Wer Hashtags nach Teletext-Seiten benennt, hat Twitter wirklich nicht verstanden

Tobias Gillen

Ja, auch in den Fernsehsendern ist Twitter inzwischen angekommen. Immer häufiger sieht man die „Twitter-Tussis“ und „iPad-Idioten“ Tweets und Posts vorlesend durchs Bild huschen – meist mit einem Tablet in der Hand oder – ganz klassisch – vor einem überdimensionierten Touch-Bildschirm.

twitter

Aus Experimenten gelernt

Das ist einerseits bemerkenswert, weil es eine positive Entwicklung zeigt. Die Fernsehsender haben aus Experimenten wie der BR-„Rundshow“ um Richard Gutjahr oder von US-Vorbildern gelernt, möchten nun auch mal was machen, in diesem Social TV. Bei fast jedem Sender gibt es daher inzwischen einen Twitter-, Facebook- und Google+-Account.

Interessant ist, das gerade unter den sonst eher altbackenen Ideen vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen inzwischen viele tolle Konzepte entwickelt werden. Auch auf den einzelnen Plattformen machen einige ÖR-Accounts ordentlich Dampf, andere, etwa der von RTL, versinken dagegen in der Belanglosigkeit.

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„MEIN HASHTAG!“ – „NEIN, MEINS!“

Schön, dass sich was tut. Endlich. Aber während Social TV und seine Ansätze für Offenheit, Transparenz und Mitbestimmung stehen, haben einige Sender respektive einzelne Formate offenbar immer noch nicht ganz verstanden, wie dieses Twitter eigentlich funktioniert. Es ist Montag, 20:15 Uhr. Ein jeder Köln-Fan sitzt nun entweder im Rheinenergie-Stadion oder vor dem Fernseh-Bildschirm. Das Top-Spiel der zweiten Bundesliga steht an, wird wie immer montags von SPORT 1 übertragen. Union Berlin ist angetreten, um den FC von der Tabellenspitze zu drängen.

„Ja, liebe Zuschauer, Sie können auch live zu diesem Spiel twittern“, sagt der Kommentator kurz vor dem Anpfiff sinngemäß. Und weiter: „Einfach das Hashtag #Text219 hinter den Tweet setzen.“ Jeden Montag stirbt irgendwo auf der Welt ein süßes Kätzchen bei diesen Worten. Warum um alles in der Welt sollte man einen Hashtag nach einer Teletext-Seite benennen? Richtig, damit SPORT 1 Tweets mit diesem Hashtag auf der Teletext-Seite 219 zeigen kann. Aber das ist doch viel zu kurz gedacht.


Es hat was von einer Sandkasten-Szenerie im Kindergarten: „DAS IST MEIN HASHTAG!“, schreit SPORT 1. „NEIN, DAS IST NICHT DEIN HASHTAG!“, schreit die Twitter-Meute. Vor zwei Jahren hat Twitter einen speziellen Syntax für die Fussball-Bundesliga etabliert. Er besteht aus #HeimmannschaftAuswärtsmannschaft. Bedeutet: Wenn Bayern gegen Schalke spielt, würde der Hashtag lauten „#FCBS04“.

Eigentlich gar nicht schwer

Natürlich muss man dem nicht folgen. Aber klug wäre es. Denn: Warum macht Twitter das? Vorher wurde immer wild durcheinander probiert bei den Hashtags. Da hätte ein Tweet dann die Tags #Bayern, #Schalke, #S04, #FCB #NurderFCB und #Waswasichwasnoch gehabt. Durch die Regelung, die übrigens hervorragend angenommen wurde, wurde das Problem gelöst: Für jedes Spiel gibt es ein bestimmtes Schlagwort. Punkt.

Was wäre die Alternative für Sender wie SPORT 1? „Twittern Sie mit unter #effzehunion. Alles weitere finden Sie unter Textseite 219“? Gehen wir die Checkliste mal durch: Das richtige Hashtag untergebracht, unter dem auch wirklich alle Tweets zu dem Thema (auch von Leuten, die nicht vor dem Bildschirm, sondern vielleicht live im Stadion sind) zu finden sind? Check! Den eigenen Teletext promotet, auch dem massig Werbung zu finden ist? Check! Einen auf Social TV gemacht? Check! Na, geht doch.

So hat man alle Tweets wieder an einem gesammelten Ort und schließt niemanden (in dem Fall: Die Nicht-TV-Zuschauer) aus. Eigentlich doch gar nicht so schwer. Daher noch mal, auch wenn es weh tut: Wer Hashtags nach Teletext-Seiten benennt, hat Twitter einfach nicht verstanden.

P.S.: SPORT 1 muss zwar hier den Kopf hinhalten, aber es betrifft noch viele andere Sender und Formate. Ich erinnere einfach exemplarisch an #ARD777.

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Bild: 1000 Words / Shutterstock

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Tobias Gillen ist Geschäftsführer der BASIC thinking GmbH und damit verantwortlich für BASIC thinking und BASIC thinking International. Seit 2017 leitet er zudem die Medienmarke FINANZENTDECKER.de.