Testbericht Unternehmen

Mit MyGourmet die Schwiegereltern begeistern: Klappt das?

MyGourmet
geschrieben von Tobias Gillen

Im Grunde bin ich die optimale Zielgruppe für MyGourmet: Kann nicht kochen, esse gerne. Denn das Start-up aus Berlin hat sich – wie viele andere Start-ups aktuell auch – ausgedacht, gekochtes Essen per Post an den Kunden zu schicken. Wir haben mal drei Gerichte geordert und geschaut, ob MyGourmet seinem Namen auch alle Ehre macht.

Die Kiste ist groß und sie war teuer. 42,60 Euro zzgl. 4,99 Euro Versand muss der Kunde für folgende Gerichte auf den Tisch legen:

  • The Big Shorty: Short-Ribs, dazu Süsskartoffelpüree mit Kenia-Bohnen und Mini-Möhren (19,20 Euro)
  • Wild Ocean: Ikarimi-Lachs, dazu Pastinaken, Austernpilze und Kirschtomaten (13,50 Euro)
  • Fine China: Wokgemüse, bestehend aus 15 Zutaten von Paprika bis Pak Choi (9,90 Euro)

Eingepackt sind die drei Gerichte jeweils in abbaubaren Pappkartons, dazu werden zwei Kühlpacks gelegt und abschließend alles mit einer Decke isoliert. Den Versand übernimmt aktuell noch UPS, das Versprechen: Wer bis 14 Uhr bestellt, bekommt sein Essen am nächsten Tag bis 12 Uhr geliefert (außer am Wochenende, da dauert es bis Dienstag). So sollte es dann auch sein, das Essen kam vergangene Woche Dienstag, bis Freitag musste es sich dann im Kühlschrank gedulden.

Gemacht für Küchen-DAUs

Die einzelnen Lebensmittel sind in Plastiktaschen von Luft und Bakterien abgeschirmt. Um die Gerichte zuzubereiten, braucht es nur einen Topf voll Wasser und eine Uhr (oder halbwegs akkurates Zeitgefühl). Die Tasche mit dem Lachs etwa muss sechs Minuten in kochendes Wasser gelegt werden, die Beilagen je nur drei Minuten. Das funktioniert alles so wunderbar einfach, dass es für Küchen-DAUs wie mich zu schön ist, um wahr zu sein. Nach dem „Kochvorgang“ müssen die Tütchen noch aufgeschnitten und serviert werden – das war’s. Wer Bedenken wegen des Plastiks hat: Die Tütchen würden erst bei 121 Grad anfangen, Stoffe abzugeben, da Wasser nur bis maximal 100 Grad heiß werden kann, besteht da keine Gefahr.

Nun ist es ja so, dass Fisch – zumindest für mich – zu den eher sensibleren Lebensmitteln gehört. Am Montag gekocht, dann 700 Kilometer von Berlin zu mir nach Köln geschickt, dann noch dreieinhalb Tage in den Kühlschrank – vertrauenerweckend ist das nicht gerade. Und das ist wohl auch kein unwichtiger Punkt beim Bestellen von fertigen Gerichten auf diesem Weg. Ein Restaurant, als Beispiel, hat immer diesen gewissen Vertrauensvorschuss. Da sitzen ja schon 60 Menschen, dann wird es schon gut sein. Bei MyGourmet und ähnlichen Start-ups fehlt das Gesicht. Es ist anonym – und wenn man nicht gerade Journalist ist, telefoniert man auch nicht mit dem Koch oder dem Geschäftsführer.

Essen fürs erste Date? Check!

Entsprechend unsicher war ich mir beim Fisch. Die beiden Gründer, Song Lee und Patrick Herwig, versichern mir unabhängig voneinander, dass sie die Lebensmittel durch die luftdichte Verpackung bei geschlossener Kühlkette auch nach zwei Wochen noch bedenkenlos essen würden – ich bin überzeugt und haue rein. Der Lachs könnte gerne etwas weicher sein, was aber auch an der 6-Minuten-Angabe liegen kann. Jeder Fisch ist anders, vielleicht hätte er eine halbe Minute mehr oder weniger gebraucht. Beim gesammten Rest, auch bei den anderen Gerichten, habe ich hingegen absolut nichts zu meckern. Die Gerichte sehen toll aus, schmecken hervorragend, sind 1A gewürzt – was will jemand wie ich mehr?

Klar: Der Sternekoch wird den Unterschied vielleicht schmecken. Aber um den geht es ja nicht. Ebenso wenig wie es um eine Alternative zum Einkaufen geht. Wer nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren ist, wird sich das Essen von MyGourmet und vergleichbaren Start-ups selbstverständlich nicht ständig leisten können. Es geht eher um die Normalos, die mal was besonderes präsentieren wollen – ob beim ersten Date, beim Besuch der Großmutter oder beim Kennenlernen der Schwiegereltern. Wer nicht kochen kann, kann mit MyGourmet punkten.

Vegetarier und Veganer aufgepasst

Was mir fehlt, ist eine Option für Anmerkungen. Das Wokgemüse etwa ist für mich nicht komplett essbar, da ich allergisch auf Spargel reagiere. Entsprechend muss ich um den Spargel herum essen, was nicht ganz einfach ist. Während ich im Restaurant einfach sagen könnte, dass der Koch den Spargel bitte weglassen soll, bekomme ich ihn bei MyGourmet mitgeliefert. Da das Essen ohnehin frisch gekocht wird, könnte Koch Song Lee den Spargel ja ebenfalls einfach weglassen – dafür fehlt aber das Formular. Zudem empfand ich etwa das Lachs-Gericht als etwas zu klein. Hier wäre eine XL-Option oder zusätzliche Beilagen wie Salate wünschenswert.

Bislang setzt MyGourmet auf nur neun Gerichte, bei denen fast alle Zutaten der stets kleinen Zutatenliste aus kontrolliert biologischem Anbau stammen. Viele Gerichte sind zudem für Vegetarier, Veganer oder Menschen mit Glutenunverträglichkeit geeignet. Die Gerichte sind aktuell noch auf bestimmte Stückzahlen pro Tag limitiert, um die Qualität sicherzustellen. Ob das gerade zu Beginn eine gute Strategie ist, darf bezweifelt werden – die Idee dahinter in allen Ehren. Denn wenn der Kunde bestellen möchte, aber nicht kann, ist er weg und sucht sich einen anderen Anbieter.

Fazit: MyGourmet wird die Ausnahme bleiben

Das Fazit fällt also wenig überraschend ziemlich positiv aus. Als jemand, der bei Essen sehr kritisch ist, insbesondere bei der Haltbarkeit von Lebensmitteln, wurde ich bei MyGourmet positiv überrascht. Den Gang in den Supermarkt wird das Start-up mir zwar nicht abnehmen, wenn ich aber mal ein vorzeigbares Gericht brauchen sollte, erinnere ich mich an Song Lee und Patrick Herwig. Der Preis lässt einfach nicht mehr zu, aber darauf legt es MyGourmet schließlich auch nicht an, wie der Name vermuten lässt. An einigen kleineren Stellschrauben muss sicher noch gearbeitet werden, für den Anfang aber: Daumen hoch!


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Über den Autor

Tobias Gillen

Tobias Gillen ist seit August 2014 Chefredakteur und seit Mai 2015 Geschäftsführer von BASIC thinking. Erreichen kann man ihn immer per E-Mail oder in den Netzwerken.

9 Kommentare

  • Hallo, ich habe zusammen mit einigen WG-Mitbewohnern auch mal einige der Mahlzeiten bestellt und verzehrt, und geschmacklich waren quasi alle überzeugt. Dennoch passe ich persönlich nicht ganz in die Zielgruppe, da ich sehr gerne auch selbst koche, was dann natürlich auch konstengünstiger ist. Für alle, die aber nicht gerne kochen, kann das tatsächlich eine gesunde, leckere und zeitsparende Alternative sein 😉
    LG Gerd

  • Also für ca. 50€ kann ich funf Tage Mittagessen + Frühstück + Abend lang essen. Ziemlich teuer. Und portion sehen Grosse genug aus. Ausser man ernährt sich ungesund herr gillen;).

  • Also ich finde den Preis eigentlich in Ordnung, wenn die Qualität stimmt. Wenn man mit vier Personen sowas essen gehen würde, wäre man vielleicht das doppelte los. Scheinbar hat es ja von den Portionen her einigermaßen hingehauen. Ist doch super, wenn man sich mal als Kochprofi darstellen kann, ohne stundenlang mit Schweißperlen auf der Stirn in der Küche zu stehen. 😉 Solchen Start-Ups kann man ruhig mal eine Chance geben 🙂

  • Grundsätzlich ein brauchbaares Konzept für alle faulen -nicht gerne Köche- mit entsprechender Zielgruppe. Was mir missfällt sind die, meiner Meinung nach, hohen Preise für ziemlich durschnittliches Essen. Leider gibt es noch ein zu kleines Sortiment als das man von einem „richtigen“ Businesskonzept sprechen kann. Jeder fängt ja klein an, aber wohin soll hier die Reise gehen? Der Markt im Biobereich ist hart umkämpft und es gibt imo zuviele die auf den Ökotrip aufspringen. Ich gehe lieber für das Geld essen oder kaufe mein Essen günstiger ein.

  • Klar, MyGourmet überzeugt geschmacklich, da kann man nichts gegen sagen. Preislich gesehen kann man sich das Essen aber auch gleich komplett fertig zubereitet vom Lieferservice bringen lassen. Vorallem Berlin hat da ja auch einige Optionen.

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