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Lenovo-Motorola-Deal: Eine Win-Win-Situation – nicht nur für die unmittelbar Beteiligten

Da quält man sich morgens aus dem Bett steht man morgens freudestrahlend voller Tatendrang auf und prompt hält der Tag schon zwei Überraschungen bereit: Der chinesische Konzern Lenovo kauft die Reste von Googles Mobilfunk-Patenten mit angeschlossener Produktionsstätte, besser bekannt als Motorola; und Facebook macht knapp nach Jahren der Skepsis bei Anlegern und Beobachtern plötzlich zwei Drittel mehr Umsatz sowie mehr Gewinn im wichtigen mobilen Werbegeschäft. Zwei Meldungen die eines verbindet: Für alle Beteiligten hätte 2014 wohl kaum besser beginnen können. Vor allem der Google-Lenovo-Deal dürfte Freude in alle Herzen bringen.

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Endlich weg!

Nehmen wir etwa gleich einmal Google: Der Internetgigant hat endlich geschafft, was wohl schon immer vorgesehen war. Denn die Android-Mutter hatte sicher nie wirklich ein Interesse daran, selbst ernsthaft im Hardware-Geschäft mitzumischen. Sichtbarstes Zeichen dafür ist die „Unsichtbarkeit“ von Motorola. Immerhin saß das Unternehmen eigentlich direkt an der Quelle – theoretisch ein Riesenvorteil. Neue Modelle, auf denen jeweils die frischeste Android-Version Premiere feiert, jedes Jahr mindestens ein neues Nexus-Flaggschiff, eine konsequente internationale Expansion – vieles wäre denkbar gewesen, wenn man nur gewollt hätte. Hat man aber offensichtlich eben nicht.

Und genau deshalb dümpelte Motorolas Smartphone-Geschäft stets nur lauwarm vor sich hin. Trotz netter Ansätze wie dem Baukasten für neue Geräte oder diversen mehr oder weniger gelungenen Neuvorstellungen. Aus Googles Sicht ist das Ganze aber sogar nachvollziehbar: Schließlich wollte man bei der Übernahme vor rund 2,5 Jahren nur die Patente – und das möglichst, bevor andere Kraken wie Microsoft oder gar Apple ihre Tentakel ausfahren. Der Rest war halt zwangsläufig im 12,5-Milliarden-Paket mit dabei. Daraus einen schlagkräftigen Hersteller zu formen, wäre von Android-Giganten wie Samsung nur als Angriff gewertet worden, wenngleich die stete Drohkulisse die Südkoreaner ein wenig in den Schranken weisen sollte. Ernsthafte Konkurrenz sollte Motorola aber sicher niemals werden. Wer will schon seine besten Kunden vergrätzen?! Google bestimmt nicht.

Endlich weg, die Zweite!

Auch für Motorola (Mobility) waren die Google-Jahre daher eher eine Zeit der verpassten Chancen: Wenn es innerhalb des Unternehmens jemals als Hoffnungsschimmer gewertet worden ist, von Google geschluckt worden zu sein, dann dürfte sich dieser schneller verflüchtigt haben, als ein prominenter US-Schauspieler von der „Wetten Dass“-Couch. Attraktiv war eben nicht die Smartphone-Produktion, sondern nur ihre lizenzrechtliche Grundlage in Form von rund 17.000 Patenten und weiteren 7.500 Patentanträgen. Und so musste man nach der beinharten Ernüchterung bei Motorola schon lange gewusst haben, dass Tante Google das neu gewonnene Adoptivkind schnell wieder loswerden will – natürlich aufgehübscht durch eine umfassende Diät-Kur mit anschließender Schmink-Session.

Verluste freilich blieben derweil bis zum Ende tonangebend, was aber nicht zuletzt auf Googles Halbherzigkeit im Umgang mit seiner Geräte-Schmiede zurückzuführen sein könnte. Natürlich haben die Amerikaner unter der Google-Ägide bis zuletzt auch einige schöne Modelle wie das Moto X oder Moto G hervorgebracht. Ich behaupte aber: Nicht wegen, sondern trotz Google. Was kann da also besseres passieren, als in eine Familie zu kommen, die noch viel vor hat und die eigenen Qualitäten zu schätzen weiß?!

Endlich da!

Schließlich profitiert auch Lenovo enorm von dem Deal: Da ist zunächst der Kaufpreis. Wir erinnern uns: Google blätterte einst 12,5 Milliarden Dollar auf den Tisch, Lenovo muss nun gerade einmal 2,91 Milliarden locker machen, wobei nur 660 Millionen bar gezahlt werden. Der Rest läuft über Aktien und Laufzeit-Papiere. Natürlich hält Google dafür die meisten der ehemaligen Motorola-Patente im eigenen Haus, dennoch hat Lenovo nun wichtiges Know-How im Smartphone-Bereich auf seiner Seite und darf die Patente auf jeden Fall nutzen, wie man sichtlich zufrieden verlauten ließ.

Wichtiger ist: Mit der vertrauten Marke Motorola lässt sich nun der US-Markt aufrollen, ohne die für chinesische Konzerne extrem hohen Eintrittshürden fürchten zu müssen. Und auch in Europa kann man mit Motorola-Smartphones sicher mehr anfangen, als mit einem Lenovo-Telefon. Marke und Qualität zählen – was unter der Haube verbaut ist, interessiert die Wenigsten. Im Heimatmarkt China wiederum kann Lenovo nun ohne großen Aufwand schnellstens ein paar nette Androiden platzieren (Hello Moto X und Moto G!).

Vielleicht bald da!

Damit sind wir durch? Noch nicht ganz. Denn schließlich dürfte nun noch ein vierter Player die Ohren spitzen: Microsoft. Solange Motorola ein Teil Googles war, brauchte man mit der hauseigenen Plattform Windows Phone dort logischerweise nicht vorstellig werden. Lenovo wiederum baut bereits Notebooks und Tablets auf Windows-Basis. Warum also nicht auch ein Smartphone? Ich bin mir relativ sicher, dass man in Redmond zumindest einmal Kontakt aufnehmen wird – schließlich ließe sich so eine weitere Tür zum so riesigen wie lukrativen chinesischen Smartphone-Markt aufstoßen. Marktanteile, Marktanteile, Marktanteile. Wer weiß, ob Google den Verkauf nicht irgendwann noch einmal bereuen wird.

Bild: Closeup of business people shaking hands over a deal / Shutterstock


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Über den Autor

Christian Wolf

Christian Wolf wird am Telefon oft mit "Wulff" angesprochen, obwohl er niemals Bundespräsident war und rast gerne mit seinem Fahrrad durch Köln. Er hat von 2011 bis 2014 für BASIC thinking geschrieben.

5 Kommentare

  • Ich glaube nicht das das Moto G so auch ohne Google zustande gekommen wäre.

    Es hätte vermutlich mehr gekostet und Motorola hätte das Android mit einer eigenen Oberfläche verkrüppelt um ein Alleinstellungsmerkmal zu haben.

    Die Updatepolitik von Motorola vor Google kannte man und die war gelinde gesagt enttäuschend. Jetzt hat das Moto G relativ zeitnah ein Update auf Android 4.4 bekommen.

  • Google wird sich Vertraglich schon gegen eine Windows Konkurrenz Abgesichert haben, so Dumm sind sie auch nicht dies Vorherzusehen, schließlich mussten sie ja nicht Verkaufen.

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