Eigene TV-Set-Top-Box: Intel will ins TV- und Streaming-Geschäft einsteigen

Robert Vossen

intel

Hört, hört: Bei der Medienkonferenz D: Dive Into Media in der Nähe von Los Angeles hat Intel Pläne bekannt gegeben, eine TV-Set-Top-Box zu bauen. Noch in diesem Jahr soll die Box auf den Markt kommen, die angeblich die Fernsehwelt verändern soll.

Intel Media arbeitet schon seit einem Jahr an der Box

Intel-Manager Erik Huggers plauderte aus, dass man bereits seit einem Jahr an der Sparte „Intel Media“ arbeite, die er auch verantwortet und dass man Mitarbeiter von Apple, Netflix, Google und der BBC abgeworben habe, um eine „Plattform fürs Internet-Fernsehen“ zu entwickeln.

Huggers zufolge baut das Gerät auf Intel-Komponenten auf, werde aber unter einem anderen Markennamen vertrieben. Doch nicht ganz ohne Stolz erzählte er auch, dass man mit der gesamten Industrie kooperiere – von Live- und Pay-TV über Kabel-Sender bis hin zu On-Demand und Applikationen. Allerdings musste er auf Nachfragen eingestehen, dass man noch die Verträge mit den Inhalte-Lieferanten abschließen müsse – und da liegt der Hase bekanntlich im Pfeffer.

Auch gab Huggers zu Protokoll, dass zum Marktstart das Produkt noch nicht der vollständigen Vision Intel’s entspreche – Engadget liest das als Hinweis darauf, dass man auf ein eigenes App-Ökosystem setzt, was natürlich gegenüber iOS- und Android-Apps noch aufholen müsse.

Wer lässt sich beim Fernsehen filmen?

Ein kleines Mysterium ist eine Kamera, die in die Box eingebaut werden soll und – kurioserweise – den Fernsehzuschauer filmt. Gleichwohl soll diese wahlweise abgeschaltet werden können. Und wozu das Ganze? Huggers erklärt, dass das Objektiv eine soziale Komponente beim gemeinsamen, aber räumlich getrennten, Fernsehkonsum darstellen würde. Auch könnten so persönliche Empfehlungen zum Fernsehprogramm ausgesprochen werden, da die Kamera erkennt, wer vor der Mattscheibe sitzt.

Der wichtigste Grund folgt aber, nachdem sich der Rauch der kleinen Nebelbomben verzogen hat, und heißt – Überraschung – zielgerichtete Werbung. Wie Huggers erklärt, schauen seine Kinder beispielsweise andere Inhalte bei Netflix als er – durch die Kamera könnte auch sichergestellt werden, dass sie auch andere Spots sehen als er. Ob das so erfolgreich wird? Ich glaube kaum, dass sich viele TV-Zuschauer beim Fernsehen filmen lassen wollen. Wie wäre es stattdessen mit einem persönlichen Login, der ein eigenes TV-Profil, personalisierte Empfehlungen und das Teilen von Inhalten über die eigenen sozialen Netzwerke ermöglicht?

Das (ambitionierte) Ziel: Die bestmögliche User Experience

Huggers räumt ein, dass die Box nicht den Geldbeutel des Kunden schonen werde. Zwar wolle man die bestmögliche „User Experience“ bieten, doch müsse man auch weiterhin Abonnements mit Kabelnetzbetreibern und Content-Lieferanten abschließen, damit die Kiste auch flimmert. Ob das die Kunden überzeugt? Die Kollegen von Engadget teilen jedenfalls meine Skepsis und fassen die Aspekte der Box zusammen: Sie wird schön aussehen, hat vielleicht ein überlegenes Interface, aber man spart kein Geld und man sollte sich wegen der gezielten Werbung Sorgen machen.

Und schließlich stellt sich die Frage nach dem Kundendienst. Intel ist bislang nur als Chip-Hersteller aufgetreten und will sich nun im direkten Kontakt mit dem Endkunden üben. Schon Google hat sich damit die Finger verbrannt; bei Intel beschleicht mich ein ähnliches Gefühl.

Intel hat also noch eine Menge Arbeit vor sich: Lizenzverträge abschließen, Marktreife erlangen, Bedenken bei der Privatsphäre ausräumen (!) und einen funktionierenden Kundenservice aufbauen. Und dann ist da noch die gefürchtete Konkurrenz – von Google TV und Apple TV bis hin zu einem irgendwann mal kommenden Apple-Fernsehgerät. Um es mit den Worten von Engadget zu sagen: Good Luck, Intel.

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Bild: Flickr / IntelFreePress (CC BY-SA 2.0)

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Robert Vossen hat erst Los Angeles den Rücken gekehrt und dann leider auch BASIC thinking. Von 2012 bis 2013 hat er über 300 Artikel hier veröffentlicht.