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Twitter, warum haben wir uns nur so auseinander gelebt?


Ich wollte hier eine emotionale Geschichte schreiben. Warum ich damals großer Twitter-Fan war und es heute nicht mehr bin. Weiter unten tue ich das auch. Doch je mehr Argumente ich gegen Twitter sammelte, desto mehr fiel mir erschreckenderweise etwas auf: All die Meldungen über Twitter auf dem Weg zu einer geschlossenen Plattform, auf dem Weg in die falsche Richtung, sind mir als Privatnutzer bei genauerer Betrachtung herzlich egal. Die beiden Hauptgründe sind so platt, dass ich mich erst weiter unten traue, sie hier kund zu tun.

Ich bin seit 2008 auf Twitter. Es war damals auf der Re:publica, als ich mich für den Dienst registrierte. Vorher war ich, wie viele neue Nutzer auch, erst einmal skeptisch. Dieses Ding, wo sie alle Kurznachrichten darüber schreiben, dass sie sich gerade einen Kaffee gekocht haben – so das gängige Vorurteil. Es dauerte allerdings nur einige Tage, bis mich der Mikrokosmos in seinen Bann zog, ich neue Leute kennen lernte und schon bald versuchte, Twitter meinen Freunden schmackhaft zu machen. Wie alle anderen Twitterer machte ich Ausfälle des Dienstes zum Staatsereignis, freute mich aber genauso über den niedlichen Failwhale, diskutierte mit Sascha Lobo und jubelte über Trending Topics wie den legendären Blumenkübel, der es bis ins ZDF-Nachtjournal schaffte.

Die Tür wird geschlossen

Ich nahm an den offiziellen Bonner Blogger- und Twittertreffen teil. Im Vergleich zu Berlin oder Köln war es nur eine kleine, aber dafür eingeschworene Truppe mit einigen der nettesten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Mit eigentlich allen von damals bin ich heute noch auf Facebook befreundet. Es war eine schöne Zeit. Damals? War? Facebook? Vergangenheit? Ja, tut mir Leid. Aber so kam es, unweigerlich.

Twitter hat sich in den vergangenen Monaten in eine unglückliche Richtung bewegt. Das Unternehmen macht keinen Hehl daraus, dass es nach Jahren der finanziellen Sicherung durch Kapitalgeber jetzt mit allen Mitteln Geld verdienen muss. Dafür trifft man Entscheidungen, die kaum einem der Ur-Twitter-Fans gefallen dürften. Sie wirken auf den ersten Blick für Nutzer nicht entscheidend, aber im großen Rahmen betrifft es sie schon:

  • Twitter wird immer mehr zur geschlossenen Plattform. Der Zugriff des Netzwerks LinkedIn auf die Twitter-API wurde Ende Juni gestoppt.
  • Mit der Nutzung der API durch Fremde – was Twitter einst groß gemacht hat – scheint mittelfristig ohnehin Schluss zu sein. Marcel Weiss fiel diese kleine aber feine Aussage von Twitter-Chef Dick Costolo kürzlich ins Auge: Man wolle sich von Unternehmen abwenden, die Twitter bei sich einbinden. Ehrliche, erstaunliche Worte.
  • Just gestern sperrte Twitter die Freunde-Suche für Instagram. Bisher konnten neue Nutzer der Fotocommunity bereits schauen, wer von ihren Twitter-Followern schon dort war. Nach der Übernahme von Instagram durch Twitters Konkurrenten Facebook ist die Liebe nun erloschen. Twitter hat sich von Instagram distanziert.

Dalton Caldwell beschreibt in einem interessanten Posting, was bei Twitter passierte: Es gab einen internen Machtkampf zwischen den Techies und den Werbestrategen, und die Werbestrategen gewannen. Was dann passierte, ist aus geschäftlicher Sicht teilweise nachvollziehbar: Es musste Geld über Werbung verdient werden. Und damit das Geld bei Twitter bleibt, sollen die Clients von Drittanbietern keinen Zugriff mehr bekommen. Client-Anbieter UberMedia erhielt bereits Anfang 2011 einen Warnschuss. Ob es nun im Sinne des Geschäfts ist, die API vor Konkurrenten abzuschotten und damit auch zu riskieren, Nutzer zu vergraulen, sei dahin gestellt. Zumindest die Powernutzer revoltieren schon einmal. Und Mathew Ingram hält es für fatal und warnt, so habe der Niedergang von Digg und MySpace auch begonnen.

Der Vergleich ist nicht so ganz weit hergeholt, denn Twitter macht sich auf, zu einem seriösen Medienunternehmen zu werden. Und man ist nach wie vor im Aufwind, schart auch in Deutschland viele neue Nutzer um sich und kümmert sich auch um eine Weiterentwicklung mit interessanten Features: Man will eigene Videoserien produzieren lassen, wie viele andere Unternehmen abseits der TV-Studios inzwischen auch. Für die Olympischen Spiele kooperiert man mit dem Nachrichtensender NBC. Die Twitter-Suche wurde endlich verbessert, alte Tweets sollen übersichtlicher aufbereitet und exportiert werden können.

Immer längere Ladezeiten für weniger Spaß

Es hinkt allerdings bei der Umsetzung selbst einfacher Dinge: Als Beispiel, womit mich Twitter eher vergrault als anlockt, ist die neue „Entdecken“-Funktion. Seien es die seltsamen Vorschläge angeblicher Trends, aktuell zum Beispiel: „Turkish Beliebers Deserve Believe Tour“ oder „#Pressemitteilung„. Oder die Top-Videos, die zwar aufgereiht, dann aber nicht gefunden werden. Twitter war immer schon eine unfertige Plattform, aber nach dem mindestens zweiten Redesign vom Redesign habe ich den Überblick verloren, wo wir jetzt eigentlich gerade sind, was die Unterschiede und vor allem, was die Vorteile sein sollen. Erhöht hat sich nicht der Spaß, den Twitter macht. Erhöht hat sich vor allem die Ladezeit. Loggt man sich aus Twitter aus, erscheint nun die offenbar mit der heißen Nadel übersetzte Aufforderung, ich solle jetzt eine mobile Twitter-App benutzen. Klingt unfreiwillig komisch, so als habe man es dringend nötig:


Sir, jawohl, Sir!

Die Hauptgründe, warum ich Twitter privat Lebwohl gesagt habe, sind denn auch so egoistisch und banal, dass ihr vermutlich den Kopf schütteln werdet: Ich habe keinen Twitter-Client für das iPhone gefunden, der halbwegs verträgliche Ladezeiten gehabt hätte. Die schlimmste von allen ist Twitters offizielle iPhone-App. Und der zweite Grund: Ich habe irgendwann nicht mehr eingesehen, mir im Privatleben auch noch Stress zu machen. Ich folge privat nur gut hundert Leuten auf Twitter und doch wurde mir das Rauschen irgendwann zu viel. Heute ist Facebook meine nahezu einzige Anlaufstelle für den Austausch mit Freunden im Web. Für Basic Thinking, sprich: die Arbeit, ist Twitter nach wie vor mein bevorzugter Kommunikationskanal. Privat bin ich seit über einem Jahr dort nur noch sporadisch aktiv, die Twitter-Website meide ich.

Der Charme der Anfangsjahre ist verflogen

Auch wenn es nicht an allen Ecken und Enden zu erkennen ist, denn Werbung gibt es dort nach wie vor kaum: Man spürt, dass Twitter von anderen Funktionären geführt wird als in den Anfangsjahren. Das einstige Führungstrio Jack Dorsey, Biz Stone und Evan Williams hat sich inzwischen anderen Aufgaben zugewandt. Dick Costolo, früher COO, leitet nun das Unternehmen und will es mit aller Macht professionalisieren. Das allerdings führt dazu, dass die Nutzer Fehler nicht mehr so leicht verzeihen, zumal es Probleme nach wie vor an allen Ecken und Enden gibt.

Gestern erst ist Twitter wieder einmal für mehrere Stunden ausgefallen. Ein Staatsakt war das diesmal nicht. Die meisten Medien, wie Heise, wiesen schlicht darauf hin, auch, weil es inzwischen viele Nutzer in Deutschland betrifft. Wenn langjährige Twitterer wie Greg Garbowsky allerdings Zeilen wie diese hier schreiben, die fast schon wehmütig klingen, dann sollte man sich in der Twitter-Führung vielleicht doch einmal Gedanken machen. Denn es klingt, als sehne sich jemand nach den alten Zeiten zurück:

Die Begründung übrigens, die Twitter gestern vorübergehend für den Ausfall lieferte, las sich wie folgt:


Abgestürzt aus Gründen. Fällt aus wegen is‘ nich‘. Die Nachricht war fast schon wieder charmant. Schade, dass das die Ausnahme geworden ist.

(Jürgen Vielmeier, Bilder: Twitter)

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Über den Autor

Jürgen Vielmeier

Jürgen Vielmeier ist Journalist und Blogger seit 2001. Er lebt in Bonn, liebt das Rheinland und hat von 2010 bis 2012 über 1.500 Artikel auf BASIC thinking geschrieben.

37 Kommentare

  • Der Charme ist wirklich weg. Privat ist es wirklich fast nonsens da noch zu posten und die neuen Entwicklungen, die das ganze so slow und komplizierter machen, zerstören so einiges … es ist einfach nicht mehr das gelbe vom Ei. Punkt.

  • Also ich muss sagen, dass ich den ganzen Twitter Hype nie wirklich zu 100% verstanden habe. Ich habe zwar auch einen Account, der wird aber nur automatisch über mein Blog gefüttert. Eigentlich bräuchte ich den aber auch nicht und vielleicht lösche ich ihn auch bald.

  • Ich kann die Argumente nicht nachvollziehen, aber es hängt wohl offenbar auch von der Facebook-Affinität ab. Die ist bei mir überhaupt nicht gegeben, wenngleich ich da auch einen (selten besuchten) Account habe. Twitter (Account seit 2009) bleibt für mich trotz der Werbungsdiskussion (gibt´s die bei fb etwa nicht?) die erste -weil schnelle- Anlaufstelle im Social Media Bereich, die selbst meinen Feedreader, den ich nur noch selten nutze) auf die hinteren Plätze verdrängt hat.

  • Die Aufbruchstimmung vom UR Twitter kenne ich nicht, ich nutze derzeit Twitter und Facebook, weil Nokia mit der Social App im Symbian OS eine einfache App anbietet die „gefolgte Themen“ einfach auf dem Home Screen anzeigt.

    Falls der Inhalt schlechter/langsamer wird als ein RSS Reader, kehre ich zu diesem zurück und FB wie auch Twitter fliegen raus.

    Mir fällt auf dass die Latenz zum Jetzt grösser wird, leider.

    Da die meisten meiner Tweeter parallel in Twitter und Facebook senden, wird sich ein Gewinner zeigen und der andere ist gewesen.

  • Jürgen, ich stimme Dir zu.
    Ich nutze Twitter nur noch selten, habe auh gemerkt, dass es einfach weniger reaktionen als früher gibt. also weniger diskussion etc. viele posten nur noch, antworten aber nie. und nur um zu broadcasten geh ich nicht auf twitter, das langweilt dann.

  • Als Anno Tobak XML aufkam, habe ich mich damit befasst und fand das faszinierend. Um das praktisch zu lernen, habe ich mich umgesehen, und fand RSS. Also habe ich zuallererst mal einen Feed von Hand zusammengeschraubt und mal geschaut, was kann man damit machen. So habe ich Blogs kennen gelernt. Die Faszination ist bis heute geblieben.

    Dann kam Twitter. Interessante Idee, war aber gegenüber WordPress jetzt nicht wirklich so revolutionär. Gewisse Bedenken hatte ich, weil da eine einzelne Firma dahinter steckte. WordPress war zwar irgendwie so ähnlich, aber man konnte auch ohne ganz prima bloggen. Twittern nicht. Und Firmen haben die Tendenz, sich merkwürdig zu entwickeln. Ich war auch mal OS/2 Fan, bis IBM großkotzig verkündete, OS/2 nicht mehr für Privatkunden zu unterstützen. Aus dieser Erfahrung habe ich gelernt. Deshalb hatte ich nie einen Twitter Account.

    Und jetzt kommt Facebook. Wieder so eine Firma. Anfängliche Idee hat einen gewissen Charme. Aber es steckt eine einzelne Firma dahinter. OS/2 ick hör Dir trapsen. Deshalb hatte ich auch nie einen Facebook Account.

    Mein selbstgebasteltes Blog betreibe ich seit 2004 kontinuierlich. Mehr oder weniger 🙂

  • Ladezeiten, Ladezeiten, Ladezeiten?
    Das Argument kann ich so gar nicht nachvollziehen.
    Ich nutze schon seit Ewigkeiten Tweetbot und kann überhaupt keine langen, nervigen Ladezeiten feststellen?

  • Ich nutze Twitter eigentlich auch eher als eine Art Newsfeed.
    Neuigkeiten, Tends etc. sind noch immer schneller in meiner Twitter Timeline und ploppen dann in Blogs, FB etc. auf. Über Twitter bin ich irgendwie (vllt. auch nur gefühlt) näher am Puls der Zeit.

  • Ich mag Twitter auch nicht mehr so wie in früheren Jahren. Unter anderem mag ich es nicht dass die meisten Links verkürzt dargestellt sind und auch nicht angezeigt wird wohin diese führen. Außerdem nutzen viele Twitter nicht mehr als richtigen Kommunikationsweg, weshalb mir eine Interaktion wie bei Google+ oder Facebook fehlt, die zumindest bei meinen Seiten ein Vielfaches an Traffic verursachen als Twitter.

  • Stimme absolut nicht zu. Klar ist die Gefahr da, dass das Produkt schlechter werden *wird*. Aber zz. ist es nachwievor das beste Informationsnetzwerk.

    Beste Erklärung: Du hast einfach das Interesse an den Themen deiner Follower verloren?!
    Tweetbot sind sowohl am iPhone als auch am Mac die besten Clients. Warum es noch immer Leute gibt, die die Website verwenden verstehe ich echt nicht. Und die Entdecken-Funktion braucht man auch nicht, wenn man seine Followings erstmal ordentlich optimiert hat.

  • Als Micro-Blogging-Dienst für Unternehmen oder schnellen Austausch unter Freunden ist Twitter mehr als genial – für Fachdiskussionen gibt’s klarerweise bessere Plattformen. Ich sehe da schon eher den mittelschnellen Untergang von Facebook ob der ganzen Trolle und sinnlosen Postings à la „like in 3 Sekunden wenn…“. Speziell der Livestream verkommt zu einer einzigen Zur-Schau-Stellung – niveauvolle Meinungsführer wenden sich über kurz oder lang davon ab oder suchen ihr Heil in internen FB-Gruppen, die sich meiner Meinung nach noch am besten zum Diskutieren eignen.

  • Twitter macht viel falsch im Moment. Eine klare Linie ist leider nicht zu erkennen und der Nutzwert ist jetzt auch nicht so hoch, dass ich auf Twitter nicht verzichten könnte. Ich nutze den Dienst erst seit ich MetroTwit entdeckt habe wieder halbwegs aktiv.

  • Mit Twitter ist es wie mit allen anderen Quellen: sie versiegen irgendwann einmal oder werden „tot-germarktet“.
    Ich finde es eigentlich sehr schade. Man denke nur daran was mit dem hoch geschätzten Dienst MySpace passiert ist – selbstverständlich soll das kein Vergleich sein. Dieser würde sehr hinken …

  • Ich konnte mich mit Twitter noch nie anfreunden – obwohl ich mal einen privaten Account hatte. Die meisten Nachrichten sind einfach nur banal und interessieren mich nicht – die wirklich interessanten gehen in dem Strom der Ich-koche-gerade-Kaffee-Meldungen unter. Für meinen Blog über Dystopien habe ich zwar immer noch einen Account und jeder Blog-Post geht auch über Twitter, aber wirklich Feedback oder Besucher kommen von dieser Plattform nicht: #Unwichtig.

  • Die Erfahrung hatte ich ebenfalls gemacht Rob – die Beiträge wurden immer automatisch dort gepostet, Resonanz gab es aber keine. Ehrlich geht es ja auch Twitterprinzip vorbei und rein „werbende“ Beiträge hatten noch nie zu Erfolg geführt.

  • Ich nutze Twitter um meine Artikel und Blogbeiträge zu posten, aber privat brauche ich es eher nicht. Beiträge von anderen Usern sind häufig interessant.

  • Twitter ist für Privatleute komplett uninteressant. Am Anfang habe ich da überhaupt nicht durchgeblickt und den Sinn von Twitter verstehe ich bis heute nicht.

  • Mit den richtigen Netzwerk finde ich Twitter nach wie vor Interessant und man findet schnell immer etwas interessantes und neues. Immer mehr ist es zu einem Instrument von Spam geworden aber den muss man, wie im E-Mailsystem, manuell bekämpfen.

  • […] Twitter, warum haben wir uns so auseinandergelebt? Jürgen Vielmeier vom Fachblog BasicThinking hat einen Abgesang auf den Kurznachrichtendienst veröffentlicht. Seit es dort einen internen Machtkampf zwischen den Techies und den Werbestrategen gab, den die Werbestrategen des Unernehmens gewannen, verdient Twitter in seinen Augen zunehmend an Attraktivität. So sagte Twitter-Chef Dick Costolo neulich, er wolle sich von Unternehmen abwenden, die Twitter bei sich einbinden. basicthinking.de […]

  • Hab Twitter nie wirklich verstanden. Da ist facebook mit seinem vielen Funktionen schon deutlich sinnvoller zu nutzen (beruflich & privat)!

  • Ich konnte noch nie verstehen, was für ein Hype um Twitter gemacht wurde. Ich habe es einen Tag lang benutzt und es dann nie wieder benötigt.

  • Ich war noch nie ein größer Twitter Fan. Habe noch nie wirklich verstanden warum da so viele Leute was abgewinnen können. Gut ich finde auch den Facebook-Hype nicht so der Hit. Vielleicht bin ich einfach etwas altmodisch.

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