Die Wikipedia-Amazon-Nummer: Wie sich mit Gratis-Content ein Haufen Geld machen lässt

André Vatter

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Lambert M. Surhone ist ein eifriger Autor. Gibt man seinen Namen bei Amazon ein, poppt einem das Suchergebnis entgegen: insgesamt 21.568 Einträge. Dasselbe gilt übrigens auch für seine beiden Kollegen Miriam T. Timpledon und Susan F. Marseken. Ich habe es nicht im Kopf, doch ich glaube, dass Stephen King als der wohl produktivste Autor unserer Zeit gilt – er bringt es bei Amazon auf gerade einmal 2.888 Ergebnisse. Also fragen wir uns: „Was ist da los?“

Schauen wir uns die einzelnen Bücher von Surhone an, fällt gleich eines auf: sie haben alle unglaublich unhandliche Titel. Zum Beispiel:

WrestleMania XX: Professional Wrestling, Pay-per-View, No Way Out (2004), WWE Intercontinental Championship, World Wrestling Entertainment, WWE Championship, World Heavyweight Championship (WWE)

Klingt doch komisch oder? Man stelle sich vor, man diktiere der Dame in der Buchhandlung den Namen des Buches ins Ohr. Eher ärgerlich als komisch wird die Sache aber, wenn wir uns ansehen, woher der Titel stammt. Werft mal einen Blick auf die Wikipeda-Seite zum Thema „WrestleMania XX„. Die einzelnen Begriffe der vermeintlichen Buch-Subheadline sind einfach nur die Links in der Einleitung, schön chronologisch abgefrühstückt.

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Die beiden US-Pseudoverlagshäuser Alphascript Publishing und Betascript Publishing haben es sich zur Aufgabe gemacht, „akademische Untersuchungen“ zu drucken – „weltweit und völlig kostenlos für den Autor“. Im Klartext bedeutet das, dass Wikipedia-Artikel kopiert, formatiert und zwischen zwei Buchdeckel gepresst auf den Markt geworfen werden, wo nichtsahnende Kunden dann zuschlagen. Für jedes Buch wird zwischen 30 und 60 Euro verlangt. „Pro Jahr veröffentlichen wir mehr als 10.000 neue Titel und zählen deshalb zu den führenden Verlagshäusern im akademischen Feld“, wird einem daraufhin noch zugeprostet.

Für die beiden Unternehmen ist Wikipedia die publizistische Goldgrube, der Ort, an dem unbezahlte Content-Affen für lau arbeiten und abends mit dem guten Gefühl in der Brust den Rechner ausschalten: „Heute habe ich etwas für den Erhalt des Wissens der Menschheit getan.“

Alphascript und Betascript Publishing arbeiten mit System. In den Staaten regt sich unter Bloggern großer Unmut, nicht zuletzt, da Amazon selbst offenbar Gefallen an dem Geschäftsmodell findet. Surhone-Bücher werden den Kunden aktiv als Kaufobjekt vorgeschlagen („Hier sind einige der Ihnen empfohlenen Artikel. Klicken Sie hier, um alle Empfehlungen anzuzeigen.“). Um eine Stellungnahme gebeten, antwortete Amazon USA: „Als Händler ist es unser Ziel, den Kunden die größte Auswahl zu bieten, damit sie die Produkte finden, entdecken und kaufen können, die sie suchen.“ Klar, vor allen Dingen „kaufen“, denn der Buchhändler verdient ja kräftig mit.

Mal sehen, was Amazon Deutschland dazu sagt. Ich habe dort gegen zehn Uhr angeklopft und um ein Statement gebeten.

Update: 20. April (!) 2010

Amazon hat sich nach einer erneuten Anfrage zurückgemeldet – das waren jetzt knapp 14 Tage, ich würde sagen: zum Glück ist der Buchhändler beim Versand von Waren wesentlich fixer. Ich hatte um eine Stellungnahme zur Bewertung der Vorgehensweise der beiden Verlage gebeten. Außerdem wollte ich wissen, wie man bei Amazon zu dem Vorwurf steht, dass das Unternehmen unliebsame Rezensionen löscht beziehungsweise nicht freischaltet. Hier nun das Amazon-Statement im Wortlaut:

Entschuldigen Sie die verspätete Antwort. Amazon löscht keinesfalls kritische Rezensionen, sofern diese den Teilnahmebedingungen entsprechen. Wir wollen, dass Kundenrezensionen andere Kunden dabei unterstützen, die für sie richtigen Produkte auszuwählen. Deshalb greift Amazon.de grundsätzlich nicht in die Meinungsäußerungen in Kundenrezensionen ein, vorausgesetzt unsere Richtlinien werden eingehalten. Unsere Rezensionsrichtlinien finden Sie hier. Wir würden den Rezensenten daher bitten, seine Rezension dahingehend zu überprüfen und ggf. geändert einzureichen.

Die Titel von Alphascript Publishing und Betascript Publishing sind derzeit nicht bei Amazon.de erhältlich.

Die erste Passage ist absolut einleuchtend und kann tatsächlich ausschlaggebend für die Nichtfreischaltung der entsprechenden Rezensionen sein – ich kann das an dieser Stelle jedenfalls nicht reproduzieren. Der letzte Satz ist allerdings eher ungewöhnlich: Ohne Probleme kann ich jederzeit Bücher der beiden Verlage bei Amazon Deutschland bestellen:

Vergrößert:

Guck ich mal wieder schief? Und warum wird nicht auf meine Frage eingegangen, wie Amazon.de dazu steht? Und wieso überhaupt „derzeit“ – können wir wenigstens künftig weiter mit den Wiki-Klonbüchern rechnen?

(André Vatter)

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André Vatter ist Journalist, Blogger und Social Median aus Hamburg. Er hat von 2009 bis 2010 über 1.000 Artikel für BASIC thinking geschrieben.