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Faire Produktion, transparenter Preis: Darum kostet das Fairphone 325 Euro

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geschrieben von Felix

Vor einigen Monaten wurde das erste „fair“ hergestellte Smartphone vorgestellt, das Fairphone. Der Name ist Konzept. Die verwendeten Rohstoffe stammen nach Möglichkeit aus zertifizierten Quellen, fair gehandelt versteht sich. Technisch wird das Smartphone nicht in der ersten Liga spielen, dafür ist sein Preis vergleichsweise günstig. Für lediglich 325 Euro kann es vorbestellt werden. Der Hersteller macht auch keinen Hehl daraus, wie der Preis zustande kommt. Im Gegenteil.

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Ökonomisch clever, unternehmerisch verantwortungsvoll

Aufbereitet als schicke Infografik haben die Fairphone-Macher nun detailliert sämtliche Ausgabenposten veranschaulicht. Auch der Kunde wird damit deutlich fairer behandelt als bei der Konkurrenz – schließlich erhält er seltene Einblicke in die Kostenstruktur der Smartphone-Produktion. Der größte Anteil des angepeilten Preises entfällt demnach auf Herstellung, Logistik, Zertifikate und Patente. 185 Euro sind dafür eingeplant, davon allein 25 Euro für die Patente. Betriebskosten für Personal, Rechtsfragen und ähnliches sind mit 45 Euro veranschlagt. Weitere 5 Euro sind als Puffer eingerechnet.

Und jetzt wird es richtig interessant: Die Zusatzausgaben für nachhaltige und verantwortungsvolle Produktion liegen laut den Berechnungen bei lediglich 22 Euro pro Gerät. Darin enthalten sind die Extra-Kosten für nachhaltige Materialien, Programme für die Arbeiter, Open-Source Entwicklungskosten und Recycling. An dieser Stelle darf man durchaus kurz stutzig werden: Lediglich 22 Euro machen also offensichtlich den Unterschied zwischen möglichst fairen Arbeitsbedingungen beziehungsweise einer weitgehend nachhaltigen Produktion und den auf Gewinnmaximierung ausgelegten regulären Herstellungsprozessen.

Warum nicht generell „fair“ produzieren?

Da muss die Frage erlaubt sein, warum nicht auch Samsung, Apple, Nokia und Co. diesen geringen Betrag zumindest bei den 600 bis 800 Euro teuren Premium-Smartphones investieren – schließlich sind die Kunden ohnehin bereit, viel Geld für ihr neues Spielzeug auszugeben. Die Hersteller könnten den Fairness-Zuschlag also einfach einkalkulieren. Ein so geringer Aufschlag fällt gerade im Oberklasse-Segment kaum ins Gewicht, kann aber am anderen Ende der Produktionskette viel bewirken. Oder würde sich irgendein iPhone-Käufer ernsthaft scheuen, statt 800 Euro eben 822 Euro auszugeben? Wohl nicht.

Leider werden Unternehmen erfahrungsgemäß erst dann in dieser Richtung aktiv, wenn sie sich einen Vorteil am Markt versprechen. Schließlich kann das Zertifikat „fair hergestellt“ auch wunderbar als Unterscheidungsmerkmal zu den – dann selbstverständlich ganz üblen und ausbeuterischen – Wettbewerbern dienen. Aber zurück zum Original: Im Fall des Fairphones liegt der gerundete Endpreis bei vergleichsweise geringen 260 Euro. Nimmt man die Mehrwertsteuer und den Obolus an die Einzelhändler hinzu, dann ergibt sich in Deutschland eine UVP von 325 Euro.

Auf gutem Weg zum Ausverkauf

„Ende Herbst“ sollen die Smartphones verschickt werden. Laut Fairphone sind bereits mehr als 15.000 von 25.000 Geräten der ersten Edition verkauft. Die Strategie geht also offenbar ganz gut auf. Im Juni erst war die Produktion angelaufen, nachdem das Unternehmen die selbst gesetzte Schwelle von 5.000 Vorbestellungen erreicht hatte.

Natürlich ist das Fairness-Kriterium nicht das einzige Merkmal, was einen Kauf begründet. Auch die Ausstattung hört sich ordentlich an: Quad-Core-Prozessor, 16 GB Speicher, eine 8- sowie eine 1,3-Megapixel-Kamera und Dragontrail-Glass. Das Smartphone läuft mit Android 4.2 (Jelly Bean), der Akku ist selbstverständlich austauschbar. Sogar das Gehäuse ist nachhaltig, es besteht aus recyceltem Polycarbonat. Alles in allem also solide Smartphone-Mittelklasse – aber mit dem gewissen Extra. Daumen hoch.

Trotz des guten Starts bleibt das Projekt allerdings ein Tropfen auf den heißen Stein. Was sind schon bestenfalls 25.000 Geräte im Millionenheer der Samsungs und Apples? Andererseits: Zumindest ein Anfang. Vielleicht wagt sich Fairphone ja irgendwann in die Oberklasse. Spätestens dann könnten auch die Kunden aufmerksam werden, die vor allem auf die neuesten technischen Komponenten Wert legen.

Bild: Fairphone


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Über den Autor

Felix

Internetabhängiger der ersten Generation, begeistert sich für Netzpolitik, Medien, Wirtschaft und für alles, was er sonst so findet. Außerdem ist er ein notorisches Spielkind und hält seine Freunde in der „echten Welt“ für unverzichtbar.

7 Kommentare

  • „Da muss die Frage erlaubt sein, warum nicht auch Samsung, Apple, Nokia und Co. diesen geringen Betrag zumindest bei den 600 bis 800 Euro teuren Premium-Smartphones investieren“

    Warum wohl? Gewinnmaximierung und Aktionäre, die den Hals nicht voll bekommen. Vor ein paar Wochen las ich, dass ein in den USA anstelle in China hergestelltes Handy schlappe 4$ teurer wäre.

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/US-Produktion-des-Moto-X-kostet-4-Dollar-zusaetzlich-1945059.html

    „Wir sind gezwungen in Asien produzieren, um zu überleben“ ist ein Märchen.

  • Und wer sagt denn dass die Großen nicht fair herstellen? Nur weil in Asien produziert wird ist das auf einmal unfair oder wie? Oder sind die Konkurrenten einfach nur nicht fair weil es gut für die Marketing-Strategie von Fairphone passt? Wir lieben doch alle unsere Underdogs, gelle?

  • So weit ich es mal gelesen habe ist nur ein sehr geringer Anteil des Fairphones aus Fairen Komponenten oder Rohstoffen hergestellt.
    Hier wäre ein quantitativer Wert interessant. Dann stünden die 22€ Mehrkosten auch in einem anderen Licht.
    Nicht das das Fairphone kein Anfang ist aber man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.

  • die Frage ist doch ob dieses Konzept bei den Produktionsmengen von Apple, Samsung & Co. überhaupt funktioniert. Ich denke dass das Fairphone nicht mal ansatzweise deren Volumina erreichen wird.

  • selbst der preis ohne mwst und einzelhändler aufschlag, ist mehr als doppelt so teuer als ein china phone das ich gestern bestellt habe, welches ausser den 16gb speicher fast gleiche specs hat.

    für den service den ich gerade bei meinem sony xperia z erlebe, bleibt da echt die frage warum man überhaupt ein smartphone von den „großen“ holt.

  • Alexander, hat ein durchschnittlicher asiatische Arbeiter menschenwürdige Arbeitszeiten, Altersvorsorge und eine Sozial- oder Krankenversicherung? Kann er sich Haus, Auto, Familienurlaub und sonstige Annehmlichkeiten leisten? Kann er sich ein 600$ Smartphone leisten?

    Eher teilt er sich auf dem Werksgelände ein Zimmer mit 2 anderen Arbeiten, isst in der Kantine und leistet sich sonst nichts, damit er seiner Familie daheim genug Geld für Lebendmittel schicken kann.

    Leider werden deren Bedingungen kaum besser, während sie bei uns schlechter werden…

  • Schließe mich Jens an.
    Und @Mario: Gehst du wählen? Meinst du, dein alleiniger Stimmbeitrag, kann etwas verändern? Wenn das deine Einstellung ist, dann verstehe ich nicht, wie du sagen kannst, der Anfang mit einem Fairphone wäre nicht getan. Es geht doch darum, dass man immer bei sich selbst anfangen muss, damit es ein Großes wird. Und wenn man da schon aufgegeben hat, dann wird es auch nichts.

    Finde die Idee mit dem Fairphone sehr gut. Habe mich gestern erst gefragt, wo ich einen politisch korrekten PC herbekomme, aber um Foxconn kommt man wohl derzeit noch nicht rum. Daher belasse ich es beim alten PC und lebe genügsam.

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