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Mensch oder KI? Eine Debatte mit einem völlig falschen Menschenbild

Carsten Lexa
Symbolbild: Mit ChatGPT generiert (KI)

Die Frage, ob der Mensch im Zeitalter der KI noch gebraucht wird, erscheint wichtig. Sie wird aber falsch gestellt, da sie voraussetzt, dass der Mensch vor allem nach seiner Verwendbarkeit bewertet wird. Ob er noch produktiv genug ist und ob er mithalten kann. Das ist ein Menschenbild, das mehr über unsere Arbeitskultur verrät als über KI. Eine persönliche Auseinandersetzung.

Wird der Mensch im Zeitalter Künstlicher Intelligenz noch gebraucht? Eigentlich scheint diese Fragestellung relevant und wichtig zu sein.

Auf den zweiten Blick wirkt sie jedoch merkwürdig defensiv. Ich habe immer mehr das Gefühl, als müsste der Mensch jetzt erst einmal nachweisen, dass er neben KI-Systemen noch verwendbar ist. Ich halte das für Quatsch.

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Mensch oder KI: Wir stellen die falsche Frage

Insbesondere stört mich an den Beiträgen zu diesem Thema, dass sie immer so klingen, als wollten sie beruhigen. Dabei klingen sie aber oft erstaunlich unsicher. Erklärt wird dann mit tollen Argumenten, dass der Mensch ja weiterhin kreativer sei, Empathie habe, Verantwortung übernehme und Sinn stifte.

Natürlich ist das alles richtig. Aber es klingt auch ein wenig so, als müsste der Mensch eine Bewerbung über seine eigenen Restkompetenzen schreiben, damit er im Zeitalter der KI nicht vollständig aus Prozessen entfernt wird.

Diese Haltung halte ich für falsch, und zwar nicht, weil sich durch KI nichts verändern würde. Ganz im Gegenteil. KI verändert schon jetzt Arbeit, Kommunikation, Bildung, Verwaltung, Geschäftsmodelle und Entscheidungen. Aber die Frage, ob wir den Menschen „noch brauchen“, ist meiner Ansicht nach bereits falsch gestellt.

Der Mensch ist mehr als seine Produktivität

Natürlich kann man – und muss man – darüber sprechen, welche Tätigkeiten künftig automatisiert werden. Man kann und sollte auch fragen, welche Berufe sich verändern, welche Kompetenzen wichtiger werden und wo Menschen sich neu orientieren müssen.

All das gehört meiner Ansicht nach zu einer ernsthaften Debatte über KI (und wird beispielsweise von mir auch bei der „Nacht der Redner“ in meinen Vorträgen angeschoben). Etwas anderes ist aber doch die Frage, ob der Mensch überhaupt noch gebraucht wird.

Sie setzt voraus, dass der Mensch vor allem danach bewertet wird, ob er in einem System noch eine nützliche Funktion erfüllt, ob er noch produktiv genug ist und ob er noch „mithalten kann“.

Ich könnte es mit anderen Worten sagen: In meinen Augen dreht sich die Frage, ob der Mensch noch gebraucht wird, im Grunde doch darum, ob er noch einen Output liefert, den eine Maschine nicht schneller, billiger oder in größerer Menge erzeugen kann.

Genau darin aber liegt das Problem. Der Mensch wird auf Verwendbarkeit reduziert. Damit machen wir aber den Menschen an sich richtig – und ohne Not – klein.

Mensch vs. KI: Wer ist die Maschine?

Leider ist dieses Denken über den Menschen aber gar nicht mal neu. Und insbesondere wurde diese Ansicht auch nicht von KI oder durch das Aufkommen von KI erfunden. KI macht es nur sichtbarer.

Denn Menschen wurden schon lange vor ChatGPT in vielen Organisationen wie Systeme behandelt, die möglichst reibungslos funktionieren sollen. Das zeigt sich an vielen Stellen: Arbeit wurde in Kennzahlen zerlegt, Kommunikation in Prozesse gepresst, Kreativität in Ergebnisse übersetzt und Produktivität mit Bedeutung verwechselt.

In vielen Unternehmen ist es doch so: Viele Beschäftigte verbringen ihre Tage damit, Informationen umzuformen, Abstimmungen vorzubereiten, E-Mails zu schreiben oder Protokolle zu erstellen.

Wenn KI nun einen Teil dieser Aufgaben übernimmt (was KI richtig gut kann), dann bedroht das in gewisser Weise die Tätigkeit von Menschen, keine Frage. Es wird aber auch offengelegt, wie gleichförmig, wie maschinenartig, manche menschliche Arbeit längst geworden ist.

KI verändert den Blick auf menschliche Leistung

Ich glaube deshalb, KI entwertet nicht den Menschen. Sie zieht aber den Schleier von Tätigkeiten, die wir lange für besonders menschlich gehalten haben. Dabei ist ein gut formulierter Standardtext nicht automatisch Ausdruck tiefer Erkenntnis. Eine saubere Zusammenfassung ist nicht zwingend ein Beweis für Urteilskraft und eine umfangreiche Präsentation ist noch keine Strategie.

KI kann viele der genannten Tätigkeiten inzwischen in beeindruckender Qualität erledigen, das möchte ich gar nicht klein reden. Aber daraus folgt meiner Ansicht nach nicht, dass der Mensch weniger wichtig wird.

Vielmehr bedeutet es, dass wir genauer hinschauen und entscheiden müssen, was bloße Produktion von Text, Struktur und Vorschlag ist und wo tatsächlich menschliche Leistung beginnt.

Die Aufgabe von Menschen

Meiner Ansicht nach beginnt menschliche Leistung nämlich dort, wo es nicht nur um Output geht, sondern um Einordnung, Verantwortung, Maßstäbe und letztendlich um Konsequenzen. Ich könnte es auch anders sagen: Es geht darum, was richtig ist, und nicht nur darum, was möglich ist.

Zwei Beispiele zeigen, was ich meine:

  1. KI kann eine Kündigung höflicher oder präziser formulieren. Sie kann aber nicht entscheiden, ob ein Unternehmen Menschen auf diese Weise behandeln will.
  2. KI kann Argumente mit Blick auf ein bestimmtes Thema oder eine bestimmte Situation liefern. Sie kann aber nicht selbst dafür einstehen.

Genau deshalb reicht es nicht, einfach nur den Menschen als empathischere oder kreativere „Maschine“ zu verteidigen. Der Mensch ist nicht die bessere KI, denn er ist keine KI und auch nichts, was mit KI vergleichbar ist. Er ist etwas anderes.

Mensch oder KI? Verantwortung ist kein Prozessschritt

Ich sehe das insbesondere, wenn das Thema „Verantwortung“ diskutiert wird. In vielen KI-Debatten wird darauf verwiesen, dass der Mensch weiterhin eingebunden in die Entscheidungen, also „in the loop“, bleiben müsse. Das klingt vernünftig. Ist aber zu wenig, wenn man es nur technisch versteht.

Der Mensch ist nicht deshalb wichtig, weil er am Ende auf „Freigeben“ klickt. Dann hätte er nur eine Rolle im Prozess, in dem Fall die der Freigabe. Verantwortung aber bedeutet mehr.

Verantwortung bedeutet, adressierbar zu sein. Jemand, der Verantwortung trägt, kann gefragt werden. Jemand, der Verantwortung trägt, muss sich auf Nachfrage erklären und man kann ihm oder ihr widersprechen. Jemand, der Verantwortung trägt, muss am Ende mit den Folgen leben. Eine KI muss und wird das nicht.

Je mehr Entscheidungen durch KI vorbereitet, beeinflusst oder beschleunigt werden, desto wichtiger wird die Frage, wer für diese Entscheidungen tatsächlich die Verantwortung trägt, und zwar real.

Der bequemste Satz der kommenden Jahre wird meiner Ansicht nach lauten: „Die KI hat es empfohlen.“. Das klingt dann so, als wäre ihm eine tiefe Beschäftigung mit der Situation oder mit dem Thema, um das es geht, vorausgegangen. Ich befürchte jedoch, dass dieser Satz eher eine elegante Form der Selbstentlastung sein wird.

Wenn die KI es empfohlen hat, muss man es vielleicht nicht mehr ganz so genau erklären, warum etwas getan wird. Und es ist dann auch irgendwie nicht nur eine alleinige Entscheidung eines Menschen.

Wir brauchen kein Mitleid

Mich frustrieren Texte, die den Menschen im Zeitalter der KI beinahe mitleidig retten wollen. Denn sie gehen in meinen Augen völlig am eigentlichen Thema vorbei. Der Mensch bleibt nämlich ohne Zweifel wichtig.

Seine Bedeutung hängt nicht davon ab, ob er irgendwo noch besser, wärmer oder kreativer ist als eine Maschine. Wenn wir Menschen nur danach bewerten, was sie in einem Prozess leisten, dann wird KI tatsächlich zur Bedrohung. Das zeigt nämlich genau, wie klein wir den Menschen denken.

Der Mensch braucht keine Laudatio auf seine angeblich letzten Stärken. Er braucht vielmehr eine Gesellschaft, die ihn nicht erst dann ernst nimmt, wenn er beweisen kann, dass er noch nicht automatisierbar ist. Und er braucht ein Menschenbild, das mehr kennt als Produktivität und Effizienz.

Die Frage ist also nicht, ob wir den Menschen im Zeitalter der KI noch brauchen. Vielmehr sollten wir fragen: Welche Art Mensch wollen wir in einer Welt bleiben, in der Maschinen immer mehr Antworten liefern?

Man könnte es auch anders sagen: KI zwingt uns, neu zu fragen, wofür wir menschliche Intelligenz eigentlich einsetzen wollen: für mehr Text und Tempo? Oder für bessere Entscheidungen und sinnvollere Arbeit?

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Rechtsanwalt Carsten Lexa berät seit 20 Jahren Unternehmen im Wirtschafts-, Gesellschafts- und Vertragsrecht. Er ist Lehrbeauftragter für Wirtschaftsrecht, BWL und Digitale Transformation sowie Buchautor. Lexa ist Gründer von vier Unternehmen, war Mitinitiator der Würzburger Start-up-Initiative „Gründen@Würzburg”, Mitglied der B20 Taskforces Digitalisierung/ SMEs und engagiert sich als Botschafter des „Großer Preis des Mittelstands” sowie als Mitglied im Expertengremium des Internationalen Wirtschaftsrats. Er leitete als Weltpräsident die G20 Young Entrepreneurs´Alliance (G20 YEA). Bei BASIC thinking schreibt Lexa über Themen an der Schnittstelle von Recht, Wirtschaft und Digitalisierung.
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