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Viel FREIZEIT & Helene Fischer: Die (un)kreative Bankrotterklärung der deutschen Yellow Press

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geschrieben von Michael Müller

Netzmüller
Meine Oma liest gerne die „Bunte“. Darf sie, soll sie. So kam es, dass ich mich vergangene Woche in einen großen Supermarkt verirrte, um ihr eine Freude zu machen. Vor dem Zeitschriftenregal stehend, traf mich unverhofft der Schlag: zu absurd zeigte sich die säuberlich angeordnete Yellow-Press-Auslage. Breit grinsend schoss ich ein Foto und portierte diesen geballten Extrakt von unkreativem Einheitsbrei kurzerhand in digitale Sphären.

Unkreative Volksbespaßung

Dass die Regenbogenpresse nicht selten mit kryptischen, an den Haaren herbeigezogenen Headlines mit direktem Bezug zum Hochadel, der C-Prominenz oder Helene Fischer auf Leserfang geht, ist nun wirklich nichts Neues. Ebensowenig neu ist, dass in Verlagshäusern Synergien gesucht werden, um Artikel oder Aufhänger in mehreren Publikationen zu veröffentlichen: spart Zeit, spart Personal, spart Geld.

Dass jedoch eine gesamte Zeitschriftenkategorie, über Verlagsgrenzen hinweg, auf ein und dieselbe Namensbasis zurückgreift, ist gleichsam absurd wie verwirrend. Umso unverständlicher wird es, wenn man die Hauptzielgruppe betrachtet, deren Weitsichtigkeit auf Grund des reifen Alters eher zu- als abnimmt.

Doch seht selbst:

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Mein größter Respekt an alle potentiellen Käufer, die beim Anblick der von FREIZEIT getriebenen Regenbogenlandschaft einen sicheren, zielgerichteten Griff an den Tag legen.

Für alle mit Tomaten auf den Augen, eine kleine Hilfestellung:

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Seltsam? Seltsam! Irgendwie witzig? Eine kreative Bankrotterklärung? Oh ja.

Viel FREIZEIT

Nach dem erheiternden Kennenlernen der deutschen Yellow-Press-Landschaft möchte ich es genauer wissen: Welche FREIZEIT-getriebenen Blättchen werden hierzulande verkauft? Und welche Verlage stecken hinter der monotonen Vielfalt?

Im Watchblog topfvollgold.de („Nur die Lüge zählt“, ein lesenswerter Hintergrundbericht im „Tagesspiegel“) findet sich eine hilfreiche Auflistung aktueller Zeitschriften des Regenbogen-Genres, aus der ich alle Titel mit „Freizeit“ im Titel extrahiere. Konkret handelt es sich um die nachfolgenden Zeitschriften inklusive Verlagshaus:

  • Freizeit aktiv
  • Freizeit aktuell
  • Freizeit Blatt
  • Freizeit Blitz
  • Freizeit direkt
  • Freizeit eins
  • Freizeit erleben
  • Freizeit exklusiv
  • Freizeit Express
  • Freizeit für die Frau
  • Freizeit für meinen Tag
  • Freizeit für mich
  • Freizeit für uns in NRW
  • Freizeit für uns
  • Freizeit genießen
  • Freizeit Glück
  • Freizeit Gold
  • Freizeit Heimat
  • Freizeit heute
  • Freizeit Idee
  • Freizeit Illu
  • Freizeit im Blick
  • Freizeit live
  • Freizeit mit Herz
  • Freizeit Momente
  • Freizeit Monat
  • Freizeit Punkt
  • Freizeit pur
  • Freizeit revue
  • Freizeit Spaß
  • Freizeit Spezial
  • Freizeit & Stars
  • Freizeit total
  • Freizeit Vergnügen
  • Freizeit Welt
  • Freizeit Woche

Außerdem existieren noch zahlreiche Publikationen, die – fast kreativ – mit dem Freizeit-Thema spielen. Da finden sich Zeitschriften namens „Deine beste Freizeit“, „Frau und Freizeit“, „Glückliche Freizeit“, „Hallo Freizeit“, „Leute und Freizeit“, „Meine Freizeit“, „Neue Freizeit“, „Prima Freizeit“ oder „Schöne Freizeit“.

Ein paar Ideen

Aufbauend auf diesen hochkreativen Titeln, möchte ich noch einige Ideen und Anregungen einbringen, die den Verlagshäusern gerne als Denkanstoß für künftige Regenbogenblätter dienen können, sofern die Ideen doch mal ausgehen sollten:

  • Freizeit inaktiv
  • Freizeit für den Mann
  • Freizeit für den Hund
  • Freizeit für die Katz‘
  • Freizeit für den Nachbarn
  • Freizeit für den Pensionisten
  • Freizeit für die Pensionistin
  • Freizeit für Angela Merkel
  • Freizeit für Mutti
  • Freizeit für Babos
  • Freizeit für alle
  • Freizeit für die Tonne
  • Freizeit mit Rollator
  • Freizeit ohne Rollator
  • Freizeit Griesgram
  • Freizeit Silber
  • Freizeit Silberrücken
  • Freizeit Silbereisen
  • Freizeit Pech
  • Freizeit Streit
  • Freizeit im Wartezimmer
  • Freizeit im Ruhestand
  • Freizeit im Sessel
  • Freizeit im Überfluss
  • Freizeit am Frühstückstisch
  • Freizeit überall
  • Freizeit nervt
  • Freizeit ist einfach mega scheiße

Wer weitere Ideen hat, ist herzlich eingeladen, sie mit mir hier in den Kommentaren oder über Twitter (#freizeitistdoof) zu teilen und wird im Anschluss im Kasten unten gelistet. Interaktiver Journalismus at its best, würde ich mal keck behaupten.


In diesem Sinne, Augen auf beim Blättchenkauf!

Der Netzmüll:er

Foto: Michael Müller / BASIC thinking (veröffentlicht unter CC-BY-SA 2.0)


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Über den Autor

Michael Müller

Michael tritt seit 2012 in über 140 Beiträgen den Beweis an, trotz seines Allerweltnamens real existent zu sein. Seit Abschluss seines Wirtschaftsstudiums arbeitet er als Kommunikationsberater für namhafte Technologie-Firmen, kann und möchte das Schreiben aber nicht sein lassen.

5 Kommentare

  • Aus Verlagssicht ist das äußerst lukrativ und clever -es geht einfach darum, durch den Grosso so viel Regalplatz wir möglich in Beschlag zu nehmen. Nichts anderes machen die FMCG-Hersteller mir ihren x-Joghurtsorten etc.

  • Respekt an die potentiellen Käufer? Also ich habe eine Zeit lang an einer Tankstelle gearbeitet und wenn diese Magazine Nachts ausgeliefert wurden, habe ich jedesmal – Verzeihung – das Kotzen bekommen! Selbst nach Monaten konnte ich diese Schundblätter nicht unterscheiden. Das Einsortieren (alte Ausgabe suchen, finden und gegen neue austauschen) hat mich den letzten Nerv gekostet. Aber der Witz an der Geschichte ist: tagsüber, wenn die Omis kamen, um „ihre“ Zeitschriften zu kaufen, musste man ihnen helfen, die richtige zu finden. Die würden ja alle gleich aussehen… Ach was!

  • Die Klatschpresse ist für mich ein Indikator für die Intelligenz der Gesellschaft. Erst wenn solche Blätter vom Markt verschwinden, weil sich niemand mehr für das Aussehen oder die Beziehungen fremder Menschen (Promis) interessiert, wenn niemand mehr auf Horoskope, Blitzdiäten oder Modediktat hereinfällt, dann hege ich Hoffnung für die Menschheit. Aber das werde ich leider nicht mehr erleben… 😉

  • @Sven Es gibt keine Hoffnung. Boulevardmedien sind wie Pop-Musik: Sie treffen den Geschmack der breiten Masse, quasi den kleinsten gemeinsamen Nenner. Deswegen sind BILD, BUNTE & Co. so erfolgreich. Und das werden sie immer sein.

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