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Basic Flashback: Einem deutschen Techcrunch fehlt eigentlich nur das Geld

Jürgen Vielmeier
Aktualisiert: 03. Oktober 2010
von Jürgen Vielmeier
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AOL hat in dieser Woche das renommierte US-Techblog Techcrunch gekauft. Seitdem ist mal wieder in der Diskussion, ob es nicht auch ein deutsches Techcrunch geben sollte. Viele sehen dafür keinen Platz, ich finde aber, den gibt es durchaus. Copycats, die erfolgreicher waren als ihr Original, gab es in der Geschichte bisher seltenst. Ein deutsches Techcrunch müsste deswegen anders sein als sein US-Vorbild und doch dessen Stärken einsetzen.

Auch in Deutschland wird Techcrunch viel gelesen. Manchmal ist es viel heiße Luft, die die Redakteure dort verbreiten, meist aber sind sie gut informiert oder schreiben zumindest unterhaltsame Geschichten. Oft wird neidisch über den großen Teich geblickt, denn ein deutsches Pendant zu Techcrunch fehlt hierzulande. Gründe dafür gibt es genug und sie enden meist beim Thema Geld. Alexander Becker von Meedia nennt fünf Gründe, warum ein deutsches Techcrunch keine Chance habe. Ich muss ihm widersprechen: Es wurde bislang nur noch nicht richtig versucht.

Dennoch gebe ich ihm für einige seiner Thesen recht, die ich hier kurz ansprechen möchte, um zu beweisen, dass ein deutsches Techcrunch durchaus möglich wäre.

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  1. „Der Markt ist zu klein, als dass sich ein deutsches Techblog durchsetzen könnte.“
    Das kann ich so nicht stehen lassen. Zu klein ist der Markt nicht, er ist nur zu zersplittert. Geht es um Social Media, gibt es viele deutsche Blogs, die darüber berichten. Als weitere Konkurrenz stehen Ableger fast aller Computerzeitschriften online, die hierzulande ein viel höheres Gewicht haben als ihre US-Pendants. Der Markt an sich ist nicht zu klein. Er ist nur bereits aufgeteilt. Jetzt noch ein neues Blog über Social Media auf dem Markt zu etablieren, wäre ein schwieriges Unterfangen.
  2. „Es fehlen die nötigen Werbeeinnahmen. Man braucht eine Vollredaktion mit gut bezahlten Redakteuren.“
    Absolute Zustimmung meinerseits. Das wurde bisher in Deutschland noch nicht richtig versucht. Ein potentes Team aufzubauen und viel Geld in die Hand zu nehmen, ist ein Risiko. Umso erstaunter blicke ich deswegen in Richtung derjenigen, die das Geld haben und andere absurde Risiken eingehen: Verlage. Lieber bringen sie die 57. Frauenzeitschrift an den Kiosk, als mal etwas zu wagen, was im Vorbildmarkt USA seit Jahren erfolgreich durchpraktiziert wird. Bei den IT-Zeitschriftenverlagen das gleiche Bild. Lieber zwölf Mal in Folge die 333 besten Windows-Tipps als einmal online etwas Neues zu probieren. Die, die das Geld haben, trauen sich nicht. Und die, die Ideen haben, bekommen kein Geld dafür, wenn es „nur“ ein Blog ist. Dilemma made in Germany.
  3. „Es fehlt der Chef-Wahnsinnige.“
    Hier wird’s interessant. Becker beschreibt Michael Arrington als eine Art Choleriker, diktatorisch, macht- und geldgeil – aber auch gut informiert und mit Kontakten zu den richtigen Leuten. Hm, gut informiert, vernetzt, dynamisch und cholerisch – ich blicke rüber nach Taiwan und sehe dort jemanden, auf den die Beschreibung zutrifft. Allerdings, Sascha, ist es der Sache nicht dienlich, wenn jemand sich für die Ikone der Blogschöpfung hält und andere deutsche Journalisten und Blogger regelmäßig für unfähig erklärt. Abgesehen davon halte ich einen Chef-Wahnsinnigen nicht zwingend für notwendig, sogar eher für hinderlich. Man sieht es an Techcrunchs Nebenbuhler Mashable, dass man auch ohne Choleriker Erfolge feiern kann. Mashables Redaktion steht der von Techcrunch qualitativ in nichts nach. Die Seite verzeichnet ähnlich hohe Besucher- und Umsatzzahlen, die Redakteure sind aber eher Leisetreter. Gründer Pete Cashmore ist weder Rampensau noch Wahnsinniger, eher ein medienscheuer, schüchterner Sympathieträger. Es geht also auch anders.
  4. „Die deutsche Web-Szene ist zu dezentral.“
    Das ist die US-amerikanische auch. Es gibt das Silicon Valley, es gibt die Ostküste, es gibt Texas. Im Vergleich dazu ist Deutschland, das kleiner ist als Kalifornien, nahezu kompakt. Das Internet macht es möglich, dass man heutzutage nicht mehr zwingend in einem Büro zusammen arbeiten muss. Stelle einen Redakteur in Berlin auf, einen in Hamburg, einen in München und einen in Köln, und schon hast du 80 Prozent der deutschen Technikszene abgedeckt. Die restlichen 20 Prozent erreichst du in zwei Stunden mit dem Zug.
  5. „Die Web-Szene und ihre Berichterstatter sind nicht kreativ genug.“
    Was die deutsche Web-Szene anbelangt: Sie ist in der Tat recht klein. Aber warum, um alles in der Welt, gehen alle immer davon aus, dass ein gutes Techblog nur über Software und Social Media berichten sollte? Es gibt fantastische Innovationen in technischen Disziplinen wie Biotechnik, Umwelttechnik oder Maschinenbau, von denen die Öffentlichkeit nur selten etwas erfährt. Laut dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsförderung (ZEW) gab es sogar im Krisenjahr 2009 in Deutschland alleine 14.000 (!) Hightech-Gründungen. 14.000 spannende Ideen und Erfinder, die nur darauf warten, dass endlich mal jemand über sie berichtet. Was die angeblich unkreativen Berichterstatter angeht, muss ich sagen: Sorry, lieber Alexander, aber das ist an Schmarrn! Mir fallen gleich auf Anhieb ein gutes Dutzend Techblogger ein, mit denen man ein so gutes deutsches Techblog stemmen könnte, dass den Lesern die Augen aufgehen. Man müsste sie bezahlen, klar. Und da wären wir wieder beim Anfang.

Lieber ein Sonnenstudio finanzieren als ein Blog

Ein weiteres Problem muss ich noch ergänzen: In Deutschland hätte es selbst ein Blog schwer, das mit genügend Geld ausgestattet würde. Die Leser würden nicht aufhören, es schlechtzureden. In der seltsamen deutschen Webszene gilt nur jemand etwas, der sein Blog mit möglichst wenig Geld und möglichst ohne Gründungskapital aufgebaut hat. Das sind die aufmunternden Geschichten, die die Deutschen lieben. Dass für die meisten Zeitschriften, Start-ups, Technikgründungen und sogar Sonnenstudios viel Geld in die Hand genommen wird, interessiert die Leute nicht, obwohl auch hier der Großteil der Kosten Personalkosten sind. Bei Blogs soll es gefälligst ohne Geld gehen. Dabei hat auch Arrington nicht bei null angefangen, sondern war bereits vor seiner Zeit bei Techcrunch als Gründer tätig und hat sich in dieser Zeit das notwendige Startkapital ansparen können.

Es gibt Blogger im deutschsprachigen Raum, die mit Sicherheit viel mehr machen würden, wenn sie die Ressourcen dazu hätten. Die Macher von Gründerszene, Förderland oder Netzwertig zähle ich dazu. Am Willen scheitert es bestimmt nicht.

Wie müsste ein deutsches Techcrunch aussehen? Es müsste junge Gründer und Geschäftsideen vorstellen, mit Gründernetzwerken kooperieren, einfach die besten Ideen auf Deutsch und Englisch vorstellen und dabei nicht nur auf Social Media setzen. Erweitern könnte man das ab einer bestimmten Größe auf den europäischen Raum. Eine Anschubfinanzierung könnte das schwierige erste Jahr überbrücken. Finanzieren könnte es sich über direktes Sponsoring von Unternehmen oder Fördergeldern von Wirtschaftsverbänden.

Joa. Dann lasst uns das mal angehen. 🙂 Hat jemand Lust?

(Jürgen Vielmeier)

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Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.
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