Sonstiges

Aus heiterem Himmel: Deutsche Politik zittert vor gigantischem Google

spiegel-googleEs ist ja zu putzig zu sehen, wie sich einige deutsche Politiker nach der Winterpause erst den Schnee vom Kopf abschütteln und sich dann auf die Suche nach brandheißen Themen begeben. So wie Frau Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), unser aller Justizministerin, die – von Spiegel-Journalisten am Wochenende befragt – spontan auf Google herumprügelte: „Mich stört dieses Vorpreschen, diese Gigantomanie, die auch bei der Google-Buchsuche durchscheint“, soll sie gesagt haben. Das sind dermaßen erstklassige O-Töne, dass sich der Spiegel kurzerhand dazu entschlossen hat, das Interview als Aufmacher für die neue Ausgabe zu nehmen. Und ich dachte immer, Nachrichten sollten aktuell sein…

Doch hören wir noch weiter in das Gespräch hinein. Frau Leutheusser-Schnarrenberger echauffiert sich nicht nur über die Buchsuche, sondern auch über die vermeintlichen Privatsphären-Killer Google Street View und Google Earth, die sie für „unbedingt prüfenswert“ erachte. Um Himmelswillen, sie sieht sogar die Gefahr am Horizont lauern, dass sich Google eines Tages zum „Riesenmonopol, ähnlich wie Microsoft“ entwickelt.

Liebe Frau Leutheusser-Schnarrenberger: Das ist schon längst geschehen. Microsoft ist ein Wicht verglichen mit Google, wenn es um die Faktoren Einfluss im Netz und das Sammeln von Nutzerdaten geht. Beispiele? Gerne: Google ist die populärste Suche des Planeten, alle Anfragen werden gespeichert, auch, auf welche Ergebnisse geklickt wurde. Dann gibt es Google Analytics, Adwords und Adsense, bei denen Keywords und Klicks protokolliert werden. E-Mails, die per Gmail – drittgrößter E-Maildienst der Welt – empfangen oder geschrieben werden, werden gescannt und analysiert, ganz zu schweigen von Inhalten, die bei Docs, Spreadsheets oder Calendar lagern. Google bietet öffentliche Profile für alle Nutzer an, die auch fleißig ausgefüllt werden, und seit der Kooperation mit Twitter hat der Suchriese auch Zugriff auf das Echtzeitnetz. Mittels YouTube weiß Google ganz genau Bescheid, was die Leute gerne sehen, ein Blick in den Google Reader der Nutzer zeigt wiederum, was sie gerne lesen. Und dann noch die anderen Kleinigkeiten, wie ein eigener Browser, der nun einmal von Haus gerne alles aufzeichnen will. Oder Chrome OS – ein komplettes Betriebssystem, das auch Offline-Sessions im Blick hat. Oh, und Android, das Handy-OS mit größtem Wachstumspotential in allen Ländern.

Kraken haben acht Arme. Mit wie vielen haben wir es bei der Datenkrake Google zu tun? Doch mit ihren finsteren Äußerungen hat es die Ministerin dem Unternehmen ordentlich gezeigt: Es gehe ihr nicht darum, „etwas zu verbieten, zu verhindern“, sagte sie selbstbewusst. „Da sehe ich eine Bringschuld bei den Unternehmen, da ist vieles noch sehr verbesserungswürdig“, polterte sie wütend, um dann mit einem großen Tusch die letzte Karte zu spielen: Andernfalls „sind wir womöglich als Gesetzgeber gefordert!“

Puh! Das saß! Da wird Google jetzt die komplette Firmenpolitik über den Haufen werfen und eine krasse Kursänderung in Angriff nehmen müssen. Sollte die Anspielung mit Microsoft übrigens auf ein Verfahren in Brüssel abzielen, ist das ein Witz. Die Redmonder standen zig Mal vor der Kommission, haben artig ihren Bußgeldbescheid abgeholt und sich mit den Worten verabschiedet: „Wir sehen uns dann bald wieder. Beste Grüße auch an Ihre Frau.“

(André Vatter)


Vernetze dich mit uns!

Like uns auf Facebook oder folge uns bei Twitter


Über den Autor

André Vatter

André Vatter ist Journalist, Blogger und Social Median aus Hamburg. Er hat von 2009 bis 2010 über 1.000 Artikel für BASIC thinking geschrieben.

28 Kommentare

  • Am Anfang fürchtete ich einen blöden, geekigen Google-Hype Text, dann doch eine kluge Analyse der Ist-Situation von Google zu lesen. Wichtiger Beitrag, Danke.

  • Und ich dachte schon, dass die Politiker Angst davor haben, dass man nun noch Aussagen von denen googlen kann, die sie vor der Wahl versprochen haben. Wie doof das doch ist, dass man nun sehr schnell herausfindet wer eine Steuersenkung/erhöhung/alles.bleibt.wie.es.war gefordert hat. Hauptsache der Spiegel konnte das Wort Google sehr oft unterbringen, damit sie vielleicht im Pagerank noch ein bisschen höher klettern.

    Die Anlyse von André ist sehr zutreffend, aber es stellt sich die Frage der Alternativen? Ich zum Beispiel kenne nur einen kleinen Mailanbieter der die Daten nicht auswertet. Ansonsten sind doch MSN, GMX, Yahoo usw. nicht besser, sondern eher noch gefährlicher, weil man da nicht so genau hinschaut wie bei Google. Ich sag mir immer, dass in dem Moment wo es bei Google einen Fehler mit Daten gibt, bekommen die sehr große Probleme. Also auch wenn sie die Daten auswerten und rechts irgendwelche Werbung schalten fühle ich mich da sicherer als bei GMX, die vor ein paar Jahren nicht mal standardmäßig eine HTTPS-Verbindung angeboten haben.

    Ich wünsche einen schönen Start in die Woche, andi

  • Sehr guter Artikel.

    Unsere Abgeordneten haben doch schon lange keine Ahnung mehr davon, wie die heutige Welt aussieht – vor allem im Internet.

  • Ah, da ist jemand aufgewacht und sucht sich einen zukunftssicheren Job, scheint mir. Oder aber unsere Politiker haben in den Weihnachtsferien ein paar „Internet“-Seminare besucht :-/

  • Das ist doch nichts neues.
    In Zeiten, in denen es wenig zu sagen gibt, finden viele Politiker immer wieder etwas zu dem sie sich äußern können.

    Erst sind es die Nackscanner, die noch vor einem halben Jahr von allen Parteien abgelehnt wurden und plötzlich unabdingbar sind um die Freiheit der Nation sicherzustellen.
    Heute ist es Google, ein Unternehmen, das in Sachen Kundendatensammlungen Microsoft schon vor Lichtjahren abgehängt hat.


    http://twitter.com/stelten

  • Leider ist es nicht nur bei den deutschen Politikern so. In Österreich verhält es sich ziemlich ähnlich. Den Vogel abgeschossen hat für mich allerdings eine Frau, welche als Beauftragte für Datenschutz [genaue Position weiß ich leider nichtmehr], in einem ZiB (=Tagesschau) Interview äußerst überrascht und schockiert war, dass man über Google Earth ihr Haus sehen kann. Sie hat noch gesagt, dass sie sofort dagegen vorgehen werde, weil das ihre Privatspähre verletzt und ohne ihr Einverständnis geschehen wäre …

  • ich finde es gut dass unsere justizministerin wenigstens irgendwann versteht was bei google vor sich geht und das auch in deutschland bekannter macht.
    es kann nun mal nicht jeder täglich in der blogosphäre unterwegs sein und alles mögliche über google lesen!
    wenn man mal auf der straße eine umfrage machen würde, die meisten leute würden wahrscheinlich nicht einmal igoogle kennen sondern mit google nur die suche und vllt noch gmail und google earth in verbindung bringen, das große ganze ist für nicht geeks nicht einfach!
    daher finde ich es gut wenn auch der spiegel einen solchen artikel bringt und die leute ein wenig aufklärt, deswegen aber auf der politik von wegen „winterloch“ herumzuhacken finde ich unnötig!

    das wirkt mal wieder auf die art „alles was ihr macht ist unsinn, wir aus dem internetz wussten alles vorher und besser sowieso“

  • Hömhöm, Google war ja auch so unvorhersehbar wie „Daisy“ in letzter Zeit, da kann man schon mal den Bezug zur Gegenwart verlieren und ein paar Kamellen vorm Kältetod bewahren..

  • Ich war lange nicht mehr auf Basic Thinking. Irgendwann war es hier üblich, dass über Dinge geschrieben wurde, die man sah/kannte/gelesen hatte. Der erste Absatz des Beitrags verrät, dass der Autor den zitierten Spiegel nicht in der Hand gehalten hat/sah/gelesen hat. Das Interview mit der Justizministerin streift nur am Rande das Problem Google. Und daher ist es auch nicht »der Aufmacher für die neue Ausgabe« (wahrscheinlich ist Titelgeschichte gemeint, oder)? Vielmehr beschäftigt sich der SPIEGEL auf einer 18-seitigen Titelgeschichte mit dem Phänomen Google, die lediglich einen Verweis zum Interview im vorderen Drittel des Heftes enthält.

  • Ich sehe spontan drei Möglichkeiten, wie es zu diesen Äußerungen gekommen sein könnte:

    Mein erster Gedanke war, dass sich da jemand von einem Praktikanten eine Powerpoint-Präsentation zum Thema Internet im Allgemeinen und Google im Speziellen erstellt hat lassen. Und natürlich wollte das neu erworbene Wissen auch irgendwie unter die Leute.

    Der zweite Gedanke dann, dass da jemand auf der politischen Bühne nicht mehr eine von den Rollen spielen wollte, die im Weihnachtstheater maximal die Bezeichnung „Hirte #2“ bekomme hätte.

    Oder die Reporter haben jemanden schlicht und einfach auf dem falschen Fuß erwischt und das Ganze ist als Übersprungshandlung einzuordnen.

    Welcher von den drei Erklärungsansätzen jetzt der Richtige, bzw. der Beste ist, kann ich nicht ganz beurteilen, vielleicht fällt mir die vierte, richtige Möglichkeit auch gerade einfach nicht ein. Und welcher mir von den dreien am liebsten wäre leider auch nicht. Abwägen von Unwissen gegen Geltungsdrang gegen Unprofessionalität.

  • Ich kann #11 Jürgen Siebert nur zustimmen. Lest auch den Artikel im Spiegel durch. Sehr beunruhigend.. vor allem die möglichen Szenarien die mit Google noch kommen können

  • Kleine Info zwischendurch: Ich zweifle kein bisschen an Googles völlig aus dem Ruder geratenen Machtstreben. Google will jeden fangen – und mit Android auch abseits des Rechners.

    Aber – mit Verlaub – Leutheusser-Schnarrenbergers halbherzig erhobener Zeigefinger?! Ein populistisches „Du! Du! Du!“ vor der NRW-Wahl? Das reicht wohl kaum aus, um Eric Schmidt zu stoppen.

    Seien wir ehrlich: In Deutschland hat kaum ein Politiker Ahnung von dem, was im Netz vor sich geht.

  • da sieht man mal wieder, was es für eine wirkung hat, wenn ein politiker etwas sagt. schlimm nur, dass es vollkommem falsch dargestellt wird, wie in den kommentaren zu lesen ist, gibt es wohl eine verlinkung auf die Aussage. also ist diese nicht der aufhänger. wenn man etwas schreibt, sollte man sich wirklich richtig informieren, um nicht blamiert zu werden, André!

  • Das sieht man doch wieder wie wenig so manche Politiker von dem Wissen über das sie glauben reden zu müssen. Ich frage mich nur woher diese massive Anti-Lobby gegen Google kommt.

  • Bei aller Skepsis der deutschen Benutzer gegenüber Google: mehr als 90% benutzen nach wie vor Google als Suchmaschine und machen sie damit hierzulande unangefochten zur Nummer 1.

    Immer wenn jemand wegen Google mault, empfehle ich die Suchmaschine zu wechseln, oder sonstige Dienste einfach abzubestellen. Aber meine Konversionsrate liegt leider bei 0% … 😉

  • Das wird sicher lustig – Microsoft hat schon über die EU gelacht, warum sollte Google dann Angst haben? Zumal ich nicht glaube, dass man an Google viel Aussetzen kann, ausser dass er so groß ist das alles Kartelltechnisch problematisch ist.

Kommentieren