Upworthy will Erfolg im Web künftig nicht mehr in Klicks messen – Sind Attention Minutes die Zukunft des Online-Journalismus?

Tobias Gillen

Die neuen Medienunternehmen – BuzzFeed, Upworthy oder nun auch Watson – sind ja dafür bekannt, den alten Hasen inzwischen zwei, drei oder mehr Schritte voraus zu sein. So auch bei Upworthys neuster Idee: Attention Minutes.

Upworthy

„JA, JA, JA, JA!“

Upworthy ist der Meinung, Klicks alleine dürfen nicht über den Erfolg eines Textes entscheiden. Man möchte im Angesicht der hiesigen Online-Medien, die mit Nichtigkeits-Livetickern und klickträchtigen Bildergalerien vor so gut wie gar nichts mehr haltmachen, einfach nur schreien: „JA, JA, JA, JA!“ Denn genau dieser ständige Blick auf die Statistiken ist doch der eigentliche Grund, warum der (Online-)Journalismus in Deutschland nicht wirklich voran kommt. Wer schreibt, um seine Klicks für den Tag vollzubekommen, der verliert a) an Qualität, b) an Seriosität und c) zwangsläufig irgendwann an Lesern.

Dabei kann man den Medien kaum einen Vorwurf machen. Schließlich befinden sie sich in einem Hamsterrad – böse Zungen würden es Teufelskreis nennen – mit Werbekunden, Anzeigengeldern und Problemen mit einer alternativen Finanzierung. Werden die Klicks nicht erreicht, könnte die Seite Werbekunden verlieren. Verliert sie Werbekunden, macht sie Verluste – und was danach kommt, weiß ja spätestens seit „Financial Times Deutschland“ und „Frankfurter Rundschau“ jeder.

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Sponsoring und native Werbeformen

Bei Upworthy sieht dieses Hamsterrad ein wenig anders aus. Schließlich findet man auf den Seiten keine klassischen Banneranzeigen, blinkenden Pop-ups oder automatisch abspielende Videos. Die Seite finanziert sich über Sponsoring von einzelnen Artikelreihen und nativen Werbeformen. Darüber kann man denken was man möchte, der Vorteil davon ist aber, dass die Seite weniger Abhängig von hohen Klickzahlen ist. Dadurch ist es ihr nun auch möglich, eine neue Maßeinheit für Online-Medien einzuführen.

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Die Idee dahinter ist simpel: Attention Minutes sollen angeben, wie wohl sich ein Nutzer auf der Seite fühlt, ergo: Wie viel Zeit er mit wirklicher Aufmerksamkeit auf der Seite verbringt. Damit ist nicht gemeint, wie lange die Seite im Hintergrund geöffnet ist, sondern wie aktiv er mit den Inhalten interagiert, sie liest, anschaut und teilt. Gemessen werden soll das anhand von vielen unterschiedlichen Faktoren, die aufeinander abgestimmt einen – so Upworthy – sehr präzisen Einblick für die Redaktion geben soll. Im Fokus stehen etwa Dinge wie die Frage, ob ein Video gerade läuft, wo die Maus sich befindet und welche Tabs im Browser noch geöffnet sind.

Wie genau das mit dem zusätzlichen Tracking funktioniert und ob und welche Möglichkeiten die Nutzer haben, sich dem zu entziehen, wurde bislang allerdings nicht verraten. Attention Minutes sollen für Upworthy zum primären Maß für den Erfolg von Texten werden. Der Ansatz ist gut, wenn auch noch nicht perfekt. Immerhin könnte das – und die Tatsache, dass Upworthy den Code für diese Maßeinheit öffentlich machen wird – dem (Online-)Journalismus wieder einen gehörigen Schub nach vorne geben. Man stelle sich eine Medienwelt vor, in der das Wohlbefinden des Lesers im Fokus steht („Wohlbefinden des Lesers“ und „Fo[c]us“ in einem Satz hat auch etwas Sarkastisches) – und nicht mehr Klicks, Bannerwerbung und TK-Preise.

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Bild: Screenshot; Grafik: Upworthy

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Tobias Gillen ist Geschäftsführer der BASIC thinking GmbH und damit verantwortlich für BASIC thinking und BASIC thinking International. Seit 2017 leitet er zudem die Medienmarke FINANZENTDECKER.de.