits in Australien scharf für seine Vorgehensweise beim Lithium-Abbau kritisiert wurde. Rio Tinto hatte hier im Mai 2020 eine einzigartige prähistorische Aborigine-Stätte zersprengt.

Menschenrechtsgruppen haben dem Unternehmen außerdem Menschenrechtsverletzungen in Papua-Neuguinea vorgeworfen. Rund um andere Bergbau-Projekte in Afrika und Asien gibt es immer wieder Korruptionsvorwürfe.

Cornwall: Alte Minen, neue Hoffnung

Im englischen Cornwall sieht die Lage bislang etwas anders aus. Hier ist der Bergbau nichts Neues. Bereits in der Vergangenheit wurde hier großflächig Zinn- und Kupferabbau betrieben. Nun hoffen zwei Bergbau-Unternehmen, British Lithium und Cornish Lithium, in den mittlerweile ruinösen Minen unter anderem Lithium zu finden.

Tatsächlich werden in Cornwall sowohl Lithium-Vorkommen in Solen als auch im Gestein vermutet. Cornish Lithium verspricht einen schonenderen Ansatz zur Förderung, der die Umwelt nicht zu stark belastet.

Dafür sollen auch neue Verfahren sorgen, wie etwa die Möglichkeit, Lithium ohne das energieaufwendige Roasting anzureichern. Wie genau das funktionieren soll, will Cornish Lithium aber nicht verraten. Das sei ein Betriebsgeheimnis, wie das Unternehmen gegenüber National Geographic behauptete.

Bislang scheint es in der Region keinen Widerstand gegen den Lithium-Abbau zu geben. Das kann auch daran liegen, dass die Minen bereits existieren und viele Menschen mit dem Bergbau aufgewachsen sind. Noch ist allerdings unklar, ob es überhaupt Lithium-Vorkommen in Cornwall gibt und wie groß diese sind.

Lohnt sich der Lithium-Abbau in Europa überhaupt?

Wenn also die Reserven in Europa verhältnismäßig gering sind, Umweltrisiken bestehen und die Bevölkerung dagegen ist: Lohnt sich der Lithium-Abbau in Europa? Das kommt darauf an, wen man fragt.

Für lokale Politiker oder Menschen in verarmten Regionen, die sich davon Arbeitsplätze versprechen, ist die Antwort vermutlich „ja“ – genauso wie für Bergbau-Unternehmen, die auf hohe Gewinne hoffen.

Umweltorganisationen, Landwirte und besorgte Bürger:innen wiederum haben andere Prioritäten oder sehen ihre Existenzen und ihre Lebensweise gefährdet.

Und schließlich gibt es Menschen, die der Ansicht sind, dass es verantwortungsvoller sei, den Ausbau der Elektromobilität in Europa auszutragen und nicht – wie sonst beim klimakritischen Rohstoffabbau – Umweltprobleme in Drittländer zu exportieren.

Lithium-Abbau in Deutschland

So könnte es letztlich nicht nur bei den vier erwähnten Regionen für den Lithium-Abbau in Europa bleiben. Das Unternehmen Vulcan Energie Ressourcen hat zum Beispiel das angeblich größte Lithium-Vorkommen Europas im Oberrheingraben zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz gefunden.

In mehreren Orten in der Region möchte das Unternehmen Lithium über Geothermie gewinnen – ein Vorhaben, das viele Gemeinden abgewiesen haben. Gegner befürchten nicht nur Umweltverschmutzung, sondern auch Erdbeben.

Dennoch: Bis Ende des Jahres 2021 soll eine erste Pilotanlage in Betrieb genommen werden.

Erst am 2. August 2021 verkündete Vulcan Energie Ressourcen eine Vereinbarung mit der Renault-Gruppe. Renault habe sich darin verpflichtet, ab 2026 fünf Jahre lang Lithium von Vulcan Energie Ressourcen abzunehmen. Das Lithium dafür soll aus Deutschland kommen.

Lithium-Abbau in Europa: Lässt sich Lithium recyceln?

Anstatt Lithium in großen Mengen in Europa zu fördern, ließe Lithium sich theoretisch auch recyceln. Das würde die Nachfrage nicht decken, aber den Ressourcen-Abbau und die Umwelteinwirkungen reduzieren. Es ist aber nicht so einfach, Lithium zu recyceln.

Bislang sind die Mengen an Lithium-Ionen-Akkus noch zu gering, damit sich das Recycling wirtschaftlich lohnt. Das liegt auch daran, dass die erste Generation der Akkus noch im Einsatz ist und selbst danach viele Akkus im Second-Life als Batteriespeicher noch genutzt werden.

Darüber hinaus ist das Recycling-Verfahren aufwendig und teuer. Denn dadurch, dass Lithium sowohl im Elektrolyt als auch in der Anode und Kathode der Akkus vorkommt und hier mit anderen Komponenten verbaut ist, lässt es sich nur schwer trennen.

Langfristig, mit mehr älteren Akkus, steigender Nachfrage und damit verbundenen höheren Lithium-Preisen, wird Recycling aber sicherlich lohnender werden und auch eine größere Rolle spielen.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitäts- und Technologietrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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