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Mythos CTO: Warum 90 Prozent der Tech-Leads nie im Chefsessel landen

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Bild: Philipp Deutscher

Wer als Entwickler oder Tech-Lead durchstartet, kennt den Mythos: Wer richtig gut ist, wird CTO. Karrierelogik, wie sie in fast jedem Unternehmen heimlich mitschwingt. Die Realität ist eine andere. Von zehn technisch starken Leuten schafft es vielleicht einer. Nicht, weil die anderen zu wenig können. Sondern weil Karriere in Tech heute weniger mit Tech zu tun hat, als die meisten wahrhaben wollen.

Die klassische Tech-Karriere – und warum sie selten zur CTO-Story wird

Das Bild ist bekannt: Informatikstudium, Juniorrolle, dann Senior, irgendwann Tech Lead. Immer mehr Verantwortung, immer mehr Einfluss auf die Architektur, irgendwann „logisch“: CTO. Die Feedback-Loops bis dahin sind brutal klar:

  • Code funktioniert oder nicht.
  • Features werden geliefert oder nicht.
  • Test-Coverage ist grün oder rot.

Erfolg scheint messbar, sichtbar, fair. Viele glauben: „Wenn ich besser bin als andere, dann ist die nächste Stufe nur eine Frage der Zeit.“ Ich muss “noch mehr Tech können”. Das ist der erste Denkfehler.

Was wirklich fehlt – und warum die besten Entwickler fast nie CTO werden

Die Muster ähneln sich erstaunlich häufig. Der Top-Developer wird Lead, glänzt mit Delivery, bekommt schließlich ein CTO-Angebot. Ab da verändert sich alles und die wenigsten merken rechtzeitig, wie sehr sie für das falsche Spiel trainiert haben. Plötzlich geht es nicht mehr darum, die sauberste Architektur zu bauen, sondern um:

  • Stakeholder-Balancing: Kompromisse zwischen Sales, Product, Operations, Founder-Ego. Jede Entscheidung ein politisches Minenfeld.
  • Konflikte managen: Kein PR-Feuerwehrmann? Du wirst’s. Kein Bock auf Mitarbeiter, die dir widersprechen? Schlechte Wahl.
  • Ambiguität aushalten: Kein Pflichtenheft, keine binären Antworten. Meistens gibt es keine „beste Lösung“, sondern nur die am wenigsten beschissene.
  • Führung ohne Macht: Plötzlich bist du für Themen zuständig, bei denen du weder operativ helfen kannst noch willst. Und es schaut trotzdem jeder auf dich.

Fakt: Die meisten Tech-Leads scheitern nicht an Tech, sondern an diesen Unsicherheiten, an den nicht-messbaren Problemen, an der neuen Einsamkeit. Das wird ihnen aber nie offen gesagt.

Echte Brüche: Geschichten, die keiner hören will

Ich habe CTOs erlebt, die im Konzern 100 Leute geführt, Millionenbudgets verwaltet und doch nach zwei Jahren ausgebrannt das Handtuch geworfen haben. Grund? Sie waren geniale Architekten, aber unfähig, mit den politischen Spielchen, der permanenten Unsicherheit und dem Gefühl von Kontrollverlust klarzukommen. Niemand hatte sie vorbereitet. Die eigentliche Frage, die sich keiner stellt: Will ich wirklich führen oder will ich vor allem fachlich brillieren? Will ich wirksam sein oder Recht haben?

Umgekehrt gilt: Es gibt Tech-Leads, die gezielt an ihren blinden Flecken gearbeitet haben. Die sich Sparring geholt, sich Coaching und ehrliches Feedback geholt haben und irgendwann nicht mehr als beste Entwickler, sondern als zuverlässige, konfliktfähige Entscheider wahrgenommen werden. CTOs, die auch in Krisen Ruhe bewahren, ohne alles an sich reißen zu müssen.

CTO ist kein Upgrade. CTO ist ein Rollenwechsel

Das ist die harte Wahrheit: CTO ist kein „Level-up“ für Entwickler. CTO ist ein radikaler Rollenwechsel. Plötzlich zählen:

  • Wirksamkeit, nicht Output
  • Alignment, nicht Perfektion
  • Vertrauen, nicht Kontrolle

Wer sich darauf nicht vorbereitet, wird sehr schnell mit der Realität konfrontiert und landet ggf. schnell wieder “in der Linie”. Und das passiert häufig nur spricht keiner offen drüber.

Fazit: Karriere in Tech ist kein Automatismus

Wer CTO werden will, muss aufhören zu glauben, dass technische Exzellenz reicht. Es geht um Einfluss, um psychologische Widerstandsfähigkeit, um Lust auf Ambiguität. Wer da ehrlich zu sich ist, kann sich vorbereiten, gezielt an den nötigen Skills arbeiten und wird nicht vom System zerrieben.

Wer Führung nur als nächsten Karriereschritt betrachtet, landet spätestens im Chefsessel im Burnout oder in der Bedeutungslosigkeit. CTO wirst du nicht, weil du besser coden kannst, sondern weil du bereit bist, auf alles zu verzichten, was dich bisher ausgezeichnet hat.


Über den Autor: Philipp Deutscher begleitet angehende und aktive CTOs auf dem Weg durch echte Brüche: Zwischen Exzellenz und Wirksamkeit, Kontrolle und Vertrauen, Technik und Politik. Mit Haltung, Ehrlichkeit und genug Frustrationstoleranz für die echten Brüche in Tech-Karrieren.

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