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Springers mobiles Regionalportal: Der Befreiungsschlag vom App Store

Da war die Aversion gegen Apple wohl doch größer, als die Furcht vor frechen Content-Abgreifern – sprich: Lesern. Als der Springer Verlag im vergangenen Jahr die Bezahl-Apps für „Bild“ und „Welt“ in den App Store brachte, war die Rede davon, dass man sich die Option offen halte, zeitgleich den Zugriff auf die beiden Zeitungen via mobilem Browser zu sperren. Die Leute sollen die App kaufen, nicht gratis auf den Seiten surfen.

Nun hat Springer jedoch auch das Potential der Web-Oberfläche im Handy-Display erkannt und erklärt, dass man die Paid Content-Offensive auf den Browser ausweiten wird. Künftig wird es auf Bild.de Bezahlartikel mit Regionalbezug geben (Demo): 14 Cent werden pro Tag berechnet (der Preis steigt später auf 19 Cent), die Kosten für ein Wochen-Abo belaufen sich auf 0,79 Euro, für ein Monats-Abo werden 2,99 Euro fällig. Das neue Regionalportal wurde deshalb erdacht, weil es sich hierbei am ehesten um vermarktbare Texte handelt – dieselbe Strategie hat Springer auch schon beim „Hamburger Abendblatt“ und bei der „Berliner Morgenpost“ angewandt.

Die kniffelige Frage bei dieser Umstellung lautet aber: Wie wird am besten abgerechnet? Im Rahmen der CeBIT wurde überraschend bekannt, dass die Deutsche Telekom hier großzügige Hilfe angeboten hat: der Leser soll bequem per Telefonrechnung bezahlen. Donata Hopfen, Geschäftsführerin Bild Digital kommentiert das so: „Nach dem erfolgreichen Start unserer Apps für ‚Bild‘ und ‚Welt‘ mit mehr als 100.000 Downloads in den ersten Wochen gehen wir nun den nächsten Schritt unserer Initiative und weiten das Angebot aus. Der neue Premium-Bereich auf BildMobil bietet Abonnenten exklusive Nachrichten aus ihren Regionen und damit einen attraktiven Mehrwert.“

Doch zurück zum Anfangsgedanken. Der Sprung zurück in den Browser sowie die Kooperation mit der Telekom hat einen Hintergrund: Springer sah Ende des vergangenen Jahres keinen anderen Weg mehr und begann damit, Zeitungs-Apps über den App Store zu verticken – notgedrungen und zähneknirschend, denn bei jedem Verkauf kassiert Apple 30 Prozent Provision mit. Damit geht auch einher, dass der Verlag die Distributionshoheit aufgibt. Apple bestimmt die Voraussetzungen, die eine App mitbringen muss, ehe sie zugelassen wird. Diese Regel gilt für all die mobilen Stores, die Gerätebauer ihren Smartphones verpassen, sei es der App Store, Android Market, Windows Phone Marketplace oder der Ovi Store. Woanders würde Springer also denselben Restriktionen gegenüber stehen.

Deshalb zeigte sich Springer-Chef Mathias Döpfner bei der Vorstellung der neuen Bezahlinhalte auch so erleichtert: „Die Telekom ist unser Kiosk“, hatte er gesagt. Bei diesen Worten muss ihm ein Stein vom Herzen gefallen sein. Springer ist damit nicht mehr länger abhängig vom Diktat der „Gatekeeper“ wie Apple oder Google, sondern kann Inhalte, Look und Feel selbst bestimmen. Sollte es doch einmal Probleme geben, ruft er seinen guten Kumpel René Obermann in Bonn an – bis dato bekommt er nur den AB von Cupertino an den Hörer. Gleichzeitig hat Springer auch die potentielle Reichweite auf eine ganz neue Stufe gehoben, 40 Millionen Mobilfunkkunden der Telekom können nun mit ihren Handys auf das Portal zugreifen.

Der Verlag wird also künftig zweigleisig fahren (für die iPhone-Apps wurden ebenfalls „optimierten Update-Versionen als kostenpflichtige Abo-Modelle“ angekündigt). Entscheidend für das Gelingen des Browser-Treibens ist es allerdings auch, dass die Abrechnung über die Telefonrechnung ebenso bedienerfreundlich ist, wie das Shoppen im App Store. Für 14 Cent würde ich jedenfalls nicht über die Handy-Tastatur meine komplette E-Mail-Adresse und das Passwort eingeben – und anschließend zwei Mal (beim Setzen eines AGB-Häkchens) den Kauf bestätigen. Ich habe es gerade übrigens einmal auf einen kleinen Test ankommen lassen, bin aber bis auf eine Fehlermeldung nicht weiter gekommen. Wollen wir hoffen, dass die Jungs die Kinderkrankheiten noch in den Griff bekommen.

(André Vatter)


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Über den Autor

André Vatter

André Vatter ist Journalist, Blogger und Social Median aus Hamburg. Er hat von 2009 bis 2010 über 1.000 Artikel für BASIC thinking geschrieben.

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