Anschläge in Boston: Twitter zeigt sich (mal wieder) von seiner besten und schlechtesten Seite

Robert Vossen

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krise

Twitter spielt bei Anschlägen, Naturkatastrophen und anderen Krisen eine immer größere Rolle. Auch bei den gestrigen Bombenanschlägen auf den Bostoner Marathon ist der Zwitscher-Dienst präsent und fungiert als Verbreiter von Nachrichten – leider von falschen wie von echten und ist damit hilfreich und gefährlich zugleich.

Zeit kann Leben retten

10 Minuten bevor das amerikanische Kabelfernsehen von den Geschehnissen beim Zieleinlauf berichtet hatte, waren auf Twitter schon die ersten Meldungen über Explosionen in Boston zu lesen. In Gefahrenlagen kann Zeit Leben retten – japanische Forscher haben beispielsweise einen Twitter-Algorithmus entwickelt, der die Einwohner schneller vor Erdbeben warnt als die japanische Meteorologie-Behörde.

Doch unter die echten Hinweise mischen sich oftmals Gerüchte, Spekulationen und versehentlich oder teilweise absichtlich verbreitete Falschinformationen – so auch wieder gestern. Hier können Gefahren entstehen, wenn dadurch Paniken ausgelöst oder Sicherheitskräfte fehlgeleitet werden – so bittet beispielsweise die Bostoner Polizei bei Twitter derzeit um Mithilfe, bei Hurricane Sandy setzte die New Yorker Feuerwehr auf Twitter. Hinzu kommt, dass manche Bilder und Videos nicht in die Öffentlichkeit gehören.

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Twitter kennt keine Kontrolle und keine Verantwortung

In den traditionellen Medien trifft der Chef vom Dienst die Entscheidung, welche Bilder dem Zuschauer zugemutet werden können und welche nicht. Bei Twitter fehlt diese Kontrollinstanz völlig. Und auch wenn die traditionellen Medien sicherlich auch falsche Entscheidungen treffen, so können dort die Verantwortlichen bei reißerischen Bildern im Nachhinein zur Verantwortung gezogen werden. Auch diese Möglichkeit fehlt bei Twitter.

Der Schwarm hat aber dafür einen anderen Vorteil: Er korrigiert sich selbst. Während beim Hurricane Sandy in New York der Nachrichtensender CNN mehr als zehn Minuten lang berichtete, dass die New Yorker Börse unter Wasser stünde, widerlegten Twitter-User diese Information umgehend.

Das Selbstkorrektiv auf Twitter machten sich Forscher bei Yahoo und der Qatar Foundation zunutze und entwickelten einen Algorithmus, der zu 86-prozentiger Genauigkeit bestimmen kann, ob ein Tweet der Wahrheit entspricht oder nicht. Dieser Algorithmus würde Twitter sehr gut tun. Eine andere Möglichkeit bestünde darin, Geotagging zu nutzen, um zu überprüfen, ob ein User überhaupt in der Nähe des Geschehens ist und es somit korrekt bewerten kann.

Verifizierung und Klassifizierung von Tweets nötig

Schon nach wenigen Minuten könnte Twitter somit entsprechende Tweets als bestätigt oder fragwürdig klassifizieren oder bei absoluter Gewissheit einer Falschinformation den Tweet sogar löschen, so wie gestern auch sofort der Fake-Account „_BostonMarathon“ deaktiviert wurde. Fraglich ist aber, wie eine absolute Gewissheit gewährleistet werden kann, schließlich machen sowohl Menschen als auch Algorithmen Fehler.

Dennoch: Unabhängig davon, ob Tweets gelöscht werden sollen oder nicht – ein Label „Verifiziert / Fragwürdig“ wäre in Krisensituationen enorm hilfreich. Genauso wie ein Label, dass es sich bei einem Link um eventuell unerwünschte Bilder und Videos handelt.

Bedachte User machen das schon selbst und kennzeichnen entsprechende Links mit „NSFW“ (Not Safe For Work – eher im pornographischen Bereich) oder „NSFL“ (Not Safe For Life – eher bei Unfallbildern), doch zahlreiche andere verzichten auf ein entsprechenden Warnungen. Manche sicherlich auch bewusst. Hier könnte Twitter anhand von Crowdsourcing und Bilderkennungsverfahren einen Riegel vorschieben.

Darf das Mobilfunknetz abgeschaltet werden?

Neben der rasanten Verbreitung von Informationen, führt die Nutzung von Twitter, YouTube & Co. natürlich auch dazu, dass der Mobilfunk zusammenbricht, was in solchen Situationen ebenfalls lebensgefährlich sein kann. Auch in Boston ist das Netz gestern kurzzeitig zusammengebrochen – noch ist allerdings unklar, ob die Behörden das Netz bewusst abgeschaltet haben, um die Zündung von weiteren Sprengsätzen per Mobiltelefon zu verhindern.

Das wäre selbstverständlich ein guter Grund, doch damit ist für viele Menschen auch der Notruf abgeschaltet, da immer weniger Menschen einen Festnetzanschluss besitzen und sich komplett auf das Handy verlassen. Eine schwierige Entscheidung, auf die man besser vorbereitet ist – in den USA ist eine Abschaltung bei Notfällen übrigens erlaubt. Wie deutsche Notfallpläne diesbezüglich aussehen, weiß ich allerdings nicht.

Können YouTube und Facebook vorrübergehend geblockt werden?

Doch unabhängig von der konkreten Situation stellt sich die Frage, ob in Krisensituationen aus technischer Sicht lediglich der mobile Zugriff auf datenhungrige Dienste wie YouTube, Facebook und Flickr zumindest kurzzeitig unterbunden werden kann und darf – schließlich kann der Facebook-Post an Freunde und Familie, dass man unversehrt ist, des anderen Notruf sein, der nicht mehr durchkommt.

Neben der Aufarbeitung der gestrigen Ereignisse ist meiner Meinung nach eine Diskussion nötig, wie die technologischen Möglichkeiten in Krisensituationen besser genutzt werden können. Zwar überwiegen derzeit die Vorteile, doch es ist technisch möglich und auch notwendig, die Nachteile weiter zu reduzieren.

Bild: Flickr / Petteri Sulonen (CC BY 2.0)

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Robert Vossen hat erst Los Angeles den Rücken gekehrt und dann leider auch BASIC thinking. Von 2012 bis 2013 hat er über 300 Artikel hier veröffentlicht.