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„Chicken Drumstick“: So funktionierte der weltweit größte Betrugsring für Videospiele

Fortnite, Computerspiel, Videospiel, Gaming
Pixabay.com / 77 images
geschrieben von Marinela Potor

Behörden in China haben „Chicken Drumstick“, den größten Videospiel-Betrugsring der Welt, zerschlagen. Damit bekommt die Öffentlichkeit erstmals Einblicke in die Operation. So funktionierte das Millionengeschäft wirklich.

Wer den Begriff „Chicken Drumstick“ in eine Suchmaschine eingibt, findet vermutlich tausende Rezepte rund um Hähnchenkeulen. Doch was die wenigsten außerhalb der Gaming-Welt wissen: Chicken Drumstick ist ein Codename für den weltweit größten Betrugsring für Videospiele.

Das chinesische Betrugsimperium wurde vor einigen Monaten von der chinesischen Polizei in Zusammenarbeit mit dem Gaming-Anbieter Tencent zerschlagen. Damit hat die Welt erstmals genauere Einblicke in das Millionengeschäft rund um Videospielbetrug erhalten.


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Chicken Drumstick: Betrugsring verdiente über 77 Millionen US-Dollar

In einem ausführlichen Exposé sprach das Magazin Motherboard mit dem Gründer des Betrugsrings, einem Programmierer, der den Decknamen „Catfish“ benutzt und legte so nicht nur erstmals dar, wie die berüchtigte Organisation im Detail funktionierte, sondern auch, wie viel Geld sich mit Videospielbetrug verdienen lässt.

Bevor die Behörden die Operation in diesem Jahr zerschlugen, hatte die Organisation von Catfish demnach angeblich mehr als 77 Millionen US-Dollar (rund 68 Millionen Euro) verdient. Chicken Drumstick ist dabei nicht der offizielle Name von Catfishs Operation.

Er verkaufte seine Entwicklungen zunächst auf einer Website namens Sharpshooter. Später benannte er sein Geschäft in „Cheat Ninja“ um. Chicken Drumstick ist der Name, den die Behörden der Organisation gegeben haben.

Es handelt sich dabei um eine Anspielung auf den Slogan „Winner winner chicken dinner“ aus den Videospielen „Player Unknown’s Battlegrounds“ (PUBG) und „PUBG Mobile“.

Aus Neugier angefangen

Catfish ist dabei kein gewöhnlicher Programmierer. Er hat sich auf die Erstellung von „Cheats“ spezialisiert. Das sind im Prinzip (illegale) Tricks, die Gamer in Videospielen einsetzen können, um sich einen unlauteren Vorteil zu verschaffen.

Catfish begann 2017 damit, Cheats zu entwickeln – aus Neugierde, wie er gegenüber Motherboard sagt. Als Gamer war er selbst über verschiedene Betrüger beim Spiel PUBG auf dem PC gestoßen. So beschloss er, für sich und seinen Freundeskreis, eigene Tricks zu entwickeln. Später kamen auch Cheats für mobile Versionen des Spiels hinzu.

Dazu gehörte beispielsweise ein Feature namens „Wallhack“, mit dem Gamer ihre eigentlich versteckten Gegenspieler:innen durch die Wand sehen können. Ein anderer Cheat hieß „Aimbot“. Damit konnte man automatisch auf Gegner:innen schießen.

Cheats kosten Videospiel-Betreiber viel Geld

Videospiel-Entwicklern wie Tencent sind diese Cheats ein Dorn im Auge. Denn durch Cheats verlieren die Unternehmen viel Geld. Wenn bestimmte Videospiele als Cheat-Spiele bekannt werden, wenden sich mehr und mehr Gamer davon ab.

Damit nehmen Videospiel-Vertreiber auch weniger mit haptischen Verkäufen ein und ihre Verkaufszahlen brechen ein. Sie haben gesamte Teams, die sich allein damit beschäftigen, diese Cheats zu entdecken und die Lücken im System zu schließen.

In China gelten Cheats zudem als illegaler Hack und stellen eine Straftat dar.

Zu viel Geld auf dem Spiel, um aufzuhören

Catfish und sein Team wussten das und je mehr ihr Geschäft wuchs, desto vorsichtiger wurden sie. Die einzelnen Personen des Betrugsrings wussten sehr wenig übereinander und sie versuchten, so gut es ging, ihre Spuren im Netz zu verschleiern.

Doch aufgeben wollten sie das riskante Geschäft auch nicht. Dafür stand zu viel Geld auf dem Spiel. Die Operation brachte im Schnitt rund 400.000 US-Dollar (rund 353.000 Euro) im Monat ein, behauptet Catfish. Die Einnahmen kamen über Abos auf Cheat Ninja.

Die Abos garantieren den Zahlenden, dass die Lücken, die Tencent und andere Videospiel-Betreiber schließen, immer wieder aktiv von den Cheatern mit neuen Hacks umgangen werden.

Abo-Kosten von 10 bis 15 Euro im Monat

Ein Abo kostete zeitweise zwischen zehn und 15 US-Dollar im Monat. Man kann sich also ausrechnen, wie viele Interessierte es für derartige Cheats gibt.

Cheat Ninja bediente mit PUBG-Cheats zudem eines der beliebtesten Smartphone-Spiele und mit rund 665 Millionen Gamern und jährlichen Einnahmen von über 40 Milliarden US-Dollar ist China der größte Videospielmarkt der Welt.

Doch die Operation Chicken Drumstick expandierte nach und nach auch in andere Märkte, wie etwa nach Ägypten, Indien oder Saudi-Arabien. Cheat Ninja, beziehungsweise Chicken Drumstick, hatte sich so ein Imperium aufgebaut.

Kein Wunder also, dass die Behörden immer aggressiver ermittelten und schließlich in diesem Jahr zwei entscheidende Mitglieder verhaften konnten.

Endlich Zeit zum Spielen

Damit ist der Betrugsring vorerst zerschlagen. Catfish ist zwar nach wie vor auf freiem Fuß und auf der Flucht. Doch in einer Telegram-Gruppe verkündete er kurz nach den Festnahmen, dass der Dienst aufgrund von Ermittlungen einige Zeit eingestellt würde.

Catfish selbst denkt derweil darüber nach, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. Schließlich habe er genug Geld verdient, um in Rente zu gehen.

Er würde zwar vermutlich nach wie vor noch Cheats entwickeln, allerdings nur für sich selbst und seinen Freundeskreis. Denn in all den Jahren, in denen er an Videospiel-Cheats gearbeitet habe, habe er eines vernachlässigt: selbst Videospiele zu spielen. Das will er jetzt nachholen.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitäts- und Technologietrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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